Ausgabe 
(1.3.1915) 50. Zweites Blatt
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. Jueites Blatt Ernchenal dali mit Ausnahme bes Sonntage. DieSietzener Familienblätter werden dem

Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal

wöchentlich. Die Tandwirtschaftlichen deit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

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105. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Churchills Hilfskreuzerschwindel.

Am 17. März 1914, also viereinhalb Monate vor Aus⸗ bruch des Weltkrieges erklärte Englands Marineminister Winston Churchill im Parlament, Großbritannien werde Ende 1914/15 siebzig bewaffnete Handelsschiffe besitzen. Wohlverstanden: bewaffnete Handelsschiffe, nicht Hilfskreuzer. Von Kufskreuzern hatte England 39 auf Lager, sie gehörten der Cunard Line, White Etar Line usw. an und waren schon im Frieden mit. um Auf⸗ stellen der Kanonen versehen; bei Kriegsausbruch wurden sie dann ebenso wie die deutschen Hilfskreuzer bestückt und der Kriegsmarine eingereiht; sie unterstehen der unmittel⸗ baren Aufsicht und Verantwortlichkeit des Admiralstabs; sie müssen die äußeren Abzeichen der Kriegsschiffe tragen (dürfen also keinen Flaggenschwindel treiben, Herr Chur⸗ chill!); ihr Befehlshaber muß im Staal dienst stehen und von der zuständigen Staatsgewalt ordnungsmäßig bestellt sein; die Mannschaft endlich muß den Regeln der militäri⸗ schen Disziplin unterstellt sein.

Ganz anders die bewaffneten Handelsdampfer! Von ihnen ist angesichts des deutschen Torpedokrieges noch wenig die Rede gewesen. Churchill hat zwar den Handelsschiffen aller Länder geraten, die deutschen Unterseeboote zu über⸗ rennen, d. h. mit dem scharfen Bug zu durchschneiden und u vernichten, aber er hat nicht verraten, welche Anweisung

bewaffneten Handelsdampfern es werden jetzt wohl mehr als siebzig sein gegeben wurde. Als Zweck dieser bewaffneten Handelsdampfer erklärte der frevelnde dilettant⸗ auf Englands verantwortungsvollstem Ministerposten vor einem Jahre, also noch im Frieden, ausdrücklich: Die Ver⸗ sorgung der britischen Bevölkerung mit Lebensmitteln in der Stunde der Gefahr! Diese Stunde der Gefahr ist da. Die geheimnisvollen Gegen vorbereitungen, mit denen sich Churchill in der englischen und neutralen Presse inter⸗ essant machte, bestehen nur darin, daß er zur Deckung von GroßbritanniensLebensmittelbedarf angesichts der deutschen Blockade auf die Idee der bewaffneten Handelsdampfer zurückgreift und diesen die gefährliche Aufgabe aufbürdet, einerseits England die notwendigsten Lebensmittel zuzu⸗ führen, andererseits möglichst viele deutsche Unterseebvote anzuschießen. Den englischen Kriegsschiffen ist es ja bis heute noch nicht gelungen, auch nur einem einzigen deutschen Tauchboot ein Leid utun, und die amerikanische Presse macht sich nach neuesten Telegrammen bereits weidlich darüber lustig. Jeder 6 dem deutschen Angriff reiche Beute, aber keiner Angreifer wird von Albions 1 oder Zerstörern auch nur verfolgt. Wird es nun den bewaffneten Handelsschiffen Churchills gelingen, was der Kriegsflotte bisher versagt blieb? Die auf Anweisung des englis Marinestabs bewaffneten Handelsschiffe sind fast durchweg solche, die bisher als Frachten Fleisch und Getreide führten, also den Verkehr mit den Kolonien und Südamerika besorgten. Um in den Häfen der Neutralen keine Schwierigkeiten zu finden, d. h. um nicht als Hilfs⸗ kreuzer, also als Kriegsschiffe behandelt zu werden(auch hier der feige, hinterlistige Schwindel!), ist die Munition möglichst versteckt, die Pulverkammer geschickt verborgen, wenn auch ebenso gesichert wie auf dem größten Panzer. Die Geschütze sind am Heck(dem Hinterteil des Schiffes) aufgestellt; sie sollen sich also scheinbar nur gegen Ver⸗ folger verteidigen können; zum Angriff seien sie ganz un⸗ geeignet, so erklärte Churchill wenigstens noch in Friedens⸗ iten auf alle Bedenken und Einwendungen. Die Geschütze send von der Regierung geliefert, während der Schiffs⸗ besitzer die Einrichtungskosten(nur 2500 Mark für jedes Schiff) zu tragen hat. Ebenso werden die Löhne für die Geschllgnannschaften von der Regierung bezahlt. N

