Ausgabe 
(26.2.1915) 48. Zweites Blatt
Seite
161
 
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Ertlchetne tagůa mit Ausnahme des Seuntaga Gi 5j 2 Gießener Anzeiger Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das 0 Kreisblatt für den Areis Sießen zweimal.

General⸗Anzeiger für Oberhessen

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

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4 1065. Jahrgang

Die Beschießung des dardanellentores.

Immer von neuem krachen die Geschütze der englisch⸗

Ee Flotte vor den Dardanellenforts. Seit dem

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Anfange der neunziger Jahre war es das Berliner

etzten großen e will aber das Bombarde⸗ ment vor den türkischen Schlössern Seddil Bahr und Kum Kaleh kein Ende nehmen. Rußland soll darauf bestanden haben, daß ihm durch Oeffnung der Dardanellen eine Er⸗ gänzung seiner ihm von Hindenburg und den Oester⸗ S enommenen Kriegsmittel ermöglicht werde. Dieser Wunsch Rußlands hat natürlich noch den tieferen Grund, sich über die polnischen Niederlagen mit einem neuen Kriegsziel zu trösten. Die Kampagne ist ja bereits politisch eingeleitet. Herr Ministerpräsident Goremykin verkündete es in der Duma:Die glänzende Zukunft Ruß⸗ lands blüht am Schwarzen Meere vor den Mauern

Konstantinopels. rr Staatsminister Sasonow ebenfalls:Die Ereignisse an der russis N ischen Grenze werden Rußland der Lösung der politis und wirt⸗

schaftlichen Probleme näher bringen, die sich an sein Stre⸗ ben nach einem Ausgang zum freien Meere knüpfen. Und der Redner der Rechten, Gurko, brachte denVolkswillen, nach Konstantinopel zu marschieren, noch drastischer zum Versetzen wir uns mal zum besseren Verständnis in Köpfe: Die(bisher) von der Donau bis Kam⸗ tschatka sich erstreckende südliche Front Rußlands hat drei Zugänge zur ozeanischen Welthandelsstraße, nämlich im fernen Osten durch die Mandschurei zum Gelben Meere, im Zentrum durch Mittelasien zum Persischen Golf, und endlich durch das Schwarze Meer und die Meerengen zum Mittelmeer. Der Zugang durch den Bosporus und die Darda⸗ nellen ist am leichtesten erreichbar; er liegt dem Herzen und der Kornkammer des Landes am nächsten, zu ihm streben seit zwei Jahrhunderten instinktiv die Macht des Landes und die Gedanken seiner Herrscher. Seitdem aber die Welthandelsstraße durch den Suezkanal geht, ist das Problem für Rußland noch brennender rden. Wie der uerfunke darauf sinnt, sich zu entfeffeln, so beschäftigt ich die russische Diplomatie seit Jahr und Tag damit, das Dardanellengefängnis zu sprengen. Die Versuche, freie Passage zu gewinnen, scheiterten seit dem Krimkriege vor⸗ nehmlich am Widerspruch Englands. Noch während der Balkankriege leistete England Widerstand. Es erklärte sich für eine Neutralisierung der Dardanellenstraße, und al len Kriegsflotten solle dann die Straße frei sein. Damit war jedoch den Russen nicht gedient, denn sie wären dadur gezwungen, eine große Marinemacht und starke Befestigun⸗ en im Schwarzen Meere zu halten, oder die lange Küste Südrußlands läge frei für alle fremden Schiffskanonen, solange Rußland selbst nicht in der Nähe des Bosporus, also auf zurzeit noch türkischem Boden, starke Seebefesti⸗ gungen besitzt, um die Durchfahrt nach Belieben schließen zu können. Mit andern Worten: Rußland bedarf des alleini⸗ gen und dauernden Besitzes der Meerenge. Der Besitz des Schlüssels zum Schwarzen Meere befreit Rußland von der Gefahr, die immer dem reichsten seiner bisherigen Küstenstriche drohte, und gewährt seinen Seestreitkräften eine gefahrlose, vorzügliche Basis für auswärtige Aktionen. Dies der russische Gedankengang. Ist der englische Bun⸗ desbruder wirklich damit einver kanben Reicht die Freund⸗ schaft noch so weit, nachdem Rußland nicht nach Berlin kommen ist, seine besten Truppen und Kriegsmittel ver⸗ oren hat und bei seinen Verbündeten um Geld betteln gehen muß? Versuchen England und Frankreich, die im europäischen Westen gerade genug zu tun haben, wirklich mit allen Mitteln, dem russischen Bären das Dardanellen⸗ tor aufzubrechen, damit er sich dort für immer einnisten kann? Es ist unwahrscheinlich. Die englischen und französi⸗ schen Schiffe tun vor den Dardanellen, was sie gerade können. Aber sie werden wohl kaum die letzte Granate und den letzten Matrosen daransetzen, um für Rußland die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die Türkei aber, unser tapferer Bundesgenosse, wird sicherlich alles aufbieten, um

