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g Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das onkreisblatt für den Mreis Sleßen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
5 Uitcheners Stud ienreise.
Lord Herbert Kitchener of Chartum hat sich, wie jetzt bekannt wird, mehrere Wochen im französischen Haupt⸗ quartier aufgehalten. Und das Ergebnis dieser Studien? Aus dem, was Kitchener nun beginnt, läßt sich darauf schließen, wie er über die Lage denkt. Prompt trifft über Amsterdam eine Depesche aus Kanada ein, der dortige Pre⸗ mierminister Borden habe im kanadischen Unterhaus mit⸗ geteilt, daß Lord Kitchener um möglichst schnelle Entsen⸗ dung des zweiten kanadischen Expeditionsheeres ersuche. Also ein Notruf! Kitchener erkennt, daß die letzten Quellen auf dem Kontinent und im britischen Inselreich versiegen. Er ist in solchen Dingen mitunter recht offen. Das zeigten eine Eingeständnisse in der Munitionsfrage vor dem eng⸗ ischen Oberhaus. Er sagt es heute jedem, der es hören will, daß Engl in den größten Krieg aller Zeiten mit einem unzulängli Landheer hineingegangen ist. Viele seiner „wahrheitsliebenden“ Landsleute werden dies natürlich auch jetzt noch bestreiten. Aber so wenig sich mehr ableugnen läßt, daß den Belgiern der versprochene britische Schutz keinerlei militärischen Nutzen brachte, so schwer werden die Engländer Kitcheners neue Erkenntnis widerlegen können, daß alle britischen Truppensendungen auf das Festland nicht aus— reichen werden, um dem französischen Freunde zu einem entscheidenden Siege zu verhelfen. Der ursprüngliche Kriegs- plan ist völlig mißlungen. Statt am Rhein, stehen die Ver- bündeten an der französisch-belgischen Küstenstrecke und ringen um den Besitz des„Sprungbretts“ nach Großbritan⸗ nien. Erst seit dem deutschen Siegessturm bis vor Paris dämmerte dem britischen Kriegsministerium die harte Not- wendigkeit, das eigene Anlagekapital für das Kriegsgeschäft, das Landheer zu vergrößern. Der unzulänglichen Expeditionsarmee von sechs Divisio— nen wurden die indischen, kanadischen und einige koloniale Truppen nachgesandt. Es folgte der Bluff der neuen Millio- nenarmee, die während des Krieges statt vorher ausgerüstet wurde und infolgedessen auch darnach war. Und heute weiß der Earl Kitchenet, der den Mahdi schlug, und die Buren zu Paaren trieb, kein anderes Mittel, dem verlorenen Spiele aufzuhelfen, als einen neuen Appell an Kanadas Gefällig— keit. Oder gibt es außer diesem letzten Mittel noch ein aller⸗ letztes Die Einführung der allgemeinen Wehr⸗ pflicht in Großbritannien? Es ist kein Zufall, sondern offen⸗ bar auch Kitcheners Geschoß, daß die Londoner„Morning Post“, das konservative Blatt der oberen Klassen, jetzt wie⸗ der kräftig in die Dienstpflichttrompete stößt. Kitchener scheint einzusehen, daß seine gewagten Tricks bei der bisherigen Re⸗ krutierungsart nicht zum zweiten Male angewendet werden dürfen, ohne einen ganz bedenklichen Sturm gegen seine Stel⸗ lung und Tätigkeit hervorzurufen. Er hatte einer Anzahl von Chefs großer Firmen sagen lassen, daß er das Publi⸗ kum mit Aufforderungen zum Boykott gegen sie hetzen werde, wenn 4 ihre männlichen Angestellten nicht zum Kriegsdienst veran Drohung auch in verschiedenen Fällen wahr gemacht und sich dadurch manchen Feind geschaffen. Er hat sich mit Re⸗ klameagenten der Zeitungsbranche zusammengetan und in seinen Werbungsplakaten einen Stil der militärischen Pro⸗ paganda ausgebildet, der selbst bei den das Tamtam und Trara liebenden Engländern Spott und Widerspruch zeitigte. Will Kitchener es nun wirklich mit dem echten, viel⸗ geschmähten Militarismus versuchen? Vergißt er, daß
aßten und weiblichen Ersatz einstellten. Er hat diese] Dr
Ein neuer Bericht über einen Besuch bei Goethe.
