Ausgabe 
(22.4.1915) 94. Zweites Blatt
Seite
111
 
Einzelbild herunterladen

N

b zweites Blatt erscheuu täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSlehener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisdlatt für den Mreis Sleßen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit tragen erscheinen monatlich zweimal.

Kriegsbriefe aus dem Osten.

Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter Unberechtiater Nachdruck, aurch aus zugzweise, verboten.)

Razputicn. Suwalki, 16. April. Inischer Frühling. Das Eis ist geschmolzen und die We ud Straben. bie bis fimeinhalb Merer tief gefroren waren, sungen an, aufzutauen. Die Oberschicht war längst Morast, dann kamen die ieferen Lagen daran, die den Rädern noch etwas Halt gaben, sich in Schlamm zu verwandeln. DieRazputica, die Wegelosig⸗ keit 8 eingesetzt. Ein großer Teil der Straßen mußte überhaupt 2 aftwagen 1 werden, da es jetzt keinen Sinn hatte, daß

Wagen, bei 1 Versuchdurchzukommen, immer wieder zu Dutzenden stecken blieben und der Gefahr ausgesetzt waren, völlig verloren zu gehen Unsere Heeresleitung hat sich für diesen Zustand sorgsältig vorbereitet, die deutschen Stellungen, die sich östlich bon Augustowo, östlich Suwalki, über Pilwiszki, parallel der Grenze über Tauroggen nach Polangen ziehen, sind in den Teilen, die in Betracht kommen, außerordentlich stark. Natur und Kunst 1 1 sie zu. gemacht, die selbst sehr starkem feind⸗ ichen Druck standhalten können. Es hat sich in diesem Kriege die ja nicht neue Erfahrung gezeigt, daß im Verlauf der Operationen der Augenblick eintritt, da nach längerer Offensive die vorübergehende Defensive das stärkere Mittel der Kampf⸗

g wird Die zu diesem Zeitpunkt, man kann sagenein⸗

tzte Desensive ist der gegnerischen Offensive dann in stärkstem rade überlegen. Diesen Zeitpunkt niemals richtig erkannt zu ben, ist das Unglück der russischen Heeresleitung, während der st ausnahmslos außerordentlich geschickte Uebergang von dem

Iffensipstoß zur starken Defensive eines der glücklichsten opera⸗ tiven Mittel unserer genialen Heerführung im Osten wax.

Es ist in den russischen eee darüber geklagt worden, daß die deutsche Desensive im Nordosten so von dem Wetter begün⸗ stigt werde. Es ist wirllich sehr humoristisch, daß sich die Russen, die doch den polnischen Frühling einigermaßen kennen sollten, über dieUngunst der Witterung beschweren. Es ist eingetreten, was eintreten mußte, nur haben wir richtig gerechnet und können in ausgezeichneter Lage unseren Truppen Erholung gönnen, während die Russen, trotz ihrer größeren Kenntnis des Landes, eben gar nicht gerechnet haben und mum in vermutlich recht ungünstiger Lage die Entwicklung der Dinge, die wir in der Hand halten, abwarten müssen. 5 0 l

Vorgestern ritt ich in Richtung unserer Stellungen guerfeldein nach dem Augustower Wald. Ein sonniger, fast warmer Frühlings⸗ tag. Nordostwind dabei, aber nicht allzu stark. Es schien, als ob ein Teil der Schneewässer doch schon versickert wäre. Die Stute sank nicht allzu tief ein. Die Lerchen fingen an zu steigen. Es war

nicht die volle Frühlingssinfonie, aber ganz zarte und schöne Einzelstimmen schwangen sich über das weite Feld. Nach kurzer Zeit dröhnten die Kanonen, die Wigry beschossen, zwischen das Tirilieren. Sie überschrien den Lerchenton, aber danach kam das helle jublnde Klingen doch wieder durch die hellblaue, sonnige Luft. An einer Ziegelei arbeiteten Mannschaften beim Verladen langer Eichenbohlen. Sie waren vergnügt, die Gesichter hatten iesen harten Zug der Spannung verloren, der sie vor ein paar Wochen zeichnete. Polnischer Frühling.

