Ur. 93
Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Slezener Famlllenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„ktandwirtschaftlichen Zeit tragen“ erscheinen monatlich zweimal.
105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Schulter an Schulter mit unseren Derbündeten. g
III.
Aus den Städten und größeren Flecken der ungarischen Tief— ebene führen etliche Landstraßen nordwärts in die Karpathen hinein, 1 Richtung auf die Pässe zu, die die Verbündeten, um nach Galizien vorzudringen, zunächst dem Russen wieder ent⸗ reißen und ihn schrittweise daraus zurückdrängen mußten. Wohl ändert sich in den verschiedenen Tälern das Bild der Trachten und Siedelungen zugleich mit der Stammesart der dort bunt wechseln⸗ den Nationalitäten und wird immer fremdartiger, je östlicher man das* durchquert. Was sich jedoch überall ähnelt, ist die dauernde Verengerung des Tals, die zunehmende Steigung der Paßstraße, die mit der Entfernung von der fruchtbaren Ebene wach⸗ sende Armut und wilde Ursprünglichkeit der menschlichen Woh⸗
Solange die wenigen Bahnverbindungen noch gestört waren, mußte den Landstraßen bei Tag und Nacht eine Ueberanstrengung zugemutet werden, deren Folgen kaum durch ununterbrochene Aus⸗
serungsarbeiten zu beseitigen waren. Man half sich so sinnreich wie möglich. An einer Stelle wurde z. B der Aufwärtsverkehn der unzähligen Fuhrwerke durch einen 1800 Meter langen Eisen⸗ bahntunnel geleitet, wodurch man erreichte, daß den schweren Lasten eine höchst beträchtliche Steigerung erspart blieb, während bie leeren Wagen, durch keine begegnende Kolonnen behindert, xasch wieder zu Tal rollen konnten. Die Wiederaufnahme des Bahn⸗ betriebes entzieht zwar den Straßen gewaltige Transporte. Dafür ist aber die Menge der vorgerückten und regelmäßig zu versorgenden Truppen derartig angeschwollen, daß eine Entlastung gar nicht in die Erscheinung tritt. Landstraßen und Schienenwege dienen gleich⸗ mäßig der sortwährenden Heranholung neuer Mannschaften, neuer Munition, neuer Verpflegungs⸗ und Ausrüstungsgegenstände.
Am deutlichsten und wahrhaft phantastisch entfaltet sich die d f. einer modernen Nachschub⸗Karawane auf den Serpentinen, die sich in kühnem Zickzack mit vielen spitzwinkligen Kehren bis zur Paßhöhe und auf der anderen Seite wieder hinunterschlängeln. Heer gewahren wir, in Stufen übereinander und zn entgegengesetzten Richtungen das wunderlichste Gemisch von Menschen, Fahrzeugen, Maschinen und Tieren, durch den gemeinsamen militärischen Zweck und die militärische Leitung geordnet, sich stetig und gleichförmig vorwärts bewegen. Aus allen Teilen der Monarchie sind die Fuhrleute zusammengetrommelt, Serben, Ruthenen, Polen, Kroa⸗ ten. Rumänen, Ungarn, Slowaken, Oesterreicher und turbange⸗ schmückte Mohammedaner aus Bosnien. Ein jeder kutschiert und flucht in seiner eigenen Sprache und das Ganze stellt sich als eine fahrende Ausstellung zwar meistens verwahrloster, aber doch charak⸗ teristisch unterschiedener Kostüme dar. Gemeinsam ist ihnen allen das im Gebirge erprobte, zäh und elastisch gebaute Wägelchen, das, nur bis zur Hälfte beladen, von kleinen fleißigen, ponyartigen, Pferden gezogen wird. Dazwischen kommen unsere mächtigen deut⸗ f. Gäule mit den ungeschlacht breiten, hochrädrigen Train⸗ und —— so wuchtig herangestampft, als gehörten sie einem Volk von Riesen.—— und 2 in 2 ee schleppen langsam eitende Rinder an ihrem. 1 schwerbepackten Schlitten hinter sich her, ein starker weiß⸗
s geschwungenen ellenlangen Hörnern. ragtiere, Heine und große Pferde, Maultiere und Esel, Rücken den Holzsattel mit der wohlausgewogenen Last der oder der sten oder sonstigen Kriegs⸗ bedarfs. Vorsichtig Hopfen sie mit den Hufen den Saum der Straße ab, meiden Gruben und Steinblöcke und umgehen die starren aufgeblähten Leiber ihrer am Wege zusammengebrochenen Kameraden. Ab und zu tänzelt, auf hohen Beinen, ein nacktes Füllen die Reihe der arbeitenden Tiere entlang, verwundert und und rastlos umherschnuppernd. Mitten in diesem Gewimmel von tierischen Gliedmaßen, fuchtelnden Menschenarmen, ächzenden und schwankenden Lastfuhrwerken der mannigsaltigsten Herkunft klimmt und gleitet das Eisengewicht einer österreichischen Motorbatterie mit unbegreiflicher Selbstverständlichkeit steil bergan und plättet die rissige Straße wie eine Dampfwalze.
