Ausgabe 
(12.2.1915) 36. Zweites Blatt
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weites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ tagen erscheinen monatlich zweimal.

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f 105. Jahrgang

ießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Landwirtschaftliche Ausblicke.

Mit am auffallendsten unter allen durch den Krieg bedingten wirtschaftlichen Erscheinungen ist die merkliche Teuerung auf dem Fettmarkte. Die Rohmaterialien für die Herstellung von Margarine, allen Oelen, Schmieröten und besonders auch von Seifen sind teils um 100 Prozent im Preise gestiegen, eine Erscheinung die in der beträchtlichen, jetzt ausfallenden Oel⸗ und Fetteinfuhr vor dem Kriege ihre Erklärung findet. Noch zur Mitte vorigen Jahrhun

derts erzeugte das deutsche Wirtschaftsgebiet so viel Oet⸗ sämereien, daß es eine beträchtliche Ausfuhr besonders nach England und Skandinavien aufzuweisen hatte. Die immer mehr erstarkende Konkurrenz Rußlands, der Mittel⸗

meerländer, der englischen Kolonien, wie Kanada, Indien, Neuseeland, der französischen Kolonien, wie z. B Framzösisch Kongo usw. verdrängte jedoch durch ihre billige im Raub⸗ bau betriebene Erzeugung mehr und mehr die deutschen Rohstoffe und zwar nicht allein vom englischen und skandi⸗ navischen, sondern auch selbst vom deutschen Markte, so daß wir lee etwa die Hälste aller in Deutschland verarbeiteten ölhaltigen Rohstofsfe aus dem Auslande beziehen. Die deutsche Landwirtschaft fand einen Ersatz für die Oel⸗ pflanzen in den 4 die ebenfalls als Hackfrüchte gebaut, auch für die Betriebsintensität der deutschen Land⸗ wirtschaft von großer Bedeutung wurden. Schon im letz en Jahrzehnt vor dem Kriege jedoch traten mancherlei An⸗ zeichen auf, die auf eine baldige Aenderung dieser Ver⸗ hältnisse hinwiesen, eine Aenderu die durch den Krieg, wenn wir so sagen dürfen, gleichsam zwangsläufig be⸗ 1 worden ist. Kanada fand beim Unkle Sam einen nicht allein guten, sondern sogar dringenden Abnehmer für seine 8 die indische, neuseeländische und sonsti⸗ gen kolonialen Ernten aber waren, weil auf Raubbau be⸗ ruhend, meist nur wenig entwicklungsfähig, so daß bei dem immer mehr anwachs n Bedarf der Kulturstaaten eine sehr scharfe Handelskonkurrenz einsetzte, in der der deutsche Kaufmann dank 8 überlegenen Kenntnisse und Unter⸗ nehmungslust und gestützt auf eine hervorragend leistungs⸗ fähige Industrie, nur zu oft Sieger blieb. Der Erfolg war eine dauernde Preissteige rung auf allen Fettmärkten Europas und ein immer steigender Neid, der letzte und 7 tigste Kriegsgrund John Bulls. Deutschland aber ste aun vor der Notwendigkeit, seine Erzeugung seinem Bedarf anzupassen, und man darf wohl sagen, daß es eine der besten Seiten des Krieges ist, daß er mit eisernem Zwang das klar erkennen läßt und zur Durchführung bringt, was im Frieden im Kampf der Geister einfach unbeachtet bleibt. Seit mehr als zehn Jahren ist von vielen und auch vom Ver⸗ fasser immer wiederholt worden, daß es ein gewisser wirt⸗ schaftlicher Selbstmord für Deutschland sei, daß es in Kon⸗ kurrenz mit Rußland und mit den billig arbeitenden An⸗ tillen England mit Zucker versehe und zwar zu Preisen, die hinter den Zuckerpreisen im Inlande weit zurückstehen, während es für teures Geld Getreide von Amerika, Indien und Rußland und Oelsamen von unserem lieben Vetter jenseits des Kanals einhandelte. Jetzt endlich bietet der Krieg die Möglichkeit, eine Gesundung dieser Verhältnisse herbeizuführen, und es muß die Aufgabe unserer Regie- rung sein, diese Gesundung nach Möglichkeit zu unter⸗ stützen, indem sie, wenn notwendig, den Zuckerrüben⸗ bau gesetzlich auf die Anbaufläche beschränkt, die zur Erzeugung des normalen, für den Inlandbedarf not- wendigen Zuckerquantums notwendig ist. Es ist nicht allein die Sicherung der deutschen Volksernäh ung, es ist die 2 5 eines Teils der deutschen Voltswirtschaft, die hier auf dem Spiele steht.

