Ausgabe 
(6.2.1915) 31. Zweites Blatt
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nr. 51 Zweites Platt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSießener Famillendlätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

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6 105. Jahtgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Ein Norweger über Deutschland.

Auch die Presse der neutralen Länder wird Deutschland

sehr wenig gerecht; man muß schon froh sein, wenn sie] Di

wenigstens unparteilich ist und sich offen auf die Seite unserer Gegner stellt. Unter diesen Umständen ist der hier in Uebersetzung folgende Artikel eines Norwegers eine höchst wohltuende Erscheinung; er ist es wert, auch in Deutschland bekannt zu werden. Das Original befindet sich in der Kri⸗ stianiaer ZeitungTidens Tegn vom 29. Januar 1915.

Schlagwörter über Deutschland und den Krieg. Von Ingenieur J. Isaachsen.

In Kriegszeiten können Schlagwörter und vorgefaßte, ein⸗ seitige Ansichten über die kriegführenden Völker beim Publikum eine unheimliche Macht gewinnen, wie wir es jetzt vor Augen haben sowohl bei den Kriegführenden selbst als auch bei den neu⸗ tralen Völkern. Von England, Frankreich und Rußland habe ich weniger persönliche Kenntnis, aber von Deutschland, das ich kenne, weiß ich, daß die SchlagwörterMilitarismus,Poli⸗ zeiherrschaft undKriegsmoral, die sich in einem großen Teile der Welt fortges etzt haben und sich wie ein Nebel über die Wirk⸗ lichkeit legen, sehr wenig zutreffend sind und die deutsche Kultur in eine verkehrte Betrachtung setzen. Leute, die diese Schlagwörter benutzen, haben fast niemals eine gründliche, persönliche Kennt⸗ nis Deutschlands und begründen ihre Behauptungen höchstens durch Verweisung auf deutsche Schriftsteller, von denen man nicht sagen kann, daß sie die Ansicht des deutschen Volkes vertreten. Diepatriotische Pflicht, den Splitter in dem Auge der feindlichen Nation zu sehen, ist vielleicht ein notwendiges Uebel für die kriegführenden Nationen, um das Triebwerk in Gang zu halten, aber eines der schlimmsten Uebel, die der Weltkrieg mit sich bringt, ist sie nichtsdestoweniger. Alles, was man über den Feind Böses und Giftiges ausgraben lann, aus Ur. gangenheit, Gegenwart, ja sogar Zukunft, das wird mit Hilfe don Zeitungen, Flugschriften und Reden als Drachensaat in Millionen von Herzen ausgesät. Man braucht kein lebenserfahrener Weiser zu sein, um zu verstehen, daß dies ein Greuel der Zerstörung ist schlimmster Art und daß eine Atmosphäre des Hasses die geistige Entwicklung einer Nation verkrüppelt wie ein durch Generatio⸗ nen chronisch wirkendes Gift. 5 2 Aber es ist nicht notwendig, daß auch die neutralen Staa⸗ ten sich selbst so Böses antun, daß sie sich ber dieser Gelegen⸗ heit ebenfalls selber für Generationen vergiften. Für denkende Menschen ist es klar und glücklicherweise jetzt klarer als vor em paar Menschenaltern, daß das Positive, das Sehen alles Guten und das dafür Arbeiten weit wirksamer ist für den Fortschritt der Menschheit, als früherer Kulturperioden einseitige, un⸗ fruchtbare Betonung alles Negativen, der Unvollkommenheit,Erb⸗ fünde, Strafe und Hölle, was auf die Länge hauptsüchlich be⸗ wirkt, daß bei der Menschheit eine lähmende, halbtote Hoffnungs⸗ losigkeit hervorgerufen wird. Ich dächte, unter solchen Verhält⸗ nissen wie jetzt wäre es jedes Mannes und jedes Blattes Pflicht. das Gute hervorzuheben, wo man kann, und es ist sicherlich neutral im wahren Verstande des Wortes, nämlich zur Beleuchtung der Wahrheit dienlich, wenn ich auf Grund von Beobachtungen wäh⸗ rend eines dreißigjährigen Aufenthaltes in Deutschland mich gegen die oberflächliche Schlgawortbeleuchtung einer Wirklichkeit wende, über die wir uns jetzt um unserer selbst willen eine unbefangene Meinung bilden 7 5. Ich erblicke in vielen Vorgängen in Deutschland einen Beweis für ein starkes Leben in des Wortes voller Bedeutung. Mangel an höherem Leben zeigt sich bei einzelnen Individurn wie bei ganzen Völkern unter anderem darin, daß die natürliche Träg⸗ heit vorherrscht. Das