Vom ersten Paß senkt sich der ganze Zug wieder in die Tiefe, um in der Sohle eines anderen Tals den nördlichen Anstieg von neuem zu beginnen, fernen, höheren Sätteln zuzustreben und sich gegen den Widerstand zahlloser Hindernisse allmählich bis ans Ziel vorzuschieben. Der Weg zum Kampfplatz von heute führt über die Schlachtfelder jüngst vergangener Wochen und Mongte. Hier
in Dorf gestanden, aber bloß die steinernen Herdstümpfe der niedergebrannten Blockhäuser verraten noch etwas davon. Dort haben schwer einfallende Geschosse oder die Schrecken eines kurzen
Mittwoch, 21. April 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verla:S 5., Schrisi⸗ leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
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Straßenkampfes nur einzelne Teile eines Dorfes in Trümmer ge— legt. Die Ruinen sind mit Zelttuch und Brettern notdürftig wieder dicht gemacht und dienen, ein nicht zu verachtender Wetterschutz, zu Quartieren oder Ställen. Im engen Tal ist auf beiden Seiten des Bergstroms jede ebene Stelle als Parkplatz ausgenutzt: da stehen gesichert und ausgerichtet die Fuhrwerke einer rastenden Kolonne oder die weithin duftenden„Gulaschkanonen“ oder die unermüdlichen Oefen einer Feldbäckerei. Wo die Berge beiderseits nah in die Flußrinne herantraten, wurden vielfach aus den Hängen geräumige Bauplätze ausgestochen und Baracken darauf errichtet zu mancherlei Zwecken: Lazarette, Unterkunftsräume für viele Tausende von Menschen, Stallungen für Hunderte von Pferden. Daneben fehlen nicht die völlig anspruchslosen, aus ein paar Stangen und Fichtenzweigen schnell zusammengefügten Waldhütten, oft eine lange Zeile luftiger Behausungen, die nach Sonnenunter⸗ gang, wenn ihre Insassen sich am Feuer wärmen, den schwarzen Hohlweg in ein romantisches Nachtlager verwandeln. Und überall erinnern uns frische, mitunter kindlich verzierte und geschmückte Kreuze an unsere verstummten Brüder, die noch vor kurzem den⸗ selben Weg gegangen sind, sich ebenso mit Wetter und Entbeh⸗ rungen abgefunden und vielleicht in denselben Hütten vom Krieg gesprochen und vom Frieden geträumt haben, am Lagerfeuer, fern von der Heimat 0
Ueber das einzigartige Getriebe einer bei aller Sprachver⸗ wirrung wohlorganisierten Völkerwanderung hat der Himmel wäh⸗ rend der Monate Februar und März unablässig seinen Schnee ausgeschüttet und all die Buntheit in einen großen weißen Mantel gehüllt. Das winterliche Land nahm immer mehr das Wesen des Hochgebirges an. Zu beiden Seiten der Straße türmten sich mannshohe Mauern von Schnee; die liegenbleibende Kruste, am Tage von der Sonne ein wenig aufgetaut und erweicht, gefror über Nacht bei einer Kälte von 10 bis 25 Grad zu einer harten Glatt⸗ eisschicht, die sich unter späterem Neuschnee wochenlang hielt und den Transporten unendliche Schwierigkeiten bereitete. Mensch und Tier, durch starke Märsche ohnehin ermüdet, kamen aus der Gefahr nicht heraus, bei jedem Schritt zu straucheln oder aus⸗ zugleiten. Kraftwagen, die bei gewöhnlichen Boden verhältnissen die steilen Bergstraßen ohne Ueberanstrengung stolz hinanrollen, konnten sich an manchen Punkten nicht mehr vom Fleck rühren und mahlten mit ihren trotz Schneeketten vergebens herumsausenden Rädern tiefe Löcher in den Grund, bis nachschiebende Arbeiter oder vorgespannte Pferde sie endlich wieder so weit gebracht hatten, daß sie sich allein weiterhelfen konnten. Am traurigsten erging es den armen Leichtverwundeten, die den Weg vom ersten Verband⸗ platz zum Sammelplatz an sich leicht hätten