Das Leben der Ddeutschen im heutigen London. Ein Mitarbeiter derDaily News, der mit den Verhält⸗ nissen und der jetzt in London lebenden Deutschen und Oesterreicher sehr vertraut ist, gibt einen interessanten Einblick in das Leben, das unsere Landsleute in der englischen Hauptstadt führen. Er 70 mit einer beträchtlichen Anzahl der offiziell auf 16 000 ge⸗ schätzten Deutschen und Oesterreicher in London sich unterhalten, die Cafés, Restaurants und andere Zufluchtsstätten vom bis in die Nähe des Hafens besucht, wo sie sich aufhalten, und vieles in Erfahrung gebracht, was sich sonst dem Blick des Engländers verbirgt. In einigen Kellnerheimen, wo sich Deutsche aufhalten, erfuhr er, daß deutsche Kellner in kleineren englischen Gasthöfen Anstellung finden, während die großen Hotels den Feinden allerdings jetzt verschlossen sind. Ebenso stellt man in den Pensionen deutsches und österreichisches Personal an, weil es billiger ist als erfahrenes englisches, das überhaupt schwer u bekommen ist. Die Kellner sind mit der Behandlung ganz zu⸗ ieden; sie beklagen sich nur darüber, daß man die personlichen hältnisse zu wenig berücksichtige und verheiratete ilienväter entlassen habe, während junge Männer ihre Stellen behielten. Was die andern Berufe angeht, so sind deutsche Zimmerleute zum größten Teil stellungslos, während deutsche Schneider sehr gesucht . Sie verdienen recht gut, und ebenso gibt es eine Anzahl deutscher Knopfmacher, die in den Fabriken angestellt und dort un⸗ entbehrlich sind. Deutsche Schlächter und österreichische Bäcker inden ausreichende Beschäftigung. Schlecht sind die Aussichten für deutsche Schriftsetzer, und am schlimmsten haben es die zahl⸗ reichen deutschen Friseure, die keine Stellung finden.Die Deut⸗ schen, die man in Hinterräumen verstecken und unauffällig be⸗ schäftigen kann, verdienen ihr Brot, klagte ein Friseur,aber für die, die durch ihren Beruf in Berührung mit den Kunden ge⸗ bracht werden, ist wenig Aussicht auf Beschäftigung. Der Ver⸗ fasser besuchte mit einem österreichischen Kunsttischler ein Bierhaus, in dem sich seine Landsleute zusammenzufinden pflegen. Die Engländer, die hier verkehren, sind an die Anwesenheit dieser Fremden ganz gewöhnt, und es fällt ihnen nicht auf, wenn sie sich deutsch unterhalten. Sodann erhielt er auch Zutritt zu einem deutschen Klub in der Nähe der City.Der b bestand aus einem Raum in einem Laden, dessen Jalousien heruntergelassen waren. Auf einem Tisch waren deutsche Delikatessen aufgestellt, so Kartoffelsalat, Bismarckheringe, Salzgurken usw. Mengen von Würstchen aufgereiht von der Decke herunter. Eine Gruppe von Hand saß rund um einen Tisch nahe am Feuer, und sie hörten den Reden eines Barbiers zu, eines Herrn in einem gutgeschnittenen Rock und mit weißem Schlips, der das große Wort führte. Der Redner war ein Berliner. Die Deutschen haben 8 Zuversicht für den Sieg ihres Landes und halten unerschütter⸗ ich daran fest trotz der englischen Nachrichten, die sie allein er⸗ 9 Die Deutschen der höheren Stände, z. T. wohlhabende aufleute und Bankiers, haben in der Mehrzahl ihre Geschäfte aufgeben müssen. Nur 9 wenige Deutsche verkaufen ihre Waren noch weiter oder haben sich auf die Fabrikation neuer

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Montag, 1. März 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

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leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gietzen.