Seitdem die Berichte über Besuche bei Goethe vollständig ge⸗ sammelt und in dem Werke des Freiherrn von Biedermann ab⸗ schließend veröffentlicht worden sind, zählt eine unbekannte Schil⸗ derung dieser Art, besonders eine solche, die originelle und charak⸗ teristische Züge enthält, zu den literarischen Seltenheiten. Ueber einen interessanten neuen Beitrag zu diesem Zweige der Goethe⸗ literatur ist nun heute zu berichten. In Goethes Tagebüchern findet sich unter dem 28. September 1809 verzeichnet:„Der junge Knebel mit dem Studierenden aus Jever.“ Dieser„Stu⸗
i aus Jever“ ist, wie mit Sicherheit anzunehmen ist, der damalige Jenaer Student August Friedrich Rumpf gewesen. Rumpfs Erlebnisse bei seinem Besuche im Hause Goethes waren einigermaßen 2501 5 55 Natur, und er hat sie später, nicht
ohne einige Selbstironie, erzählt. Wir kennen diese Erzählung aus der Wiedergabe von Hermann Allmers, der sie von Rumpfs Tochter hatte; dor Siebs macht den Bericht in seiner eben bei Ernst Siegfried Mittler u. Sohn in Berlin erscheinenden neuen
Allmers⸗Biographie zum ersten Male bekannt. Nach der Er⸗ innerung Rumpfs war seine Einführung bei Goethe nicht durch den jungen Knebel, sondern durch des Dichters Sohn August v. Goethe erfolgt. Ihn hatte Rumpf auf dem Burgkeller kennen gelernt, da beide in Jena derselben Verbindung angehörten und da der Oldenburger schon damals ein 9 75 Goethe verehrer war, so suchte er mit dem jungen Goethe Möglichkeit Füh⸗ lung zu gewinnen.„Sowie es sich traf, daß mein Platz in der Kneipe bei ihm war, brachte ich das Gespräch auf den Vater. August mußte mir alles und jedes über ihn berichten; was er gegenwärtig arbeitete, mit wem er verkehrte, was er triebe, wie es mit dem Herzog stünde und was sonst noch alles, sogar wie er lebte, wie früh er sich erhöbe und wann er sich niederlegte— nichts war mir an ihm gleichgültig. Wenn auch mein Freund August anfangs nur ungern und zögernd auf all diese Fragen einging, konnte ich doch später merken, daß ihn das Interesse an seinem Vater aufrichtig freute, und so nahm ich mir den Mut und bat, mich in sein Haus einzuführen.. 1 Das ist nicht immer ganz leicht für Studenten, meinte er, darin
ist der Alte ein bißchen eigen; doch will ich sehen, daß ich dich mit dem Vater zusammenbringe. Und der Wunsch sollte in Er⸗
füllung gehen, ich erhielt eine Einladung zum Essen. 5
Der bestimmte Tag brach an, so heiter und schön, wie er nur sein konnte. In eini Stunden brachte uns der Wagen nach Weimar und ohne Aufenthalt eilten wir der stattlichen Woh⸗ nung zu. Ein Diener in Livree öffnete auf das Klingeln und * freundlich den Sohn des Hauses. Es war fast gegen elf Uhr.„Sieh, da ist der Vater schon,“ sprach August und eilte auf diesen zu, der, in einen dunkelgrünen Schlafrock gehüllt, ade vor uns die untere Hausflur überschritten.„Ei, da hast du deinen 58 8 das ist schön. Besuch ist nicht da. Wir wollen sofort oben gehen.“ Aeußerst freundlich
reichte er mir die Hand und winkte, die Treppe hinauf zu siolgen. Wer war glücklicher als ich, sich so willkommen zu sehen.