Am r ee e eee Füh⸗ rung eines Majors vom Stabe des Korps, das dieses Stück der Linie hält, mit dem Auto die Straße nach Augustowo entlang. Bei Dubowo mußte in den Seitenweg eingebogen werden. Wagen, schmalspurig, niedrig, leicht, wie sie allein auf diesen Wegen vor⸗ wärts kommen, standen bereit. Der Weg war greulich, immerhin der Eindruck einer beginnenden leichten r den ich beim gestrigen Ritt empfangen hatte, blieb auch hier. Schöner Tannen⸗ wald, in den die Säfte schon stiegen. Belebtes, leuchtendes Grün. Wir sind in der vordersten Linie. An einer günstigen Stelle, gut eingedeckt gegen Geschoßwirkung, hat man Verbandplatz in einer geräumigen Erdhütte errichtet.

Diese Front hier fordert fast keine Verluste, und doch der Tod geht auch durch diesen freundlichen, sonnigen, grünen Frühlings⸗ wald, der so fernab vom Kriege zu liegen scheint. Sechs Schrap⸗ nells haben die Russen gestern auf das Waldstück da vor uns ab⸗

eseuert. Eigentlich sinnlos. Aber eine dieser Kugeln, deren. viel zu tief lag, schlug auf einen Baum, eine niedrigen Kiefern, die diesen Teil des Waldes bildeten. Daneben stand ein Mann, der bekam sechzehn Kugeln. Nun lag der tote Richtkanonier hier am Verbandplatz und draußen glänzte weiter der helle ühling, wie er gestern geglänzt hatte. Man macht nicht viel Wesens davon; man hat sich damit abgefunden, daß in jede Stunde der Gedanke an den letzten und bittersten Ernst ge⸗

* 5

4 b05. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

n. 255 R 2 1

Donnerstag, 22. April 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerel. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: Sol, Schrist⸗

leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.

mengt ist, und man nimmt die Stunde trotzdem so gut sie ist. Zu Bismarcks Geburtstag war ich mit drei Offizieren von dem Jägerbataillon zusammen, das Bismarcks Namen trägt. Es war mir gelungen, zwei Flaschen Schaumwein zu besorgen. Man war sehr still trotzdem im Anfang. Die Gläser klangenBismarck. Sonst das Bataillon hatte in einem Gefecht schwer gelitten. Sobald man die Nase hob, Maschinengewehrfeuer, dann zurück. Rechts und links fiel alles, zweitausend Meter lang. Na ja, die Hauptsache ist, die Sache wurde ja doch geschmissen. Schließlich, was wiegt der Bruchteil im Ganzen. Wir blieben still. Dann setzte sich einer der Herren ans Klavier. Einer von den Künst⸗ lern, die niemals Noten gelernt haben, und die über Wagner phantasieren. Dann, die Stunde wurde wärmer, klang es vom Klavier:Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht... Und beim Abschied klangen die Gläser hell auf die ismarck⸗Jäger die noch vor zehn Stunden doch alle neben dem Tode gestanden hatten. Es ist gut so, daß uns eine freundliche 1 N eingerichtet hat. Wer sollte sonst den Feldzug über⸗ tehen a In einer Talsenkung, einige hundert Meter etwa hinter dem Schützengraben, steht dasLandhaus des Bataillons, Stabsguar⸗ tier. Es heißtWestfalenhaus. Man denkt, an einen sehr sauberen und sehr freundlichen Ausflugsort zu kommen. Der ganze Wald⸗ grund ist mit gärtnerischer Kunst behandelt. Das kleine Haus lehnt sich mit der Rückwand an den Hügel rücken und ist aus Tannenholz gezimmert, das man mit weißen Birkenstücken verziert hat. Ein sauberer Weg, mit weißem Birkengeländer eingefaßt, führt zu dem Eingang, den ein paar Tannen flankieren. außen auf einem etwas erhöhten Platz ist ein Rundsitz geschaffen. Ein Tisch mit weißem Tischtuch, eine weiße Birkenholzbank, Ziergeländer. Da⸗ zwischen tupfelt die Sonne lustige gelbe Flecken. Drinnen sind Klubsessel, die man aus russischen Granatenkörben nach einem System gefertigt hat, der verdiente, patentiert zu werden. Ein Schreibtisch steht am Fenster. Ein paar Zeitschriften, die neueste Zeitung(nur 10 Tage alt!) liegen darauf. Kartuschen und Aus⸗ bläser haben allerliebste Vasen geben müssen, die mit dichten Mai⸗ kätzchen⸗Zweigen vollgesteckt sind. Eine Kartusche ist über und über mit Leberblünchen gefüllt. Ich habe kaum so viel Frühling in einem Zimmer je gesehen.Ja, wir sind hier auf der Sommer⸗ frische, sagt der Hauptmann, der das Bataillon führt.Wollen Sie nicht unsern landwirtschaftlichen Betrieb sehen? In einem

