Ausgabe 
(10.4.1915) 84. Zweites Blatt
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Zweites Blatt

Ercheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSlehener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal. *

Gießener

General⸗Anzeiger für Oberhessen

105. Jahrgang

Spanien rüstet.

Ein gelegentlicher Mitarbeiter in Berlin schreibt uns: Spanien rüstet! Es ist kein Zweifel mehr. Wenu wir am Anfange des Weltkrieges ständen, wüßten wir ganz genau, wohin die Reise geht. Nach den verschiedentlichen Freundschaftsbesuchen des spanischen Königs in Paris und des französischen Präsidenten in Madrid müßte sich das Königreich kopf⸗ und bedingungslos dem Dreiverbande in die Arme werfen. Aber heute? Welcher Mächtegruppierung will es sich heute anschließen? Antwort: keiner! Spanien rüstet, um beim Friedensschluß gerüstet zu sein, um seine Jnteressen bei der großen Neuverteilung der Welt etwas Uachdrücklicher zu vertreten, als es ihm in seiner jetzigen Schwäche möglich wäre. Was man erstrebt, spricht die spanische Presse bereits ganz unverblümt aus; sie fordert, wie man kürzlich lesen konnte, die Besetzung von Tanger und deutet mit drohendem Finger immer wieder auf das eng⸗ lische Gibraltar, das eine Schmach für Spanien und ein Aergernis Europas sei. Ganz besonders interessant ist die Begründung der spanischen Forderungen. Die Madrider ZeitungenABC,Tribuna,Correo Espanol und Correo Catalan sowie die ganze Provinzpresse erklären rund heraus, Spanien müsse jetzt hervortreten, weil der Sieg Deutschlands so gut wie sicher sei. Die Aktion der Presse nimmt ihren Ausgangspunkt von einer politi⸗ schen Broschüre des Madrider Rechtsanwalts und Schrift⸗ leiters desCorreo Espanol, Josée Maria Requena Ortiz. In dieser Schrift wird verlangt, daß Spanien Gibraltar zurückerobere, Tanger besetze, mit Portugal ein Pyrenäen⸗ reich bilde und sich mit den lateinischen Staaten Mittel- und Südamerikas zu einem Seebunde vereinige, der dem durch den Krieg geschwächten England die Spitze bieten könne. Das Vorwort der Broschüre, die als Aufschrift das Pseudo⸗ uhmIrom trägt, hat der spanische Staatsmann Juan Vasquez de Mella verfaßt. Es gipfelt in dem Satze:Der Sieg Englands würde die endgültige Vernichtung Spa⸗ niens, den Verzicht auf unsere Zukunft bedeuten, auf die wir nach unserer ruhmreichen Vergangenheit eine Anwart schaft besitzen. Der Sieg Deutschlands aber bedeutet auch unsern Sieg! So die sbanische Presse.

Und die spanische Regierung? Von amtlicher Stelle ist bis jetzt nichts anderes veröffentlicht worden, als immer wieder die üblichen 1 der Neutralität. Aber die verantwortlichen Männer haben doch unter dem Drucke der öffentlichen Meinung nicht gerastet. Auf den Schreib⸗ tischen sowohl des Kriegsministers als auch des Marine⸗ ministers liegen neue, verbesserte Entwürfe betreffend eine außerordentliche Verstärkung der Landesverteidigung. Die Friedenspräsenzstärke des spanischen Heeres beträgt heute 133 000 Mann, wovon 50 000 auf Afrika entfallen. Da man

die allgemeine Wehrpflicht unter allen Umständen durch will, wird vor. der Bau neuer Kasernen verla Selbst in Madrid fehlt es an Kasernen. ig⸗ tausend Rekruten müßten jetzt neu eingestellt werden. Es

geeigneten vor Neben den Kasernen ist die Errichtung von Proviantparks und Spitälern vorgesehen. Die neuen Feld⸗ geschütze sollen in der Waffenfabrik zu Trubia hergestellt werden. Es handelt sich um schwere Geschütze von größter Tragweite, wie die Küstenverteidigung sie heute erfordert. Damit kommen wir auf die Flotte zu sprechen. Zunächst sollen neue Stützpunkte für die Marine 2 wer⸗ den. Als solche sind Ferrol, Cartagena und Cadiz aus⸗ (ersehen. Die Flußmündungen in Galicien 1 i. die Provinz in der Nordwestecke Spaniens) müssen befestigt werden. Desgleichen wird die Befestigung der Balearen und der kanarischen Inseln vervollständigt. Um den spanischen Ar⸗ senalen dauernd Arbeit zu geben und die Entwicklung einer Marineindustrie zu gewährleisten, wird ein jährlicher Kredit von 36 Millionen Seer neun Jahre hindurch verlangt. Woher das viele kommen soll, ist zwar Geheimnis und wir wollen nicht tiefer in diese dunklen Dinge dringen.

