. 34 Zweites Blatt
1 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erschemen monatlich zweimal.
Die Türken kommen! Kriegsbilder aus Kairo. Die Türken kommen! Auf drei Wegen haben sie die Sinaihalbinsel durchzogen; sie stehen wenige Kilometer öst— lich vom Suezkanal und die ersten Begegnungsgefechte haben bereits stattgefunden— diese Nachricht platzte wie eine Bombe vor wenigen Tagen in das friedliche Kairo. In Europa wußte man es zwar längst, daß die Türken Pater Aegypten marschierten, in Kairo aber hatten die hörden drei volle Monate lang mit eiserner Stirn be⸗ hauptet, der Anmarsch der Türken sei eine Fabel und der lan, die Sinaihalbinsel zu durchziehen, unausführbar und unsinnig. Schließlich aber konnte die englische Regierung die Wahrheit, die unwiderstehlich auf dem Marsche war, nicht mehr aufhalten. So lange hatten ihre Zensoren mit fleißiger Feder und schwarzer Tinte in jeder europäischen Zeitung, die nach ypten kam, alles gestrichen, was vom Anmarsche der Türken handelte, nun aber mußte eines Tages amtlich mitgeteilt werden, daß die Konzentrierung der Türken in Syrien und Palästina beendet und daß das t organisierte, von deutschen Offizieren geführte Türken⸗ er von vielen Beduinen verstärkt und im Besitze zahl- reicher Artillerie, auf dem Anmarsche gegen Aegypten sei. Wie die Feb Neuigkeit in Kairo wirkte, beschreibt anschau⸗ lich G. Civinini, der Kriegsberichterstatter des„Cor⸗ riere“, in einem Briefe aus Kairo, der in den letzten Januar⸗ tagen—* ist. Zunächst gab es natürlich 9 A d bei den Europäern, den Arabern und der übrigen völkerung; dann trat Ruhe ein, und die Mohammedaner strömten auffallend eifrig in die Moscheen. Das Stadtbild Kairos änderte sich: die großen Mengen ruhmrediger australischer Soldaten, die sonst mit 3 Lärm die Straßen . hatten, verschwanden; drei Tage hintereinander Haran ilitärzüge mit unbekannter Bestimmung ab. Kurz, darauf hörte man Gerüchte von Zügen mit Verwundeten, die aus Gefechten in nächster Nähe des Kanals angekom⸗ men sein sollten, und man sah auch Ambulanzwagen, die in die Zitadelle fuhren. Es wurde bekannt, man habe sie in ein Krankenhaus mit vielen hunderten von Betten um- gewandelt, das gleiche sei mit den großen Hotels in Kairo und bei den ramiden geschehen, und schließlich ver⸗ sschwanden auch die australischen, in 1 nonnen⸗ hafter Tracht steckenden Damen des Roten Kreuzes. Eine nervöse Stimmung erfaßte ganz Kairo. Etliche Leute pack⸗ ten ihre Koffer und fuhren nach Alexandria, und an einem Sonntagnachmittag glaubte die 920 Stadt, sie habe— wie Paris— ihre„Taube“ gehabt. Es flog nämlich— das 1 alle Leute in Kairo— ein türkisches Flugzeug über die Stadt. Nüchterne Leute sagten freilich, es sei ein Kinder⸗ luftballon, der sich losgerissen habe, und so war es auch. Nun hielt man es für an der Zeit, nachzuforschen, wo die Türken eigentlich ständen. Mangels irgend welcher amt⸗ licher maße hielt man sich an Landkarten, die man kaufen und auf denen man alle möglichen auf Gerüchten beruhende Gefechte verfolgen konnte. Alles in allem nahm man an, die Türken ständen recht dicht hinter dem Kanale. Es geschah allerlei, was diese Annahme