kleinen, unglaublich sauber gearbeiteten Stall sind drei Ferkel. g

Ihre Hütte ist in die Erde gebaut.Es wäre doch schade, wenn mal was passierte!Was wird denn das da für ein merkwürdiges Gebäude? frage ich nach einem niedrigen Schuppen hin, dessen Dach man eben mit Erde bedeckte und dessen Fugen man mit Moos verstopfte.Das wird unser Kuhstall. Von wegen der Milch. Wir hatten schon eine Kuh einmal, aber es stellte sich heraus, daß sie tragend war. Morgen kommt die neue. Es gab noch das allerliebste LeutnantshausEinfamilienhaus Else, es gab ein großes geräumiges Mannschaftshaus, mit einer Reihe frisch ge⸗ pflanzter Tannen vor der Tür, es gab mehrere Villen für Ar⸗ tillerieoffiziere, die alle von gleicher Freundlichkeit waren.Win haben uns eben für einige Zeit eingerichtet. Man kann's hier schon aushalten. Ob wir unsere Schweine fett kriegen werden, ist ja allerdings 3 f Auch die Schützengräben und die Drahtverhaue hat man so ein⸗ gerichtet, als ob man in ihrem Sch eben, sagen wir, Schweine mästen wollte. Die Bäume sind für freies Schußfeld gefällt worden, die Aeste beseitigt, Brustwehren gebaut, eiserne Schutzschilde ein⸗ gefügt, mächtige Drahthindernisse ziehen sich durch den Wald; und an der andern Seite der Stellung bildet der See den Abschluß. Es ist eine großartig starke Stellung, die sich selbst mit schwachen Kräften halten ließe, eine Stellung, die der deutschen Defensivkunst alle Ehre macht. Es kommt ja nicht nur darauf an, wann die Defensive einsetzt, sondern die Linie, an der sie Halt macht, ist ebenso ausschlaggebend. Diese Stellungen hier machen das Gouvernement Suwalki zu einer Festung. Wir haben es, wir halten es, und die Einwohner haben sich sichtlich mit diesem Dauer⸗ e den ihnen die Razputica, diesmal unser Bundesgenosse, be⸗

chert hat, abgefunden. 1

Die Mohammedaner im russischen Heer.

8 Suwalki, den 17. April. Die schon öfter beobachtete Tatsache, daß die Mohammedaner im russischen Heere sobald sie von der Proklamation des heiligen Krieges und dem Bündnis zwischen Deutschland und der Türkei erfahren, sich völlig auf die Seite der Deutschen stellen, ist, wie

der ich erfahre, wieder durch ein weiteres Beispiel belegt worden. In

den letzten Gefechten im Gouvernement Suwalki wurde ein russi⸗ scher Infanterist, mohammedannischer Tartare, gefangen genom⸗ men. Mann war von vornherein außerordentlich willig und anstellig. Als ihm durch einen Tolmetscher bedeutet wurde, daß sich die Türkei im Kriege mit Rußland befände, und der heilige Krieg erklärt wäre, verlangte er ungestüm auf seiten der Deutschen