Um den Eifer für diese bewaffnete Handelsflotte anzu⸗ regen, hat Churchill seinerzeit die Lüge verbreitet, daß eine andere Macht, mit der England möglicherweise in einen Krieg kommen könnte gemeint war natürlich Deutschland bereits 40 bewaffnete Handelsschiffe habe, daß diese aber ihre Kanonen verbergen. Nun, Churchills bewaffnete Zufuhrflotte wird ihren teuflischen Zweck vor⸗ aussichtlich glänzend verfehlen. Mit zwei Geschützen am Schiffsheck trifft man nicht flinke Tauchboote. Zu solchen Kampfmanövern ist der große Rumpf eines Handelsschiffes zu schwerfällig. Das Schiff selbst aber wird, ehe es noch recht zum Schuß kommt, von seinem Gegner das erhalten, was es als Freibeuter und Seeräuber verdient, ein Torpedo. Auch die Neutralen werden auf Churchills neuesten Trick hoffentlich nicht hereinfallen und diesen un⸗ echten Handelsschiffen und maskierten Kriegsschiffen ihre

äfen weigern. Sind sie Handelsschiffe, so dürfen sie nicht

waffnet sein. Sind sie Kriegsschiffe, so haben sie die neu⸗ tralen Gewässer zu meiden. Auf den Flaggenschwindel jetzt den Hilfskreuzerschwindel das wird doch wohl dem ge duldigsten aller Neutralen, Herrn Wilson, zu ungeheuer lich vorkommen.

Aus dem Reiche.

Berlin, 27. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Im verstärkten Budgetausschuß des preußischen Abgeordne⸗ tenhauses erklärte heute auf Anregung aus der Kommission, betreffend die Wahlrechtsreform, der Minister des In⸗ nern, daß es bei seiner früher abgegebenen summarischen Erklä⸗ rung hinsichtlich der Neuorientierung in der inneren Politik sein Bewenden haben müssc. Er könne nicht einzelne Materien heraus⸗ greifen, namentlich nicht solche, die Differenzen hervorgerufen hätten, wie die Wahlrechtsresorm. Von fortschrittlicher Seite war an den Minister des Innern die Frage gerichtet worden. ob seine allgemein gehaltene Erklärung, daß künftig die innere Politik auf wichtigen Gebieten mit den veränderten Zeitumständen in Einklang gebracht werden soll, sich auch auf die Wahlrechts⸗ reform beziehe. Durch die Kriegserfahrungen habe der prinzipielle Standpunkt der Linken eine weitere Stütze erhalten. Das Gefühl. daß das Vaterland jedem zu gleichem Recht gehöre und bei der Ge⸗ staltung der Reichsgeschicke nicht nach Klassen unterschieden werde, habe sicherlich zu der erfreulichen und erhebenden Einigung bei⸗ getragen, die wir brauchten. 1 5

Berlin, 27. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Die Familie und die Firma Krupp in Essen haben wieder 30 Millio- nen Kriegsanleihe gezeichnet.

(DD.) Berlin, 1. März. Von dem Postspar⸗ und Darlehns verein, dem fast alle Postbeamte Groß⸗Berlins angehören, sind für die Kriegsanleche 1 300 000 Mark am ersten Zeichnungstage gezeichnet worden.

Berlin, 1. März. In den ersten sechs Kriegsmonaten haben die Gewerkschaften lautBerl Tagebl über 7 Mill. Mk. an 7 und 6 Mill. Mk. an die Familien der Kriegsteilneh⸗ mer ahlt.

amburg, 27. Febr.(WTB. Nichtamtlich. Bei der Reichstagsersatzwahl im Kreise Schleswig 6* Elmshorn⸗Glückstadt) wurde anstelle des verstorbenen Abgeor neten Braband Stadtrat Karstens gewählt. Ein Gege. kandidat war nicht aufgestellt.

Das Leben in Warschau.

Es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Den ganzen Abend haben wir nun bei dem prächtigenKwaß gesessen und den träumerischen Klängen der Zigeunermusik ge⸗ lauscht, die einen erregt und einschläfert ähnlich wie Opium. Es ist wie der dritte Akt in einer modernen Operette: das . erleuchtete Restaurant, die funkelnden Uniformen

er Offiziere, die sich harmonisch mit den schönen Kleidern

. Polinnen zu einer Farbensinfonie vermählen; hie und da Gelächter und Singen z, was man so eine lustige Nacht nennt.

