Ausgabe 
(17.3.1915) 64. Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen zeit fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

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General⸗Anzeiger für Gberhessen

. Mittwoch, 17, März 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 51, Schrift

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Aus der 5weiten Kammer der Landstände. f Darmstadt, 16. März.

Die Verhandlungen des erweiterten Finanzausschusses wurden heute vormittag mit der Besprechung der Anträge über die Volks ernährung fortgesetzt. Die Regierung war wieder durch die drei Minister, sowie Staatsrat Dr. Becker, Ministerialräte Höl⸗ zinger Schliephake u. a, vertreten. Die Ausführungen der meisten Redner bezogen sich auf die Beschlagnahmemaßregeln und deren Folgen. Vielfach wurden die Anordnungen kritisiert, die die Verminderung der Viehbestände zum Gegenstand haben. Das Vieh⸗ mästen müsse aufhören, aber man müsse die Viehbestände mit den Inappsten und einfachsten Fütterungsmitteln bis zum Sommer und Herbst durchhalten, anstatt das übermäßige Abschlachten zu be günstigen. Von verschiedenen Seiten wurde das allzu scharfe Vor 8 15 der Polizei gegen diejenigen Landwirte gerügt, die ihre ent⸗ chuldbaren unrichtigen Schätzungsaugaben, über ihre Getreide- bestände nachträglich richtigstellen wollten. Eine Anregung, für die Aussaat von Sommerfrucht in den höheren Lagen des Vogels bergs eine größere durchschnittliche Saatgutmenge zuzulassen, wurde von der Regierung zum Teil als berechtigt anerkannt. Mehrfach wurde die Erwartung ausgesprochen, daß die jetzt gemachten Er ahrungen und die unterdessen ins Leben gerufenen Anstalten dahin ühren möchten, daß nach Beginn des nächsten Erntejahres recht

zeitige und umfassende Maßnahmen zur Sicherung der Volks- f

ernährung getroffen werden, falls wider Verhoffen der Krieg so lange dauern sollte. Die in dem Freitagsbericht bereits bekannt⸗ gegebene Entschließung des Abg. Breidenbach wurde einstimmig angenommen.

Zu dem nächsten Punkt der Tagesordnung: Antrag des Abg. Korell⸗Ingelheim, die Erhöhung des Verpfle⸗ gungssatzes für Einquartierung betreffend, teilte der Minister des Innern mit, daß zunächst die Gemeinden die Mög- lichkeit hätten, zu den allerdings zu geringen Quartierleistungs⸗ sätzen des Reiches Zuschüsse zu leisten. Die Regierung sei bereit, denjenigen Gemeinden zu helfen, die zu diesem Zwecke Darlehen aufnehmen müssen. Die Regierung hat bisher vergeblich ver sucht, beim Bundesrat eine Erhöhung der Verpflegungssätze durch- zusetzen, sie hofft aber, diese Erhöhung mit Rücksicht auf die er⸗ heblich gestiegenen Lebensmittelpreise doch noch zu erreichen. Der Antragsteller begründete seinen Antrag u. a. mit dem Hin⸗ weis darauf, daß ein Ausgleich denjenigen Gemeinden gegenüber von der Gesamtheit geboten ist, die wie Rheinhessen in ganz besonderer Weise von Einquartierungen getroffen werden.

Der Antrag wurde einstimmig angenommen. Im Anschlusse an seinen Antrag sprach der Antragsteller den Wunsch aus, daß

die bereits seit längerer Zeit festgestellten Entschädigungen für Flurschäden im Festungsbereich Mainz nun auch endlich ausgezahlt werden möchten..

