Ausgabe 
(6.2.1915) 31. Drittes Blatt
Seite
45
 
Einzelbild herunterladen

. 3 Drittes Blatt erschein! täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Die landwirtschaftlichen Aulturarten in hessen.

Wohl zu keiner Zeit ist die große Wichtigkeit und Bedeutung des landwirtschaftlichen Grund und Bodens in Deutschland für unsere ganze nationale Existenz so anerkannt und gewürdigt worden, wie in den gegenwärtigen schweren Kriegs- tagen. Es war das besondere Verdienst des Fürsten Bismarck, durch Einführung der Schutzzollpolitik eine rationelle Entwicke⸗ lung der deutschen Landwirtschaft in die Wege geleitet zu haben, durch welche sie jetzt. in der glücklichen Lage ist, bis auf einen geringen Bruchteil den gesamten Bedarf unserer hauptsächlichsten Nahrungsmittel im Lande selber zu produzieren. Immerhin ist. aber hinsichtlich der Ausnutzung der für die Landwirtschaft brauch⸗ baren Bodenflächen bis in die letzte Zeit hinein viel gefehlt und unterlassen worden und es kann daher nur mit Genugtuung be⸗ grüßt werden, daß jetzt von behördlicher Seite alles getan wird, um die vielen noch brach liegenden Landstreifen für die Zwecke der Feld⸗ und Gartenwirtschaft nutzbar zu machen.

In unserem Großherzogtum hat die Bodenkultur seit aller Zeit den wichtigsten Nahrungszweig der Bevölkerung gebildet: und wenn auch die rasch fortschreitende Industrialisierung mancher Landesteile für die Feld⸗ und Gartenbearbeitung stark in den Hintergrund getreten ist, so ist dagegen doch in anderen Gegenden eine zum Teil recht wesentliche Erweiterung der Anbauflächen erfolgt. Das Gesamtgebiet der Bodenfläche unseres Großherzog⸗ tums umfaßt 768 767 Hektar, also 7687 Quadratkilometer, wovon nach der neuesten amtlichen Statistik im Jahre 1913 369 361 Hektar auf Acker⸗ und Gartenland entfallen, also fast die Hälfte der Gesamtfläche. Da man aber zu den landwirtschaftlich benutzten Flächen im allgemeinen auch die Wiesen, reiche Weiden und Weinberge hinzurechnet, die in Hessen insgesamt 115 476 Hektar umfassen, so ergibt sich, daß nahezu Zweidrittel unseres Landes für die-Zwecke der Volksernäh⸗ rung zur Verfügung stehen, während das andere Drittel in Forsten und Holzungen besteht. Verhältnismäßig am stärksten ist neben dem Weinbau auch der Korn- und Gemüsebau in Rhein⸗ hessen vorhanden, denn von der dortigen Gesamtbodenfläche von 137 281 Hektar sind 102 678 Hektar Acker- und Gartenland, 13 896 Hektar Weinberge und 4620 Hektar Wiesen. In der Provinz Starkenburg lommen bei einer Gesamtfläche von 302 672 Hektar nur 123 454 Hektar und in Oberhessen bei 328 814 Hektar Gesamtfläche nur 143 229 Hektar für Acker⸗ und Gartenland in Belracht. Dagegen übersteigt in Starkenburg der Waldreichtum das letztere noch um 4000 Hektar, da die Fläche

für Forsten und Holzungen 127 224 Hektar beträgt, während ste sich in Oberhessen auf 109079 Hektar, in Rheinhessen aber

nur auf 5658 Hektar stellt. In Oberhessen sind auch noch 54362 Hektar Wiesen und 6474 Hektar Weiden und Hutungen vorhanden, in Starkenburg 34710 Hettar Wiesen. Die Haus⸗ und Hofräume umfassen in Starkenburg 3306 Hektar, in Oberhessen 2080 Hektar und in Rheinhessen 2024 Hektar, die unbesteuerte Fläche, Wegeland, Friedhöfe, öffentliche Parkanlagen, Gewässer, Oed⸗ und Unland usw. beträgt in den drei Provinzen zusammen 34559 Hektar.