Genug, die Regierung Spaniens wird wissen, wie sie das Gelb beschafft. Die Hauptsache scheint ihr zu sein, daß das nächste Schlachtschiff vollständig von der einheimischen In- dustrie gebaut werden soll. Geplant ist der Bau eines Schlachtschiffes, das 70 Millionen, und eines Schnell- kreuzers von 1000 Tonnen, der Millionen kosten wird. Dazu kämen drei Unterseeboote zum Preise von je drei Millionen. Ein Kredit von 14 Millionen wird dazu benutzt werden, die Arbeiten des Flottengesetzes von 1908 zu Ende zu führen. Verschiedene andere Kredite werden zu Dock⸗ bauten für das Arsenal in Ferrol verwendet, ein Kredit von Millionen zur Ausbaggerung des Hafens von Cadiz und zu anderen Arbeiten im dortigen Arsenal benutzt. Dies das Programm. Man darf darauf gespannt sein, welche Minen England gegen diese kühnen Pläne Spaniens springen lassen wird. Wir wünschen und glauben, daß es für England zu spät ist.

Rechtsschutz während des Krieges. 5 Zwangsvollstreckung.

Es steht wohl außer Zweifel, daß die Durchführung des

Zwangsvollstreckungsverfahrens während des Krieges nicht nur für die unmittelbar Beteiligten, sondern unter Umständen auch für die Allgemeinheit nachteilige Folgen haben kann, insbesondere aber auch, daß die Fristbewilligung bezw. die Einstellung des Verfahrens auf die Dauer von drei Monaten nicht genügt, um ernstliche wirtschaftliche Schädigungen abzuwenden. Für Fälle solcher Art bietet nun Absatz 2 des§ 36 des 3. V.⸗Gs. die Möglichkeit, weitergehende Fürsorge zur Verhütung von Härten und unverhältnismäßigen vermögensrechtlichen Nachteilen zu treffen. Die angeführte Gesetzesbestimmung sagt inbezug auf den Versteigerungstermin in das Grundvermögen des Schuldners: Der Zeitraum zwischen der Anberaumung des Termins und dem Termin soll, wenn nicht besondere Gründe vorlie⸗ gen, nicht mehr als sechs Monate betragen. Hierdurch ist dem Gericht eine Handhabe gegeben, in außergewöhnlichen Fällen, durch weitere Hinaussetzung des Versteigerungstermins eine dem Schuld- ner nachteilige Versteigerung zu ungelegener Zeit zu verhindern. Gleichermaßen ist aber das Gericht auch befugt, zur Erreichung des angedeuteten Zwecks einen bereits angesetzten Versteigerungs⸗ termin über die sechsmonatige Frist hinaus zu verlegen, und zwar kann eine solche Verlegung ohne Zustimmung des Gläubigers von Amts wegen erfolgen. Es wird deshalb Sache des Gerichtes sein, im Einzelfall pflichtmäßig zu erwägen, ob nicht mit Rücksicht auf die gegen⸗ wärtige Lage besondere Gründe vorliegen, die die Anwendung des§ 36 Abs. 2 des Z. V. Gs. rechtfertigen.