Die Anfrage der Abg. Brauer und Genossen, Beurlau⸗ bungen für landwirtschaftliche Arbeiten betreffend, wurde von der Regierung im wesentlichen dahin beantwortet, daß sie als vorzugsweise geeignete Maßnahmen die Beurlaubung eingezogener, landwirtschaftlich geschulter Mannschasten und die Ueberweisung von Kriegsgefangenen zu diesem Zweck ansehe, und im diesem Sinne bei dem stell vertretenden Kommando des 18. Ar⸗ meekorps vorstellig geworden sei. Dieses hat in Bezug auf die Beurlaubungen angeordnet, daß zum Zweck der Frühjahrsbestel⸗ lung den nur garnisonsdienstfähigen Mannschaften Urlaub in der Zeit vom 8. Mrz bis 30. abril insoweit zu gewähren ser, als die mtlitärischen Interessen dies zrlassen. Die Urlaubsgesuche sind bei den Ortspolizeibehörden einzureichen. Das stellvertretende Generalkommando hat sich weiter bereit erklärt, den Gemeinden auf Ansuchen Kriegsgefangene zu überweisen. Diese wür⸗ den etwa in Kolonnen von 15 bis 20 Mann unter einem Begleit⸗ kommando von etwa 3 Mann zur Verfügung gestellt. Da die Kolonnen mir unter Aurfsicht arbeiten können, so müßten einzelne Teile der Gemarkung zusammengefaßt und einheitliche Arbeits⸗ pläne aufgestellt werden. Vielleicht könnten mehrere Gemeinden für diesen Zweck zusammengestellt werden. Die Abgabe von Ge⸗ fangenen würde unter folgenden Bedingungen stattfinden; die Gemeinde hat: g

a) Die Kosten des Transports der Gefangenen auf Arbeiter⸗ en zu tragen; a b) für ordnungsmäßige Unterbringung der Kolonne und der chmannschaften zu sorgen, sowie die Kosten für Unter⸗ kunft und Verpflegung zu übernehmen;

c) insoweit erforderlich, weitere Wachmannschaften aus der Be⸗ völkerung auf Ansuchen des Führers des Begleitkomman⸗ dos zu stellen:

d) die Zulagen für die Wachmaunschaften und die Abfindung für die Gefangenen mit je 50 Pfennige pro Kopf und Tag zu tragen.

Gesuche um Ueberlassung von Gefangenen sind durch Ver- mittlung der unteren Verwaltungsbehörden direkt an das stellver⸗ tretende Generalkommando zu richten. Die Regierung teilt noch eine Reihe kleinerer Maßnahmen mit, die zur Behebung der Ar- beiternot beitragen könnten, wie z. B. die Beurlaubung von Schülern.

Nach kurzer Besprechung wurde zu dem Antrag des Abg. Eißnert, Erlaß eines Kriegsnotgesetzes, die Ver⸗ hinderung des Zusammenbruchs der mit Hypo⸗ theken belasteten Hausbesitzer betreffend, überge⸗ gangen. Die Regierung verspricht sich mehr von der Tätigkeit von Einigungsämtern, deren Schaffung sie bei den Gemeinden an geregt habe. Durch die Vorschriften, die der Bundesrat hierüber erlassen hat, ist die Grundlage für eine ausreichende Abhilfe ge schaffen. Die Regierung ist nicht in der Lage, im Sinne des An⸗ trags Eißnert beim Bundesrat vorstellig zu werden.

Der Autragsteller erläutert seinen Antrag und weist auf die schwierige Lage derjenigen Hausbesitzer hin, die große Mietaus⸗ älle zu erleiden haben; hier könnten die Banken durch Zins⸗ nachlaß Zusammenbrüche verhüten. Von der Regierung wird gegen den Antrag geltend gemacht, daß ein etwaiges Gesetz nicht nur für die Hypothekenbanken, sondern auch für die privaten Hypo⸗ thekengläubiger gelten müsse, bei letzteren aber wohl unerwünschte Folgen zeitige. Ueberdies sei die Sache juristisch nicht zu formu⸗ lieren. Bezeichnend sei, daß die Vertreter des Hausbesitzerstandes selbst einen derartigen gesetzgeberischen Eingriff ablehnen. Auch hätten sich die Verhältnisse in erfreulicher Weise gebessert, wie aus dem Bericht der hessischen Landeshypothekenbank hervorgeht.