kämpfen zu dürfen. Er erklärte, kein Mohammedanischer im russischen Heere würde anders handeln, nur würden die Russen jede Nachricht über die mohammedanische Bewegung unterdrückt haben. 1 Das europäische Rußland hat zwar nur etwa vier Millionen Mohammedaner unter seiner Bevölkerung, wozu aber außerdem über zehn Millionen im asiatischen Rußland kommen. Da gerade die mohammedanischen Völkerschaften im Süden Rußlands be⸗ sonders kriegerisch sind, ist die Prozentzahl namentlich mohamme⸗ danischer Kavallerie un verhältnismäßig groß. An sich sind diese kleinen Symptome vielleicht ohne Bedeutung, aber sie sind eines der vielen Beispiele, daß die russische Armee in ihren berschiede⸗ nen Elementen nur noch durch Unkenntnis und Furcht zusammen⸗ gehalten wird.. Die Wegelosigkeit in Nordpolen. Armee⸗ Oberkommando 10, den 19. April. Auf der Front im Gouvernement Suwalki herrscht auch heute die durch die Verhältnisse bedingte Ruhe Nur Artilleriekampf wurde an wenigen Stellen geführt. Von Wizyny aus schien er in Richtung Kalwarja gegen Nachmittag etwas heftiger anzusetzen. Doch sind die Wege hier von Szittkehmen nach Wizyny, wie ich mich heute an dieser Stelle überzeugte, vorderhand noch völlig grundlos. Die Wagen sinken bis über die Achsen in die morast⸗ artigen Straßen ein, so daß die Bewegung der Kolonnen einfach unmöglich scheint. Auf russischer Seite müssen die Wegeverhältnisse noch trostloser sein, da die Ausbesserungsmöglichkeiten, die uns unsere guten, rückwärtigen Verbindungen liefern, dort fehlen. Bei dem sonnigen, warmen ter und der austrocknenden Wirkung des Windes ist aber auch an diesen schlimmsten Stellen, die ganz un⸗ glaublichen Leistungen von Roß und Mann der hier angesetzten Kavallerie verlangten, eine Besserung zu erwarten. An einigen Stellen konnten leichte Wagen mit vier Pferden Vorspann schon langsam vorwärts kommen. a Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. .ñůů

Aus dem Reiche.

Berlin, 21. April.(WTB. Nichtamtlich.) Auf die zweite Kriegsanleihe sind bis jetzt siebzig Prozent

des gezeichneten Betrages von 9060 Millionen Mark ein⸗

ezahlt.

Düsseldorf, 21. April.(WTB. Nichtamtlich) Auf ein Huldigungstelegramm, das bei der heutigen Feier der 100 jährigen Zugehörigkeit Düsseldorfs zu Preußen an den Kaiser gesandt worden ist, ist folgende Antwort einge⸗ laufen: Oberbürgermeister Dr. Oehler. Großes Hauptquartier, 21. April. Am heutigen Tage der 100 jährigen Zugehörigkeit des Herzogtums Berg zur Krone Preußen habe ich den erneuten Treu⸗ eid der Bürgerschaft Düsseldorfs mit Freuden entgegengenommen. Gott der Herr hat die Geschichte des deutschen Volkes und Vater⸗ landes in dem verflossenen Säkulum gnädigst geleitet Er wird auch die enwärtige schwere Heimsuchung in Segen für uns und unsere 5 5 wandeln. Wilhelm I. R.

Bandel.

Mangel deutscher Lieferungen an Amerika. Amsterdam, 21. April.(WTB. Nichtamtlich.) Amerfka⸗

77777

nische Blätter vom 5. d. M. melden aus New York: Die Te p⸗ pichwebereien der Alexander Smith u. Sons Corpet Co., die

größten in Amerika, werden von heute ab ihren Betrieb aufdie Hälfte herab beschaffen können. Der M. rbstoffen ist d dafür. Die andern Teppichweberrien sind in ähnlicher Lage Der Associadet Preß zufolge forderte das frühere Kongreßmitglied Her⸗ mann Metz in einer Konferenz Industrieller, die auf die Farbstoffe

e

angewiesen sind, die Fabrikanten auf, sofort gegen Großbritanniens

Verfügungen bezüglich des Handels mit neutralen Ländern Schrittte zu tun, da sonst Hunderte von Fabriken die Arbeit einstellen müßten und über 300 000 Arbeiter beschäftigungslos werden wür⸗ den. Viele amerikanische Fabrikanten seien ganz auf die Rohmaterialien aus Deutschland ange⸗ wiesen, die Deutschen seien es aber überdrüssig, Farbstoffe nach Amerika zu schicken, wenn sie keine amerikanischen Waren, nament⸗ lich Baumwolle, bekommen. Wenn die amerikanischen Fabrikanten England nicht mehr liefern würden, würden sich die gegenwärtigen Verhältnisse schnell ändern und der Krieg rasch zu Ende gehen.

