Ausgabe 
(6.3.1915) 55. Zweites Blatt
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Ut. 55 Sbweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSleßener Familtendlätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

105. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Samstag, 0. März 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S5, Schxist

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Das hessische Finanzgesetz für 1015.

rb. Darmstadt, 5. März.

In dem von der Regierung den Landständen überreich ten Finanzgesetz, in welchem angeordnet wird, daß sich das Budget und das Finanzgesetz vom Jahre 1914 ein⸗ schließlich der Abänderungen in der Kriegstagung vom Dezember v. J. auch auf das Etatsjahr 1915 erstrecken soll, führt die Regierung zur Begründung dieser vorge schlagenen Maßnahme aus:

Wie bekannt, ließen es die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Herbst v. J. nicht zu, einen Hauptvoranschlag für 1915 aufzustellen und den Landständen vorzulegen. Es wurden nur der Regierung auf Erfordern zur Steuerung etwa ein- tretender Arbeitslosigkeit einstweilen einmalige Beträge für bauliche und dergleichen Herstellungen zu Lasten des Jahres 1915 zur Verfügung gestellt. Seitdem haben sich die Verhältnisse nicht wesentlich geändert. Auch heute ist es nicht möglich, einen Haupt⸗ voranschlag für 1915 mit nur annähernd zutreffenden Ziffern aufzustellen. Insbesondere gilt dies für die Einnahmen und hier gerade am meisten für die größeren Posten, als: Direkte Steuern, Eisenbahnüberschüsse, Stempel, Gerichtsgebühren, die Bad⸗Nau⸗ heimer Einnahmen, Unterrichtsgelder der Hochschule usw. Es fehlen bier zurzeit alle Anhaltspunkte, den voraussichtlichen Ertrag zu schätzen, Unter diesen Umständen hält es die Regierung für am empfehlenswertesten, von der Aufstellung eines Hauptvoranschlags für 1915 ganz abzusehen und dafür das Finanzgesetz nebst Haupt⸗ voranschlag für 1914 auf das Voranschlagsjahr 1915 zu erstrecken. Beide, Finanzgesetz und Hauptvoranschlag, wären nur da zu ändern und zu ergänzen, wo dies unerläßlich ist. Der vorliegende Gesetz⸗ entwurf soll die Erstarkung ermöglichen.

In einer kurzen Begründung der einzelnen Artikel der Vorlage werden die schon gestern mitgeteilten Anforde rungen näher aufgeführt, die im ganzen eine Summe von 14 528 200 Mark ergeben, um die sich also die hessische Staatsschuld demnächst' erhöhen wird. Nachdem sodann darauf hingewiesen wird, daß sich die voraussichtlichen Er gebnisse des Voranschlagsjahres 1914 auch zurzeit nur schwer übersehen lassen, macht der Finanzminister über die gegenwärtige Finanzlage und deren Ge⸗ staltung in der nächsten Zukunft folgende sehr bemerkenswerte Ausführungen: j

Unser im Ausgleichs- und Tilgungsfonds gebundener Anteil am Ueberschuß der Eisenbahngemeinschaft wird im laufenden Jahr einen erheblichen Ausfall aufweisen. Infolgedessen wird eine Til⸗ gung aus Eisenbahneinnahmen ausfallen müssen und es wird nötig sein, den Fonds außer zur gesetzlichen Abgabe von 2000 000 Mark an die laufende Verwaltung auch zur Deckung de Schuldzinsen und der öffentlichen Abgaben vom Eisenbahnbesitz 3 Wenn auch das hier in Betracht kommende Gesetz vom 17. Juli 1912 über die Tilgung der Staatsschuld eine Vor⸗ schrift über die Frage nicht enthält, woher im Falle des Zurück⸗ bleibens der Eisenbahneinnahmen hinter dem Erfordernis für die Verzinsung der Staatsschuld und für die öffentlichen Abgaben vom Eisenbahnbesitz die Mittel zur Deckung des Fehlbetrags zu nehmen sind, so muß doch nach dem Geist des Gesetzes und seinem Aufbau angenommen werden, daß für diese Entnahme nur der Aus⸗ gleichs⸗ und Tilgungsfonds in Betracht kommen kann. Gibt aber der Fonds hierzu die Mittel her, so wird er Ende 1914 bis auf einen verhältnismäßig geringen Betrag aufgebraucht sein. Bei den übrigen Einnahmen und Aus⸗ gaben entsteht an sich schon durch die Erhöhung der Beamten⸗ gehalte usw. ein Fehlbetrag, der gesetzlicher Vorschrift gemäß den Restefonds J und II zur Last fällt. Er wird sich infolge des Krieges, insbesondere durch Einnahmeausfälle, erheblich steigern, also die Bestände beider Fonds stark vermindern.