zurücklegen können, nun aber infolge der beschwerlichen Glätte die doppelte und drei⸗ fache Zeit dazu brauchten. Ihnen konnte, wenn sie sich ernst und abgespannt fortmühten, außer der allen anerzogenen Ueberzeugung, dem Vaterlande gedient zu haben, das Schicksal keinen besseren Trost gewähren als die Gesellschaft eines jener Unverwüstlichen, die im deutschen Heere so überraschend zahlreich vertreten sind: Menschen, die auch bei Hunger und Kälte ihren schlagfertigem Mutterwitz nicht verlieren und die, obgleich sie Schmerzen aus⸗ stehen und das Blut durch die Binde sickert, immer noch munterer 1 aufgelegt sind als mancher andere in seinen gesundesten
flüchtigen zu wollen. Zwar f den Erdehnmgen von mchr als 700 Metern noch tiefer Schnee und die Flieger melden aus
nahmen machen, heute nos 20 Grad. Aber im Tal und quf leren Bergen hat unter den Strahlen der Aprilsonne doch die Schneeschmelze schon mit ganzer Macht eingesetzt und treibt dem Bergstrom von allen Seiten brüun⸗ liche, auf t stürzende Nebenflüsse zu. Die Landstraßen sind stellenweise überschwemmt, ihre Eisdecke löst sich in eine trübe Schmutzflut auf. Immerhin richten die Gewüsser nicht ganz so viel Schäden und Belästigung an, wie mancher erwartet hatte. Ihrer ungünstigen Einwirkung auf die Gesundheit der Truppen werden die Aerzte mit allen Mitteln entgegentreten. Erst nach Ueberwindung dieser nassen, krankheitzeugenden Zeit wird man von dem Ende des eigentlichen Winterseldzuges reden können. Sehen wir unterdessen, wie sich das Leben unserer Führer und Soldaten oben in den höchsten Gebirgsdörfern und auf den be⸗ festigten Bergkämmen abspielt, wo immer noch Schnee genug liegt, um tiefe Höhlenwohnungen darin einzurichten, und wo es unseren Leuten wie ein Märchen klingt, daß ihre Genossen im Tale zur Feier des Ostertages Krokus und Veilchen und nee⸗ glöckchen an den Mützen trugen. f
Anfang April 1915. C. M.
f—
Die Reichsregierung durch den Trust auf dem Wege zum SZigarettenmonopol?
Der angebliche Ankauf der in englischen Händen be⸗ findlichen Aktien des Hauptunternehmens des Tabaktrustes in Deutschland, der Georg A. Jasmatzi⸗Aktien-⸗Gesellschaft und der sechs ihr angeschlossenen Zigarettensabriken A. Bat⸗ schari, Baden⸗Baden, Adler& Co. Aktien⸗-Gesellschaft, „Delta“, Tschache& Bensky, G. m. b. H., Dresden,„Su⸗ lima“ F. L. Wolf, G. m. b. H., Dresden,„Josetti“, Meyer & Peters, G. m. b. H., Berlin, Joh. N. Jasmatzi, Dresden, und„Sarasvati“, Dresden, durch ein Konsortium deut⸗ scher Großbanken hat in der Oeffentlichkeit, ganz besonders aber in der deutschen Zigarettenindustrie, Aufsehen erregt. Allerhand Vermutungen und Kombinationen sind an diesen Ankauf geknüpft worden, und der Erklärungen für dieses interessante Ereignis gibt es recht viele. Die einen meinen, daß es sich dabei um ein reines Privatgeschäft der Banken handelte, das in der Hauptsache vom Standpunkte der sächsischen Volkswirtschaft aus der Jasmatzi⸗Gesellschaft, die ja Tausenden von deutschen Arbeitern Arbeit und gibt, ein Weiterarbeiten auf gesicherter Basis ermöglichen soll. Die Auffassung anderer Kreise geht dahin, daß der Aufkauf der Aktien der Jasmatzi⸗Gesellschaft durch ein Groß⸗ bankenkonsortium der Auftakt für ein deutsches Zigaretten⸗ monopol sei. Jetzt sind die„Verein. Tabak⸗ Zeitungen“, Berlin, in der Lage, auf Grund von Informationen einge⸗ weihter Kreise, über den wirklichen Sachverhalt folgendes mitzuteilen: e