Die größte landwirtschaftlich benutzte Fläche entfällt auf den Treis Friedberg mit 35 859 Hektar, die kleinste auf den Kreis Darmstadt mit nur 12609 Hektar und auf Bingen und Offen⸗

it etwas über 13000 Hektar, während sich Friedberg am

hach mit

297 der Kreis Gießen mit 30 212 Hektar, or ms mit 36327 Hektar und Oppenheim mit 25 190, Hektar anschließt. Bez a e

Vezüguch der Wiesenflache eden die Kreise Leuerbuch, und en mit über 10 000 Hektar obenan, Gießen hat 8000. Büdingen 7500 und Bensheim, Dieburg, Groß⸗Gerau, Erbach und

Friedberg über 5000, Offenbach 4000, Darmstadt 2918, Worms 1685, dagegen Mainz nur 458 Hektar Wiesen. Die Fläche für Weiden und Hütungen ragt in Schotten mit 2604 und in Lauter⸗ bach mit 1835 Hektar weit über alle andern Kreise hervor, doch sind von dieser Flächenart auch in dem industriellen Offenbach noch 75 Hektar, in Mainz 12 und in Darmstadt 7 Hektar vorhanden. Den größten Waldbestand hat der Kreis Erbach mit 34 988 Hektar, dann folgen Alsfeld mit 24 422 und Lauterbach mit 20 191 Hektar. Offenbach und Gießen haben etwas über 17 000, Darmstadt. Bensheim und Lauterbach rund 12000 Hektar, während am ärmsten an Wald der Kreis Worms mit 214 Hektar ist. Bezüglich der be⸗ bauten Weinbergsflächen marschiert der Kreis Oppenheim mit 4186 Hektar an der Spitze; dann folgt Bingen mit 3331 Hektar, Alzey mit 2700 Hektar, Worms mit 2606 Hektar und Mainz mit 1073

105. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhesse

f

Samstag, ö. Sebtuat 1j

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrist⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Hektar, während außer Bensheim und Heppenheim mit ca. 240 Hek⸗ tar andere Kreise für den Weinbau überhaupt nicht in Betracht kommen. 8 Von ganz besonderem Interesse ist es, näher zu betrachten, in welch umfassender Weise sich die Art der Bodenbearbeitung und das Ernteergebnis auf den Anbauflächen des Großherzog⸗ tums in den letzten Jahrzehnten umgestaltet hat. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts waren bei einem Gesamtareal von 385 000 Hektar Acker⸗ und Gartenland 195 844 Hektar mit Getreide und Hülsenfrüchten zum Körnergewinn bebaut, 1878 dagegen 218 967 Hektar; 1893 214858 Hektar und 1913 nur 206 340 Hektar. Die mit Kartoffeln bebaute Fläche stieg dagegen von 49 267 Hektar um die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf 63 316 Hektar 1913. Die Fläche für Futterpflanzen gar von 48 142 Hektar auf 82 916 Hek⸗ tar. Während der Getreideanbau in Starkenburg seit 1861/65 auf der gleichen Höhe blieb(zirka 48½ Hektar auf 100 Hektar Acker⸗ und Gartenland), stieg er in Rheinhessen und Oberhessen um je 5 Prozent, auf 58,8, bezw. 60,9 Prozent. Mit Weizen und Spelz wurden 1861/65 in Starkenburg 17 726 Hektar bebaut, 1883/87 noch 13 039 Hektar, 1913/14 dagegen nur 7646 Hektar; in Ober⸗ bessen stieg der Weizenanbau von 19 749 1861/65 auf 21547 Hektar, in Rheinhessen fiel er in demselben Zeitabschnitt von 16893 Hek⸗ tar auf 3738 Hektar. Dagegen stieg der Anbau von Roggen in Rheinhessen von 14000 Hektar auf 22 000 Hektar und in Starken⸗ burg von 19 400 auf 26 900 Hektar, während er in Oberhessen von 24 600 auf 21 900 Hektar zurückging. Der Anbau der Gerste fiel in Starkenburg von 13 700 auf 9000 Hektar, in Oberhessen von 21 800 auf 14900 Hektar und stieg in Rheinhessen von 5400 auf 8000 Hektar, der Anbau von Hafer stieg in Starkenburg von 11000 auf 16000 Hektar, in Oberhessen von 16 200 auf 28 800 Hektar und in Rheinhessen von 5400 auf 8100 Hektar. Die gesamte, landwirtschaftlich benutzte Fläche, also Acker- und Gartenland, Weinberge, Wiesen und reiche Weiden, ist seit 1861/65 nach dem Grundsteuer⸗Zentralkataster nahezu dieselbe geblieben.

