Ausgabe 
(16.2.1915) 39. Zweites Blatt
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Iweites Blatt

Gieße

General⸗Anzeiger für OGberhessen

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSleßener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

105. Jahrgang

Kriegsbriefe aus dem Westen. Von unserm Kriegsberichterstatter. (unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Belgiens Gegenwart und Zukunft. Eine Unterredung mit dem Kaiserl. Generalgouverneur in Belgien.

5 a Brüssel, 10. Febr. 1915. In einer Unterredung, die der Kaiserliche Generalgouverneur in Belgien, Erz. Generaloberst Freiherr von Bissing, mit dem ungarischen Kriegsberichterstatter Feheri und dem Unter⸗ zeichneten hatte, äußerte er sich in bemerkenswerter Weise über n Entwicklung Belgiens während und nach dem iege.

u denkwürdiger Stätte, unweit dem Sitzungssaale des belgi⸗ schen Senates, wo der Krieg gegen Deutschland erklärt worden ist, saßen wir dem Heerführer gegenüber, dem der Kaiser vertrauens⸗ voll die Verwaltung in dem von uns mit. Waffengewalt ein⸗ genommenen Lande übertragen hat. Unten, vor dem Treppen⸗ aufgange, stehen die marmornen Reckengestalten der Männer, deren Andenken uns Deutsche mit den Belgiern verbindet, des Pipin von Heristal, des Balduin von Flandern, des Gottfried von Bouillon. Mit gutem Schwerte haben sie zu ihrer Zeit germanischer Art Neuland errungen. Und ich dachte mir, als ich der schnittigen Soldatengestalt des Generalgouverneurs von Belgien hier wieder begegnete: Das ist einer von ihrer Art, das ist ein ganzer Mann, wie die steinernen Helden da drunten, einer, den uns kein Volk nachmachen kann.Der Bissing, wie ihn seine Soldaten genannt haben,der Bissing, von dem das ganze deutsche Volk weiß, daß er gerade auf dem schwersten Posten der rechte Mann ist.

eber die Zukunft Belgiens sind die Meinungen sehr aus⸗ einandergehend, je nachdem ob man Belgier oder Deutsche hört, beantwortete der Generalgouverneur eine entsprechende Frage von meiner Seite.Aber zwischen uns Deutschen und unseren treuen österreichisch⸗-ungarischen Bundesgenossen gibt es wohl in dieser 15 keine Meinungsverschiedenheit. Indessen, meine Aufgabe ist es nicht, Politik zu treiben. Ich habe am Geburtstage Sr. Maj. des Kaisers die Parole ausgegeben, die mir geeignet schien, um alle Gedanken auszudrücken, die mich erfüllen, nämlich: Durch⸗ halten! Durchhalten, das große Losungswort, das vom ersten bis zum letzten Manne das enntnis unseres ganzen Volkes für diesen Krieg ist.

Gleich von Anfang an, als ich diese verantwortliche Stelle von Seiner Majestät erhielt, war ich mir dessen bewußt, daß es meine Aufgabe sein würde, deutsche Art und deutsches Wesen, deutsche Kraft und deutsche Arbeit hier immer mehr zu Ehren zu bringen. Damit hoffe ich, die Sicherheit in Belgien zu festigen und die Ruhe in Belgien am besten zu erhalten, was so dringend wichtig ist, weil Belgien als Hinterland für die noch am Feinde stehenden Armeen während des weiteren Verlaufes des Feldzuges eine bedeutende Rolle spielen wird und weil die Verbindungs⸗ straße 13 den vorn sechtenden Armeen und der Heimat durch Belgien geht. Diese Straße ist unter allen Umständen zu schützen und zu sichern.