Aber auch die Gerichts vollzieher müssen bei Anberaumung der Termine zur Versteigerung beweglicher Pfänder darauf bedacht sein, daß dem Schuldner die erforderliche Zeit bleibt, einen et⸗ waigen Antrag auf Fristbewilligung zu stellen. 2 Uebrigens sei hier auch darauf hingewiesen, daß sich hinsicht⸗ lich der Tragweite des gesetzlichen Versteigerungsverbots nach zwei Richtungen nicht ganz unwesentliche Zweifel erhoben haben. Einmal in der 3 das r verbot n ee übe cn stimm n, gegenteiligen Willen der eiligten dur grei und zum 5 in Ansehung der Folgen der Verletzung des Versteigerungsverbotes. 8

Der Grund für den Erlaß dieses Verbotes liegt wohl haupt⸗ sächlich in der Erwägung, daß während des Krieges die Erzielung eines angemessenen Glöses kaum zu erwarten steht. Diese Annahme trifft aber gewiß nicht nur gegenüber den kriegsbehinderten Per⸗ sonen zu, sondern ist auch ganz allgemein während der Kriegs⸗ zeit gerechtfertigt. Ohne Zweifel ist aber die Wahrscheinlichkeit eines ungünstigen Versteigerungsergebnisses wesentlich gesteigert, wenn der Schuldner selbst nicht in der Lage ist, seine Rechte zu wahren. Es ist deshalb an sich wohl nicht unberechtigt, wenn man die Durchführung der Zwangsversteigerung den kriegsbehinderten Personen gegenüber verboten, eideren Schuldnern gegenüber da⸗ gegen zugelassen hat. Daß die Befürchtung eines schlechten Ver⸗ wertungsergebnisses der Anlaß für das Versteigerungsverbot ge⸗ wesen ist, dürfte sich auch aus der Bestimmung folgern lassen, daß gepfändetes Geld, bei dem eine? ng nicht in Frage kommt, nach den allgemeinen, hierüber bestehenden Vorschriften zu be⸗ handeln ist. 8

Man könnte nun zu der Auffassung kommen, daß, wenn die Befürchtung eines schlechten Verwertungsergebnisses im Einzelfall nicht gerechtfertigt ist, vielmehr ausnahmsweise vielleicht sogar ein besonders günstiges Ergebnis zu erwarten steht, bei Übereinstimmen⸗ dem Willen sämtlicher Beteiligter und unter ausdrücklicher Zustim⸗

Anzeig

Samstag, 10. April 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei R. Lange, Gießen.

Schul⸗ rist⸗

Schriftleitung, Geschästsstelle n. Druckeren

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51. S

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

den lönnte. Dieser Auffassung wird von Dr. Levi in der Nundschau für den deutschen JuristenstandDas Recht entschieden und wohl mit guten Gründen entgegengetreten. Nach L.'s Ansicht erzeugt nicht etwa ein Verstoß gegen das Versteigerungsverbot die An⸗ fechtbarkeit der Rechtshandlung, vielmehr ist die unter Mißachtung des Gesetzes vorgenommene Verwertung der Pfaudsachen nichtig. Es heißt in weiterer Ausführung des erwähnten Rechtsstandpunktes: Der Erwerber der versteigerten Sachen erwirbt darum insbesondere

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kein Eigentumsrecht, sofern er nicht nach den Grundsätzen vom Er⸗

werb durch Gutgläubige Schutz findet. Wollte man die Unwirk⸗ samkeit der Versteigerung nicht in dieser durchgreifenden Weise wir⸗ ken lassen, dann könnten diejenigen, die durch die Ausübung vater⸗ ländischer Pflichten an der Wahrung ihrer Rechte verhindert ind, unschwer die Erfahrung machen müssen, daß sie bei der Rückkehr in den Frieden durch sachlich unberechtigte Vollstreckungsakte schwer geschädigt würden. Deshalb verlangen es nach L. Billigkeit und der Grundgedanke des Gesetzes, daß man den Kriegsbehinderten in möglichst weitem Maße gegen Rechtsverluste, die aus der Ver⸗ letzung des Versteigerungsgebotes erwachsen können, Schutz ge⸗ währt.Nichtigkeit der rechtsverletzenden Akte anzunehmen, ist des⸗ halb geboten.

5 Standesamts nachrichten. Gießen.

Aufgebote: April 3. Wilhelm Friedrich Theodor Bollow, Hahnmeister Aspirant in Gießen, mit Olga Margareta Holm in Lübeck.