Bezüglich der Deckung des Fettbedarfs liegen bereits eine ganze Reihe von Vorschlägen vor. Bruck und Genossen schlagen vor, den Gespinstpflanzenbau(Lein-,

Freitag, 12 Februar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersuäts- Buch- und Steindruckerei R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S Sol, Schrist⸗

leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Flachs⸗, Hanfbau) zu vermehren und so den Gespinstfaser⸗ bedarf und durch die Samengewinnung den Oelsamen- bedarf teilweise zu decken. Der Vorschlag verdient für päter Erwägung. Augenblicklich kann er keine besonderen Ansprüche auf Verwirklichung machen. Schon vor ca. 15 Jahren sind ähnliche Vorschläge vom Präsidenten des Landw. Vereins für die Provinz Oberhessen, dem Grafen Laubach, ausgegangen, und sie fanden in den Kreisen der Volksfreunde lebhaften Widerhall. Die Landtags⸗ abgeordneten Köhler, Langsdorf, und Schmalbach Crain eld, boten ihren N influß auf, um den Hauf⸗ und Flachsbau in einzelnen Teilen des Vorgebirges und Mittel⸗ 3 durchzuführen. Die Anbauversuche lieferten auch efriedigende Resultate, allein die Sache scheiterte an der Röstung. Die Tauröste liefert F geringe Produkte, die Wasserröste in öffentlichen Wasse läufen ist nach den Wasserschutzgesetzen unmöglich und die wirklich gate Re sultate liefernde Warmwasserröste ist nur im Fab rülbetriebe mit geschultem technischen Personal möglich. Vibrans, Kalvörte, hat den Vorschlag gemacht, die Spinnereien soll ten die Röste übernehmen. Der Vorschlag ist gut, er ist der einzige gangbare Ausweg, allein er ist von den Spinnerei⸗ vereinigungen bis jetzt nicht beschritten worden. Somit fällt der Gespinstpflanzenbau bis auf weiteres weg im Gegenteil, es muß vor einem Gespinst⸗ pflanzenbau in der heutigen Zeit direkt ge⸗ warnt werden, denn für Experimente ins Blaue istdie Zeit zuernst.

Unter diesen Umständen bleibt nichts übrig als den Oel samenbau in direkter Form bei uns wiederum stärker zu be⸗ treiben. Auf allen weizenfähigen Böden wird sich hierzu der Winterraps, auf allen leichteren Böden der Winterrübsen besonders empfehlen. Da beide zur Zeit zum Anbau nicht in Betracht kommen, der Oelsamenbau aber dringend notwendig erscheint, so bleibt uns nichts übrig als zu den weniger er⸗ tragsreichen Sommerformen dieser Oelpflanzen zu greifen. Sommerraps ist auf allen mittleren bis schwereren Böden, auf denen ein starkes Austrocknen im Vorsommer nicht zu befürchten ist, anzubauen.

Die besten Vorfrüchte für ihn sind gedüngte Hackfrüchte oder Klee, von dem im Frühjahr zunächst noch ein Schnitt ge⸗ nommen werden kann. Soll er nach Getreide gebaut werden, so ist eine Kaliphosphatdüngung entsprechend etwa Ztr. Superphosphat und/ Zentner 40% Kalisalz am Platze, mit der verbunden eine Jauchedün Dienste leistet. Die Feldbeste üblich. Die Saat geschehe z als Drillsaat auf ca. 304 Saatgut sind notwendig ca. 7 10 Pfund pro Morgen.