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Gesamternte⸗ erträgnisse des Jahres 1913, so können wir im all⸗ gemeinen mit dem Ergebnis zufrieden sein. An Weizen produ⸗ zierte Starkenburg 1913 163 968 Doppelzentner, Oberhessen 614175 Doppelzentner, Rheinhessen 114 500 Doppelzentner und dem Gesamtergebnis von 892 643 Doppelzentnern Weizen steht ein solches von 912 219 Doppelzentnern im Jahre 1912 gegenüber. An Roggen gewann 1913 Starkenburg 581 147 Doppelzentner, Ober⸗ hessen 494050 Doppelzentner und Rheinhessen 635 541 Doppel⸗ zentner und der Gesamternte an Roggen von 1 710 738 Doppel⸗ zentner stehen 1912 1627 838 Doppelzentner gegenüber. An Sommergerste produzierte 1913 Starkenburg 234334 Doppel⸗ zentner, Oberhessen 342 803 Doppelzentner, Rheinhessen 644 408 Dopvelzentner. Sehr erfreulich war die Haferernte, die 1913 auf 52 995 Hektar insgesamt 1344725 Doppelzentner lieferte, während die Produktion 1912 auf 57 273 Hektar nur 978 725 Dopvelzentner betrug; der Prozentsatz erhöhte sich also von 17,1 auf 25,4 Prozent. Die Kartoffelernte, für die 1912 68 153 Hektar gegen 63 814 im Jahre 1913 in Anspruch genommen wurden, ging dagegen von 12 070 175 Doppelzentner auf 11342 739 Dop⸗ pelzentner zurück, die Klee⸗ und Heuernte stieg von 1 220 605 Doppelzentner auf 1 428 112 Doppelzentner. Die Wiesenheuernte von 3 075 226 auf 3 473 167 Doppelzentner, die Luzernarnte ging von 696 000 auf 593000 Doppelzentner zurück.

Die Ernteerträgnisse in Hessen sind im allgemeinen

früher ganz erheblich gestiegen. Während in den Faßren 1881/85 das Durchschnittserträgnis für Weizen pro Hektar 14,16 Doppelzentner betrug, stieg dasselbe in den Jahren 1906/10 auf 22,50 Doppelzentner, für Roggen von 13,44 auf 20,26 Doppel⸗ zentner, für Gerste von 15,18 auf 21,92 Doppelzentner, für Hafer von 13,06 auf 22,10 Doppelzentner, für Kartoffeln von 112,24 auf 135,88 Doppelzentner, für Kleeheu von 41,4 auf 63,2 Doppel⸗ tner, für Luzerne von 45,9 auf 67,8 Doppelzentner und für iesenheu von 35,2 auf 46,4 Doppelzentner.