Artikel, wie Spielwaren und künstliche Blumen, geworfen. Das deutsche Element auf der Börse, das dort eine so große Rolle 99 ist verschwunden; während man früher rings um die örse fast ebenso viel Deutsch wie Englisch hörte, wagt nun nie⸗ mand mehr, in der Oeffentlichkeit deutsch zu reden; viele, die fürchten, ihre Aussprache des Englischen könne sie verraten, be⸗ dienen sich der französischen Sprache. Diese wohlhabenden Leute führen ein zurückgezogenes Leben, leiden aber keine Not und be⸗ klagen sich auch nicht über schlechte Behandlung. Am schlimmsten geht es den deutschen Bureaubeamten und Geschäftsreisenden, die ihre Stellungen verloren haben. Viele von ihnen sind in größter Not und werden aus Mitteln der deutschen und öster⸗ reichischen Kolonie unterstützt. 0

Fortuna. Aus Braunschweig, 25 Februar, wird uns geschrieben: Die Uraufführung erlebte heute auf unserer erzoglichen Bühne das fünfaktige AbenteuerFortuna von önigsbrunn⸗Schaup und O. J. Bierbaum. In der Dichtung lassen die Verfasser eine Gestalt aufleben, die zu den prägnantesten unter den Fürsten der Gegenreformation gehört hat: Heinrich, Herzog zu Liegnitz. Aus den Denkwürdigkeiten des Hans von Schweinichen kennen wir ihn als einen trunkfesten, unsteten. galanten Affären nicht abgeneigten Herrn, der sich um Herzogtum und Landeskinder wenig kümmerte, nur seinen Leidenschaften fröhnte. Königsbrunn⸗Schaup der Anteil Bierbaums ist sehr geringer Art verstrickt den Herzog, der sich in der Dichtung weit manierlicher ausnimmt, als er im Leben gewesen ist, in ein durch magisches Gaukelspiel seltsam verwirrendes Abenteuer. Auf dem Karneval zu Köln im Jahre 1586 lernt er Frau Fortuna kennen,die Schönheit, die er brünstig immerdar gesucht. Sie täuscht seinen Sinn mit Spuk und Zauberei, daß der Herzog an ihr irre wird und glaubt, ein Golem äffe ihn. Doch ein klarer Plan liegt dem geheimnisvollen Spiele Fortunas zugrunde. Sie ist die einst von Heinrich leichtsinnig verlassene, seinen Sinnen längst entschwundene Jugendgeliebte, die jahrelang den Tag der Rache an dem Treulosen herbeigesehnt hat, jetzt aber, da sie Heinrich wiedersieht, die Rachegedanken vergißt, ihn aus seinem unwür⸗ digen Dasein emporzieht und seinem Volke, das von Feinden be⸗ drängt ist, wiederschenkt. Die Handlung, die zu zahlreichen Nebenhandlungen und Episoden wirksam kontrastiert wird, ist in ein prachtvoll geschautes Milieu gestellt. Derb und kräftig ind die Volkstyven gezeichnet, übermütig das tolle Fastnachtstreiben ge⸗ schildert. Der Stoff ist kunstvoll gegliedert, reich an dramatischer Steigerung und Spannung. Hofrat Richard Franz, der neue Spielleiter am Herzoglichen Hoftheater, hatte das Werk mit großer Sorgfalt und Liebe einstudiert. Die Schönheit der Dichtung wuchs unter seinen Händen. Der Verfasser, der bei der Aufführung zu⸗ gegen war, konnte nach dem vierten und fünften Akte mehrere Male vor dem Vorhang erscheinen und dem Publikum für den lebhaften Beifall danken. 5 Dr. G. Der Schluß des Weimarer Mozart ⸗Zyk⸗ lu s. Man schreibt uns aus Weimar: Unsere Hofthenter⸗Kapelle, im Verein mit den Mitgliedern der heimischen Sänger⸗Bereine,

den Gedanken gebracht, einen Schutzhelm zu erfinden, den der Be⸗ f Diese aus Stahlblech bestehende und mit