Eheschließungen April 3. Karl Georg Möhl, Kauf⸗ mann in Gießen, mit Maria Elisabetha Geyer in Alsfeld. Georg August Hatz, Arbeiter, mit Marie Martha Rink, beide in Gießen. Karl Vellmete, Schlosser, mit Anna Karoline Ida Hellmann, beide in Gießen. 1

Geborene: März 31. Dem Dachdecker Ludwig Schmidt ein Sohn, Otto Hermann. April 1. Dem Maschinenmeister Hermann Lehmann eine Tochter, Ilse Georgine Julie Helene. 2. Dem Steinbruchaufseher Louis Valentin eine Tochter, Erna Margarete. 3. Dem Schreinermeister Ludwig Friedrich Lenz ein Sohn. Dem Pferdehändler Julius Frensdorf eine Tochter, Liesel. 5. Dem Hoboisten und Sergeanten Kurt Karl Gehde

ein Sohn, Kurt Horst. Sterbefälle: April 2. Elisabetha Hirt, 68 Jahre alt,

Licher Straße 74. Wilhelm Benner, Gärtner, 73 Jahre alt,

Am Rodtberg 5. Therese Margarete Mitsch, 4 Wochen alt Licher Straße 39. 3. Margarete Emilie Appel, 2 Monate alt,

Lindengasse 2. Luise Daudt, geb. Vaupel, 81 Jahre alt, In Löbershof 4. 6. Heinrich Viehl, 9 Monate alt, Weiden⸗

gasse 7.

nie 8 bei Cernay ges Hungen. 1 Eheschließungen: April 4. Emil Schäfer, Landwirt und Schneider von Langd, mit Auguste in Hungen. g. I ein 27. Friseur Gottlieb Herbst ein Sohn,

Friedberg.

Eheschließungen: April 3. Hermann Lechens, Bahm⸗ arbeiter in Friedberg, mit Sophie Mirrie Alwine mhauer in Wiesbaden. Ernst Friedrich Jordan, Buchdrucker, mit Juliane 9 beide in N 3 1 5

Geborene: März 31. Dem Taglöhner Johann Konrad Seckinger ein Sohn, Otto August. April 1. Dem kommissarischen Eisenbahn⸗Unterassistenten Wilhelm Braum Elisabeth. 5 0

Sterbefälle: März 31. Georg Friedrich Harnisch, Pri⸗ vatier, 80 Jahre alt. April 3. Christian Wendel aus Bruchen⸗ brücken, 8 9 Kauf I 3 alt.

8 helm N fmann, Jahre alt. Heinrich Nickel, Knecht von Nieder⸗Mörlen, 53 Jahre alt. 2

Oppenrod.

Eheschließungen: April 4. Johannes Haas II., Ar⸗ mierungssoldat aus Oppenrod, mit Anna Jammer aus Heuchelheim.

Sterbefälle: April 2.

84 Jahre alt.

Auguste Crelinger.

(Zu ihrem 50. Todestage, 11. April.) i Am Karfreitig des Jahres 1865 bewegte sich ein riesiger Leichenzug durch die Berliner Friedrichstraße; unendlich schien die Reihe der Wagen, denen der des Königs 2 42 unzählbar die Schar der Leidtragenden, die zu Fuß dem Sarge folgten, der dann unter Klängen Beethovenscher Musik auf dem alten Jerusalemer Kirchhof in die Erde gesenkt wurde. Ganz Berlin begleitete Berlins größte Schauspielerin auf ihrem letzten Gange: am 11. April war Auguste Crelinger gestorben. Unsere Zeit kennt nicht mehr jene schwärmerische Verehrung, die man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Sternen der Bühne entgegenbrachte. wäre es auch dem größten schauspielerischen Genie heute nicht mög⸗ lich, eine solche Stelle im Herzen der Berliner zu erlangen, wie sie die Crelinger besaß. Durch drei Jahrzehnte hin, von 1830 1860, war sie die Schauspielerin schlechthin für das Publikum der preu⸗ ßischen Residenz, und als sie am 4. Mai 1862 den Jubeltag ihrer