Aus allen diesen Zahlen geht wohl zur Genüge hervor, daß sich die landwirtschaftliche Produktion in Hessen in einer erfreulichen Aufwärtsbewegung befindet. Und wenn die jetzigen Mahnrufe auf möglichst intensive Ausnutzung aller Bodenflächen und den verstärkten Ausbau von Korn, Weizen und Kartoffeln von jedem einzelnen im vaterländischen Interesse beherzigt werden, darf im neuen Jahr auf ein noch günstigeres Gesamtergebnis sicher gehofft werden.

Deutsche Sprache und Literatur in Belgien. Der Londoner Vertrag vom Jahre 1839 machte dem kausendjährigen Zusammenhang der Deutsch-Belgier mit ihren deutschen Stammesgenossen jenseits der Grenze ein Ende. Seit der Abtretung des Großherzogtums Luxemburg gab es für die belgische Regierung keine deutsche Sprache mehr; sie wurde aus der Verwaltung vollständig verdrängt und es blieb ihr nur eine beschränkte Zulassung in der Volks⸗ schule, in der Familie und auf der Straße. Trotzdem hat sich eine nicht unbedeutende Literatur deutschsprechender Belgier bis auf die 3 erhalten. Nach Angabe des Ministeriums des Innern beläuft sich die Zahl der Deutsch⸗Belgier, also derjenigen belgischen Vollbürger, deren Muttersprache das Deutsche ist, immer noch auf 112000. Dazu kommen gegen 300 000 mehrsprachige Belgier, die neben dem Französischen oder Flämischen das Deutsche beherrschen, und 60 000 in. Belgien ansässige Reichsdeutsche. Das ist die Bevölkerung mit deutscher Sprache, aus der die deutsche Literatur Bel⸗ giens hervorgewa sen ist. Da sind zunächst zwei Areler Dichter, der Lyriker Marchand, der in seinenKnospen und Blüten ausschließlich die hochdeutsche Sprache ver⸗ wendet, während der Volksdichter Menard zweisprachig, zugleich deutsch und Französisch dichtete. Bedeutend höher einzuschätzen ist aber A. Meyer, der Begründer der luxem⸗ burgischen Mundartdichtung Oilzegt⸗Kläng vum Antun Meyer der, wenn auch in der Stadt Luxemburg geboren, doch sein Leben in Belgien verbrachte und 1857 als Pro⸗ fessor der Lütticher Universität starb. 1 Fast ein halbes Jahrhundert verstrich, ehe sich die deutsche Lyrik wieder auf belgischem Boden hervorwagte in denHeideblümchen von Warker. Dieser pflegte auch die Dialektdichtung in seinenHierschtliedern und den VolksstückenKandsleift undDe Baltes vum Bichenhof. Ein historisches DramaPapst und Fürst schrieb gegen Ende des 19. Jahrhunderts Th. Bourg, in dem er die Geschichte des jungen Konradin behandelte; er ließ ein Familiendrama aus dem modernen LebenGeistesprole⸗ tarier folgen. Die Romandichtung ist durch zwei größere Werke vertreten,Die Laterne von Hirsch undAmbro⸗ sius Almé von der Baronin del Etang, die beide in den a r Jahren des verflossenen Jahrhunderts erschienen. Viel größeren Einfluß als diese deutsche Literatur des

1. 8 5. Prosess 1 8 100 87 eben lens gezeitigt. Professor Heinrich Bischof ersität Lüttich erinnert i*Deutschen Revue

rinnert in

daran, wie das Nibelungenlied und Parsifal vortreffliche Uebersetzungen durch Belgier gefunden haben und wie auch die Literatur des 18. Jahrhunderts, die Werke eines Klop⸗ stock, Wieland und Lessing mehrfach übertragen worden sind. Von Goethes Werken drangenHermann und Doro⸗ thea,Werther undFaust ein, weniger dagegen seine Gedichte, wenn auch der Erlkönig das volkstümlichste Gedicht der deutschen Literatur in Belgien geworden ist. Der den Freiheitskampf der Niederländer behandelndeEgmont blieb wenig beachtet; desto reichlicheren Anteil nahm man an SchillersDon Carlos undWilhelm Tell. Von Schiller ging die Wiedergeburt des flämischen Schauspieles aus, und seine Gedichte fanden weit größeren Beifall als die Goethes.