Die gut aufgelaufene Saat ist vorsichtig mit dem Hackpfluge

oder der Hackmaschine zu durchfahren und nach etwa 10 bis 12 Tagen leicht anzuhäufeln. An Schädlingen sind be⸗ sonders die Erdflöhe als bedenklich anzusehen, da sie in der Regel von Rainen, Gräben, Waldrändern her in das Feld einwandern, so empfiehlt sich gegen diese Grenzen 12 Meter breite Schutzstreifen anzulegen, die kräftig und wiederholt mit Ruß und zerkleinertem Pferdemist bestreut werden, aber nicht bepflanzt werden. Außerdem ist ein wiederholtes Be pritzen der Randstreifen der Pflanzenbestände mit einer Auf

ochung von Tabakstaub sehr zu empfehlen. Die Ernte

kann mit der Mähmaschine erfolgen und zwar sobald die Körner in den unteren Schoten braune Bäckchen haben. Die leinen von der Maschine oder Hand gebundenen Garben önnen einige Tage auf dem Felde nachtrocknen, um dann möglichst sosort gedroschen zu werden. Beim Drusch ist eine weite Trommelstellung der Maschine geboten, um jede Beschädigung der Samen zu vermeiden. Die frisch ausge- droschenen Samen bleiben zum Nachtrocknen ca. 23 Wochen in höchstens 5 Zentimeter hoher Schicht auf dem Speicher liegen und werden jeden zweiten Tag gut gewendet. Als Normalertrag dürsen auf gutem Boden und bei ausreichender

Düngung bei uns in Hessen ca. 610 Zentner Körner und 1015 Zentner Stroh und Spreu gelten. Das Stroh ist zu Streuzwecken, die Spreu zu Futterzwecken sehr brauchbar. Bei Abgabe der Samen an den Händler oder die Oelmühle behalte man sich die Rücklieferung von ca/ des Samen⸗ gewichts als Oelkuchen vor. Man wird sich auf diese Weise ein wertvolles Futter für Rindvieh und Schweine sichern. Som mer rübsen gedeiht auch auf leichteren Böden, bei ge⸗ ringerer Düngung und nach jeder Vorfrucht, doch ist sein Ex⸗ trag entsprechend geringer, er schwankt etwa zwischen 5 bis

8 Zentner pro Morgen. Wenn auch diese Erträge nicht gerade als hoch anzusehen sind, so versprechen sie trotzdem

in heutiger Zeit eine recht gute Ernte für unsre Landwirt schaft, da die Preise für Oelsalat sich zurzeit bis auf den Höhe von ca. 18 Mark pro Zentner befinden und demnächst wohl noch beträchtlich höher steigen dürften.

Ueberall dort, wo seither Zuckerrüben in größerem Umfange gebaut wurden, sollte mindestens ½ der seitherigen Rüben bau⸗ flächedem Oelsamenbaugewidmet werden. Auf diesem Wege werden die Landwirte praktische Erfahrungen sammeln und der Markt wenigstens zum Teil versorgt wer⸗ den. Zu gleicher Zeit aber wird die Vieh-, besonders Milch⸗ wirtschaft, durch die Kuchen- und Spreurückstände gehoben bezw. gesichert und so die Milchversorgung der städtischen Märkte gestützt. Dieses letzte Moment dürfte im kommen⸗ den Winter, ganz einerlei ob der Krieg beendet ist oder nicht, ganz le ondere Bedeutung gewin e und noch manchen städti⸗ schen Kreisen schwere Sorge bereiten.