Unter diesen Umständen muß unbedingt für eine weitere Ver⸗ stärkung des Betriebskapitals der Hauptstaatskasse im Jahre 1915 gesorgt werden. Wurde doch schon bei den Beratungen der Gehalts- vorlage, also lange vor Ausbruch des Krieges, festgestellt, daß das Jahr 1915 erheblich schlechter abschließen wird als das Jahr 1914.

Gießener Stadttheater.

Wohltätige Frauen. a Lustspiel von Adolf L' Arronge.

Das war in den letzten Tagen ein mächtiger Betrieb im Hause des Majors von Rodeck, bei dem fast kein Stein auf dem anderen blieb. Da wurde man zunächst Zeuge einer äußerst lehrreichen Auseinandersetzung zwischen dem Major und seiner Schwester, die unter dem sicheren Dach des Bruders mit viel Krepp und sonstigen Insignien die trauernde Witwe agiert und im übrigen eine wahrhaft zügellose Wohltätigkeit entfaltet. Diese Eigenschaft feiert allerdings bei ihr und ihren Freundinnen ihre Triumphe vornehmlich in teeversüßten Komiteesitzungen und Basaren für das asiatische Rußland und lebenden Bildern für die Säuglinge in Aequatorial⸗Afrika, denen man die ganzen Gesellschafts coben der letzten Saison schickt, während sie vor Speicher⸗ wohnungen und Kellertreppen es riecht so nach armen Leuten dort eine unüberwindliche Abneigung hat. Da ist ferner ein fader Don Juan von Assessor, der abwechselnd verheirateten Frauen und des Majors Gouvernante den Hof macht, um ebenso abwechselnd abzufallen, da ist ein Turteltaubenehepaar, bestehend aus dem Diener des Majors und einer allerliebsten kleinen Plau⸗ dertasche; der Major hat einmal einen für den Diener bestimmten Bajonettstich geschickterweise mit seinem eigenen Bein aufge⸗ fangen, und so wird die treue Dienerseele zwischen der Anhänglich⸗ keit an den prächti Herrn und dem nicht minder lobenswerten Gefühl für seine Ehehälste in einer höchst rührsamen Art hin⸗ und hergezerrt. Weiter finden sich im Hause des Majors zwecks einer Komiteesitzung eine ganze Reihe von Sportswohltäterinnen und Vereinsmeiern zusammen; da wird des Majors Schlafzimmer ausgeräumt und in eine Garderobe verwandelt, und dem Heim⸗ kehrenden erscheint der Segen eigener Häuslichkeit in einem höchst zweifelhaften Lichte; im Gartensaal probt man mit Speer und Flügelhelm lebende Bilder; wir hören allerhand befremdliche Maximen über den Zweck der Nächstenliebe, der bei diesen wohl⸗ tätigen Frauen in einer möglichsten Glanz auf sie werfenden Basar⸗ herrlichkeit und einem ausgedehnten Listenführen besteht und folge⸗ richtig zu einer krassen Ignoranz gegenüber abgerissenen Westen⸗ knöpfen der p. t. Ehegatten, dem heimischen Kochtopf und den For⸗ derungen einer gedeihlichen Kindererziehung führt. Wie gesagt, es ist ein mächtiger Betrieb und ein nicht abreißendes, vergnügliches oder auch angenehme Entrüstung erregendes Durcheinander von wohlwollend ad absurdum geführten menschlichen Schwächen. Es wird nicht lichter durch ein Allerweltsfaktotum von Haus⸗ und Vereinsdiener, dem der frühere Paukenschlägerberuf als passendste Bekräftigung für Gefühlsäußerungen aller Art die Interjektion Bumm!. Dann aber kommt der verständige alte Herr L'Arronge, führt mit beneidenswertem Geschick ein Pärchen nach dem andern vor einen rosenumblühten Gartensaal, und läßt teils vom Major, teils von der Stimme der diesbezüglichen eigenen Jerzen verständige, hausbackene Worte sprechen, und das Resultat ist dußerst erfreulich, wofür zum s nur angeführt sei, daß . titel Reklame ⸗Wohltäterin r gelau⸗