3 mir auch a 15 N52 man ein. 5 es zur Anerkennung der ihm aufgezwungenen Zustände bringen will, man auch auf seine Eigentümlichkeiten Rücksicht neh⸗ men und diese jedenfalls kennen lernen muß. Bei dem eifrigen Bestreben, dies zu erreichen, habe ich 9 und schlechte Eigen⸗ schaften der Belgier gefunden. Gute, daß sie ihr Land lieben. daß sie von einem lebhaften Patriotismus beseelt sind, daß sie 5 arbeiten, wenn auch nicht mit der Energie, die im deutschen Volke üblich ist. Aber andererseits habe ich auch gefunden, daß die Belgier eine Leichtlebigkeit besitzen, die uns oft erstaunt. Ge⸗ rade aus diesem Grund eerinnern sie manchmal an ungezogene Kinder, die sich gern auflehnen, wenn ihnen zuviel verboten wird, oder wenn ihnen Strafen angedroht werden für Dinge, die sie nicht begangen zu haben glauben. Erxz. Freiherr von Bissing nannte hier eine Anzahl von Einzel⸗ fällen, die seine Darlegungen kräftig unterstrichen Er fuhr fort:Also glaube ich richtig gehandelt zu haben, da⸗ wenn ich auch scharfe Verordnungen habe geben müssen, und wenn Adolf v. Donndorf. Zu seinem 80. Geburtstage, 16. Februar.

Seit dem Ableben Johannes Schillings nimmt Wolf v. Donn⸗ dorf den Ehrenplatz eines Nestors der deutschen Bildhauerkunst ein. Er ist der letzte, der in unserer Zeit die alte, rühmliche Ueber⸗ lieferung der Bildhauerschule Rauchs verkörpert. Zwar ist Donn⸗ dorf nicht mehr selbst Rauchs Schüler gewesen, wohl aber ist er als ein Enkelschüler des Meisters anzusehen, indem er seine künst⸗ lerischen Lehrjahre bei Ernst Rietschel durchgemacht hat. Rietschel war, wie bekannt, Rauchs originellster und bedeutendster Schüler, und er hat den schnell versandenden idealen Stil der Schule durch das Element eines frischen Realismus belebt und verjüngt. Darin ist Donndorf sein getreuer Jünger geworden, und er hat das von Rietschel ihm überlieferte Kunsterbe zeit seines Lebens würdig ver⸗ treten und glücklich bewahrt. Der Weimarer Tischlerssohn hatte schon in der thüringischen Hauptstadt die Aufmerksamkeit Friedrich Prellers erregt und erfreute sich dann in Dresden des besonderen Vertrauens seines Meisters Rietschel. Als Rietschel im Jahre 1861 über dem großen Werke des Lutherdenkmals für Worms da⸗ hinstarb, da waren es Donndorf und Kietz, denen die Vollen⸗ dung dieses Denkmals anvertraut wurde und neben einer Reihe anderer Einzelgestalten war es besonders der Lutherkopf, den Donn⸗ dorf schaffen durfte. Er bat gerade hierbei jene glücliche Fahig⸗ keit zum monumentalen Bildnisse betätigt, die er später noch in einer ganzen Reihe von Werken, z. B. in der Düsseldorfer Cor⸗ nelius⸗Büste, in den Bildnissen Bismarcks, Moltles, Vischers usw. bewährt hat. Besonders in den 70er und 80er Jahren zählte Donn⸗ dorf zu den meistbeschäftigten deutschen Bildhauern. Die Reihe seiner Werke ist groß; eine ganze Anzahl davon, wie z. B. das Burschenschaftsdenkmal in Jena, das Bachdenkmal in Eisenach, das Reiterdenkmal des Herzogs Karl August in Weimar, sind beson⸗ ders bekannt und gera volkstümlich geworden. Die schlichte