geistig halbtote Volk vegetiert, hat wenig systematische Fürsorge über dasIch und dasJetzt hinaus und tut am liebsten nichts, bevordas Feuer einem auf die Nägel brennt. Aber bei dem deutschen Volke ist gerade das Gegenteil der Fall. Es ist in der Entwickelung so weit gekommen, daß es die große Zukunftsweisheit entdeckt hat, daß eine Gemeinschaft von Menschen als Organismus, als harmonisch zusammenarbei⸗ tende Einheit Ergebnisse erzielen kann, die hoch liegen sogar über den heroischsten Anstrengungen einer unorganisierten Masse von Individuen. Nicht bloß im Militärwesen hat das deutsche Volk in einer harten Schule das Geheimnis der Organisation gelernt; in Handel und Industrie, in Fachschulen für alle möglichen Er⸗ werbszweige, in allem, was sich unmittelbar oder mittelbar auf die Wissenschaft bezieht, in den politischen und ökonomischen Organisationen der Sozialdemokratie mit großartigen Konsum⸗ vereinen, Bäckereien, Seifenfabriken usw., in einem ganzen Strome idealer Jugendbestrebungen, überall sieht man handgreifliche Wir⸗ kungen desselben Geistes. Ja selbst an den Stellen, wo die deutsche Kultureinen Leichnam in der Ladung mit sich schleppt, hat da irgend eine andere Nation das Recht, den ersten Stein zu werfen? Wo ein so handgreifliches Lebensfeuer in einem Volke steckt, da glimmt 21 auch dort, wo es noch von erstarrten alten Formen bedeckt ist.. 3 5 Gar allzuoft begnügen sich andere Länder mit den Stich⸗ wörternMilitarismus undPolizeiherrschaft, um den deut⸗ schen Geist zu kennzeichnen. Glaubt wirklich ein denkender, zu⸗ verlässiger Mensch, daß ein anderes Volk, z. B die Engländer oder die Skandinavier, bei Deutschlands geographischer Lage und histori⸗ scher Entwickelung hätten anders handeln können, eingeklemmt wischen Frankreich und Rußland, als sich zu rüsten, solange bis die Welt zu stabileren und vernünftigeren internationalen Einrich⸗ tungen gelangt ist, als sie es jetzt ist? Es ist meiner Meinung nach nicht gerecht und nicht wahr, einem bestimmten Volksgeist oder einer bestimmten Volkskultur die Schuld für das zuzu⸗ schreiben, was die Macht äußerer Verhältnisse erzwingt Ganz abgesehen davon, daß Frankreich und Rußland, rein statistisch betrachtet, größere Anstrengungen gemacht haben, ihr Heerwesen zu entwickeln, als Deutschland, und daß Englands überwältigende Kriegsflotte doch ebensogutMilitarismus eines Inselstaates ist, wie bei einem Landstaate ein Heer 5 5 Der Glaube, daß der Geist des Militarismus nicht von den unerbittlichen geographischen und historischen Verhältnissen her⸗ stamme, sondern als eine Art Mangel an moderner Kultur in DeutschlandsJunkerwesen liege, dieser Glaube ist nach meiner Ansicht eine Seeschlange, die jeder anständige Mensch, der die Ver⸗ hältnisse aus eigener Anschauung kennt, totzuschlagen verpflichtet ist, jedesmal, wenn sie sich periodisch in den Zeitungen zeigt. Wie sollte Deutschland rein finanziell imstande sein, ein Heer von Offizieren ersten Ranges zu erhalten, wenn es diese nicht zum Teil mitEhre bezahlte statt mit Geld? Glaubt jemand in Skandi⸗ napien oder England oder Amerika, daß man so viele tausende körperlich und geistig ausgesuchte Menschen dazu bringen könne, ihr Leben der Offizierslaufbahn zu opfern für die schlechte Bezah⸗ lung, die sie in Deutschland bekommen, wenn sie nicht gleichzeitig als eine Art Er W Gage eine hoch angesehene soziale Stel⸗ lung hätten? Hätte tschland nicht in seinem eigenen wohl⸗ verstandenen Interesse eine so hohe Achtung vor seinen Offizieren, so würde nicht bloß sein Militär t stark steigen, sondern vor allen Dingen das Offiziersmaterial schlechter werden und die Di⸗ sziplin leiden. Man klage die gegebenen äußeren Verhältnisse an oder verbessere diese, wenn man dazu imstande ist, aber man an⸗ klage nicht die Kultur des deutschen Volkes. 5

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Samstag, 6. Sebruar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul;

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S5, Schrift ·

leitung: S112. Adresse für Draytnachrichten Anzeiger Gießen.