Bald saß ich ihm in seinem einfachen Studierstübchen gegenüber,
während er beschäftigt war, still ein mäßiges Blatt Papier zurecht⸗ uschneiden, und betrachtete voll Aufmerksamkeit ihn selber sowie gebung, seine! und umherliegenden Steine. August
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eßener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
es vor allem die in England herrschenden Stan-
desvorurteile sind, die wie Stachelzäune der Einführung. der allgemeinen Dienstpflicht entgegen— stehen? Die besten Argumente der glänzendsten Red—
ner haben bisher nichts gefruchtet. Die Zeitungsartitel Kitcheners, der einen fertig ausgearbeiteten Entwurf eines Wehrpflichtgesetzes im Schreibtisch hat, werden auch nichts fruchten. Aber selbst, wenn es gelänge, die Vorlage zum Gesetz zu machen, so wird Albion aus seinen Nöten nicht mehr erlöst sein. Die Dienstpflicht läßt sich zwar dekretieren, aber die notwendige gewaltige Organisation kann selbst ein Kitchener, dem organisatorisches Talent nicht abgespro— chen werden soll, nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Dazu gehören, wie das Beispiel Deutschlands zeigt, Jahre der kriegerischen Erfahrung und der ernsten Vorbereitung. England rettet mit der„allgemeinen Wehr— pflicht aus dem Stegreif“ jetzt im Kriege weder sich noch einen seiner notleidenden Bundesgenossen. Das Schicksal des großen Krieges geht ehern seinen Gang und die inneren Zuckungen der Krämpfe John Bulls erweisen sich nur als each Zeichen des wachsenden Zerfalls seiner äußeren Macht. Die kanadische Kriegshilfe.
London, 13. April.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Times“ melden aus Ottawa: Premierminister Borden erklärte im Unter⸗ hause, daß Kanada 100000 Mann unter den Waf⸗ fen habe und vom Kriegsamt um Entsendung eines zwerten Expeditionskorps ersucht worden sei.
Der Rekrutierungsrummel.
Berlin, 14. April. Die angekündigte große Rekrutierungs⸗ kampagne in London, bei der innerhalb 14 Tagen gegen 2000 Propagandaversammlungen abgehalten werden sollten, hat, wie dem„Berl. Tageblatt“ über Amsterdam berichtet wird, am Sonn⸗ tag mit 90 Versammlungen und Demonstrationen, verbunden mit öffentlichen Umzügen, begonnen. Die Veranstaltungen werden von jetzt ab täglich mittags und abends in Parks, großen Lokalen und auf öffentlichen Plätzen fortgesetzt.
Kriegsbriefe aus dem Westen. Von unserm Kriegsberichterstatter.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Die Tagung der deutschen Kriegschirurgen.
Großes Hauptquartier, am 10. April.
Die vom Feldsanitätschef Exz von Schjerning mit Genehmi⸗ gung des Kaisers einberufene Versammlung deutscher Kriegs⸗ chirurgen in Brüssel hat sich zu einer großartigen Kundgebung deutscher Wissenschaft gestaltet, wie schon die außerordentliche Be⸗ teiligung zeigte: Ueber tausend Kriegschirurgen waren von allen Kriegsschauplätzen nach Brüssel geeilt, um ihre in acht Kriegs⸗ monaten gesammelten Erfahrungen auszutauschen. Der Vorsitzende Erz. v. Schjerning berief zur Leitung der Verhandlungen nach⸗ einander Exz. Generalarzt Professor Dr. von Angerer, die General⸗ ärzte Prof. Dr. Körte, Prof. Dr. Müller, Prof Dr. Garrs, Prpf. Dr. Kümmell, Prof. Dr. Hildebrand und Marine⸗Generalarzt Prof.
Bier, neben denen am Vorstandstische noch mehrere Ober⸗ generalärzte und Generalärzte des Feldheeres aus allen deuts. Bundesstaaten Platz nahmen. Der ganze Saal des kgl. Musik⸗ Konservatoriums war bis auf die letzte Stuhlreihe des Parketts und bis in die höchste Galerie mit feldgrauen Aerzten angefüllt. Um das ungeheure Programm bewältigen zu können, war die Redezeit der Vortragenden auf 20 Minuten, die der Diskussions⸗ redner auf 5 Minuten beschränkt. Nur wern man diese militä⸗ rische Kürze streng durchführte, war es möglich, den Stoff in einer Tagung durchzusprechen. J