Der Fettbedarf unseres heimischen Marktes wird auf f diesem Wege allerdings nicht vollständig gedeckt werden, denn einesteils sind die Anbauflächen noch ungenügend, anderen⸗ N teils die Ernten mit den Sommerformen von Raps und Rübsen gering. Besonders wird die Nachfrage nach gering wertigeren Fetten zur Schmiermittel-, Seifen- und Kerzen⸗ bereitung auf diesem Wege nicht gedeckt werden. Da auch dieser Bedarf ein sehr dringender ist, so dürfte dringend die Frage zu ventilieren sein, ob wir nicht unsere Abwässer, wie sie aus den Kläranlagen abgehen, ent⸗ fetten wollen und uns so beträchtliche Fettmengen zu obigen Zwecken sichern wollen. Die Angaben über den Fettgehalt der Abwässer schwanken sehr so wie dieser wohl selber. Die höchsten Zahlen stammen aus München und Nürn⸗ berg, sie geben 0, 370,33% an, die niedersten aus Cassel, sie geben 0,17% an. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte. Wie dem auch sei, der Fettgehalt der Abwässer ist immerhin noch beträchtlich und es wird sich zweifellos die Möglichkeit ergeben, diesen Fettgehalt der Abwässer nach der Klärung in den Klärbecken durch Zentrifugieren ziemlich vollständig zu gewinnen. Nach einer kräftigen Reinigung (Raffinerie) dieser Fette steht ihrer Freigabe in den Verkehr zur technischen 8 wohl keine Schwierigkeit ent⸗ gegen. Ob und inwieweit das von Thomae weiter aus⸗ gebildete Verfahren der Fettgewinnung durch trockene Destil⸗ lation der Sinkstoffe in den Kläranlagen sowie der Baum⸗ blätter und sonstiger Abfälle hierbei Verwendung finden kann, steht dahin.

Die Frage der Fettversorgung ist nach der Frage der Brotversorgung die dringendste, darum scheint es unbedingt notwendig, ihr alle Aufmerksam⸗ keit zuzuwenden, denn ihre Lösung ist nicht leicht!

Kleberger.

Aus Bessen. rb. Darmstadt, 11. Febr. Der Finanzausschuß

der Zweiten Kammer hielt heute mittag eine längere Sitzung ab, in der gemeinsam mit der Regierung, für welche die Herren Staatsminister Dr. v. Ewald, Finanzminiser Dr. Braun

und Minister des Innern v. Hombergk erschienen waren, die

Kunst, Wissenschaft und Ceben.

Englisches Theaterleben in Kriegszeiten. Nichts verblüfft die französischen und belgischen Besucher Englands so sehr, we der ständige englische Hunger nach Vranlgengen auch unter den gegenwärtigen Bedingungen. Dicse Feststellung machte ein Mitarbeiter derTimes, um die Tatsache dann in der selbstgefälligen Art des echten Engländers zu erklären. Wer die Engländer gut kenne, würde nicht einen Augenblick annehmen, daß ihr Hang zum Vergnügen Oberflächlichkeit bedeute, daß sie deen Geld dir era tand arspchee so daß sie für die Leiden der Heimatlosen nichts mehr übrig behielten, daß sie, weil sie spielten, nicht auch arbeiteten. Es wäre nun einmal so die englische Art.Im Beginn des Krieges, im August, sah es so aus, als sollten sie von ihrem Anspruch, nichts ernst zu nehmen, unsanft befreit werden. Aber bald erholte sich das Theater wieder. Zu Weihnachten gab es bereits so viele Pantomimen und Stücke für die Kinder wie immer und ebenso viel Leute, die sie sich ansahen. Heute machen die Auto⸗ mobile und Wagen es nicht min er gefährlich wie früher, Coventry Street zwischen 11 Uhr und Mitternacht zu überschreiten, und volle Häuser in den Theatern sind nichts Ungewöhnliches. Was will nun das englische Publikum sehen? Das ist auch heute eine schwer zu beantwortende Frage. Sicher ist das eine: es wünscht nicht diesmarte und leere Geschicklichteit, die es vor dem Kriege be⸗ wunderte. Um dem Publikum zu gefallen, muß ein Stück einen festen Stoff haben, ein aufregendes Ereignis oder Humor. Herzen und Sinne müssen im Sturm erobert, die Gunst mit Gewalt ge⸗ wonnen werden. Patriotische Stücke, von Shakespeare bis George Sims(, wirken gut. Andererseits haben Kriegsstücke und Kriegs⸗ episoden ein sehr verschiedenartiges Schicksal. Ernsthafte Stücke über den Krieg werden nicht gewünscht so konnte man wenig⸗ stens glauben, ehe M. Fonson seine vergröbernde Mischung von Lachen und TränenLa Kommandantur gab Bühnenbilder von Grausamkeiten und Schrecknissen sind nicht willlommen! man hat sie immer wieder versucht und schnell abgesetzt. In den Music-Halls finden es manche am besten, das Publikum von allen Gedanken an den Krieg abzulenken; andere wieder ziehen die Menge durch mili⸗ tärische 5Rekrutierungsgesänge und Bilder an. Für die Schauspieler war der August der denkbar ungünstigste Augenblick: denn in diesem Monat werden die Pläne für die Herbsttourneen in den Provinzen aufgestellt, die Schauspieler engagiert und die Proben begonnen. So ist die Lage der Schauspieler, die auf sol⸗ chen Gastspielreisen beschäftigt sind, sehr schwer. Trotz der Bes⸗ serung des Theatergeschäfts gibt es viele hart arbeitende Schau⸗ spieler und Schauspielerinnen, denen der Verlust von 13 Wochen oder mehr vom Herbstgastspiel einen nicht wieder gutzumachenden