Ja, aber in dem täglichen Leben sollender Militarismus unddie Polizeiherrschaft eine so drückende Rolle spielen, heißt es. Ich habe nichts davon gemerkt in den dreißig Jahren, die ich in Teutschland gewohnt und es kreuz und guer durchreist habe. e Offiziere waren immer sehr liebenswürdig, und das letzte, was ich mit der Polizei zu tun hatte, als ich nach Norwegen reiste, war ein gemütlicher Schwatz mit einem mir vollständig fremden Polizisten auf dem nächsten Polizeiamte, als ich meldete, daß ich von der Stadt wegzöge. 4 Militärwesen und Polizeiwesen haben in Deutschland ihre Schattenseiten; es gibt niemanden, der das schärfer ausspricht, als die Deutschen selbst. Aber von den Schattenseiten abgesehen, die alles Beamtenwesen überall in der Welt hat, sind es in Deutsch⸗ land nur ausgeprägte Folgen der äußeren Verhältnisse und deren. vorhin angedeutete Wirkungen, die an dem beständigen Gerede von Militarismus und Polizeiherrschaft schuld sind. Der lurze, scharfe, kommandierende Ton bei untergeordnete Beamten, die lange Unteroffiziere gewesen sind, derUnterofsiferston wird sich sicher im Laufe der Zeit verbessern; aber weder das deutsche noch irgend ein anderes Volk würde oder könnte, eingeklemmt zwischen Rußland und Frankreich, seine Selbstverteidigung opfern, bloß um eine un- behagliche Nebenerscheinung aus der Welt zu schaffen. Für den, der lange in Deutschland gelebt hat, verschwinden diese kleinen Einzel⸗ heiten, Militärwesen und Polizei, in der ungeheuren Masse an⸗ dern Kulturlebens, auf das er bei jedem Schritte stößt, so daß er die Sinnestäuschung nicht recht begreifen kann, die die Leute in der Ferne dazu bringt, von diesem ganzen wimmelnden Leben bloß denMilitarismus und diePolizeiherrschaft und Bismarcks drei Haare zu sehen.

Daß Deutschland sich den Durchmarsch durch das neutrale Bel⸗ gien erzwang, hat Schrecken hervorgerufen und ist schrecklich; ganz besonders fühlen wir das, weil wir als eine kleine Nation so leicht in eine ähnliche Lage kommen können. Aber das ist ein. Schrecken, der im Kriege überhaupt liegt. Deutschland befindet sich zwischen 150 Millionen Russen im Osten und 40 Millionen Franzosen und 45 Millionen Engländern im Westen, abgesehen von den englischen Kolonien. Ein ganzes Volk kämpfte um das Leben und wußte, daß Schnelligkeit sein einziger Vorsprung in dem ungleichen Kampfe war. Will man sich als außerhalb Stehen⸗ der ein Urteil über solche Verhältnisse bilden, so muß man sich selber ganz bis auf den Grund klar machen, welches Recht man einer Nation zuerkennen will in einem Selbstverteidigungskampfe auf Leben und Tod, und muß in der Geschichte nachsehen, was andere Kulturnationen unter ähnlichen Verhältnissen durchzu⸗ führen imstande gewesen find, nicht auf dem Papiere, in einer pharisäischen Diskussion in Büchern und Zeitungen, sondern in der Wirklichkeit.