bestätigte, und ob— wohl den Kriegsberichterstattern nicht erlaubt wurde, bis 24 Kanal selbst vorzudringen, konnte man sich schließlich ch ein ganz gutes Bild von den Vorgängen machen. Der Reiseverkehr zwischen Port Said, Ismailia und Suez wurde zwar eingesten t, aber das hinderte nicht, daß Nach⸗ richten in e mit der merkwürdigen, sast tele⸗ graphischen Schnelligkeit, wie sie dem Orient eigen ist, sich verbreiteten. Man erfuhr so die Tatsache, daß die Türken drei Wege durch die Sinaihalbinsel eingeschlagen hätten: von El Arisch her sollte eine große Macht vorgedrungen sein, von der 20000 bis nach Bir⸗El⸗Dneidar, 11 Kilometer vom Kanal, vorgedrungen sein sollten. 1 8 stellten ein zweites Heer von 40 Mann fest, das sich 15 bis 20 Kilo⸗ meter südöstlich von Ismailia aufhielt, ein anderes von 20000 Mann sollte unmittelbar hinter dem Ka⸗ nale die Pilgerstraße besetzt halten. Kurz: die Türken waren wirklich und wahrhaftig am Suezkanal. Vom 17. bis
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165. Jahrgang
ießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
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mittwoch, 10. Februar 105
5 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen a Universitäts- Buch- und Steindruckerei. 1 R. Lange, Gießen. 85
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zum 20. Januar fanden dann allerhand Begegnungs- 15155 statt: große Aufklärungstruppen der Engländer, 000 und einmal sogar 6000 Mann ließen sich in Schar⸗ mützel mit Beduinen ein, folgten ihnen und sahen sich dann plötzlich von einer großen Uebermacht regulärer Truppen eingeschlossen. Angeblich sollen sie sich wieder haben befreien können, doch verlor die 6000 Mann starke Truppe dabei 300 Tote und hatte 1000 Verwundete. Die Regierung hielt es für eit weiter bei der Verschweige⸗ und Vertuschungstaktik u bleiben, und in einem Falle leistete sie sich etwas reden nglaubliches: es kam nämlich in Alexandria ein Dampfer mit Verwundeten an. Jedes Kind konnte erraten, was für Verwundete es seien,* 5 die Zeitungen mußten veröffent- lichen, es seien Verwundete aus Flandern, die sich in der Frühlingssonne Aegyptens erholen sollten! Konstantinopel, 9. Febr.(WTB. Nichtamtlich.)
Das Hauptquartier teilte gestern mit: Die Avantgarde un⸗ serer gegen Aegypten operierenden Armee machte einen er⸗ folgreichen Erkundungsmarsch durch die Wüste, trieb die vorgeschobenen Posten der Engländer gegen den Kanal hin zurück und überschritt sogar mitelnigen Kom⸗ bagnien den Suezkanal zwischen Tussum und Sera⸗ peum. Trotz des Feuers englischer Kreuzer und Panzerzüge beschäftigten unsere Truppen den Feind wührend des gan⸗ zen Tages und klärten seine Verteidigungsmittel in vollem Umfange auf. Ein englischer Kreuzer uurde durch unser Geschützfeuer schwer beschädigt. Unsere Avant⸗ garde wird die Fühlung mit dem Feinde aufrechterhalten und den Aufklärungsdienst auf dem östlichen Kanalufer ver⸗ sehen, bis unsere Hauptmacht zum Angriff schreiten kann.— Ein Teil unserer Flotte beschoß Jalta wirk⸗ 8 01 5 versenkte an einem anderen Punkte ein russisches Schiff. 7