50 jährigen Wirksamkeit am Schauspielhaus beging, da war es eine wahre Volksfeier, denn in ihr war ja für Berlin die tragische Muse Ludwig Rellstab, der berühmte Theaterkritiker, dem

sie viel von ihrer Popularität verdankte, hat die Stufen ihres Künstlerlebens einmal nach iNamen bezeichnet:Auguste Düring war die angesehenste Erscheinung, Auguste Stich die ge⸗ feiertste Künstlerin, Auguste Crelinger die größte Tragödin. Als das schlanke, hochgewachsene mit den edlen Zügen und den igen Augen mit 17 Jahren, von Iffland ausgebildet, zum 1 Bühne betrat, da erregte ihre jugendliche Anmut all⸗

e

eines Entzücken. Als Gattin des Schauspielers Stich erwuchs

aus der naiven Schauspielerin zur tragischen, und zwar war

es eine Sensationsaffäre, die die liner Gesellschaft in höchste

Aufregung versetzte und in ihrer Kunst die tiefsten Spuren hinter⸗

ließ. junge Graf Blücher widmete der schönen Künstlerin grö⸗

ssere Aufmerksamkeit, als es dem eifersüchtigen Gatten erlaubt schien. i im

Eeines Abends, da Stich Theater bes. war, läßt ihm die Gterfucht keine ue geadelt den nen f da er vermutet nach Hause, findet hier den schönen Offizier bei seiner

2 Irau, packt ihn und wird von dem Angegriffenen durch mehrere Degenstiche gefährlich verwundet. Obwohl Stich von seinen Wun⸗ den wieder genas, starb er doch kurze Zeit nachher, und das. liner Publikum ergriff nun leidenschaftlich Partei gegen die Künst⸗ lerin, ber es an diesem unglücklichen Zufall Schuld gab. Selbst in d= Tiese ihres Wesens dadurch erschüttert, zum harten Kanrpf mit erzürnten Berlinern 1 deren Gunst sie sich erst lang⸗ ieder errang, reifte Auguste Stich in dieser schweren Schule

8 ßen Tragödin heran, und aus dem einfachen

al das sie bisher auf der Bühne erschien, wurde nun die

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hoheitsvolle Antigone, die edle Iphigenie, die leidenschaftliche Phädra, die alle Gefühle und Qualen einer L Frauenseele in reinster Schönheit darzustellen verstand. Sie heiratete später den Bankier Crelinger und wurde nun zur verklärten Priesterin der dramatischen Kunst, zu der alle mit Ehrfurcht aufblickten. In 372 Rollen ist sie in ihrer Bühnenlaufbahn aufgetreten; von der Jungfrau von Orleans bis zur Lady Macbeth, von Shakespeares Julia bis zur Maria Stuart umfaßte ihr Genie jede Aufgabe mit gleicher Vollendung. Karl Frenzel hat in einem schönen Nachruf ihre Kunst mit dem harmonischen Klasfizismus Schinkels zusammen⸗ 1 und so, als die edelste Verkörperung der Schinkel⸗Zeit. ebt sie in der Erinnerung fort, eine Schauspielerin des schönen

So Gleichmaßes und der erhabenen Form, der durch hellenische Plastik

und romantische Gefühlstiefe geläuterten Biedermeierzeit.

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Berlin, 9. April.(Priv. ⸗Tel.) DieB. Z. am Mittag meldet: Heute früh starb der Entdecker des Diphterfebazillus Prof. Friedrich Löffler. Der Verstorbene war seit zwei Jahren als Nachfolger Gaffkys Leiter des kaiserlichen Instituts für In⸗ fektionskrankheiten.

König Georg von England gegen die Schmäb⸗ bilder auf die Deutschen. Unter dem TitelKultur Cartoons ist in England ein Buch erschienen, das eine Samm- lung von Kriegszeichnungen William Dysons enthält und, kurz gesagt, nichts anderes ist, als eine niedrige und gehässige Bilder⸗ schmähschrist gegen Deutschland. Es versteht sich, daß auch der Kaiser und der Kronprinz in diesen Kulturbildern spotten ihrer selbst und wissen nicht, wie! auf das grimmigste hergenommen werden. Wie nun auf dem Umwege über Amerika bekannt wird, haben diese Schmäh- und Zerrbilder den lebhastesten Unwillen des Königs Georg und der Königin Mary erregt. Zuerst versuchte der König überhaupt die Veröffentlichung von Schmähbildern auf den deutschen Kaiser und den Kronprinzen zu verhindern, und als dies nicht gelang, so drang er mit allem Nachdrucke daraue, daß wenigstens die Sendung dieses Schmähbilderbuches zu den Sol⸗ daten an der Front nicht gestattet werden dürste. Das Kriegsamt sah sich wohl oder übel veranlaßt, auf diesen königlichen