Auch die Hauptwerke der romantischen Schule wurden in Belgien viel gelesen; Maeterlinck es wird ihm un⸗ angenehm sein, daran erinnert zu werden widmete No⸗ valis ein Buch voll hoher Begeisterung. Ungeheuren Beifall fand der Freiheitskämpfer Theodor Körner. Von den Dich⸗ tern des jungen Deutschland drang nur Heine ein, dessen Einfluß sich noch in jüngster Zeit in der französischen Lyrik Belgiens fühlbar macht. Im Flamenlande erfreuen sich da⸗ gegen die Dialektdichter Hebel, Hlaus Groth, daneben auch Hoffmann von Fallersleben großer Beliebt⸗ heit. Otto LudwigsZwischen Himmel und Erde wurde bereits ein Jahr nach dem Erscheinen des Werkes übersetzt. Ueberhaupt hat der deutsche Roman stärker gewirkt, als jede andere Dichtungsart: Gerstäcker und Hackländer fanden Anklang bei den Flamen, die Wallonen lesen Spindler, die Marlitt, Stifter, Dincklage und Sacher⸗Masoch, während die neuere Erzählungstunst eines Wildenbruch, Liliencron, Otto Ernst, einer Ebner-Eschenbach und Clara Viebig fran⸗ französische wie auch flämische Uebersetzungen erfahren hat. ScheffelsTrompeter von Säckingen gehört neben Webers Dreizehnlinden zu klassischen Schullektüre und die deutsche Märchendichtung eines Grimm, Baumbach und Krummacher, sowie die besseren Jugendschriften werden fleißig übersetzt. Fast ganz unbekannt geblieben ist dagegen das deutsche Drama nach Schiller: nur Sudermann und Haupt⸗ mann konnten einen bescheidenen Platz auf der belgischen Bühne erobern, wogegen Lustspieldichter, wie Kotzebue und Benedix einige Beachtung gefunden haben.

*

Eine unbekannte 8 n 1 Weimar. In dem Bostoner BlattTranscript wird zum ersten Male eine bisher un Satire Th.'s veröffentlicht, die für

Die Eisenindustrie im Uriege. In der am Sonntag in Düsseldorf abgehaltenen Hauptver- sammlung desVereins deutscher Eisenhüttenleute, der bekanntlich die gesamte Eisenindustrie Deutschlands umfaßt, wurden interessante Mitteilungen über die Industrie in den besetzten feindlichen Gebieten gemacht. Durch den eisernen Festungswall, der sich im Norden von der belgischen Küste durch das östliche Frankreich bis nach Belfort im Süden zieht, umfaßt unser Besatzungsgebiet außer dem gesamten Belgien Teile von 7 fran zöfischen Depaxte⸗ ments mit 2 100 000 Hektar Fläche und 3 255000 Einwohnern. Wir halten infolgedessen ungefähr 70 Proz. der ganzen französischen Kohlenförderung, 80 Proz. der Kokserzeugung, 90 Proz. der Eisen⸗ erzförderung, 86 Proz. der Roheisenerzeugung, 76 Proz. der Stahl⸗ erzeugung in unseren Händen. Weun auch die 10 Departements- nicht ganz in unser Besatzungsgebiet fallen, so liegen doch die Eisen⸗ erzgruben bis auf ganz wenige Felder innerhalb unseres Waffen⸗ bereichs. Was die Kohlenfelder betrifft, so geht die eiserne Linie zwischen den Gruben von Courrisres bis Bethune mitten durch, so daß zwar nicht das ganze Kohlengebiet in unserem Macht⸗ bereich ist, aber doch der größte Teil. Frankreich muß den größten⸗ Teil seines Kohlenbedarfs aus England beziehen und dort zu einem Preise bezahlen, der 24 Franks für die Tonne höher ist als der in⸗ ländische Preis. Die Haupt⸗Waffen⸗ und Geschützfabrik Frankreichs, die Firma Schneider in Le Creuzöt, liegt zwar abseits des Operationsgebietes und steht zu Lieserungen von Kriegsmate⸗ rialien den Franzosen zur Verfügung, aber es fehlen ihr die nötigen Eisenrohstoffe für die Fabrikation, die sie aus dem Ausland auch nur schwer erhalten kann. Dagegen sind u. a. sämtliche Waggon⸗ und Lokomotivfabriken Frankreichs in unseren Händen, ebenso die Röhrenfabriken. N