Der Ankauf der Aktien der Jasmatzi⸗Akt.⸗Ges. und der ihr angeschlossenen Tochtergesellschaften durch das Groß⸗ bankenkonsortium dürfte für eigene Rechnung des Konsor⸗ tiums, also nicht für Rechnung der Reichs erung, er⸗ folgen. Die Regierung wird sich aber voraussichtlich eine Option auf die von den Großbanken zu erwerbenden Aktien des Jasmatzi⸗Konzerns einräumen lassen, sie wird dadurch das Recht erhalten, innerhalb eines Zeitraumes, der länger ist als ein Jahr, die Aktien des Jasmatzi⸗Konzerns von dem Bankenkonsortium zu erwerben oder von dem Kaufe zurück⸗ zutreten. Es verlautet weiter, daß der von den Banken ge⸗ botene Kaufpreis für die Jasmatzi⸗Aktien sich sehr erheblich unter Pari bewegt, und daß das Bankkonsortium sich bereit erklärt hat, die Verpflichtung der Jasmatzi⸗Akt.⸗Ges. an den Tabak⸗Trust, die nahezu 20 Millionen Mark bezahlen soll, ½ Jahr nach Friedensschluß zu bezahlen.
Mit anderen Worten: die Regierung will sich freie Hand lassen. Sie will offenbar die weitere Entwicklung in der deutschen Zigarettenindustrie abwarten, sie will vielleicht auch abwarten, ob sich im Reichstage und im Volke nach Beendigung des Krieges Interesse für ein Zigarettenmond⸗ pol zeigen wird. Schon jetzt mit einem solchen Monopolplam hervorzutreten, liegt ja für die Regierung keinerlei Ver⸗
anlassung vor, da ein Zigarettenmonopol nur ein Glied in
einer ganzen Kette von Steuer⸗ und Finanzplänen sein könnte. Daß die gewaltigen Anforderungen, die auch nach einem glücklich beendigten Kriege an die Finanzkraft des Reiches werden gestellt werden müssen, dem neuen Manne im Reichsschatzamte Veranlassung geben werden, neue Ein⸗ nahmequellen für das Reich zu schaffen, kann als sicher angenommen werden. Hierbei werden neben direkten Steuern auch neue Reichsmonopole sicher eine Rolle spielen. Nun hat sich das Reichsschatzamt im Zusammenhange mit den Anträgen maßgebender deutscher Zigarettenfabrikanten, die vor dem Kriege wiederholt im Kampfe gegen den englisch⸗amerikanischen Tabaktrust die Einführung eines Reichszigarettenmonopols empfahlen(also die Einführung eines Staatsmonopols gegenüber dem drohenden Privat⸗ monopol des Trusts), eingehend mit den Verhältnissen in der deutschen Zigarettenindustrie beschäftigt. Die Vorarbeiten technischer Natur für ein Zigarettenmonopol sind also bereits recht weit gediehen. Der Sachverhalt kann dahin präzisiert werden, daß die Reichsregierung zwar offizielle Schritte für die Einführung eines Zigarettenmonopols noch nicht ergriffen hat, daß aber die deutsche Zigarettenindustrie sich immerhin auf die Möglichkeit des Staatsmonopols vorbereiten muß.
Aus dem Tagebuch eines holländischen Arztes
in Serbien.
Vom serbischen Kriegsschauplatze ist jüngst der holländische Chi⸗ rurge Dr. van Tienhoven in seine Heimat zurückgekehrt. Er ver⸗ öffentlicht nun ein Kriegstagebuch im„Nieuwe Rotterdamsche Cou⸗ rant“, und diese durchaus glaubhaften, aus der eines Neu⸗ tralen stamm. Aufzeichnungen zeigen nun, daß alles, was über die Verheerungen durch Seuchen in Serbien bisher bekannt ge⸗ worden ist,* weit hinter der Wirklichkeit zurücksteht. Drei Seu⸗ chen sind es nach Dr. Tienhoven, unter deren Wucht die Bevöl⸗ kerung Serbiens inschwindet: der Unterleibstyphus, das Rück⸗ fallfieber und der Flecktyphus. Die zarste unter diesen dreien aber ist die zuletzt genannte. Vor dem ge lam der Flecktyphus in Serbien auch zuweilen vor; die Sterblichkeit betrug dann ge⸗ wöhnlich 5 bis 6 Prozent. Jetzt ist sie auf 60 Prozent gestiegen, und wie man sich der Krankheit erwehren wird, ist nicht abzusehen, denn sie hat alles ergriffen, was sich in ihr Gebiet wagte, sie hat 0„ Krankenschwestern und Aerzte nicht verschont, und auch T.