Schaden verursacht hat. Jene, die so glücklich waren, ein En⸗ gagement zu finden, mußten fur herabgesetzte oder halbe Gagen

spielen, und selbst für einen LondonerStar ist das Leben bei halber Gage schwierig. Die Maßregel war aber nötig, da ganz allgemein die Eintrittspreise in den Theatern um 3050 Prozent herabgesetzt werden mußten. Es gab wohl Ausnahmen, und in letzter Zeit zeigte sich eine Tendenz, die Preise zu der üblichen Höhe zu erhöhen; man kann nur hoffen, daß in diesen auch die Schauspieler und Schauspielerinnen, besonders die Vertreter der kleineren Rollen, wieder die volle Gage beziehen. In einigen Gesellschaften, besonders in einem Repertoiretheater der Provinz und in den Music-Halls, wurde das System der Gewinnbeteiligung mit gutem Erfolge angewandt.

Die Jagd auf das deutsche Buch. DerTemps bemüht sich, die französische Gelehrtenwelt gegen das deutsche Buch mobil zu machen. Seine Ausführungen sind um so inter essanter, als sie ein unfreiwilliges Eingeständnis der Ueberlegen⸗ heit des deutschen Buches und der Regsamkcit des deutschen Buch handels in sich sch'ießen. DerTemps erkennt an, daß das deutsche Buchein tückischer Nebenbuhler unseres Einflusses in der ganzen Welt und das Werkzeug ihrer Anmaßung auf die intellektuelle Weltherrschaft sei. Unter anderem weist er auf die Reclam⸗ Ausgaben hin, die in bequemster Weisefür einen geradezu lächer⸗ lichen Preis die Uebersetzungen der Weltliteratur, sogar der chine⸗ sischen und japanischen anbieten, und er fordert, daß die höheren Schulen Frankreichs von diesen Ausgabengereinigt würden. Aber bei aller Abneigung gegen das deutsche Buch kann sich der Temps doch nicht der Einsicht verschließen, daß die weltweite Verbreitung der deutschen Schriftsteller-Ausgaben, z. B. der latei⸗ nischen und griechischen, ihre guten Gründe hat. Wird man doch in der Hauptstadt Griechenlands, wenn man dort eine Homer⸗ Ausgabe verlangt, mit der Teubnerschen bedient! Worin also liegt die Ueberlegenheit der Deutschen? Das Pariser Blatt ant⸗ wortet:Der französische Geist verhält sich aus seinem inneren Wesen heraus langwierigen phi ologischen Arbeiten gegenüber im⸗ mer etwas widerspenstig. Dagegen besitzen die Deutschen in der cenauen, kleinlichen Vergleichung alter Handschriften mit kritischen Ausgaben seit alters her unerschöpfliche Hilfs mellen an Geduld und Ausdauer; daher auch die unglückselige Verbreitung ihrer Bücher! Um sie zu bekämpfen, verlangt derTemps nicht weniger, als eine Organisation der wissenschaftlichen, besonders aber der philologischen Welt Frankreichs, wodurch allein diese unermeßliche Aufgabe Aussicht auf Lösung habe. Dann sollen auch noch die einflußreichen Autoritäten die Ausbreitung des französischen Buches in der Fremde fördern, und die Verleger Frankreichs sollen die Bücher zu günstigen Bedingungen verkaufen, während das kaufende Publikum aufgefordert wird, etwas mehr auszugeben, um das Werk der Befreiung vom deutschen Buche zu unterstützen. Man sieht, derTemps übertreibt nicht, wenn er die zu lösende Aufgabe als unermeßlich bezeichnet.