chen langt, wenn die Wunde mit Erde verunreinigt worden ist. Mit den;
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Mittwoch, 14. April 4015 Rotationsdruck und Verlag der Brühlbschen 1 Universitäts- Buch- und Steindruckerei. 9 R. Lange, Gießen. 15 5
Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
chef die Grüße des Kaisers, der ihm aufgetragen hatte zu sagen, 7 wie sehr ihn die Leistungen der Aerzte befriedigt haben und wie
vortrefflich gerade die ersten Verbände auf dem Schlachtfelde
angelegt waren, die so oft entscheidend sind für das Schicksal der Verwundeten. Der Feldsanitätschef sprach dann den Dank der Tagung an den Kaiserl. Generalgouverneur Exz. v. Bissing aus, der nicht nur Zeit gefunden hatte, die Veranstaltung trotz 3 seiner gewaltigen Arbeitslast zu fördern, sondern der sein Inter⸗ esse auch durch persönliches Erscheinen bekundet hatte. Nichts beleuchte die Lage deutlicher als die Tatsache, daß in Brüssel,
der Stadt, wo sonst jahraus, jahrein so viele internationale Kon⸗ 397 gresse und vielsprachige Versammlungen stattfinden, eine deutsche Kriegschirurgentagung stattfinde. Es sei wohl das erstemal, daß ein deutscher Kongreß, der jeden Fremden ausschließe, im fremden Lande begangen werde, in dem deutsche Verwaltung und deutsche 8. Ordnung jetzt schon Segen stiften. 0 7
In allen Schrecken des Krieges haben sich die deutsche Wissen⸗ 5 schaft, der deutsche Chirurg, der deutsche Arzt und die Organisatin
des Feldsanitätswesens voll bewährt. Das hat auch der Kaiser 1 wiederholt anerkannt. Der Feldsanitälschef gedachte der Verluste 5 in den Reihen der Kriegsärzte und des Sanitätspersonals. Diese Helden haben den Wahlspruch des Sanitätskorps zur Wahrheit
gemacht: Den Kopf für die Wissenschaft! ö Das Herz für das Heer! Das Blut für König und Vaterland! 99 Der Zweck der Tagung sei nun, daß sich die versammelten Kriegschirurgen Rechenschaft über ihre Kriegsarbeiten ablegten 5 T einer dem andern—, um den Weg zu finden, den sie auf dem Felde der Kriegschirurgie in Zukunft zu wandeln haben. Keiner sei als fertiger Kriegschirurg in diesen Feldzug gegangen; jeder habe Neues gesehen und gelernt. Nun wollen wix gegenseitig von⸗ einander lernen, wie wir unseren verwundeten Kriegern die beste Hilfe bringen können, und beraten, wie sie am schnellsten, am sichersten. am volllommensten zu ihrer und des Vaterlandes Besten hergestellt werden lönnen. 9 98 Im ersten Vortrage behandelte Generalarzt Prof. Dr. Garrs „Anzeigen für operatives Handeln in und hinter der Front; Blut⸗ stillung, Blutersatz“. Er empfahl bei arterieller Blutung das Gefäß durch die Klemme zu erfassen. Beim Blutersatze solle man sich nicht allzuviel von der physiologischen Kochsalzlösung versprechen.
Der Vortragende empfahl Autotransfusion verbunden mit Stimu⸗
lantien. In der Besprechung der einzelnen Arten von Verwun⸗* dungen hob er die günstigen Bedingungen hervor, welche der Stel⸗ lungskrieg für die erste Wundbehandlung ergebe. Zum gleichen Thema teilte General-Oberarzt Prof. Dr. Friedrich die Er gebnisse mit, die er in etwa vierzig Gefechten und Schlachten im
Osten gesammelt hat, Er wies dabei auf die z. T schrecklichen Wege hin, mit denen der Sanitätsdienst auf dem russischen Kriegsschau⸗ platze zu rechnen hat. Generalarzt Prof. Dr. Rehn besprach von den Soldaten manchmal selbst vorgenommene Abschnürungen. Zum