Konstantinopel, 9. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Die türkischen Blätter besprechen die ersten Opera- tionen am Suezkanal und legen großen Optimismus hin⸗ sichtlich der Sicherheit des Erfolges an den Tag, indem sie die Schwierigkeiten hervorheben, die sich den Engländern bei der Verteidigung Aegyptens einerseits gegen die türkische Armee und andererseits gegen die Streitkräfte der Senussi und gegen die eingeborene Bevölkerung entgegenstellen, die sich bei den ersten entscheidenden Erfolgen der türkischen Ar- meen gegen die englische Herrschaft erheben würde. Die Blätter verweisen auf gewisse, für die Engländer beunruhi⸗ gende Anzeichen, wie die Zerstörung der Druckerei und der Redaktion der in Kairo erscheinenden englandfreund⸗ lichen Zeitung„Almokattam“ und die körperliche Züchtigung, die die Geistlichen erleiden mußten, welche in den Freitagsgebeten statt des Namens des Kalifen den des falschen diven nennen sollten. Weiterhin hebt der„Ta⸗ nin“ die Bedeutung der türkischen Erfolge in Mesopota⸗ mien, namentlich der Besetzung der 70 Kilometer nördlich von Mohamara gelegenen persischen Stadt Haviz hervor. Das Blatt erfährt, daß die Engländer, die einsehen, daß fat in der Provinz Frak nichts erreichen können, und die Ge⸗ ahr erfassen, die Bassora droht, anfangen, die Musel⸗ manen zu mißhandeln.„Ikdam“ hebt bei der. sprechung der Lage der Zentralmächte insbesondere die wirk— same Betätigung Deutschlands zur See, die Erfolge der österreichisch-zungarischen Armee, die glänzende finanzielle Lage Deutschlands und Oesterreich-Ungarns sowie die dem Dreiverbande erwachsenen Schwierigkeiten hervor. Das Blatt gibt seiner festen Zuversicht auf einen günstigen End⸗ erfolg der Zentralmächte Ausdruck. Ein Vertreter des Groß⸗ scheichs der Senussi, Seid Ali Halil, der hier eingetroffen ist, hat in einem Interview erklärt, daß gleich, nachdem der Fetwa über den Dschihad in Afrika bekannt geworden war, sämtliche Muselmanen sich unter großer Begeisterung mit den Senussi und den algerischen Kriegern vereinigt haben. Die Nachricht vom Dschihad sei bereits in ganz Afrila verbreitet. Seid Ali Halil bestätigte die Meldungen von den ersten Erfolgen der Senussi.
Die deutschen Uriegsflieger im russischen Lichte. Russische Offiziere erkennen die wundervolle Genauig- keit, mit der der Riesenmechanismus des deutschen Heeres
Gießener Stadttheater.
Flachsmann als Erzieher. Komödie von Otto Er nst. f Die Quelle froher ee die am letzten 9 9 84 9 Stadttheater nur mühsam gezwungen geplät tte, kam . abend wieder zu jenem erfrischenden Sprudeln, das un⸗ serem Theater in dieser Zeit mit Recht den Ruf eines beacht⸗ lichen Heilfaktors für Gemütsverstimmungen leichterer Art und eines Gegengewichts gegen den Druck schwarzer Gedanken und Vorstellungen gebracht hat. Mit dem trotz aller Schärfe der Satire liebenswürdigsten aller Tendenzstücke, Otto Ernsts köstlicher Tragi⸗ Komödie des Schultyrannentums, erspielten sich unsere Künstler einen auf gültigen Regeln und nicht auf dem Wohlwollen ein⸗ zelner beruhend a, aus frohgestimmter Seele kommenden Erfolg, den wir hier um so lieber attestieren, als er wieder beweist, das unser Eusemble schwimmen kann— wenn man