ormensprache Donndorfs, der kein Freund von allegorischem

amwerke ist, hat zu dieser Volkstümlichkeit nicht wenig beigetra⸗ gen. Wohl das umfangreichste Werk, das er seit dem Lutherdenk⸗ male geschaffen hat, ist das gewaltige Kaiserdenkmal auf der Hohen⸗ syburg, das, obgleich es bereits den Altersjahren des Künstlers angehört, ihn doch im vollem und freien Besitze seiner Schaffens⸗ kraft zeigt. Ueberhaupt ist Donndorf so recht eine Natur aus dem Vollen zu nennen, der nichts Kleinliches und Aengstliches anhastet, In Stuttgart, wo er seit 1877 als Akademieprofessor wirkt, hat er eine zweite Heimat gefunden; der Thüringer hat im ben⸗ lande tiefe Wurzeln geschlagen, aber auch seine Heimatstadt hat ihn nicht vergessen und seinem Schaffen ein eigenes Museum ge⸗

* N

Darmstädter Theaterbrief. Zwei festliche Abende sah die Hofoper in diesen Tagen: am eitag gastierte Fräulein Geyers bach, das beliebte ehemalige Mitglied unserer Bühne, alsAgathe imFreischütz und es leitete Felix v. Weingartner dieAida, in der

rau Lucile v. Weingartner die Titelrolle sang. Fräulein seyersbach wurde jubelnd begrüßt und mit Beifall bei offener

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Aus diesen Voraussetzungen ergibt sich, daß ich mich immer bemüht habe, soweit es bei den Verhältnissen, wie sie einmal liegen. möglich war, der Bevölkerung Gutes zu erweisen, damit, daß ich ihr behilflich war, die Not der Zeit zu überwinden, damit, daß ich ihr mit meinen Machtmitteln dies und jenes gerettet habe, was vielleicht sonst vernichtet worden wäre, dadurch, daß ich mit allen Kräften darauf hingearbeitet habe, das wirtschaftliche Leben wiederherzustellen. Ich habe die Bevölkerung immer wieder darauf hingewiesen, daß sie zu ihrem eigenen Besten die Arbeit wieder aufnehmen solle. Damit habe ich ja auch manchen sehr erfreulichen. Erfolg gehabt, besonders in der Landwirtschaft. Als Mensch zu Menschen habe ich es versucht, den Belglern klar zu machen, daß sie für ihr eigenes Wohl sorgen, wenn sie die Arbeit wieder auf⸗ nehmen. Wo es geschehen ist, da hat man immer auf mich zählen können, daß ich mit meiner Unterstützung durch Neubelebung der Verkehrsmittel usw. geholfen habe.

Kurz und gut, in meinem Verhältnis zur belgischen Bevöl⸗ kerung habe ich mich niemals von dem Gefühl der Rache für das, was unsere Truppen durch eine schlecht geleitete Bevölkerung gelit ten haben, bestimmen lassen, so nahe das für einen Mann, der mit Leib und Seele deutscher Soldat ist, hätte liegen können. Son⸗ dern ich habe mir das Ziel klar vor Augen genommen, Belgien so lebensfähig wie möglich zu machen, es zu einem Lande werden zu lassen, welches in der vielleicht verhältnismäßig langen Okku⸗ pationszeit immer mehr die Verhältnisse des Friedens annimmt. Darum habe ich auch die mittellosen Flüchtlinge unterstützt, ich habe dafür gesorgt, daß die aus irgend welchem Grunde im Ver⸗ laufe der Operationen nach Deutschland weggeführten Zivilge fangenen sobald als möglich zurückkehren konnten, natürlich nur, wenn sie sich als unschuldig erwiesen.

Darüber hinaus legt uns die Verwaltung von Belgien manche Vorsorge tiefgründiger Art auf.