Die Verhandlungen wurden auf Mittwoch 9 Uhr vertagt.

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Zeichnet die Kriegsanleihel!

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Stijn Streuvels' Loblied des deutschen Offiziers.

Daß man im Herzen ein guter Belgier sein und dennoch dem Landesfeinde volle Gerechtigkeit widerfahren lassen kann, zeigt ein neuer Abschnitt des Kriegstagebuches des plämischen, Dichters Stijn Streuvels. Stijn Streuvels hat im November deutsche Offiziere bei sich im Quartier gehabt, und das Bild, das er von ihnen entwirft, mutet wie ein förmliches Loblied an. Als sie sich in ihrem Quartiere vorstellten, wurde alles aufs höflichste geregelt; das Wohnzimmer der Dichterwohnung gefiel den Offizieren besonders, und nachdem sie sich in den ihnen an⸗ gewiesenen Räumen gereinigt und erfrischt hatten, kamen sie alle in das Wohhnzummer, wo sich bald eine gemütliche Unter⸗ haltung zwischen dem Dichter und seinen ungebetenen Gästen entspann, die noch vertraulicher wurde, als die deutschen Offiziere erfuhren, daß Streuvels auch Deutsch könne.Beim ä merkte ich so schreiht Streuvels daß es f. und vor alfem smmparhifche n tun hatte. Streupets gesteht dann, wie er hatte, auf welche Weise er sich zu deutscher

quartierung bei der geringsten Unfreundlichkeit das Feld zu räu⸗ men, und bekennt, daß er von der vorgeahnten Abneigung durch⸗ aus nichts verspitrte; im Gegenteil, der Eindruck war gut:Es wurde nicht aufdringliche Zuvorkommenheit gezeigt, man bekam leine gemachte Höflichkeit zu sehen man bekam das Gefühl, Leute im Hause zu haben, die einen als seinesgleichen nehmen, niemandem lästig fallen wollen und sehr zufrieden sind, wenn sie etwas häusliche Geselligkeit genießen können. Bei keinem Worte, keiner Bewegung merkt man, daß sie fordern, was sie genießen, oder daß der Gastgeber gezwungen ist, sie gut zu empfangen; im Gegenteil: sie zeigen sich zuvorkommend und dankbar bei allem, was sie brauchen.

Streupvels wollte die Offiziere allein lassen, allein der Haupt⸗ mann bat ihn zu Tische und fragte, ob er den Kaffee an Streuvels Arbeitsplatz an dem großen Fenster bekommen könnte, um die schöne Aussicht zu genießen.Wir sprachen über Reisen, über deutsche Städte und Museen, über Kunst, aber nicht über den Krieg... Beim Gespräch bemerkte ich, daß sie sowohl hinsicht⸗ lich der deutschen wie der französischen Literatur gut auf der Höhe waren. Der Oberarzt hatte sogar einige Jahre in Paris studiert. Gierig fallen sie über meine Bibliothek her und suchen sich jeder etwas nach seinem Geschmack heraus, was sie zum Lesen im Bett mitnehmen möchten. Abends gehen wir wieder ins Wohnzimmer zum Essen, und jetzt entdecken sie das Klavier; es stellt sich heraus, daß zwei gute Musiker unter ihnen sind, die gern musizieren wollen. Nach dem Essen gleicht der Raum einem Offiziersklub, wo jeder tut, wozu er Lust hat. Es wird geraucht, geplaudert, Klavier gespielt, bis spät in den Abend Daß bei den deutschen Soldaten kein Mißtrauen mehr besteht und daß nicht mehr mit Erschießen gedroht wird, kann ich bezeugen, denn bei ihren Mänteln und Helmen am Kleiderhaken hängen auch ihre Säbel und Repolver, und so wird mir überlassen, oh ich sie nachts mit ihren eigenen Waffen ermorden will. Für Menschen, die behaupten, gesehen zu haben, wie in Viss und Löwen die Bürger auf die Soldaten schossen, ist solches Vertrauen noch ziemlich gewagt! An den beiden Hoftoren steht jedoch eine Wache Unrecht wird also von außen erwartet, nicht von innen. Es ist das erstemal, daß meiner Wohnung die militärische Ehre zufällt, so bewacht zu werden, und ich kann mich nachts aufs Ohr legen mir wird nichts geschehen. Für das erste Mal, daß ich deutsche Soldaten im Hause habe, darf ich mich nicht beklagen: ich hatte Schlimmeres erwartet und sehe mich tatsächlich zu ihren Gunsten getäuscht. Ich habe kein einziges grobes Wort gehört, nicht einmal ein zweideutiges. Sie betragen sich frisch und lustig, aber nicht ausgelassen, essen und trinken gut, doch nicht im Uebermaß, und der Hauptmaun hatte die höfliche Angewohnheit, jedesmal, wenn er sein Glas hebt, lächelnd und mit einer leichten Verbeugung den Gastgeber zu begrüßen. Sie nehmen alles in acht, um den Schein zu wahren, daß sie Freunde seien, die eine angebotene Gastfreundschaft genießen, sie setzen nirgends ihren Fuß hin und legen an nichts Hand, ohne um Erlaubmis zu Rae a