So schildert der englische Berichterstatter Ferdinand Tuchy seine Warschauer Abende, die ex im elegantesten Hotel mit den russischen Offizieren verbracht.Ich weiß, was der Mann im Zuschauerraum zu solch einer Szene sagt:Das ist eben das Unnatürliche an solchen Bühnen⸗ bildern. Die Burschen würden sich ganz anders benehmen, wenn sie wirklich am nächsten Morgen in die Schlacht müßten! Nun, wir treten hinaus aus dem lichterfüllten, von Lärm und Musik durchdröhnten Lokal. Keine 40 Kilo⸗ meter entfernt, die breite Straße zu unserer Rechten immer entlang, da ist Rußland und Deutschland in einem der blutigsten Kämpfe begriffen, die die Welt kennt. Die Offi⸗ ziexe, die wir in dem Restaurant sahen, haben nur für ein oder zwei Stunden die Schützengräben verlassen. Wenn. ausgelöscht wird, dann springen sie in ihre Automobile und kehren zurück an die Ufer der Rawka und der Bzura. Rauschende Vergnügungen, ein lustiges und frivoles Leben herrscht in den besseren Restaurants und Hotels der polni- schen Hauptstadt; der englische Beobachter findet hier die selben Szenen, die im russsich-javanischen Krieg hinter der russischen Front vor sich gingen. Der Offizier des Zaren will sichausleben, bevor er dem Tode ins Angesicht schaut. Eine überschäumende Lebenslust schlägt hier ihre hohen Wellen ganz dicht neben dem Reich des Todes und der ewigen Nacht. Warschau ist nicht dunkel und düster wie London, sondern alle Bogenlampen funkeln im blendenden Licht, der Engländer kommt zu dem Schluß,daß je näher die Leute an der Feuerlinie leben, desto leichtsinniger sind sie, desto weniger bedrückt von den Schrecken des Krieges. Wir wissen sehr gut, daß täglich ein paar Tausend Verluste zu verzeichnen sind, denn wir sehen die Verwundeten auf den Straßen der Stadt und in den vorbeikommenden Eisen bahnzügen; wir wissen, daß das Gespenst eines nahen Todes über jedem lauert, nicht nur weil es viele Krankheiten in Warschau gibt, sondern weil täglich deutsche Tauben über uns schweben und todbringende Bomben niederschleudern. Aber obwohl sie das alles wissen, haben sie sich doch ihr Lachen bewahrt, und es ist ein lustiges Warschau mit Puc⸗ cini in der Oper und einer tollen Posse im Nowoski⸗ Theater, so wie es die Soldaten auf kurzem Urlaub lieben und brauchen. Man hat sich in Warschau an alles gewöhnt, an die Schlachten, die ringsherum toben, an die täglichen Fliegeraugriffe der Deutschen, und an die Stelle der wilden Angst ist die Gleichgültigkeit getreten, ein ausgelassener Galgenhumor und eine verzweifelte Lustigkeit, die zu Eng⸗ lands trübem Ernst und dem frostig-langweiligen Leben in London in einem starken Gegensatz steht.

8 vermischtes.

Die eiserne Maske im französischen Heer.

Die sehr großen Verluste, die das französische deer an Offizieren

und Unteroffizieren auf Beobachtungsposten erlitten hat, haben

einem französischen Reserveoffizier, den Hauptmann Broyant, auf

obachtende sich aussetzt. Nickel gebanzerte Kopfbedeckung, die in ihrer unsörmigen Kuppel⸗ gestalt einem Taucherhelm ähnlich sieht, verhindert, daß die Offi⸗ ziere, wenn sie das Fernrohr vor die Augen heben und dabei etwas

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aus dem Schützengraben heraus sehen, durch einen Kopfschuß getötet 21

werden. Aber nicht nur der Kopf, sondern auch die nicht minder ge'ährdeten Hände werden geschützt, denn die Augenlöcher des

Schutzhelms sind so eingerichtet, daß die Gläser des Fernrohres

gerade hineinpassen, und die Richtung des Krimstechers wird durch zwei Schnüre requliert, die der Offizier in der Hand hält. Die Hände braun en also gar nicht an den Kopf gehoben zu werden. Dieseeiserne Maske soll sich bei Versuchen aut bewährt haben, und die stets ptimistischen Franzosen erhoffen von ihremgruseligen Aussehen auch noch eineeinschüchternde Wirkung auf die Dentschen.