Wir müssen bestrebt sein, dahin zu wirken, daß, wenn nicht jetzt schon, so doch in Zukunft die Versorgung Be giens mit Nah- rungsmitteln möglichst aus seiner eigenen Produktion gedeckt wird, daß sie immer unabhängiger wird von der Einfuhr. Des⸗ halb unterstütze ich die Landwirtschaft in besonderer Weise, und deshalb habe ich auch die ganze Produktionsgrundlage der Land⸗ wirtschaft verändert, indem ich den Zuckerrübenbau nach Möglich- keit, mindestens zur Hälfte, mich einzuschränken bemühte, um an seine Stelle Körner- und Kartoffelbau zu setzen. Auch sorgt man für den Gartenbau und unterstützt den hochentwickelten Gemüse⸗ und Obstbau, namentlich bei Mecheln, in sehr erheblicher Weise. Hier kommt besonders die Produktion von Frühkartoffeln in Frage, die wir wahrscheinlich hier in Belgien ebenso wie für die hei⸗ mische Ernährung sehr früh gebrauchen werden.

Exz. Freiherr von Bissing sprach sich bei dieser Gele 5 sehr lobend über die* der deutschen Leuben 8. kammern aus, durch deren Vermittlung es ihm gelungen ist, das nötige Saatgetreide für Belgien troz des hohen Bedarfes im Heimatlande zu beziehen. Der Kaiserliche Generalgouverneur kam dann auf die hochentwickelte belgische dustrie zu sprechen: Auch darin haben wir alle möglichen Hebungsversuche unter⸗ nommen, aber es sind nicht alle gelungen; denn hier sind be⸗ sondere Schwierigkeiten zu überwinden. Sie bestehen z. B. darin, daß die wirtschaftliche Lage Belgiens grundverschieden von den gesunden und stabilen Verhältnissen Deutschlands ist. Bei uns stehen trotz des Krieges die Fabriken nicht still, denn wir haben unseren großartig aufnahmefähigen Inlandsmarkt. Dagegen ist Belgien, abgesehen von seiner Kohlenindustrie, auf den Import von Rohstoffen und im höch zen Maße auf den Export seiner Fabrikate angewiesen. Da besteht leider im Augenblick, wo der Krieg alle Verbindungen abschneidet, kaum eine Möglichkeit, hel⸗ fend einzugreifen. Dennoch wies uns der Generalgouverneur nach, in wie nachdrücklicher Weise er selbst da, wo sich auch nur eine Hoffnung zur Neuanknüpfung der gestörten Verbindungen zeigte, jede Maßnahme zur wirtschaftlichen Neubelebung gefördert hat. Insbesondere wird die deutsche Verwaltung die letzte sein, welche

Szene mehrmals ausgezeichnet. Sie bot eine prächtige Leistung; der strahlende Glanz ihrer Stimme, die tief⸗innerliche Beseelung in Diktion und Spiel schufen eine vollendete Figur, wie sie Dichter und Komponist vorgeschwebt hat. Herr Becker alsMax, Frau Beling⸗Schäfer alsAennchen und Herr Stephani alsKaspar standen ihr würdig zur Seite und wurden gleich ihr mit schönen Kranzspenden ausgezeichnet.

Felix v. Weingartner ist in Darmstadt dank unserer Intendanz längst kein Fremder mehr. Man begrüßt ihn oft und immer mit festlicher Erwartung am Dirigentenpult. Da er über Verdi mehrere interessante Aufsätze geschrieben hat, so durfte man dieser Aufführung mit besonderer Spannung entgegensehen, die auch nicht enttäuscht wurde. Weingartners Temperament, seine leichtbewegliche und glänzende Technik, kommen dem feurigen Italiener entgegen, dessen brillante, melodische Kantilenen gestern mit sehr foinen und belebten musikalischen Impulsen, in absolutester technischer Klar⸗ heit, oft in eigenartiger orchestraler Ausarbeitung erklangen. Die überlegene musikalische Intelligenz Weingartners holt noch aus Nebensiellen, aus Kleinigkeiten manche überraschend fein⸗pointierte musikalische Momente heraus. Und wie harmonisch ist unter seinem Szepter die Zusammenarbeit von Orchester und Bühne! Rein und flar waren die Ensembleszenen ausgeführt; eine wundervolle ruhige Sicherheit waltete über dem Ganzen! a 8