In der Nacht geschieht nichts Besonderes. Am frühen Morgen ist jedoch das Haus voller Bewegung: die Burschen sind schon eifrig dabei, die Sachen ihrer Herren zu reinigen. Ich sehe da⸗ bei, wie besorgt und hingebend die Burschen die Sachen ihrer Offi⸗ ziere behandeln keine Frau, kein Dienstmädchen könnte so be⸗ hend und einsichtig für einen Mann sorgen.. Vormittags der Adjutant, um nachzusehen, was es zu Tisch geben wird. Ich erzähle ihm, daß meine Vorräte für eine ganze Woche gestern verbraucht sind, er geht selbst ins Dorf zu den Proviantwagen, wo er alles Nötige mitbringt, und ich werde genötigt, an meinem eigenen Tische ihre Kriegskost zu teilen mur den Wein muß ich liefern

Dies ist nun meine erste Begegnung mit deutschem Militär, und diese erste B ng hat mich über vieles beruhigt; das find mum 6, 7 von deren Dasein ich ern noch nichts wußte, und unm find sie mit Aussehen, Tonfall. Ausdruck, Cha⸗ rakter und Wesen für immer in meinem Gedächtnis abgebildet. Es sind überdies Feinde des Vaterlandes; sie sind ungebeten ge⸗ ommen, zu essen und ein Obdach, und bei der ersten r d a nde 175

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ziere haben auf nrich gewirkt, durch Zufall zusammenkommt, mit denen man freund kehrt, weil sie wohlerzogene Menschen sind, mit denen reden läßt; man unterhält die Freundschaft als wohlerzogener Mensch. weil man Achtung voreinander fühlt und man sich durch Gesprüche über wichtige Dinge angenehm die Zeit verkürzen kann.. Unter den U Unrständen sind mir die 6 Offiziere 1 als 100 meiner Mitbürger hier im Dorfe, obwohl jene noch so meine Feinde, diese meine Freunde sind. Ich will nicht untersuchen⸗ ob das so sein muß, ich stelle nur das Gefühlsmäßige fest und füge hinzu: daß ich nicht sicher weiß, ob unter den gleichen Ur- ständen eine Begegnung mit Franzosen oder Engländern 0 Befriedigung und einen so guten Eindruck hinterlassen 25

Kriegsfrömmigkeit im Alten Testament. Von Professor Dr. Hermann Gunkel in Gießen.