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gleichen Gegenstande sprachen noch Generalarzt Schultzen, Gene⸗ ralarzt Prof, Dr. Müller und im Schlußworte Generalarzt Prof. Dr. Garrs. Ueber„Wundinfektion, insbesondere Wund⸗ starrkrampf, Gasbrand“ sprachen Generalarzt Prof, Dr. Til⸗ mann und Generalarzt Prof. Dr. Enderlen, während sich an der Aussprache Oberstabsarzt Prof. Dr Franz, Stabsarzt Prof. Dr. Ritter und Stabsarzt Dr. Gelinski beteiligten. Man er⸗ fuhr hier, daß die Verseuchung des schweren französischen Bodens mit Starrkrampf, besonders im Aisnegebiete, der einheimischen Zivilbevölkerung so wohl bekannt ist, daß sie schon bei ganz gering⸗ fügigen Verletzungen die Schutzimpfung seitens des Arztes ver prophplaktischen Schutzimpfung hat man im deutschen Heere die günstigsten Erfolge erzielt. Die Zahl der Heilungen an Starr⸗ krampf beträgt im Heimatgebiete etwa 75 Prozent, 1
Ueber Brustschüsse sprachen Oberstabsarzt Prof. Dr. Sauer bruch und Generaloberarzt Prof. Dr. Borchard, über Bauch⸗ schüsse Generalarzt Prof. Dr. Körte und Oberstabsarzt Dr. Schmieden. Auf dieses Gebiet vereinigte sich ein besonderes lebhaftes Interesse. Ueber„Arm⸗ und Beinbruchschüsse, Gelenk⸗
hatte mich sogleich verlassen und war zu den Hausgenossen ge⸗ gangen. So war ich mit Goethe ganz allein. Wie pries ich mich glück⸗ lich. Jetzt war er mit seinem Papierschneiden fertig und wandte sich zu mir.„Mein August schreibt mir, daß Sie ein Oldenburger wären?“„Ein Oldenburger, Exzellenz.“—„Gut. Was brennen, Sie da?“—„Fast nur Torf.“—„Wie in Ostfriesland, nicht wahr?“—„Ich glaube, Exzellenz,“ war meine Antwort.„Wie wird der Torf dort gewonnen?“—„Er wird— er wird aus der Erde gegraben.“—„Das wußt ich schon, daß er nicht von den Bäumen gepflückt wird— ich will zunächst genau wissen, mit welcher Art von Instrumenten er aus dem Boden gehoben wird? — Wann gräbt man ihn?— Wie lange läßt man ihn trocknen? —, Wie lange Zeit bedarf er dazu?— Und wie ich schon einmal wissen möchte, wie ist solch ein Werkzeug gestaltet, womit man den Torf bei Ihnen gräbt.— Nun sagen Sie mir und zeichnen Sie mir doch einmal die Form genau hier auf das Papier. Hier haben Sie einen Bleistift dazu.“— „Nun, können Sie das nicht zeichnen?“ fuhr er dann fort, da ich noch verblüfft schwieg.„So beschreiben Sie es mir wenigstens, Sie sehen ja, daß ich mich dafür interessiere.“ Ich beharrte in festem Schweigen. So einen Torfsoden hatte ich zwar oft genug gesehen und sogar in der Hand gehabt, beim Ofenheizen. Aber da ich aus der reinen echten Marsch stammte, so war mir doch die eigentliche Gewinnung des Torfes völlig fremd.
„Sie brennen also den Torf täglich und wissen dennoch nichts davon, wie er gewonnen wird? Junger Mann, das mögen Sie offen gestehen?“
Mit durchdringendem Blicke sah Goethe mich an, und ich fühlte, wie mir das Blut zu Kopfe stieg.— Ein eisiges Schweigen folgte. Mir ward es immer ungemütlicher. Goethe nahm ein Buch zur Hand und blätterte darin, bis der Diener kam und meldete, daß das Essen bereit sei. Bei Tische waren noch Frau Christiane von Goethe und August zugegen. Den zog der Vater ins Gespräch und unterhielt sich sehr lebhaft mit ihm. Mich igno⸗ rierte er völlig. So verlief der Mittag. Dann eine kurze Ver⸗ abschiedung, und ich war entlassen. Ja, was hat mir nun mein heißes Verlangen, den bedeutendsten Mann seiner Zeit kennen zu lernen eingebracht? Einen schönen Namen als Mitgabe für mein ganzes Leben: früher war auf der Universität„Torso“ mein Spitzname gewesen; jetzt nach meiner bedeutungsvollen Zusammen⸗ kunft mit Goethe hieß ich immer nur„Torfsoden“.“—
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Aurel Steins neue Entdeckungen in Mittelasien.