7* N*.

Freitag, 25. Februar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrist

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

das Dardanellentor zu halten. In Konstantinopel weiß man sehr wohl: Gelänge es den Feinden, sich den Weg nach dem Bosporus zu bahnen, dann handelt es sich nicht mehr um die Meerengenfrage, sondern um das Schicksal Konstantinopels und um die Existenz der Türkei. Mögen die äußersten Forts der Dardanellenwerke auch zerschossen werden, die großen Kriegsschiffe kommen nicht weiter wie vielleicht nach Kale⸗i⸗Sultanije, ein Drittel Wegs der Dar⸗ danellen. Und mag ein englisches oder französisches Unter⸗ seeboot auch wirklich durchschlüpfen, ohne auf das Minen⸗ netz zu geraten. Das Tor bleibt nach Süden verschlossen. Nördlich aber wird die türkische Flotte und das türkische Heer der den Kriegsmacht ein Schicksal bereiten, das alle neuen Hoffnungen und Wünsche der Petersburger Re⸗ gierung vernichtet. Rußland wird so wenig nach Stambul wie nach Berlin gelangen. Ein neuer Angriff auf die Dardanellen.

Konstantinopel, 25. Febr.(Ctr. Bln.) Die französische Flotte unternahm heute wiederum einen starken Angriff auf die Dardanellen.

Die Geschichte einer berühmten Blockade erzählt ein Mitarbeiter desMarzocco. Es handelt sich um den erbitterten Blockadekrieg, den die amerikanischen Nordstaaten im Bürgerkrieg gegen die Südstaaten zur Anwendung brachten und der zum erstenmal der Welt zeigte, eine wie furchtbare Waffe der Handelskrieg in der Hand eines entschlossenen Gegners sein kann. Der Pari ex Kongreß halte im Jahre 1856 die Regen des Blockade⸗ krieges aufgestellt, die 5 Jahre später ihre erste Probe erleben sollten. Beim Beginn der Feindseligkeiten hatte im Kriegsrat der Nordstaaten, der unter dem Vorsitz Abraham Lincolns in Wafhington abgehalten wurde, General Winfield Scott, ein alter Veteran aus dem mexikanischen Kriege, seine Meinung dahin ge⸗ äußert:Wir müssen den Feind ersticken, wie die Anaconda ihr Opfer mit vielen Windungen ihres Körpers umschlingt. Da die Südstaaten in der Haupt ache Landwirtschaft betrieben und vor allem Baumwolle an die Lander jenseits des Ozeans lieferten, während die nördlichen außer dem Ackerbau auch eine starke Indu⸗ strie hatten, lag der Gedanke der Blockierung der Südküste nahe, und so wurde als erster feierlicher Kriegsakt am 15. April 1861 die Erklärung erlassen, die die Ufer von Süd⸗ Karolina, Georgia, Alabama, Florida, Mississippi, Lui⸗ siana und Texas unter Blockade stellte. Die Vereinigten Staaten teilten den Neutralen der ganzen Welt diese Tatsache auf diplomatischem Wege mit und dehnten die Maßregel 6 Tage spä⸗ ter noch auf Nord Karolina und Virginia aus. Die dem Handel verschlossene Küste erstreckte sich auf über 3000 Mei⸗