Ungefähr acht Millionen Belgier sind wider ihren Willen in den Krieg hineingezogen; aber es sind wahrscheinlich weit mehr als acht Millionen Engländer, Franzosen, Deutsche, Oesterreicher, Ungarn und Russen, die gegen ihren Willen in den Krieg hinein⸗ gezogen sind. Abgesehen von den traurigen völkerrechtlichen Mo⸗ menten klärt man daher, rein menschlich gesehen, das Bild nicht, wenn man das Verdammungsurteil und die Aufmerksamkeit auf den Einmarsch in Belgien hinüberzieht und ab von der eigentlichen Wurzel des reckens, dem Kriege selbst, ab von der Tatsache, daß im zwanzigsten Jahrhundert der Krieg zwischen Europas Kultur⸗ völlern entstehen konnte, die doch vorneweg wissen mußten, welchen Abgrund von Schrecken sie losließen, wenn sie einen Krieg zuließen und zwar einen Krieg so beispiellos ungeheuer, daß die Gefahr und die Angst, das eine oder andere der teilnehmenden Völker werde zerschmettert und in seinem zukünftigen nationalen Leben verstümmelt werden, die Rücksichtslosigkeit der Selbstver⸗ teidigun hervortreiben mußte. Ziele ich auf einen Mann, so kann ich jedenfalls mich nicht darüber beschweren, daß er den Garten des Nachbars zertritt, um mir zu Leibe zu kommen.

Darin und nicht in dieser oder jener Einzelheit, die die

Großmächte jetzt einander moralisch an die Köpfe werfen, liegt Europas Verbrechen, an dem wir alle teilhaftig sind, weil wir alle aus Mangel an persönlicher Kenntnis die Drachenzähne des Hasses, der Lüge und des Mißverständnisses gesät haben in Büchern und Zeitungen, in Parlamenten und in unserer täglichen politischen Kannegießerei. Alle die Völkerschaften, die beim Kriege dabei sind, haben ihre guten Seiten, und meine Aeußerung soll kein Angriff gegen irgend eine sein, sondern eine Beleuchtung solcher Seiten, die ich persönlich am besten kenne und die ganz besonders durch oberflächliche Stichwörter oft in trübem Licht erscheinen.

Können wir mit unseren dritthalb Millionen Einwohnern keine Macht in die Wagschale legen, so laßt uns unseren Ehrgeiz in etwas setzen, was besser ist. Wir bedürfen keines Propheten, um zu sehen: die Großmacht des Verständnisses und der Sym⸗ pathie hat die Zukunft für sich und das Land, das sich an die Spitze stellt, das seinen reichlichen Anteil an der Aufgabe hat oder wenigstens auf sich nimmt, das hat Zukunftsmöglichkeiten für sich, die es zu einer ebenso stolzen Sache machen, ein Klein⸗ staat zu sein wie eine Großmacht. Wir aber können das mit umso besserem Gewissen tun, als das Ideal des Verständnisses und der Selbstbeherrschung durchaus nicht im Streite steht mit einem ener⸗ gischen Geiste der Wehrpflicht und der Opferwilligkeit, den wir auch bitter nötig haben. Niemand wird uns deshalb im Ver⸗ dacht haben, Eroberungspläne zu nähren, weil wir uns als ein lebenskräftiges Volk beweisen, indem wir an die Zukunft den⸗ ken und unsere Verteidigungsmittel in Ordnung halten, so lange die Menschheit noch keine anderen Mittel zur Sicherung des Weltfriedens gefunden hat.

Kristiania, im Januar 1915.

Gießener Straftammer. th. Gießen, 6. Febr. Nachwehen der Viehseuche in Gießen.

Der Viehhändler Simon R. von Hochelheim führte Anfang September aus seiner Heimatgemeinde ein Rind in das Gießener Schlachthaus. In einer Hofreite der Mühlenstraße war aber da⸗ mals die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und das ganze Stadtgebiet war als Sperrgebiet erklärt, indem zwar den Metzgern gestattet war, Vieh an der Leine ins Schlachthaus zu bringen, während andere Sterbliche diesen Transport auf Wagen vornehmen mußten. Der Angeklagte erklärte dem Gerichtshof, daß er die Sachlage nicht gekannt hat und die Bekanntmachung des Kreisamts, welche das Treiben von Vieh verbot, nicht gelesen hat. Infolgedessen nahm die Strafkammer Fahrlässigkeit an und ver⸗ urteilte den Täter zu 3 Mark Geldstrafe, hilfsweise 1 Tag Gefän nis. Dieselbe Tat fiel dem Viehhändler Julius S. von Krof⸗ dorf zur Last. S., der vor Jahren schon zweimal wegen Vergehens gegen Seuchenverhinderungsanord bestraft ist, erhielt eine Geldstrafe von 5 Mark, hilfsweise 1 Tag Gefängnis.

Auto⸗ und Fahrrad-Zusammenstoß.