e Arme des ihr angetrauten biederen L brikanten

1 233 5 2 f

Da nun überdies der Krieg noch in das Jahr 1915 hinein dauern wird, so muß damit gerechnet werden, daß sich der Fehl⸗ betrag 1915 so erhöht, daß schon nach einiger Zeit die Rest⸗ bestände des Fonds aufgezehrt sein werden. Welcher Betrag flüssig zu machen ist, läßt sich jetzt noch nicht sagen. Es wird deshalb der Regierung allgemein überlassen werden müssen, sich zur geeigneten Zeit den zur Bestreitung der Staatsausgaben etwa fehlenden Betrag auf dem Wege der Inanspruchnahme des Staatskredits zu beschaffen, Ueber die Tilgung der so entstehenden Staatsschuld wird später Entschluß zu fassen sein.

Die Neuanforderungen des Staates für das Etatsjahr 1915 beschränken sich natürlich auf das geringste Maß. Es werden nur für Baukosten beim Kapitel Weinbaudomäne 21250 Mark und beim Etat des Ministeriums des Innern für Veränderungen am Kesselhaus der Landesuniversität Gießen 41200 Mk. im ordentlichen Etat angefordert. Int Vermögensteil des Etats erfordert, wie schon erwähnt, das Kapitel Staatseisenbahnen eine Gesamtaus⸗ gabe von 5 732000 Mk., eine Summe, die sich seit Jahren stets auf ungefähr der gleichen Höhe hält. Die einzelnen Forderungen sind: für Erweiterungen: des Bahnhofs Als- feld, sechste Rate 150000 Mk., des Bahnhofs Baben⸗ hausen, fünfte Rate 150000 Mk., des Bahnhofs Nie- der⸗Ohmen, dritte Rate 100 000 Mk., des Bahnhofs Oberroden, zweite Rate 100 000 Mk., des Bahnhofs Schotten, zweite Rate 50000 Mk., des Bahnhofs Hei⸗ desheim, zweite Rate 50000 Mk. Für Erweiterung der Gleisanlagen auf Bahnhof Alzey, zweite Rate 600 000 Mark, für Herstellung eines Ausziehgleises auf Bahnhof Monsheim, zweite Rate 50000 Mk., für Herstellung einer weiteren Zufahrt mit Drehscheibe zu dem Lokomotiv⸗ schuppen auf dem Hauptbahnhof Mainz als letzte Rate 48 000 Mk. Der Anteil Hessens an den Kosten für die Erweiterung des Bahnhofs Friedberg stellt sich für 1915 auf 100 000 Mk., die Gesamtkosten betragen 6 950000 Mk., wovon auf Hessen 9,4, Proz. entfallen. Der Anteil Hessens an der Erweiterung des Bahnhofs Fulda beträgt als füufte Rate 120000 Mk., der Anteil an den Kosten für die Erweiterung des Hauptbahnhofs Offen- bach als vierte Rate 200000 Mk. Die Gesamtkosten dafür sind auf 6 890 000 Mk. veranschlagt, von denen auf Hessen 543 000 Mk. entfallen. Weiter werden hier noch angefordert: Für Herstellung von Schneeschutzanlagen 14000 Mk., zur Beschaffung von Fahrzeugen für die bereits bestehenden Staatseisenbahnen 3 700 000 Mk. und endlich als Disposi⸗ tionsfonds 300 000 Mk. Bezüglich der Umgestaltung der Bahnhofsamlagen in Darmstadt will die Regie⸗ rung ermächtigt sein, die durch den Bau des Amtsgerichts⸗ 5 5 entstehenden Kosten im Anschlag von 250 000

ark vorlagsweise zu verausgaben und später aus dem Erlös der ihr von der Eisenbahngemeinschaft zu über⸗ weisenden Grundstücke zu decken, sowie ferner aus den Ersparnissen bei Baufonds 9 der Bahn⸗ hofsanlagen zu Darmstadt 440 000 zum Bau eines Gütergleises von Kranichstein nach der Odenwaldstrecke Darmstadt⸗Nord und Darmstadt⸗Ost zu verwenden.

Börsen⸗ Wochenbericht. Frankfurt a. M., 6. März.