(Das WortKriegsfrömmigkeit wird den modernen Leser vielleicht befremden. Haben Krieg und Frömmig⸗ keit, so wird er fragen, überhaupt etwas miteinander zu tun? Und wirklich wird im Neuen Testamente, allein von der Offenbarung Johannis abgesehen, beides kaum in Beziehung zueinander gesetzt. Daher ist es begreiflich, 8 unsere Predi in diesen Monaten, wo unser Volk in den serchtbarssen der Kriege gerissen ist, von neu⸗ testamentlichen Texten absehen und sich lieber zum Alten Testamente wenden. Denn dieses hallt allerdings fast auf jedem seiner Blätter von Kriegsgeschrei wieder; und hier haben wirklich Krieg und Religion den engsten Bund 0 ssen. So erhebt sich für den Forscher gerade in unserer Zeit die Aufgabe, die alttestamentliche Kriegs⸗ frömmigkeit darzustellen. Eine solche Schilderung aber kann in diesen Tagen zugleich einen Wert für das Leben gewinnen: sie kann die Gegenwärtigen warnen, nicht

7 solche Gedanken des Alten Testamentes zu wiederholen, die

inst in der Eigenart der antiken Religion begründet, in ibrer weiteren Geschichte dahingefallen sind, aber von sol zu lernen, denen ewige Dauer innewohnt. Dieser Au unterzieht sich Professor Gunkel⸗ Gießen, der wohl dazu Berufenste, in dem soeben erschienenen Märzheft der Internationalen Monatsschrift für Wissenschaft, Kunst und Technik. Die Red.)

sahve zurückwandte. Die kriti g bisher für ungeschichtlich halten wollen; wir sind anderer Ve a gro im unseres eigenen es mit Freren erlebt Haben und noch zunmer welter gewubven, 2 wir, eine solche Bekehrung erst recht zu verstehen: im mochte Israel dem fremden Gott und seinen Friedens⸗ werken anheimfallen, in der Bedrängnis erinnert es sich des

kriegerischen Jahwe

Jahves Nähe aber erlebt man, wenn man etwa in den Tagen vor der Schlacht den Sturm in den Wipfeln der Bäume rauschen hört: in solchem Rauschen glaubt man, ein geisterhaftesEin⸗ herschreiten zu vernehmen, und ist überzeugt: jetzt zieht der Gott selber in den Lüften seinem Volke zu Hilfe. Der Debora⸗ schlacht muß ein gewaltiges Unwetter vorausgegangen sein, in dem Israel seines Gottes Herrlichkeit mit Jauchzen erkannte:

Jahve, als du aus Seir zogst, schrittest aus Edoms Gefilde, da bebte die Erde, die Himmel troffen, die Wolken troffen Wasser, Berge wankten vor Jahve, vor Jahve, Israels Gott! Dann aber, so ist man überzeugt, stürzt sich Jahve mit all seinen Wundern auf das feindliche Heer: das Meer erhebt sich wider sie, so daß sie trinken müssen; gewaltige Hagelsteine läßt der Gott vom Himmel fallen; oder er geht des Nachts im Lager um und tötet alles mit seiner Pest; oder er sendet plötzliches Ent⸗ setzen, einenGottesschrecken, daß sich die Feinde zur Flucht wenden. Er läßt sie ein Getöse von Rossen und Wagen hören, oder er gibt ihrem Führer eine geheime Kunde ein, die ihn in die Heimat zurücktreibt. In besonders alten Erzählungen und Liedern klingt dabei der Gedanke durch, daß Israel zwar seinen. Gegnern an Mitteln der Kultur unterlegen sein mag, daß es aber einen Gott besitzt, der über die Natur gebietet und dadurch alle feindliche Rüstung zuschanden macht. So singt das Miriam⸗Lied: Singet Jahve, denn hoch erhob er sich: Roß und Reiter schoß er ins Meer. Ja, Israels Glaube hat sogar die himmlischen Gestirne be⸗ schworen. Als in der Entscheidungsschlacht von Gibeon die Ka⸗ naancer den Israeliten in der Falle saßen, da erscholl die Stimme im Volke: jetzt nur ein langer Tag, länger als je Tage gewesen sind, und sie müssen uns erliegen! Da sang Israels Führer das Zauberlied: 4 5 Du Sonne, steh still zu Gibeon, Du Mond, im Tale Ajjalon! Und fubeind fügt der Dichter hinzu: Da stand die Sonne, der Mond blieb stehn, 82 in nne Aiehe Aelgenlgen Fracds, die Fir lo gesckwert 0 e igion Israels, die wir so haben. Doch dies wilfssen wir, um keine einseitige ung hervorzurufen, noch hinzufügen, daß solche kriegerischen Stimmun⸗ gen nur die eine Seite der Religion des alten Israel ausmachen, und zugleich, daß die Wildheit und Furchtbarkeit der Kriegsreligion Israels sich bereits in der älteren Zeit teilweise ermäßigt hat, wenn sie auch freilich bei Gelegenheiten immer wieder hervor⸗ gebrochen ist. 0