n Tienhoven selbst ist von ihr ergriffen worden. van Tien⸗
n hatte ursprünglich ein chirurgisches Krankenhaus zu leiten. In Valjewo starben die Aerzte des Typhushospitals, überall brei⸗ tete sich der Flecktyphus aus, es war keine Milch für die Kranken mehr zu beschaffen, und schließlich mußte der Holländer die Chi⸗ rurgie an den Nagel hängen und sich ebenfalls den Flecktyphus⸗ kranken zuwenden Einer seiner Pfleger wurde alsbald von der furchtbaren Krankheit ergriffen; andere Pfleger und Kranken⸗ schwestern folgten, und nun begann eine Zeit furchtbarer, fast aus⸗ sichtsloser Arbeit 8 übermächtigen Feind In dem Hospital herrschte die größte Verwirrung. Als einziger Arzt war ein junger Oesterreicher übrig geblieben, dem die Aufgabe über den Kopf wuchs. Es war ihm 8 8 zu halten. Alles verkam und verschmutzte, van Tienhoven wollte das Krankenhaus gründlich reinigen, aber es waren weder Eimer noch Waschschüsseln auf⸗ zufinden. Nur selten bekamen die Kranken überhaupt Wasser zu trinken und die Behandlung beschränkte sich fast nur darauf, daß Kampferinjektionen gemacht wurden. Von 1200 Kranken starben täglich 60. Die Anzahl der Aerzte nahm stetig ab. Ende Januar waren in Valjewo nur noch 5 gesunde Aerzte übrig, und um die Zeit erkrankte auch der holländische Arzt. Zuerst glaubte er, sich nur erkältet zu haben, aber als er bedeutendes Fieber bekam, wußte er, was ihm fehlte. Er hatte noch insofern Glück, als er ich von bem übrigen Krantenhause vollkommen abschließen konnte,
sein Wohnzimmer war durch ein zimmer und einen ütgenraum von den übrigen Säl. Eine seiner hol⸗
scen Krantenschwestern östenie in ulfapfentb, und bie drei-
unddreißig chirurgischen Patienten, für die er bis dahin nebenbei gesorgt hatte, mußten der Obhut eines österreichischen Sanitäts⸗ gehilfen und zweier 5 Lehrer übergeben werden, die in der Gefangenschaft sich einiges von der Verbandslehre ange⸗ eignet hatten. Aerzte waren für diesen Zweck nicht mehr vorhan⸗ den. Nun erkrankten auch die Krankenschwestern Dr. Tienhovens, sie wurden in die Röntgenkammer gelegt, und als einziger Gesunder blieb von den Holländern der eine Pfleger übrig. Er hat die Flecktyphusepidemie in Serbien überlebt, unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Holland aber brach der Flecktyphus bei ihm aus und er starb daran. 16 volle Tage lang schwebte Dr. Tienhoven zwi⸗ schen Leben und Tod. Ein(anscheinend serbischer) Arzt, Dr. George⸗ witsch, behandelte ihn zwei Wochen hindurch, starb dann aber selber an der Krankheit. Was inzwischen alles geschehen war, erfuhr van Tienhoven erst später. Zuweilen fragte er seine Krankenschwestern nach seinen Bekannten, nach seinen Freunden, aber niemand wagte ihm zu sagen, was für Opfer die Krankheit gefordert hatte: 14 Aerzte starben innerhalb von 10 Tagen in Valjewo, darunter eine Reihe, mit denen er freundschaftlich verkehrt und zusammen gearbeitet hatte, desgleichen die ferbische Aerztin, die bei van Tienhovens Operationen die Narkose ausgeführt hatte. van Tienhoven konnte fragen, nach wem er wollte— alles war gestorben, dem Fleck⸗ typhus zum Opfer gefallen. Von außen, von den Vereinigten Staaten lam Hilfe; die Amerikaner schickten Aerzte, Arzneien und Verbandmaterial, aber von den Amerikanern starben gleich nach ihrer Ankunft auch einige. Als der holländische Arzt einigermaßen wieder hergestellt war, war in Serbien für einen Chirurgen nichts mehr zu tun, und so kehrte er in seine Heimat zurück.