ch len. Die europäische Diplomatie nahm die Erklärung zur Kennt⸗

nis, bemerkte jedoch, daß sie auf Grund des Pariser Vertrages die Blockade nur anerkenne, wenn sie effektiv wäre. Die Marine der Bundesstaaten verfügte damals gerade über 82 Dampfer, die natürlich für eine Bloclade von solcher Ausdehnung nicht ge⸗ nügten. Lincoln, der kein Freund halber Maßregeln war, ver⸗ stärkte jedoch diese Flotte, so daß sie im Dezember 1861 bereits 264 Schiffe für den Blockabedien zur Verfügung hatte; im fol⸗ genden Jahre wurden es 472, 1863 stieg die Zahl auf 588, und als der Krieg zu Ende ging, waren es 671 Schiffe. Die Bundes⸗ marine hatte zum Schluß 51 500 Seeleute unter ihrer Flagge. Diese wirksame Blockade aber war es, die den endgültigen Sieg entschieden hatte. So lange sie nur nominal war, trium⸗ phierten die Südstaaten, deren Leiter auf die Hilfe des Auslan⸗ des, das die Baumwolle nötig brauchte, gerechnet hatten. Ihre Hoffnungen erwie en sich als sehr kurzlebig: im September 1861, im sechsten Kriegsmonat, verlor das Papiergesd der Suostaaten bereits nahezu 10 Prozent. Kaum aber wurde die Blockade wirk⸗ samer und die Ausfuhr der Baumwolle mehr gefährdet, während sich andererseits der Munitionsmangel immer schärfer fühlbar machte, so trat ein immer stärkerer Kurssturz des Notengeldes ein. Im Dezember 1861 hatte der Golddollar einen Wert von Dollar in Papier, ein Jahr später galt er 3, 2 Jahre spä⸗ ter 18, 3 Jahre später 34, bis im März 1865 man für 70 Papier⸗ dollar 1 Golddollar erhielt. Das Eisen wurde für die Südstaa⸗ ten ein kostbares Metall: man zahlte 1300 Dollar in Noten für die Tonne, während die Baumwolle, deren Ernten sich aufhäuften, zu lächerlichen Preisen herabsank. Als der Preis der Baum⸗

wolle in Wilmington auf 32 Pfennig für das Pfund 9 war, während er in Liverpool auf 2 Mark tieg, setzte eine zwar gefährliche, aber höchst ertrag⸗

reiche Spekulation für die englischen Reeder ein, die die Blockade zu brechen, Baumwolle zu niedrigsten Preisen zu erwerben und sie im Ausland zu den höchsten Preisen zu verkaufen versuchten, während sie gleichzeitig den Eingeschlossenen alles Fehlende zu⸗ führten. Die 4 Blockadegeschwader hatten also die doppelte Auf⸗ gabe, die Häfen einzuschließen und einzunehmen und andererseits die Blockadebrecher abzufangen. Sie führte also zugleich den Bürgerkrieg und den Krieg mit dem Ausland, allerdings nicht offiziell mit dessen Regierungen, wohl aber mit seinen Bürgern, und sie führte ihn zum siegreichen Ende. Vier Städte der Ber⸗ mudas-⸗Inseln, vor allem das Florida gegenüberliegende Nassau, wurden der Mittelpunkt des Kontrebandehandels. Es waren immer 2 Schiffe zugleich daran beteiligt, eins für den ungesetzlichen Handel zwischen diesem Hafen und dem blockierten, das andere für den freien Handel zwischen England und dem Transithafen. Un⸗ geheure Kapitalien wurden in das Geschäft gesteckt, Offiziere der englischen Kriegsmarine traten, durch die reichen Belohnungen angelockt, unter falschem Namen in den Dienst der Reeder und erzielten auch große Erfolge. Die Regierung von Richmond er⸗ warb durch ihre Agenten Schiffe in England, ließ sie mit Munition laden und unter englischer Flagge ausfahren, um dann die Flagge der Südstaaten zu setzen und N Blockade zu brechen. Dem Re⸗ gierungsdampferGiraffe gelang es unter der Führung eines früheren englischen Seeoffiziers, in 10 Monaten 21mal die Blok⸗ kade zu brechen und 6000 Baumwollballen auszuführen. Die Ladung gelangte nach Nassau, wo sie einem Handelshaus über⸗ geben wurde und so unter neutraler Flagge nach Europa befördert werden konnte. Die Blockadeflotte wachte jedoch mit großem Eifer und sehr 1 Erfolge. Im November 1863 hatte sie vom Beginn der Blockade an nicht weniger als 1045 Schiffe mit einem Schätzungswert von 13 Millionen Dollar aufgebracht. Im Bericht des Admirals Porter über den Schluß des Krieges liest man:In diesen letzten 50 Tagen haben wir Schiffe und Kontre⸗ bande im Werte von 5 Millionen Dollar aufgefangen und zer⸗ stört. So war die Blockade wirksam geworden und hatte den Gegner zu Boden gezwungen.