AlsAida sprach Frau v. Weingartner wieder ein⸗ mal zu dem Darmstädter Publikum, das ihreAida in des MeistersKain und Abel schon lieb gewonnen hat. Ihre nicht sehr große aber sympathische Stimme verrät eine feine Gesangs⸗ kultur, ihr Spiel ist gewandt und eint sich mit der stimmlichen Technik zu einem harmonischen Gesamtbild. Die Vertreter der übrigen Rollen, unsere tüchtigen Künstler Jakobs(Amneris), Globerger(Rhadames), Schützendorf(König), Ste⸗ phani(Ramphis), Perkins(Amonasro) sind von früheren Auf⸗ führungen in dieser Spielzeit bekannt; sie taten auch diesmal ihr Bestes, wobei Otto Nowacks Regiekunst noch besonders erwähnt

sei! Darmstadt, 15. Februar. Dr. Pfeiffer. *

Krieg und Theaterwelt. Die Schriftleitung der Leipziger Abendzeitung hat bei deutschen Bühnenleitern, Künstlern, Schriftstellern und Tondichtern eine Umfrage über die Gestaltung des Theaterspielplans während der Kriegszeit ver⸗ anstaltet und die Antworten zu einer Sondernummer zusammen⸗ gestellt. Wir entnehmen der uns vorliegenden Nummer die Aeuße⸗ rungen Hermann Steingoetters, des Leiters unserer Gießener Bühne. Sie lauten:. bl 55 Ihre Anfrage vom 15. ds. Mts. erwidere ich höflichst

gendes 2 3

Der Spielplan der deutschen Theater in dieser Kriegszeit sollte das bringen, was vornehme Theater unbekümmert um das Tagesverlangen stets gebracht haben, eine Auswahl des Besten, was die deutsche Literatur und auch die Weltliteratur zu bieten

t. Auch Shakespeare und Moliere z. B. haben unverjährbaxres eimatsrecht auf der deutschen Bühne erworben und haben viel⸗

er Anzeiger

Dienstag, 16. Februar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S5 l, Schrist

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

treibt hauptsächlich Wohlfahrtspflege. pol. tischen Haltung und in der Beurteilung der Kriegsereignisse ist

Fehlern lernen werden!

Am Schlusse der Unterredung spendete der Kaiserl. General⸗ gouverneur seinen Mitarbeitern hohes Lob. Namentlich wies er auf die erfolgreiche Tätigkeit bei der Regelung der Finanzver⸗

hältnisse, aber auch auf allen anderen Gebieten der Zivilverwal⸗

tung hin. Noch stehen am

bleibt uns in Belgien viel zu tun, sehr viel, wir Anfange unseres Wirkens. Unsere Verbesserung des Sanitäts- und Veterinärdienstes trägt schon Früchte. Der Umfang der Prostitution ist ein schlimmes Kapitel, aber den Anfang zur Einschränkung haben wir gemacht. Mit der hier ganz unbekannten sozialen Gesetzgebung haben wir begonnen, indem wir den Kinder⸗ und Wöchnerinnenschutz und die Beschränkung der Frauenarbeit eingeleitet haben. Das sind Anfänge, zur 8 Durch⸗ führung fehlen uns noch die Mittel, aber Anfänge, die wir aus⸗ bauen werden, Anfänge, die fruchtbringend schon heute wirken, wenn auch dem belgischen Arbeiter sowohl der Intellekt des deutschen Arbeiters wie dessen Verständnis für die soziale Gesetzgebung einstweilen fehlt. Arbeiterfürsorge kennt man ja hier zu Lande kaum. Da sehen wir, die wir hierher kommen, mit erstaunten Augen. Aber ich sage: Durchhalten! Deutsche Art und deutsches Wesen, deutsche Kraft und deutsche Arbeit, sie werden hier in Belgien zu Ehren kommen, wie sie in der ganzen Welt sieghaft

sein müssen! g. 4 W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter. .