In einer Mitteilung an die Londoner Geographische Gesell⸗ schaft gibt der bekannte Forschungsreisende Sir Aurel Stein einen Bericht über die neuen Entdeckungen, die ihm auf seiner Expedition nach Mittelasien vom April bis zum November 1914 gelungen sind. Stein, der sich gegenwärtig in Turfan am östlichen Fuß des Himmlischen oder Tian Schan⸗Gebirges befindet, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Ueberreste der alten Mauer zu er⸗ forschen, die er auf einer früheren Expedition entdeckt hat. Er ver⸗ folgte nun ihren Verlauf auf einer sehr bedeutenden Strecke und machte unter den Trümmern wichtige Funde. Die Expedition ging im April vnn Tunhuang aus, nachdem sie sich eine kurze Zeit hier von der anstrengenden Winterreise durch die Lop⸗nor⸗Wüste zwi⸗ schen Turfan und der Nordgrenze von Ttbet erholt hatte. Stein
stattete einen neuen Besuch den Höhlentempeln der tausend Budd⸗ has ab und fand hier wieder reiche Schätze geschichtlicher und kunstgeschichtlicher Art. Er folgte dann dem Lauf der Mauer etwa 400 km weit nach Osten; auf dieser ganzen Strecke ist die Mauer mit ihren Wachttürmen und kleinen Forts durch ein Gebiet geführt, das schon in alten Zeiten eine völlig unfruchtbare Wüste war. Die Bauart der Mauer ist sehr merkwürdig und darauf berechnet, den zerstörenden Naturgewalten dieser Gegend, die in einer lang⸗ sam wirkenden, aber unaufhaltsamen Winderosion bestehen, Wider⸗ stand zu leisten; sie besteht aus Holzmaterial, das mit Ton⸗ 1 Sandschichten zu einer sehr starken Einheit verbunden ist; dadurch, daß Jahrhunderte kein Mensch mehr in die Nähe der Mauer ge⸗ kommen ist, ist noch viel von ihr übrig geblieben, und an vielen Stellen fand der Forscher an der vom Wind zerfressenen Oberfläche a die deutlichsten Spuren der früher hier heimischen Kultur, Ton⸗ gefäße, Münzen, Metallgegenstände ü. a., so daß sich genau dig Lage dieser äußersten Vorposten feststellen ließ, die einst die chi⸗ nesische Grenze bewachten. Bei dem Su⸗lo Hu⸗Tal macht die Mauer eine scharfe Wendung, und damit wuchsen auch die Schwierigkeiten des Weiterkommens, da nun ein großer Wassermangel eintrat. Aber zugleich mehrten sich auch die Funde; Geräte und Werkzeuge aller Art wurden aus den Ruinen der Wachtstationen ans Licht gebracht. Sie stammen alle von den chinesischen Soldaten, die während des ersten vorchristlichen und des ersten nachchristlichen Jahrhunderts an dieser traurigsten aller Grenzen sich befanden. Die Anlage der Mauer offenbart eine außerordentliche Tüchtig? keit der Ingenieure, die sich den verschiedenartigen Anforderungen des Geländes vorzüglich anzupassen wußten. Im Mai schlug Stein einen anderen Forschungsweg ein, dessen Ziel war, dem vereinigten Lauf der Flüsse Suchau und Kanchau bis nach der südlichen Mon⸗ golei hinunter zu folgen und die archäologischen Ueberreste zu er⸗ forschen, die sich hier fanden. Die frühe Geschichte dieses Gebietes erregte die besondere Aufmerksamkeit des Forschers, denn er stellte zweifellos fest, daß sich hier ein Teil jener weiten Gebiete befand in denen einst die Indo⸗Skythen und die KAunnen wohn⸗ ten, deren häufige Wanderungen westwärts das Schicksal Mittel- asiens ebenso wie das Indiens und des Westentß so tief beein⸗ flußten. Während Stein diese Forschungen in nördlicher Richtung ausführte, drang sein Mitarbeiter Lal Singh in anderer Richtung in noch völlig unerforschte Gebiete vor und fand Ueberreste den Mauer, die nach Norden führte, stellte fest, daß zu Anfang der christlichen Zeitrechnung bereits umfangreiche Bewässerungsanla⸗ gen hier eingerichtet waren, und unterzog die Ruinen der alten Stadt Kharg⸗Khoto einer genauen Untersuchung. Nach ihrer Lage und ihren Ueberresten kann dieser Ort kein anderer sein, als„die Stadt Etzina“, die Marco Polo erwähnt. Hier hielten sich in alten Zeiten die Reisenden, die nach der alten Mongolenhauptstadt Karakoram wollten, 40 Tage lang auf, um sich mit Lobensmitteln und Wasser für die Wüstenreise zu versorgen, auf der sie keins
Quelle und keine Wohnung antreffen konnten. Stein sammelte auf l 1
dieser Reise viele wertvolle Gegenstände, buddhistische Mann⸗ skripte und Drucke, sehr schöne Stuckreliefs und Freskos, zahlreiche Berichte auf Papier und Haushaltungsgeräte. Außerordentlich roß war die Ernte in Münzen und Schmuckstücken in Metall und Stein Aus allem geht hervor, daß diese Gebiete vor langer Zest
verlassen wurden, weil die Schwierigkeiten in der Versorgung mit
Wasser sich als zu groß erwiesen.
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