Berlin, 21. April.(WTB. Nichtamtlich) Die Spiri⸗ tus⸗ Zentrale gibt bekannt: In der heutigen Sitzung des Gesamtausschusses wurde beschlossen, den Abschlagspreis um 2 Mk. auf 60 Mk. mit Wirkung vom 26. April an zu erhöhen. Gleich⸗ zeitig wurden die Preise für vollständig vergällten Branntwein um 5 Mk. für den Hektoliter bezw. 5 Pfennig für einen Liter Brennspiritus heraufgesetzt.

1. 8 10 Ein in wehmütigen Tönen gehaltenes Bild der Frühling idie dies Jahr die sonst im Lenz im herrlichsten Schmuck ihrer Schönheit pra Seinestadt mit einem tiefen Schleier der ancholie umhüllen, gibt der Pariser Mitarbeiter derTimes in einer charakteristischen Schilt:Den Menschen, die durch den Krieg in irgend einer Weife st in Mitleidenschaft gezogen sind, mag der heitere Wechsel der Jahreszeiten oft grausam er⸗ scheinen; jetzt besonders, wo der Frühling nach Paris kommt, der uns an andere Lenze mahnt, da es keinen Krieg gab, da noch nicht einmal sein Schatten den hellen Horizont verdüsterte. Der Gegen⸗ satz zwischen heute und vor einem Jahr, wo gerade der König und die Königin von England in Paris weilten, ist sehr groß. Es gibt keine Illuminationen mehr, die durch ihre Helligkeit blenden und die Fassaden wie mit einem Feuerrahmen umschließen. Paris ist eine Stadt des Zwielichtes, eine Schattenstadt geworden, durch die die Automobile mit ihren gelbleuchtenden Augen wie verlorene zornige Geister rasen. Ein ziergang durch die Boulevards ist

Tadellosigkeit auffällt, da steckt ein Drückeberger drin, einer, der E perflünben hal, dle aufe. Arbeit zu fue Tie fegen e und das in tadellosen Stiefeln steckende rote Beinkleid sind

der hat, oder für den Militärbeamten,

r em Doktor, der sich behaglich in einem Lazarett

t ei et Peter wächter fl als nit den Schwert. Der Brewne,

dessen himmelblaue Felduniform st Schmutzflecke aufweist, ist der Typ despoilu, Helden im Schützengraben. Seine eisernen

üge sind von Sonne und Wind gebräunt; sein fester strammer

ing erinnert an die Scholle, der er entsprossen ist. Turkos und Zuaven ziehen vorüber; ihre gestickten Tuniken stehen in unange⸗ nehmem Gegensatz zu den khakifarbenen Pluderhosen, ein Miß⸗ klang, den man sich in Kriegszeiten gefallen lassen muß. Er⸗ innerungen an den Krieg drängen sich uns nicht nur in den. Straßen auf. In Kaffeehäusern sitzen alte Männer am Tisch beim Kartenspiel, doch wenn ein Soldat hereinkommt, lassen sie sich seine Erlebnisse erzählen. Keiner von ihnen aber folgt seinem Bericht so gespannt wie die junge Witwe, deren düstere Kleidung von dem Verlust erzählt, den sie erlitten. Ob er ihr vielleicht mehr von der Schlacht bei k. erzählen kann, in der ihr Mann fiel? Viele Frauen tragen Kleider, die in ihrem bräunlich⸗grauen und gelblich⸗ grünen Ton dem des Khaki ähneln. Die junge Pariserin von 1 75 trägt ein Jackett in dieser vorherrschenden Farbe, so daß vgar die Frauenwelt ihre Uniform hat. Die Orte, wo früher der Tango herrschte, sind jetzt in Lazarette verwandelt. Die Champs Elysées, die den Sammelpunkt der Modewelt darstellten, sind zur Kurpromenade geworden. Sogar das Grand Palais, das sonst im Frühling stets zwei Ausstellungen birgt, weiß jetzt nichts von Bildern. Die Hallen, wo man gewöhnt war, moderne Kunst zu sehen, sind jetzt mit Soldatenbetten angefüllt. Die Stelle der eleganten Welt nehmen nun Männer in Blau und Rot ein, die bedachtsamen Kunstgespräche mußten den groben Kriegergeschichten weichen. Heute gibt es keine Kunst außer der des Schlachtfeldes.