es nur ins Wasser wirft. Wogegen auch der Delphin bald nach Luft schuappen wird, wenn er von den„Barbaren“ auf Sandbänke gelockt wird Ob Otto Ernsts Komödie ihre Wurzeln im Gegenständlichen hat, ob sie sich auch nur im Bereich des Möglichen bewegt, das zu entscheiden ist eine mißliche Sache; man müßte auf der einen Seite immerhin mit einem Protest rechnen, wenn man die Berech⸗ tigung der Satire zugeben wollte; und anderseits ist die schmun⸗ nde Bereitwilligteit, auf Stockvädagogik und Bureaukratentum Steckenpferd zu reiten, eine viel zu verbreitete Neigung, als daß man einheitlicher Zustimmung sicher sein könnte, wenn man alle Flachs männer in das Reich der Fabel verweist. Deshalb sei nur sestgestellt, daß Otto Ernst den außerordentlich spröden Stoff in eine solch reizvolle und graziös⸗bewegliche Form gegossen hat, die den Anstoß an den beiden erwähnten Ecken mit einer fast akrobatenhaften Geschicklichkeit vermeidet. Wenn Otto Ernst sich die Schme rzen seines durch reichlich fließende Tantiemen entbehrlich gewordenen Volksschullehrertums von der Seele geredet hat, dann hat er es jedenfalls in einer Art getan, die weder die üble Laune derer, die seinen leichtbeschwingten Pfeilen als Zielscheibe dienen müssen, mit allzu harten Fingern traktiert, noch die Zustimmung, deren er sich um jeden Preis versichern will, an den Haaren herbeizieht. Man— 5 gleichwohl nicht über⸗ sehen, daß sich der Konflikt, über dem Flachsmanns Pseudo⸗ Existenz ins Stolpern kommt, in 5 Aeußerlichkeit gar zu sehr Es Kriminell⸗Amerikanische streift, als daß man durch die ge⸗ f Drapierung des ganzen das Gefühl los werden könnte: aul kann es im Staate Dänemark denn doch wohl nicht mn Stücke kommt hier aber der Umstand zugute, daß dieser
halb der schwarz⸗weiß⸗roten Grenzpfähle ein Taxtüffe mit den Zeugnissen seines Bruders dreißig Jahre lang den Schulmonarchen spielen kann, so ist man andererseits bereit, sich der Meisterschaft, mit der Otto Ernst die Träger seiner und seines gedachten Wider⸗ spiels Ansichten malt oder auch karikiert, mit rückhaltloser Aner⸗ kennung hinzugeben. Diese Streber und Intriganten, Pedanten und Heißsporne, Idealisten und Vollmenschen handeln und denken mit einer so plastischen Natürlichkeit in einem so greifbar lebens⸗ echten Milieu, daß man die staub⸗ und paragraphengeschwängerte Luft des krassen Schuldespotismus förmlich zu atmen vermeint und fast erleichtert aufatmet, wenn der Ideallehrer Flemming, in dem man des Dichters künstlerisch-erzieherische Ansichten personifiziert zu erblicken hat, mit einem Donnerwetter dazwischen fährt. Die Frage: Ja, gibt es denn so etwas eigentlich? tritt über dem Reichtum, der aus allen Ritzen des mit sicherem Geschmack, noch sichererem Bühnenblick und vor allem mit erstaunlichem Fleiß zusammengetragenen Baues dem Hörer entgegenquillt, voll⸗ kommen in den Hintergrund. Aus diesem Grunde vornehmlich ist der Flachsmann ein zeitloses Wesen, denn die Berechtigung der Satire, deren Objekt er ist, kommt erst in zweiter Linie für seine Beurteilung in Betracht und gottlob erst dann, nachdem ihr ein goldener, helläugiger Humor so ziemlich alle Spitzen genommen hat.