Es ist ferner zu berücksichtigen, daß außer den Eisenbetrieben auch die sonstigen Industrien, wie Textil⸗, chemische, Glas⸗ und Zuckerindustrie ihren Sitz in dem besetzten Gebiete haben, so daß das französische Wirtschaftsleben durch den Krieg bereits in seinem Lebensnerv getroffen ist und schwer leidet. Die gewaltigen Vorräte in den Fabriken sind natürlich unseren Feldtruppen sehr will⸗ kommen gewesen, um ihre Schützengrähen auszurüsten. Unsere Pioniere haben zu diesem Zwecke eine große Zahl kleinerer Betriebe hinter der Schützengräbenfront eröffnet, in denen sie alle mög⸗ lichen Bedarfsartikel für die Schützengräben herstellen. Stachel⸗ draht, Wellbleche, Ofenrohre, selbst ganze Feldküchen werden auf diese Weise direkt hinter der Front neu angefertigt. Auch als Re⸗ paratur-Werkstätten leisten diese Betriebe gute Dienste. Die großen industriellen Anlagen sind von dem Geschützfeuer nur in geringem Umfange mitgenommen, selbst solche Werke, die im Bereiche der von uns eingenommenen Festungen liegen, sind durch Granatfeuer nur gering beschädigt. Ein Beweis übrigens, daß die deutschen Barbaren keine Zerstörungswut kennen. Die Engländer würden jedenfalls anders verfahren, wenn sie in einen deutschen Industrie⸗ bezirk kämen. 1

Englands Industrie ist natürlich bisher durch den Krieg am wenigsten berührt worden, da ihr die Märkte in größerem Umfange zur Verfügung stehen als der deutschen Industrie und da andererseits der Arbeiterbestand nicht in dem Umfange redu⸗ ziert worden ist wie bei uns infolge der allgemeinen Wehrpflicht. Man hat sich natürlich in England, wie bei uns, auf die Her⸗ stellung non Kriegsbedarf geworfen, zumal man gezwungen ist, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, den Verbündeten darin stark unter die Arme zu greifen. England allein ist aber nik in der Lage, diesen Bedarf der fünf Verbündeten(einschließlich Serbien und Belgien) zu decken, und deshalb ist man auf Ame rika angewiesen, von wo die Bezüge bekanntlich in die Hun⸗ derte 8 0 die Englands ist auf etwa die fte zurückgegangen und die Hoffnung, uns nament⸗ lich bei den südamerikanischen Staaten zu verdrängen, dürfte sich nicht erfüllen. Die R g erweist sich als falsch, denn auch in den amerikanischen Staaten und zwar nicht nur in Südamerika, sondern auch in Nordamerika macht sich der europäische Krieg im Wirtschaftsleben stark bemerkbar. Handel und Wandel liegen darnieder und man muß schon fast ein Jahrzehnt zurückgehen, um so niedrige Erzeugungsziffern zu finden wie gegenwärtig. Die Eisenbahnen in Nordamerika haben keine Einnahmen und die zwischenstaatliche Kommission mußte zu ihrer Aufbesserung die Frachtentarife erhöhen. 4