Das Verbot des Bundesrats über die Veröffentlichung und Weitergabe von Wertpapierpreisen hat den freien Verkehr der Börse empfindlich betroffen. Seit dem Inkrafttreten des Verbots herrscht im Handel große Unsicherheit, eine bestimmte Richtung läßt sich nur schwer ermitteln und die Unternehmungs⸗ lust hält sich in engen Grenzen. In dieser Woche entwickelte sich nur in Anlagewerten ein reges Geschäft, welches sich nicht nur auf die fünfprozentige Kriegsanleihe beschränkte, son⸗

und an den Küchenherd zurückkehrt, daß das Dienerehepaar die zu seinem Ehestand nötige freie Zeit erhält, und daß der Major trotz seiner lahmen Beine als Lohn für seine charaktervollen Ansichten vom Leben im allgemeinen und vom Wohltun im besonderen die 16 Gouvernante zur Braut bekommt. Denn die wahr⸗ haft wohltätige Frau treibe sich nicht in Ausschußsitzun⸗ gen und bei lebenden Bildern herum, sondern sorge dafür, daß der Mann abends nicht allein bei kaltem Aufschnitt über das Problem seiner ehelichen Verlassenheit zu seufzen braucht, und helfe ihren Kindern bei den Schularbeiten, damit sie nicht in einem vom Hausdiener inspirierten Aufsatz behaupten, der alte Fritz habe mit 60 000 Mann hinter einem Eichbusch versteckter Infanterie im Jahre 1813 die Schlacht bei Collin gewonnen. Bumm!

Es ist wahrhaft herzerquickend, wie L'Arronge aus einer Ueberfülle von Personen und Situationen immer wieder lächelnd emportaucht, um denen, auf die er es abgesehn hat, den Spiegel vorzuhalten, der aber immer als zu klein erscheint, als daß sich dahinter die Schellenkappe des Schalks verstecken könnte. L' Arronges Rute hat zarte, rosa Bändchen; wie ein wohlwollender Präzeptor sitzt er auf einem soliden Katheder und droht erst mit unterdrücktem Lachen über die verdrehten Zwickel von Schülern mit dem Finger, ehe er zu diesem Attribut seines Berufes greift. Rein bühnen⸗ technisch betrachtet erscheint es bewundernswert, wie er nie die Fäden des an allen Ecken und Kanten angeknüpften Gewebes aus der Hand verliert, sondern sie mit einer wahren Virtuosität in dem Gewirr von bunten Knäueln immer und immer wieder auffindet, bis er sie endlich mit einem kühnen Griff zu einem festen Knoten zusammendreht.

Unsere Künstler gaben dem unterhaltsamen Stücke unter Otto Conradis Regie ein munteres, stets in den Grenzen des Wahr⸗ scheinlichen bleibendes Leben. Der harmlos an der Oberfläche plätschernde Sprechton, der durch das Ganze geht, war wieder einmal ausgezeichnet und mit viel farbigen, glücklichen Einzel⸗ heiten getroffen So wurde die Anteilnahme des Publikums in einem Grade festgehalten, wie wir es uns in der Saison kaum je stärker gesehen zu haben erinnern, und des verständnisvollen Beifalls setzte es bei jedem Aktschluß ein reichliches Maß. Auguste Frenzel war eine Geheimrätin, die mit ihrer würdigen In⸗ dolenz und hochgezogenen Augenbrauen auch minder nervöse Herren als den brüderlichen Major in Verzweiflung bringen konnte. Paul Schubert stand seiner Aufgabe als eben dieser mit einer hin⸗ reichend kernhaften Haltung, aber nicht mit derjenigen i gegenüber, die dem geradlinigen Gemüts⸗Soldaten immer den Vorwurf einer gewissen Steifleinigreit hätte ersparen können. Ganz

hervorragend machte sich Rudolf Goll um die Stimmung ver⸗ Erst

dient, der in der Rolle des mit allen Wassern gewaschenen Vereins⸗ faktotums in witzigen Einfällen und deren körperlicher Bekräf⸗ tigung unerschöpflich war. Dem Salonlöwen von Assessor lieh Carl Rotte ck die rechten, ölglatten Bonvivanttöne, Frau Son n⸗ tag⸗ Blume ließ als Frau mit dem titelbedürftigen Namen Möysel die Umwandlung von der öffentlichen in die häusliche Wohl⸗ tätigkeit hübsch empfinden, und Marta Schild war eine liebens⸗ werte, aber auch energisch ihren Standpunkt wahrende Erzieherin. Hansi Martini und Maximilian Heß sorgten als Diener⸗Ehe⸗