Unter Otto Conradis Leitung kam, wie schon erwähnt, eine ausgezeichnete Leistung unserer Bühne zustande, deren Hauptvorzug in einer durch viel Sorgfalt erreichten Einheitlichkeit lag. Wenn man bei dem heiteren Werke von einem Stil reden darf, dann trafen ihn alle Mitwirkenden mit einer rühmens⸗ werten Sicherheit, die in Verbindung mit der von fleißiger Vor⸗ arbeit sprechenden äußeren Aufmachung und dem lebeusvollen szenischen Drum und Dran die Aufführung zu einer der besten der Spielzeit machte. Walter Dworkows ki legte in die Art, wie er den Flachsmann anfaßte, in die Figur dieses engherzigen, kriechenden Strebers und Knechters alles Selbständigen unter ihm ein Höchstmaß von Wahrschein ichkeit. Dem aufrechten Flem⸗ ming, dessen Belohnung am Schluß allerdings ein wenig nach dem guten Fridolin und dem bösen Dietrich riecht, lieh Ferd. Steinhofer eine ergötzliche Ueberlegenheit. Paul Schubert ist die Rolle des mit fester Faust zupactenden, das Menschenherz verstehenden Schulrats wie auf den Leib geschnitten. Auch alle übrigen Mitwirkenden, deren Menge weiterer Spezialisierung ent⸗ egensteht, dürfen von dem lebhaften Beifall, den das gutbesuchte Haus spendete, jeder sein reichliches Teil in Anspruch nehmen;
arbeitet, ganz offen an, insbesondere hat sich jüngst ein
russischer Offizier gegenüber einem Berichterstatter des „Corriere“ über die Leistungen der deutschen Kriegsflieger 0 geäußert. Ihnen zollt er das folgende Lob:„Um das Feuer
ihrer Artillerie wirksamer zu machen, haben die Deutschen 1 ihren an sich schon erstaunlichen Lufterkundungsdienst ver⸗ vollkommnet. Täglich werden Flugzeuge zur Feststellung des Standortes der russischen Batterien verwendet. i äußerster Genauigkeit geben sie von einem Male zum andern die verschiedenen Standorte an. Von den deutschen Schützengräben aus erheben sie sich zu einem Höhenfluge, der sie auf 2000 oder 2500 Meter führt. Ueber dem feind⸗ lichen Lager schweben sie dann und bleiben außerhalb des 4 wirksamen Schußbereiches der Geschütze und der Gewehre. In der Höhe beginnen sie dann große Kreisflüge auszu- führen, beobachten mit Ferngläsern und steigen in lang⸗ 9 samen Spiralen abwärts, bis das Barometer eine Höhe von 1500 Metern anzeigt. Wenn sie dann das Versteck der russi⸗ schen Artillerie entdeckt haben, trotzen sie dem utzütenden Feuer, fliegen senkrecht über der Artillerie und schweben einen Augenblick unbeweglich; dann lassen sie sich in blitz⸗ schnellem Gleitfluge auf 1000 Meter herunterfallen und bleiben in dieser Höhe. Schnell werfen sie eine Bombe ab, die mitten in der Luft platzt und sich zu einer großen Rauchwolke erweitert. Das ist das verabredete Zeichen. Durch den Sturm des feindlichen Maschinengewehrfeuers flieht das feindliche Flugzeug dann eiligst, aber die deutschen Offiziere, die von een Posten aus die Flugbewegungen beobachten, kennen dann bereits den graden Abstand zwi⸗ schen den russischen Laufgräben und den ihren und be⸗ rechnen, indem sie die Höhenangabe des Fliegers von 1000 Metern, aus welcher Höhe die Flieger regelmäßig die Bom⸗ ben abwerfen, zur Grundlage nehmen, den Winkel und den äußersten Abstand der feindlichen Batterien. Ihre Rech⸗ nungsergebnisse sind fast immer genau. Diese kluge und unbekannte Kombination veranlaßte im Anfang bei den Russen schwere Verluste. Sobald wir heute eine Rauchwolklfe am Himmel sehen— dies ist dte Frucht der Erfahrung— verlegen wir schleunigst den Standort unserer Artillerie,
so gut er auch sein mag.“ 3 Aus Hessen.* Eine Mainzer Versammlung der Sozialdemokratie. 1 N
Mainz, 9. Febr.(Priv.⸗Tel.) Nach einem Vortrage des Reichstagsabgeordneten Dr. David nahm die hiesige sozialdemokratische Partei folgende Entschlie⸗ ßung an: 0