Henry Shrapnel, der Erfinder der nach ihm ge⸗ nannten Geschosse, die in den heutigen Kämpfen eine so große Ro le spielen, wurde, wie einer in der Minerva verösfentlichten Biographie zu entnehmen ist, am 3. Juni 1/61 in Mionag Ma⸗ giora Hou e bei Bradsord geboren. Seine Jugend ver ebte er in Ar⸗ mut und Bedrängnis, aber da er sehr klug und fleißig war, voll⸗ endete er seine Studien sehr schnell und wurde bereits im Jahre 1779 Artillerie-Leutnant. Man schickte den jungen Offizier nach Neufundland, wo er ich auszeichnete und bald befördert wurde. As er 1784 nach England zurückgekehrt war, begann er jene Ver uche mit Geschossen, die seinen Namen in aller Welt berühmt machen so lten. Bis zu der Zeit hatte man runde und hohle Ge⸗ schosse verwendet, die mit Explosiostoffen geüllt waren und die 0 dann in einzerne Stücke zerplatzten und wie der Zufall es mit sich 15

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brachte, zerstreut wurden. Der junge Arti lerie-Osfizier kam auf den Gedanken, eine große Zahl runder Kugeln und Pulver in be⸗ stimmter Menge in das Geschoß einzuführen und es so zum Platzen zu bringen; zu diesem Zweck legte er die Kugeln in geschmolzenen Schwefe. und ließ etws Raum darin für die Explosioladungen. Im englischen Heer wur zen diese neuen Geschosse sofort verwen⸗ det; sie waren zwar noch unvollkommen, aber doch bereits ziem⸗ ich wirk am, und die Franzosen erfuhren ihre mörderische Kraft in den Kriegen in Spanien und Portugal. In einem Briefe an Sir John Sinclair vom 13. Oktober 1808 sprach Wellington von den starken Wirkungen des neuen Geschosses und schlug Shrapnel zur Be sohnung vor. Zu gleicher Zeit verwandte Sir William Robe als Kommandant der Articlerie dieShrapnels in Torres Vedras mit großem Erfolge, und später versicherte Sir George Wood, daß seine Brigade nur mit Hilfe dieser Geschosse die Farm Haye Sainte wiedererobert und dadurch viel zu dem Siege bei Waterloo beigetragen habe. Unterdessen hatte Henry Shrapnel eine erfo!greiche Laufbahn als Soldat in Gibraltar, auf den An⸗ tillen und in Flandern fortgesetzt; beim Sturm von Dünkirchen war er im September 1793 verwundet worden. Im Jahre 1813 war er Oberst. Da er seine arti leristischen Studien und Versuche niemals aufgegeben hatte, waren ihm noch eine Anzahl Ver⸗ besserungen seiner Waffe gelungen; so vervollkommnete er beson⸗ ers die Mörser und erfand bereits eine Rücklaufvorrichtung an den Geschüten. Bei diesen Versuchen hatte er jedoch seine beschei⸗ denen Hilfsmittel vollkommen erschöpft und mußte den Minister um Unterstützungen angehen. Dieser gab ihm aber einfach den Be⸗ scheid, daßdie Leitung der Artillerie nicht die Fonds habe, um den Verdienst zu belohnen. Schließlich fand die englische Re⸗ gierung indessen doch einen Weg, dem Ersinder derShrapnels, die dem englischen Heere so wesentliche Dienste geleistet hatten, eine Jahrespension von 24000 Mark auszusetzen. 1

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