Wunsch einzugehen, und die Verleger mußten eine Mitteilung in]!

diesem Siune veröffentlichen. Dies ehrenwerte Verhalten des Königs Georg bedarf für niemanden einer näheren Erklärung, der in die in Rede stehenden englischen Schmähbilder Einsicht genommen hat, denn sie strotzten derartig von Gehässigkeit und sind überdies so innerlich unwahr, daß sie den Widerwillen jedes gesund empfin- denden Menschen erregen müssen. Auch gibt selbst ein New Yorker

daß seit den Tagen Ludwigs XVI. ein derartiges Maß von Ge- hässigkeit gegen ein fürstliches Haus in der englischen Presse nie mehr zum Vorschein gekommen sei, wie sie die Zeitungen Englands heyte gegen den deutschen Kaiser und seine Familie an den Tog legen. Trotz der Anerkennung dieser Tatsache sucht aber dieses New MPorker Blatt die Erklärung für König Georgs Abneigung gegen das Schmäbbilderbuch Dysons darin, daß er selber zu der⸗ selben Familie gehöre wie Kaiser Wilhelm, und daß er einzig und alleinim Interesse seiner Kaste handele, wenn er der Verbreitung des Buches nach Kräften entgegen wirke. Englands König mag sich bei seinen amerikanischen Freunden und Kriegslieseranten für diese wohlwollende Deutung seines Verhaltens bedanken; wir ziehen es vor, darin den natürlichen und menschlichen Ausdruck seines tiefen Widerwillens gegen die Verleumdungen und Gemeinheiten zu er- blicken, die sich die englische Presse in Bild und Wort täglich gegen unser Volk und gegen den Kaiser zuschulden kommen läßt. Fehlende Arzneimittel in England. In Eng⸗ land herrscht große Knappheit an wichtigen Arzneimitteln, die man bisher aus Deutschland bezog. Das unentbehrlichste dieser Arznei⸗ mittel ist, wie ein Mitarbeiter des British Medical Journal hervor⸗ hebt, Karbolsäure oder Phenol. Phenol wird nicht nur sehr viel ge⸗ braucht, sondern ist auch eine Chemikalie, aus der andere wertvolle Substanzen hergestellt werden, so besonders Salizylsäure, Aspirin und ernige andere Arzneimittel. All diese Dinge kamen aus Deutsch⸗ land, vor Ausbruch des Krieges wurde überhaupt keine Salizyl⸗ säure in England hergestellt. Auch jetzt ist dies den britischen Fabri⸗ kanten noch nicht gelungen, und deshalb wird den Aerzten dringend ans Herz gelegt, besonders mit Aspirin zu sparen und es nur in Füllen von schwerem Rheumatismus zu berabreichen, während In⸗ fluenza, Neuralgien und leichtere Formen von Rheumatismus ohne Aspirin behandelt werden sollen. Besser als mit der Salizylsäuxe steht es mit den Bromverbindungen; auch sie fehlten zunächst in England, werden aber jetzt reichlicher aus Amerika eingeführt. Ein Arzneimittel, das sehr knapp zu werden anfängt, ist das Atropin, das nur in Deutschland hergestellt wird, obwohl die Pflanze, aus der es gewonnen wird, Hyocyamus muticus, in en wächst. Ebenso sind Kokain und Eukain so spärlich gewor⸗ den, daß sie nur in dringlichsten Fällen angewandt werden dürfen. 4 das wie Atropin nur in Deutschland und zwar aus einem in britischen Kolonien wachsenden Material hergestellt wird, ist unerschwinglich teuer geworden. Das gleiche gilt von Phenacetin und Veronal, und 5 ibt zu den schwersten Bedenken Anlaß. Danach scheint es, daß die gländer wie mit dem Versuch, andere deutsche Arzneimittel her⸗

Blatt, der durchaus nitht etwa deutschsreundlicheAmerican, zu,

zustellen, so auch mit der Salvarsanfabrikation gescheitert sind.

eine Tochter, Marie

Friedrich Hahn, Auszügler,

der Mangel an Ehrlichs berühmtem Salvarsan

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