Die alte Kriegsreligion Israels ist dem Untergang bestimmt, als sich seit Mitte des achten Jahrhunderts die politischen Ver⸗ hätlnisse des Volkes entscheidend verändern. Es eutsteht eine neue höhere Kriegsreligion. Jahve ist nicht mehr nur der Schl

lenker Israels: Er ist der Kriegsherr der Welt auch gegen Israel! In jedem Kriegsbrand offenbart sich Gott. Einst hatte es geheißen: g 4 5 Geheiligt war Israel Jahve, seine Erstlingsernte; g alle, die davon aßen, mußten es büßen, 8 Unheil kam über sie! 5 5

0Das Volk steht auf wie eine Löwin. und erhebt sich wie ein Leu: 3 8 4

nicht legt sich's nieder, bis es Raub verzehrt und Blut der Getöteten getrunken! Jahve, sein Gott, ist mit ihm, und Königsjauchzen wird unter ihm laut! Jetzt aber heißt es, daß Jahve Assur entsandt hat gegen Israel! Gegen eine ruchlose Nation entsandt ich ihn, gegen das Volk meines Grimms entbot ich ihn, um Beute zu beuten und Raub zu rauben, und es zu zertreten wie Gassenkot! Und die Propheten haben nicht gezaudert, die letzte 2 daraus zu ziehen und hinzuzufügen: jetzt ist Israels letzte Stunde

gekommen! Sie haben Israel im voraus das Leichenlied gesungen. So haben denn die Propheten auch der Weltmacht den rz ver⸗

kündet. Noch einmal muß sich Jahve als Kriegsgott aufmachen, nunmehr aber nicht gegen Israel, sondern wie einst in alter Zeit gegen Israels Feind! N

Wie ich's erdacht, so soll's geschehen, a

wie ich's beschlossen, so konunt's zustande: 5

Assur zu zerbrechen in meinem Lande,

auf meinen Bergen will ich ihn zertreten. 7 Dann weicht von ihnen mein Joch, 0 und seine Last von ihrer Schulter. 1

Das ist der Ratschluß, der über die Erde beschlossen, das ist der Arm, der über die Völker ausgereckt. Denn Jahve hat's beschlossen, wer kann es vereiteln? Sein Arn ist ausgestreckt, wer schlägt ihn zurück? Und zu dieser neuen Kriegsreligion gehört als Frönung und W schluß auch der Gedanke des ewigen Friedens. Friede zunächst in Israel, wenn der neue König aus dem alten Hause, das frische Reis aus Isais Wurzelstumpf, in Jahves Weisheit regiert, die Geringen mit Gerechtigkeit richtet und den Frevler schlögt mit dem Stabe seines Mundes: denn so ist die Ueberzeugung des Pro- pheten die Grundlage des inneren Friedens ist die soziale Ge⸗ 2 Friede zugleich für die ganze Welt, wenn die Völker der Welt sich einträchtig sammeln, um dem wahren Gott und seinem Schiedsspruch zu gehorchen. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um, ihre Spieße zu Winzerstangen.. Kein Volk erhebt gegen das andere das Schwert, und sie lernen nicht mehr den Krieg!

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