Napoleons letzte Nacht auf Elba. Erinnerungen an den 26. Februar 1815.

Als der entthronte Kaiser Napoleon unter dem Schutze von preußischen, russischen und österreichischen Kommissaren nach Elba abreisen mußte, war er tagelang so niedergedrückt, daß die Aeuße⸗ rungen, er habe seine politische Rolle für immer ausgespielt, sicherlich gar nicht unaufrichtig waren. Aber schon bald nach seiner Ankunft auf Elba hob sich des Kaisers Mut wieder, und als ihm dann seine immer noch so zahlreichen Anhänger in Frankreich über die Zänkereien auf dem Wiener Kongreß, über die Unbeliebtheit der Bourbonen und über die Unzufriedenheit der vielen auf Halb⸗ sold gesetzten französischen Offtziere berichteten, da stand Napoleons Eutschluß fest, den Kampf um die Krone Frankreichs noch einmal aufzunehmen. Ursprünglich wollte Napoleon erst am 1. April von Elba entweichen, dann mögen aber Berichte dazwischen gekommen sein, die andeuteten, daß Eile nottue, und so entschloß sich Na⸗ poleon, schon im Februar aufzubrechen. Die Abreise wurde auf den 26. Februar festgesetzt. Alle Vertrauten des Kaisers waren in den Plan eingeweiht, nicht aber die Mutter Napoleons und dessen Schwester Pauline, die beide seit dem August 1814 die Verbannung mit ihm teilten Ueber die letzte Nacht Napoleons auf der Insel Elba hat uns Madame Lätitig, des Kaisers Mutter, ziemlich ge⸗ naue Aufzeichnungen hinterlassen. Der Abend des 25. Februar, so ungefähr lautet der Bericht, war auf Elba ein wunderschöner Frühlingsabend, und der Kaiser zeigte den ganzen Tag über eine außergewöhnlich heitere Stimmung. Gegen Abend lud Napoleon seine Mutter und die Schwester Pauline zu einer Partie Ecarté

urück. Da er nicht zurückkam, wurden Mutter und Schwester be⸗ . und glaubten, daß er vielleicht von einer Unpäßlichkeit be⸗ fallen worden sei. Deshalb betraten beide Damen das Arbeits⸗ zimmer Napoleons. Dieser war aber nicht dort, und der hinzu⸗ kommende Kammerherr meldete, daß sich der Kaiser in den Garten begeben habe. Nun trat die Mutter hinaus und konnte beobachten, wie ihr Sohn mit langen Schritten die Alleen durchmaß. Als er auf seiner Wanderung der still im Dunkel harrenden Mutter näher⸗ gekommen war, blieb er plötzlich stehen, legte das Gesicht an einen Feigenbaum und sprach halblaut vor sich hin:Das muß ich meiner Mutter sagen. Als dann Lätitig hinzutrat, wandte sich der Sohn ihr zu und sprach:Ja, ich muß es Ihnen sagen, Mutter! Aber ich bitte Sie, es keinem Menschen zu wiederholen, was ich Ihnen anvertrauen will nicht einmal Pauline! Nach einer kurzen Unterbrechung fuhr Navolevn fort:Ich benachrichtige Sie davon, daß ich heute nacht abreise! Am 26. Februar, einem Sonntag, ging Napoleon an Bord eines Schiffes und segelte ab.

Zum Gedächtnis der Junggefallenen in Masuren.

Wir sind überzeugt, daß das nachstehende stimmungs volle Ge⸗

icht einer Dame aus unserem Leserkreis den Trauernden um teure auf der blutigsten Wahlstatt gefallene Krieger lindernden Trost spenden wird: a* g

Er zog hinaus in Sturm⸗ und Schlachtenwetter

Mit Tausenden des Vaterlandes Retter!

Den Feind, der roh verbrannte Haus und

Hat er vertrieben von der Heimaterde.

m heil'gen Krieg ist er als Held gestorben und hat die schönste Krone sich erworben!

Und ob auch alle weinen, die ihn lieben, Er ist nicht tot, er ist euch doch geblieben.