Aus Hessen.

Prüfungsordnung für das höhere Lehr⸗ amt. Nach einer Verfügung Großherzoglichen Ministeriums vom 14. Januar 1915 zu Nr. M. d. J. 1 13 546% wird dem

leicht, sicher gilt das von Shakespeare, beim Volk der Dichter und Denker mehr Verständnis gefunden, als in ihrem Vaterlande selbst. Ob gerade diese ausländischen Klassiker im Kriegsjahre gebracht werden können, ist eine Frage, die der Takt jedes Bühnenleiters für seine Theater entscheiden muß. 2 5

Im übrigen können unsere deutschen Klassiker alle mit Vor⸗ teil gegeben werden und mancher wird z. B. im edlen Pathos Schillers, den er als Knabenschwärmerei überwunden glaubte, das wiederfinden, was ihm die gehobene Stimmung unserer Tage ringsum zuruft. 5

Aber nicht nur Schauspiele und Trauerspiele soll der Spiel⸗ plan umfassen, sondern er kann und soll ruhig ein liebenswürdiges Lustspiel, ja auch eine volkstümliche Posse bringen. Die richtige Auswahl wird hier der betreffenden Bühne immer noch den Cha⸗ rakter eines Kunstinstituts wahren.

Verschont bleiben mögen unsere Bühnen vor der Wiederauf⸗ nahme der französischen Ehebruchskomödien und eindeutigen Schwänke, vor der Mache englischer Gesellschaftskomödien mit ihrer unwahren Sentimentalität und vor dem Wiederauftauchen der sogenannten deutschen Gesangs possen, wie sie leider die letzten Jahre gezeitigt haben und die mit ihrem unglaublichen Text und ebenbürtiger Vertonung für immer von der Bildfläche verschwunden sein müßten. Es sollte in dieser Beziehung nicht erst einer Warnung bedürfen, wie sie z. B. das Generalkommando in München vor kurzem aussprechen mußte, um Ungeeignetes vom Spielplan fern zu halten; die deutschen Bühnenleiter im großen ganzen sind sich wohl bewußt, daß sie in dieser Zeit auch ihr gut Teil mithelfen können beim großen vaterländischen Werke. g

Um nicht mißverstanden zu werden, möchte ich ausdrücklich zur Vorsicht mahnen, gegenüber den zahllos aufschießenden sog vaterländischen Stücken, die in der Zeit und angeblich für die Zeit entstanden sind. Sie kennzeichnen sich meistens als Gelegen- heitsarbeiten, in denen die feldgraue Uniform den Bühnenerfolg verbürgen soll. In einer Zeit, in der Millionen unserer tapferen Feldgrauen draußen kämpfen und bluten, müßte der gute Ge⸗ schmack es ablehnen, eine zum Teil possenhafte Verarbeitung deutschen Heldentums sich auf den Brettern anzusehen. Daß solche vaterländischen Stücke nichtziehen wollen, darf als erfreu⸗ liches Zeichen begrüßt werden.

Ich wiederhole, auch die heitere Gattung von Bühnenwerken soll und muß in der ernsten Zeit ihren Platz behalten und auch unsere Verwundeten erquickt ab und zu ein gesundes Lachen aber das Lachen, das z. B. eine Minna von Barnhelm auslöst, wirkt erfrischender, wie der Nervenkitzel der oben abgelehnten Machwerke, und hoffentlich bringen die Erfahrungen dieser ernsten und großen Zeit eine Läuterung des allgemeinen Geschmacks und damit eine Hebung des Spielplans unserer deutschen Bühnen zustande, die über die Kriegszeit hinausreichen.

Hermann Steingoetter,

Direktor der Vereinigten Stadttheater Gießen-Marburg, des 2 5

herzoglichen Kurtheaters Bad⸗Nauheim und des Königl. theaters Bad⸗Ems.