*

Kernsprüche eines amerikanischen Sitten⸗ predigers. Ein amerikanischer Prediger, der unter dem Na⸗ men Billy Sunday schnell eine große Volkstümlichkeit erworben hat, unternimmt gegempärtig in New Pork und seiner näheren Umgebung einen eifrigen Kreuzzug gegen die religiöse und sitt⸗ liche Gleichgültigkeit und Stumpfheit der oberen und obersten Gesellschaftsklassen, besonders in den amerikanischen Oststaaten. Er ist ein geschickter Redner, der die Menge zu packen weiß, er

nimmt kein Blatt vor den Mund, er versteht seinen Feldzug mit echt amerikanischem Geschick zu organi⸗

sieren, und da er obendrein bei einem Teile der Presse kräftige

Unterstützung findet, so ist er schnell unter dieMänner vom W

Tage gerückt. Was seine Erfolge angeht, so berichten die Zer⸗ tungen mit Genugtuung, daß die Zahl der von ihmBekehrten sich bereits auf 45 000, und daß die Gaben, die ihm zu christlich⸗ religiösen Zwecken gespendet worden seien, sich auf über eine

halbe Million Mark beliefen. Von der Redeweise dieses modernen Abraham a Santa Clara, der sich hauptsächlich die berühmten oder berüchtigten oberen Zehntausend von New Vork zum Gegen⸗ stande seiner Angriffe ausersehen hat, gibt eine Anzahl von Kern⸗ sprüchen eine Vorstellung, die er in dem seine Sache eifrig unter⸗ stützendenNew Pork American veröffentlicht hat. Wir geben einige besonders schlagkräftige Mahnworte des amerikanischen Sittenpredigers im Folgenden wieder: Wo die Bibel kommt, nehmen die Romane Reißaus. Wie die Frau, so das Heim; wie die Heime, so die Stadt. Whisky ist an seinem Orte ganz gut, aber sein Ort ist in der Hölle. Kein Mensch hat ein Geschäft in einem schlechten Geschäfte(Amerikas Waffen⸗ und Munitionslieferanten zur Nachachtung empfohlen!). Es rettet deine Seele nicht, wenn deine Frau eine gute Christin ist. Du sollst ein Sohn, aber nicht ein Schwiegersohn der Kirche sein. Wenn ihr aufhört, wie der Teufel zu leben, werde ich aufhören, in dieser Weise zu predigen. Der Gang zur Kirche macht aus einem Menschen so wenig einen Christen, wie der Gang zur Garage aus ihm einen Kraftwagen macht. Wie du lebst, ist jedermanns Sache. Der Mensch, der nur für sich allein lebt, wird bei seinem Begräbnisse der einzige Leidtragende sein. Was die Kirche braucht, das ist nicht mehr Anhänger oder ein neuer Teppich oder eine größere Orgel, sondern es sind mehr Menschen, die zu beten wissen. Die Theologie steht zum Christen⸗ tume in demselben Verhältnis wie die Botanik zu den Blumen.

Englisches Salvarsan. Wie derLancet auf Grund einer Mitteilung des National Medical Refearch Commit⸗ tee mitteilt, soll es den englischen Chemikern nunmehr nach langwierigen Versuchen gelungen sein, das berühmte, von Ehrlich erfundene Mittel Salvarsan herzustellen. Die Briten haben sich zu diesem Zwecke mit den Franzosen in Verbindung gesetzt, und den vereinten Anstrengungen sei es nun geglückt, alle Bestandteile zu finden, die zur Salvarsanfabrikation nötig sind. Das Komitee hegt das feste Vertrauen, daß Aerzte und Publikum nunmehr, soweit es bei der genauesten Laboratoriumskontrolle möglich ist, aus englischen und französischen Quellen ein Mittel erhalten werden, das auf der Höhe der besten derartigen deutschen Erzeug⸗ nisse steht. Es ist zu hoffen, daß die Menge der also erreichten Erzeugnisse bald ebenso genügend sein wird wie ihre Qualität. enn man weiß, unter wie großen Schwierigkeiten es den deut⸗ schen Forschern gelang, das Salvarsan zu einem unschädlichen und heilsamen Mittel zu machen, so darf man wohl in diese! 5

tungen einigen Zweifel setzen. N 7

R 25 5 14

zen, da sie nicht genug Rohmaterial angel an Farbstoffen ist die Hauptursache

e

n