brachte uns den krönenden Schluß des Mozart⸗Zyklus: in der Stadtkirche kam als Geistliches Konzert das unvergleich⸗ liche Requiem zu Gehör, Mozarts nachgelassene kirchliche Kom⸗ position(1791), ergänzt von Franz Taver Süßmayer. Die Ober⸗ leitung hatte Hofkapellmeister Peter Raabe; an der Orgel saß Hugo Hartung. Die Einzelstimmen hatten Mary Ulbrich(Sopran), Paula Vogl⸗Lütjohann(Alt), Benno Habel(Tenor) und Friedrich Strathmann(Baß) übernommen Das Ganze war zum Besten der Pensionskasse für Witwen und Waisen verstorbener Hoflapellmit⸗ glieder. Dem Trauermusik nach Maurischer Art vorauf. Dann eröff⸗ nete der Genius seine tiefsten Quellen seelischer Musik imRe⸗ quiem ageternam⸗Kyrie eleison. Die ernste, traurig große Gegen⸗ wart erfüllt dieses schwere, heilige Werk mit besonderer Bedeu⸗ tung, mit neuem In alt. So fühlten es die Hörer. An der Aus⸗ führung bieb manches zu wünschen übrig. Doch das Ganze war groß. Die sämtlichen Plätze der geräumigen Kirche waren besetzt, auch von vielen Feldgrauen. Prof. Sch.

Maler August Wolf f. Am 19. Februar ist eines der 50

ältesten und angesehensten Mitglieder der deutschen Kolonie in

Requiem ging die nur für Orchester geschriebene*

Venedig, der Maler August Wolf, im Alter von 72 Jahren ge⸗ 5

storben. Wolf, der am 20. April 1842 zu Weinheim in Baden ge⸗ boren war, war ein Schüler der Karlsruher Akademie und später Canons. Entscheidend für sein Leben wurde die Bekanntschaft mit

dem Grafen S chack, die im Jahre 1870 erfolgte. Schack verstand und würdigte die eigentümliche Begabung des jungen Malers, die

er für seine Sammlung von Kopien der großen klassischen Meister auszunützen beschloß. Er schickte Wolf nach Venedig, wo dieser in dem Jahrzehnte von 1870 bis 1880 für Schack nicht weniger als 48, zum Teil sehr große Gemälde, hauptsüchlich der venetianischen

Schule kopiert hat. Wolfs vortreffliche Kopien sind jedem Besuchen

der Schack⸗Galerie in München wohl bekannt; Schack selbst hat in dem Buche über seine Gemäldesammlung dem Maler volle An⸗ erkennung gespendet. Seitdem hat sich Wolf dauernd in der La⸗ gunenstadt ansässig gemacht, wo er manche eigene Werke schuf, vor allem aber als ein echt künstlerischer Kopist alter Werke in hohem Ansehen stand. Er heiratete dort eine Italienerin, Emilia Ferrari; der zu allgemeinem Ruf gelangte Operettenkomponist Wolf-⸗Ferrari ist ein Sprößling dieser Ehe. In den weiteren Kreisen der deut⸗ schen Kunstfreunde war Wolf besonders als der venetianische Be⸗ richterstatter der Seemannschen Kunstchronik bekannt, die er seit fast 40 Jahren mit sehr zuverlässigen Mitteilungen über die Exeig⸗ nisse des venetianischen Kunstlebens versorgte. Wolf hatte übrigens interessante Erinnerungen an Anselm Feuerbach, zu dem er in mancherlei Beziehungen gestanden hat. Er war einer der wenigen Deutschen, die die Gondel mit Feuerbachs sterblichen las als'erbe

angebotenen Erinnerungsstücken hat er in seiner bescheidenen Weise

keinen Gebrauch gemacht, sondern nur das weiße Gewand 1

in das Feuerbachs Modell gekleidet war, als der

0 Meister sie als Iphigenie malte. 15

5 1 zum Bahnhof geleitet und sich um die Bergung seines Nach⸗ F.

es bemüht haben. Von den ihm damals von Feuerbachs Mutter