*
— Der Faust— die Wurzel alles Uebels. Man hat in Goethes Faust. diesem allumfassenden Weltbuch unserer Dichtung, so vieles gefunden, hat so vieles„hineingeheimnist“, worüber der Altmeister noch spottete; was wollen wir uns also wundern, daß die Franzosen in dieser deutschesten Dichtung nun „die Wurzel alles Uebels“ entdecken. Louis Bertrand hat den Faust gelesen und gibt in der Revue des Deux Mondes seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß er„hier die Ursprünge des Teutonentums und die Erklärung für all das, was heute geschieht, entdeckt hat“. Andere Franzosen, von Gerard de Nerval bis zu Romain Rolland, haben den Faust anders gelesen und in ihm die tiefste Weis! und Schönheit offenbart gesehen. Dieser Fran⸗ zose liest mik den Augen eines vom Kriege Verblendeten und mit dem Geist Frankreichs von 1915. In der ersten Szene sieht er den Helden, des Idealismus müde, sich der Wirklichkeit zuwenden und den Erdgeist anrufen, von dem er die Genlste des Lebens
verlangt. Das ist natürlich Deutschland, das sich von seinen Idealen abkehrt und nach Lebensgenuß gierig ist. Nietzsche habe in seinem Zaratrustra nur diesen Grundgedanken übernommen, wie überhaupt der„Uebermensch“ von Goethe erfunden sei, eine Frage, über die der ahnungslose Franzose eine ganze Literatur in deutscher Sprache nachlesen könnte. Wenn Faust die Bibel zum Führer wählt, so ist es nach Bertrand für sein„übersetzendes Philologentum“ sehr bezeichnend, daß er zwischen den Formeln schwankt:„Im Anfang war die Kraft; im Anfang war die Tat“. „So deutet der starle Deutsche die alte Bibel um und prägt ihr seinen Stempel auf.“ Schrankenlosen Lebensgenuß will Faust, dieser typische Deutsche, und wie sucht er ihn zu erlangen? In einer Verbindung mit dem Geist des Bösen. Damit hat er den Deutschen von heine das Vorbild gegeben:„Die Enkel des Doktors haben seine Lehre befolgt!“ Und worin besteht Fausts Genuß 5 fragt der Franzose.„Trinken bis zur Trunkenheit, sich in eine Grisette verlieben wie ein Student. Um welches Zaubers willen hat wohl sein nichtiges Abenteuer mit Margarete die Unsterblich⸗ keit erlangt? Die Rolle des Liebhabers ist jämmerlich und plump: die der Liebenden ist nicht viel rührender; eine pflanzenhafte Seele, ein Bündel Vergißmeinnicht am Rande eines Ninnsteins.“ Nach dieser verständnisvollen Würdigung des ersten Teils wendet sich Bertrand mit noch größerem Eifer dem zweiten Teil zu, in dem er besonders aus den Szenen am Kaiserhofe die großartigsten Belege für die deutsche Machtgier und Brutalität sammelt. Das Geheimnis der deutschen Kriegführung scheint ihm in den Worten Raufebolds zu liegen:„Wenn einer mir ins Auge siehet, werd ich ihm mit der Faust gleich in die Fresse fahren.“ Und seinen Genossen Eilebeute, auf dessen Namen er besonders als eine charakteristische Bezeichnung der beutegierigen Deutschen hinweist, läßt Bertrand mit dem Lehrsatz zu Worte kommen:„Im Sieg voran! Und alles ist erlaubt.“ Neben diesen Sinnbildern des Krieges wird besonders Mephisto zitiert, und sein Grundsatz: „Wenn man die Macht hat, hat man auch das Recht“, als die Maxime des heutigen Deutschland bezeichnet. Am eingehendsten verweilt der Franzose dann bei den Philemon- und Banueis⸗ Szenen, an deren Schluß„der Chorus die Nationalhymne an⸗ stimmt: Gehorche willig der Gewalt!“„Wir berühren damit die Tiefe dieses stolzen und harten Werkes, schließt Bertrand„Ver⸗ räterisch hat hier Goethe unter der Maske der edelsten Gestalten und der edelsten Stoffe der Vergangenheit den alten Zerstorer⸗ instinkt seiner Rasse verherrlicht. Die Kraft und die Tat, die kein anderes Gesetz und Glück kennt als ihre grenzen⸗ und ziellose Ausbreitung, stellt er an den Anfang der Zeiten und vergötk⸗
licht sie.
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