„Die Mitgliederversammlung der sozialdemokratischen Partei billigt die Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsfraltion vom 4. August und 2. Dezember 1914. Sie erkennt die Verteidi⸗ gung des Vaterlandes als eine Pflicht der sozialdemokratischen Arbeiter, die an der Erhaltung des wirtschaftlichen Lebens, der Kultur und des staatl Bestandes Deutschlands interessiert sind, an. Die Versammelten sprechen den im Felde stehenden Kämpfern und allen, die im Inlande für die Verteidigung des Vaterlandes ihre Kräfte widmen, ihren Dank aus. Sie erwarten, daß dieser Krieg zu einem ehrenvollen Abschluß führen werde, der dem deutschen Volke die Segnungen des Friedens und der
ruhigen Arbeit für die Zukunft sichern wird.“ 1 Aus dem Reiche. 2
Das preußische Abgeordnetenhaus und die Zensur. 5
Wie die„Post“ mitteilt, wird das preußische Abgeord⸗ netenhaus sich sehr ernstlich mit der Frage der Zensur be⸗ schäftigen und insbesondere den Fall des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes, Rechtsanwalt Claß in Mainz, ein⸗ ehend erörtern. Rechtsanwalt Claß hat eine nur als Hand- chrift gedruckte Denkschrift über die Kriegsziele des deut⸗ schen Volkes verfaßt und sie an führende Männer des poli⸗ tischen Lebens und au Gesinnungsgenossen versaudt. Darauf
wurde nicht nur die Denkschrift beschlagnahmt, sondern auch die Auslieferung des gesamten, auf die Denkschrift bezüg⸗ lichen Briefwechsels verlangt und Post- und Telephonsperre über ihn verhängt. 5
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niemand fiel aus dem frischen Bilde so heraus, daß man nich b mit gutem Gewissen sagen könnte, es sei aus einem Guß ge-
wesen. 2——
— Wolfflin über das Malerische bei Rem⸗ brandt. In der Januaxsitzung der Kunstwissenschaftlichen Gesell.x schaft zu München hat Professor Wölfflin einen sehr inter⸗
essanten Vortrag über das Malerische bei Rembrandt gehalten. Er hat darin eine wichtige und treffende grundsätzliche Unter⸗ scheidung gemacht zwischen dem Malerischen des Sehens, der Auf: fassung, das vom Gegenstande unabhängig ist, und dem Stofflich! Malerischen, das dem ersteren gegenüber einen relativ objektiven Charakter hat und all das umfaßt, was man als malerische Grup⸗ pierung, malerische Beleuchtung, malerische Ansicht und dergleichen bezeichnet. In diesem Sinne ist die Ruine malerischer als das neue Gebäude, die verkürzte Ansicht malerischer als die unverkürzte usw. Die malerische Auffassung kann sich mit dem Objektiv⸗Malerischen verbinden, ist aber nicht darauf angewiesen. Rembrandt hat Bettler in zerlumpter Kleidung als malerische Motive gewählt, Velasquez dagegen hat viele Hoftrachten malen müssen, und seine Malerei ist dadurch um kein Haar weniger malerisch geworden. Bei Rembrandt ist das Verhältnis dieses: je mehr er fortschreitet in der malerischen Auffassung, um so mehr verzichtet er auf die„pittoresken“ Motive. In der Radierung des Barmherzigen Samariters z. B. findet man alle Requisiten einer malerischen Regiekunst, aber das Blatt ist wenig maleris 2 gesehen. Das Gemälde von 1648 mit dem gleichen Gegenstand ist im selben Maße szenisch vereinfacht, als es malerischer in der Dar⸗ stellung geworden ist. Die Entwicklung, die Rembrandt durchmacht, ist eine typische, nicht nur für einzelne Individuen, sondern auch für Entwickelungen, die ganze Generationen umfassen. Als nahe⸗ liegendes Beispiel für diese Erscheinung wies Wölfflin auf die Geschichte der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts hin, die den Apparat an sogenannten malerischen Motiven immer mehr vereinfacht und verkleinert hat, um dafür zu einer rein malerischen Auffassung der Natur zu gelangen. 1 Rom, 9. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Tribuna“ meldet aus Bangost: In Kyrene wurde eine marmorne Riesen⸗ statue Alexanders des Großen entdeckt, an der ein Teil des rechten Vorderarmes fehlt. Es handelt sich um eine prachtvolle Kopie der berühmten Bronzestatue des Lysippne, die bald nach der Zeit, aus welcher das Original stammt, angefer⸗ Arm
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tigt ist. Alexander ist aufrecht stehend dargestellt, den rechten ausgestreckt, in der linken Hand eine Lanze schwingend, mit jugendlichem Kopf, den Blick zum Himmel. N
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