Er lebt in eurem Schmerz ein selig Leben Und sein Gedächtnis wird euch nie entschweben.

Ein langes Dasein kann viel Glück erwerben, Im langen Dasein kann viel Glück verderben.

Er stand, ein Sieger, auf vom Lebensmahle, Den Wein, den perlenden, noch im Pokale.

Seht ihn in Jugendkraft, den Erderlösten, Ihr Trauernden! Und möge Gott euch trösten!

*

Aus den Erinnerungen desSchwarzen Ferkels.

DasSchwarze Ferkel gehört in die Literaturgeschichte. Im a 5 uptquartier der Stürmer und Dränger in der Literatur, und wer dazumal mit sein und etwas gelten wollte, mußteferkelehrlich sein. Dort war es, wo der Skandinavismus seinen triumphierenden Einzug in Berlin hielt. Strindberg, der Schwede, und Holger Drachmann, der Däne, die Norweger Chr. Krogh und Edvard Munch, der Finne Adolf Paul und viele andere sie alle haben dort gelebt, geliebt, getrunken und räsonniert. Adolf Paul ist jetzt auch zum Chronisten desSchwarzen Ferkels, bei dessen Entdeckung er selbst mit Pate gestanden hat, geworden. In seinen Strindberg⸗Erinnerungen und Briefen, die dieser Tage bei

Albert Langen in München erscheinen, und worin er ein sehr

charses, aber jedenfalls interessantes und, wie wir glauben, in

Hauptsache richtiges Porträt Strindbergs zeichnet, schildert

er die Geschichte der reichbewegten und entscheidenden Berliner

chiunebischen Juchters eben jener Berliner Jahre, zu

Herde,

deren Ereignissen auch die Entdeckung desSchwarzen Ferkels gehörte. Vor seiner Entdeckung war es eine kleine, in der Stille vegetierende Probierstube in der Neuen Wilhelmstraße Ecke Unter den Linden. Ueber der Tür baumelten an eisernen Ketten drei schwarze ausgestopfte Weinsäcke. Die fielen Strindberg auf. Er trat ein, und da, wie Paul erzählt, der Besitzer ein Lager von an⸗

blich neunhundert verschiedenen Schnäpsen hatte, anfangend mit

wedischem Punsch und mit japanischem Reiswein aufhörend, so war es nicht schwer, darunter den ziemlichen Stoff herauszufinden. Man und trank zu leidlichen Preisen in den winzigen kleinen Zimmern, rechts und links vom Buffettzimmer. Der Wirt schien zum Herbergsvater fahrender Dichtersleute wie geschaffen und nahm ohne Widerstand die neue FirmaZum schwarzen Ferkel an, die ihm aufoktroyiert wurde. Seine Frau war liebenswürdig, hübsch, schlank und blond. An allen Wänden lagerten bis unter die Decke Flaschen von den phantastischsten Formen und Farben. Selbst das Fenster wurde von Flaschen derartig blockiert, daß der Sonnen⸗ aufgang nur durch den Spiritus wahrgenommen werden konnte! Am ersten Abend wurde die Gitarre Strindbergs hingebracht und jetzt hatte er in Berlin einen Winkel, in dem er sich behaglich fühlen konnte. Von da ab wurde dasSchwarze Ferkel der Treff⸗ punkt der Literatur, das Hauptquartier der deutschen und aus⸗ ländischen Bohsme in Berlin. Für Strindberg wurde das Schwarze Ferkel geradezu eine Art Schicksal, und um gewisse norwegische Schönen, die zu den Gästen der neuen Künstlerkneipe zählten, entspannen sich wilde Wettkämpfe der Liebe und der Eifer⸗ sucht. Besonders tief hat an sein Leben jene originelle und gefähr⸗ liche Norwegerin eingegriffen, die später die Frau des bekannten polnischen Dichters Przybyszewski geworden ist und einen tragischen Tod gefunden hat. Sie wurde imSchwarzen Ferkel alsbald auf den NamenAspasia getauft. Paul entwirft von ihr ein inter⸗ essantes und anschauliches Bild. Eines Tages trat sie an der Seite Munchs in dasFerkel ein. Blond, schlank, elegant, mit einem Raffinement gekleidet, das die Geschmeidigkeit des Körpers zu voller Geltung brachte, aber sorgfältig vermied, bestimmte Konturen zu