Was Belgien betrifft, so konnte trotz lebhafter Bemü⸗ hungen der deutschen Verwaltung die Eisenindustrie dort nicht

uns Deutsche besonderes Interesse hat. Sie heißt nämlichVumper⸗ nickel, und der Ort, der sich hinter diesem komischen Spitznamen verbirgt und der Schauplatz der Schilderung ist, muß Weimar sein, die tenre kleine Sachsenstadt, in der Thackeray als Jüngling so heitere Tage verlebte, mit Goethe Gespräche führte und von der er so gern und mit so viel Liebe sein ganzes Leben lang sprach. Die Tochter des Dichters Lady Ritchie, der wir eine große Bio⸗ graphie ihres Vaters verdanken, hat das Manuskript, das wohl ursprünglich zur Veröffentlichung in irgend einer Zeitschrift be⸗ stimmt war, bei einem Bostoner Buchhändler aufgefunden und er⸗ örtert in der Einleitung, die sie der Veröffentlichung vorausschickt, die Zusammenhänge dieses Essais mit Thackerays berühmtem Ro⸗ manVanity Fair. NachPumpernickel kommt nämlich in diesem Roman die Heldin Amelia mit ihrem Gatten Dobbin, verleblkl hier schöne Tage und nimmt auch an einem Hofball teil. Lady Ritchie erzählt, daß ihr Vater für diesePumpernickel⸗Episode von Vanity Fair seine Erinnerungen an Weimar verwendet habe, wo er selbst an Hofbällen teilnahm und wie seine Heldin Polonaise tanzte. Der Dichter sagt in dem Roman, er habe bei dieser Ge⸗

5

legenheit seine Heldin kennen gelernt und sei dadurch in die Lage versetzt worden, die Erinnerungen dieser Dame zu schreiben. Es war also inPumpernickel, wo Thackeray die Urgestalt seiner be⸗ rühmten Amelia Sedley sah und den ersten Gedanken für sein er⸗ folgreichstes Werk faßte. Es ist eine sehr anmutige und nur leicht ironische Satire, die in ThackeraysPumpernickel zum Ausdruck. kommt. Weimar, sein Hof und seine Menschen sind mit den Augen der Liebe gesehen, und bei allem geistvollen Spott ist eine idyl⸗ lische Stimmung über das ganze gebreitet. Als Stilprobe des etwa 1842 entstandenen Wertes teilen wir den ersten Absatz mit:Im Großherzoglich⸗Pumpernickelschen Museum, und zwar mitten unter einer Sammlung von alten Waffen, alten Bechern, alten Krügen. alten chinesischen Spielereien, mittelalterlichen Juwelen, seltsamen Ungeheuern in Spiritus und Modellen von antiken Kriegsschiffen gerade in der Mitte des Raumes und unter einem bescheidenen modernen Glaskasten kann man ein Paar weiße Büffelleder⸗ handschuhe, ein Paar Schuhe und einen Hut sehen. Die Handschuhe und Schuhe find sehr klein: der Fuß ihres Trägers muß so zart gewesen sein wie der einer Dame; der Hut dagegen ist außerordent⸗ lich groß, auf sehr wenige Köpfe dürfte er passen. Es ist ein Drei⸗ spitz, die hintere Spitze höher als die beiden vorn, und auf der linken Seite des Hutes ist eine kleine blau⸗weiß⸗rote Kokarde. Die in Frage stebenden Sachen gehörten tatsächlich einst Seiner Kaiser⸗ lichen und Königlichen Majestät Napoleon, Kaiser der Franzosen und König von Italien, der einige Zeit in Pumpernickel ver⸗ brachte, vor und nach der Schlacht von Schwerterklang, wie ich mir sie zu nennen erlaube; doch durften Biographen, die diese Aufsätze lesen, vielleicht herausfinden, wo Pumpernickel wirklich 8 1770 B

*