dern auch auf die älteren, niedriger verzinslichen Staatsan⸗ leihen erstreckte. Anregung auf diesem Gebiete gaben die großen Zeichnungen, die bereits auf die neue Kriegsanleihe ein⸗ gegangen sind. Als eine gute Vorbedingung für den Erfolg der zweiten Kriegsanleihe kann es angesehen werden, daß die Fest⸗ setzung des Zeichnungskurses auf 98¼ Prozent unsere Kapitalisten nicht verleitet hat, größere spekulative Abgaben in den älteren Kriegsanleihen vorzunehmen. In dieser disziplinierten Haltung der Kapitalisten spricht sich die erfreuliche Tatsache aus, daß das ganze Volk einig ist in dem Bestreben, das Reich auch finanziell so wehrhaft zu machen, daß unserer Feinde Bemühungen, uns mürbe zu machen, an dem Opferwillen des Volkes zerschellen sollten. Es ist kein Zweifel, daß viel unbeschäftigtes Kapital im Reiche vorhanden ist. Die Milliarden aus der ersten Kriegsanleihe haben sich befruchtend über das Land ergossen und sind auf dem Umwege über die deusche Industrie den öffentlichen Kassen und Banken wieder zugeströmt. Auch im Besitze der Landbevölkerung sind aus dem Erlös für Pferde, Futtermittel usw. Sparkapitalien aufgehäuft, und für das Großkapital kommt in Betracht, daß seit der letzten Anleihe zwei große Couponstermine verstrichen sind, deren Ein⸗ gänge zu neuen Kapitalsbildungen im großen geführt haben, da wegen des Börsenschlusses nur eine beschränkte Möglichkeit be⸗ stand, die Eingänge der letzten 3 in Effekten anzulegen. Endlich bekommen auch die Banken aus den Fälligkeiten der Schatzanweisungen des Reiches und der Bundesstaaten, die im März und April verfallen, einige hundert Millionen Mark Gelder frei, für die die Kriegsanleihe die beste Möglichkeit zur Wieder⸗ anlage bietet. Ein glänzendes Ergebnis, das hinter den Sep⸗ tembertagen des vorigen Jahres nicht zurückbleiben wird, erscheint jedenfalls gesichert. Vereinzelt fanden in dieser Woche noch Reali⸗ sationen in älteren deutschen Anleihen statt, um desto größere Posten der neuen Anleihe zeichnen zu können, ein nennenswerter Druck auf die Kurse wurde dadurch aber nicht ausgeübt. Von frem⸗ den Renten unterlagen vorübergehend Italiener größerem An⸗ gebot, auch Chinesen und Japaner waren angeboten und niedriger. Im Gegensatz zu festverzinslichen Werten fanden Banken, Montanwerte und andere Industriepapiere nur ganz vereinzelt Beachtung. Trotz der neuen Preiserhöhung für Roh⸗ eisen und der gerade besonders befriedigend klingenden Nachrichten aus der Eisenindustrie zeigte sich nur geringe Kauflust auf diesen Gebieten. Am Geldmarkt haben nach Erledigung des Monats⸗ schlusses, der vorübergehend eine kleine Anspannung gebracht hatte, wieder leichtere Verhältnisse Platz gegriffen. Von Devisen war Holland fest, ebenso Schweiz, auch Bukarest gefragt und höher, Italien und Wien dagegen schwächer. Privatdiskont etwa 3% 00.

Märkte.

Gießen, 6. März. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter das Piund 1,10 1,20 Mk.; Hühner⸗ eier 1 Stück 1011 Pfa., 2 Stück 00 Pig. Enteneier 1 St. 0 Pig. 2 St. 00 Pig.: Gänseeler 1 St. 00 Pig. 2 St. 00 Pfg.: Käse das Stück 78 Pfg., Käsematte 2 Stück 60 Pig.: Tauben das Paar 1,001,40 Mk., Hühner das Stück 1,00 2,50 Mt., ahnen das Stück 1,00 2,50 Mk., Enten das Stück 2,503,00 Mk., Gänse das pid. 7080 Pfg.; Welsche 45 Mk.; Ochsenfleisch das Bfd. 90 98 Pig., Rindfleisch das Pfund 9094 Pfg., Kuhfleisch 8090 Pfg., Schweine⸗ fleisch das Pfund 100 116 Pig, Kalbfleisch das Pfd. 76 80 Pig., Hammelfleisch das Piund 8096 Vig.; Kartoffeln 100 Kilo 910 Mk., Weißkraut das Stück 1525 Pfg. Zwiebeln der Ztr 12,00 15,00 Pit.: Milch das Liter 22 Pfg.: Aepfel der Zentner