ben. Ein Klassisch reines Profil, ein krauses Wirrsal blonder Locken, bis auf die Brauen niederfielen und der Phantasie des Beschauers überließen, die Höhe der Stirn nach Belieben einzu⸗ schätzen. Ein Lächeln, das zum Küssen versührte, und dabei hinter dünnen Lippen zwei Perlenreihen scharfer Zähne, die nur auf Gelegenheit zu lauern schienen, plötzlich zuzubeißen. Und eine schlangenhafte, müde Lässigkeit der Bewegung, die aber einen blitzschnellen Angriff befürchten ließ. So schlängelte sie durch die Schar eitler Geisteshelden hindurch, fing sie den einen nach dem anderen ein, mimte einem jeden meisterhaft sein Ideal vor, bis sie hinter die Kulissen seiner Lebenslüge blicken konnte.

Dann lachte sie ihn aus und ließ ihn laufen. Ihr eigenes Lebens⸗ rätsel gab sie niemals preis, verstand es aber meisterhaft, es als tiefe Bedeutung zu inszenieren. Sehr begreiflich, daß sich um dieseAspasia harte Kämpfe entspannen. Auch Strindberg ist ihren Reizen zum Opfer gefallen, um später, wie es bei ihm so oft sich ereignete, der wilden Liebe das beißendste Mißtrauen und finsteven Haß folgen zu lassen.

Zu den Deutschen, die damals imSchwarzen Ferkel verkehr⸗ ten, gehörte auch Richard Dehmel, der dort derWilde Mann hieß. Damals war er noch im Hauptberufe Versicherungsbeam⸗ ter undführte sich brav, außer wenn er es nicht tat. Wenn er es nicht tat, so war dasSchwarze Ferkel zuweilen seim Schauplatz. Dort ging, wie Paul erzählt, einmal der Teufel mit ihm durch. Er hatte von Przybyzewski zu viel Chopin zum Besten bekommen und war in überschwänglicher Stimmung, hielt Reden, improvifierte und gab ein Gedicht auf Strindberg zum Besten. Gegen Morgen aber stieg er auf den Tisch, schwang seinen Stock um die wildbewegten Locken und fing an, alle 900 Schnäpse zu vertilgen in der einzig noch möglichen Weise, so, daß er alles kurz und klein schlug. Der Ferkelwirt hatte nicht oft sol⸗ chen reißenden Absatz seiner Ware! Es versteht sich, daß, wo so viele vriginelle Köpfe und solche, die es sein wollten, sich trafen, es an Reibungen nicht fehlte. Es war ein fortgesetzes Intrr⸗ gieren, sich Reizen und Versöhnen, sich Belauern und Bekämpfen alles natürlich in bester Freundschaft, denn man weiß ja nach Friedrich Theodor Vischer, daß sich das Moralische immer von selbst versteht! Zuweilen freilich gab es imSchwarzen Ferkel arge Mißklänge. Paul erzählt von einem solchen Abend; es war, bevor Strindberg abreisen sollte, und man hattegroßes Ferkel angesagt, um ihm Lebewohl zu sagen und gleichzeitig Drach⸗ mann zu begrüßen, der sich wieder nach Berlin verirrt hatte. Ueber diesem Abend stand ein unglücklicher Stern. Es waren auch der norwegische Maler Christian Krogh und seine Frau sowie Edvard Munch und Gunnar Heiberg da, und von Anfang an gab es Verstimmungen und Sticheleien. Höchst amüsant zu lesen ist, wie Drachmann, das größe Kind, durch eine schvungvolle Rede die schmollenden Künstler, Dichter, Zechbrüder, Männlein und Weiblein zu versöhnen und in Stimmung zu bringen suchte es mißlang vollständig. Verbittert und entzweit ging man auseinan⸗ der, und am Ende des Abends schien es, als ob Ohrfeigen und Forderungen in der Luft lägen. Man ohrfeigte sich aber im

lebte, liebte und trank eben doch weiter, wie es gehen

So lebt man in Bologna

Ton ja 2

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ein, aber schon nach kurzer Zeit zog sich der Kaiser in sein Zimmer 5

Schwarzen Ferkel nicht und man forderte sich auch nicht. Man

wo Wie sagt doch das schöne Studentenlied?Das war der 1