1520 Mk.; Birnen das Piund 1215 Pfg., Nüsse 100 Stück 4050 Pig. Marttzeit von 8 bis 2 Uhr.

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paar, daß das Lachen nicht aufhörte, Hans Grosser⸗Braun war ein Ehemann, dem man die Bekehrung seiner Frau wohl gönnen mochte. Auch die übrigen Rollen waren in aufmerkfsamen, sadwerständigen Händen, und unter der geschmackvollen Leitung wickelte sich die ganze Vorstellung in einem so famosen, lebens frohen Tone ab, daß man ihr mit Recht ein paar gutbesuchte Wieder⸗ holungen wünschen darf. a⸗

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Wie aus einem Bariton ein Tenor wurde. (Eine Erinnerung an Rudolf Berger f.) Der treffliche Tenor der Berliner Königlichen Oper, Rudolf Berger, der in New York un⸗ erwartet im Alter von erst 45 Jahren verschieden ist, war ur⸗ sprünglich gar kein Tenor, sondern ein Bariton, der jahrelang den Telramund und Klingsor, den Gunther und Amfortas sang, ehe er unerwartet als Lohengrin auftrat. Wie diese Wandlung mit Hilfe seines Lehrers, des New Yorker Kapellmeisters Oslar Sän⸗ vor sich ging, hat er einmal selbst erzählt.Seit zwölf Jahren ang ich Bariwnpurtien, und seit zwölf Jahren fühle ich, daß hier dabei zeigte er auf seinen Hals etwas nicht in Ord⸗ nung war. Ich mußte mich zu den tieferen Tönen stets zwingen; sie wollten aber nicht klar heraus. Während einer Probe in Bayreuth wurde mun der bisher verborgene Tenor durch Sänger plötzlich entdeckt.Ich fragte, wie gefällt Ihnen meine Stimme? Vortrefflich, meinte Sänger,nur sind Sie kein Bariton. Die Antwort setzte mich in großes Erstaunen. Kein Bariton? Die Sache ließ mir keine Ruhe und ich verbrachte ein paar schlaf⸗ lose Nächte. Ich fragte Autoritäten, ich hörte Kollegen: die Autoritäten meinten wirklich, daß ich vielleicht ein guter Tenor werden würde, aber sie hatten nicht den Mut, mit mir den Versuch zu machen.Zu gefährlich! lautete überall das Urteil. So verließ ich denn Bayreuth sehr unschlüssig, zumal Herr Sänger inzwischen nach Amerika zurückgereist war. In Berlin angekommen, war mein Erstes, zu HauseTenor-Versuche zu machen, und ich hatte das sichere Gefühl, daß ich das Zeug dazu besitze. Noch einmal ein kurzer Kampf; dann kabelte ich nach New York an Herrn Sänger, ob er es unternehmen wolle, aus mir einen Tenor zu machen.Kommen Sie, ich werde mein Möglichstes tun. war die Antwort. Ich erbat sofort einen längeren Urlaub, bestellte mir eine Kabine auf dem Dampfer und reiste nach New Vork. Hier begann eine schwere Zeit für Lehrer und Schüler. Mit der größten Vorsicht mußte aus dem Bariton allmählich ein Tenor semacht werden. Ich durfte täglich nie mehr als 40 Minuten ingen; doch nach und nachsaßen die Töne und ich fing an, Partien zu studieren. Aber von Wagner war anfangs keine Rede. kam Mozart an die Reihe, später der Don Joss Faust, Rhadames und Pagliacci. Wie oft habe ich dabei den Kopf ver⸗ loren, wie oft wurde ich wieder schwankend; doch mein Lehrer meinte, er exkenne an der Klangfarbe, daß ich ein geborener Tenor sei. DasG undas im Lohengrin glückte, aber damit war ich noch kein Heldentenor. Die Hauptsache war, daß es zwischen es, undfis Happte. Und als eines Tages dases und fis glockenrein ertönte, da wußte ich, daß ich auf dem richtigen Wege gewesen war, als ich vom Bariton zum Tenor umsattelte.