Der Kaufmann Karl D. von Gießen hatte sich s. Zt. in den Dienst des Roten Kreuzes gestellt, er war auf dem Wege, mit seinem Auto einen schwerverwundeten Offizier in die Chirurgische Klinik zu verbringen, und kam vom Selterstor an die Kreuzung der Liebig⸗ und Frankfurter Straße. Neben ihm in derselben Fahr⸗ richtung fuhr die Straßenbahn. Da glaubte, dieselbe würde an der an jener Ecke liegenden Haltestelle Station machen, was aber nicht der Fall war, und so mußte er seinen Wagen, um einen Zusammen⸗

stoß mit der Straßenbahn zu vermeiden, scharf links herüberlenken. Im gleichen Augenblick kam ein Radfahrer die Liebigstraße von der Höhe der alten Klinik her und wurde von dem Auto des D. gefaßt, wobei er einige unbedeutende Verletzungen erhielt. Das Schöffengericht, das sich mit der Sache zu befassen hatte, sprach den Angeklagten D. von jeder Schuld frei und nahm als erwiesen an, daß eine zufällige Verkettung von Umständen den unerheblichen Unglücksfall herbeigeführt hat. Der Staatsanwalt verfolgte aber Berufung vor der Strafkammer und hielt hier ein Verschulden des D. für vorliegend, indem er wegen fahrlässiger Körperverletzung eine Geldstrafe von 50 Mark beantragte. Die Strafkammer hielt aber eine Geldstrafe von 20 Mark hilfsweise 4 Tage Gefängnis für eine angemessene Sühne. Der Angeklagte habe zweifellos gegen die Bestimmungen betreffend den Verkehr mit Kraftfahrzeugen ver⸗ stoßen, er durfte nicht darauf los fahren, ehe er sich überzeugt hatte, 5 Wagen der Straßenbahn auch wirklich an der Haltestelle tand.

Eine verstorbene Geschenkgeberin.

Die Ehefrau Christine Sch. von Kirchhain war von Mai bis Ende 1914 zur Bedienung der Gäste beim Zimmervermieter W. in Bad⸗Nauheim tätig. Bei ihrem Abgang aus der Stelle fehlten verschiedene Gegenstände, welche die Frau sich angeeignet haben soll. Es wurden bei ihr auch zwei Bilder in goldenen Rah- men, zwei kleine Aufstellbilder, ein altes Ueberhandtuch und ein Frauenhemd gefunden. Die Angeklagte erklärte, die beiden kleinen Bilder habe ihr der Arbeitgeber mit den Worten, die können sie sich nehmen, geschenkt, was dieser als wohl möglich zugab. Die Bilder in Goldrahmen und die Wäschegegenstände habe die in⸗ zwischen verstorbene Schwester ihres Arbeitgebers ihr geschenkt. Der als Zeuge gehörte Wagner erklärte: Seine verstorbene Schwester habe nicht das Recht gehabt, etwas zu verschenken, sie habe auch sicher nichts verschenklt. Er beschuldigte die Ange⸗ klagte, daß sie auch sonst nicht sehr ehrlich verfahren sei. Die Strafkammer kam zur Freisprechung der Angeklagten, weil Aus⸗ sage gegen Aussage stehe.

Armenhaus Streitigkeiten.

Der Tagelöhner Joh. Ludw. W. von Klein⸗Karben wohnt im Armenhaus, ebenso das Ehepaar T. Zwischen den Parteien herrschte Unfriede, der sich sogar im Gerichtssaal dahin äußerte, daß die Parteien sich gegenseitig herrechneten, wie viel Alkohol jede von ihnen täglich zu sich nehme. Das Schöffengericht hatte den W. zu einem Monat Gefängnis wegen Körperverletzung der Frau T. verurteilt, er soll diese mit einer Axt angegriffen und verletzt haben. Vor der Strafkammer bestreitet der Angeklagte die Tat und führt an, er sei allerdings von der T. dadurch ge⸗ reizt worden, daß diese ihm in seine Küche einen Eimer Wassen hingegossen habe. Die Strafkammer fand keine Veranlassung, an dem ergangenen Schöffenurteil etwas zu ändern, sie verwarf die Berufung des Angeklagten.

Streit unter Verwandten.

Der Landwirt Otto K. von Unterwiddersheim war vom Schöfsengericht von der Anklage der Körperverletzung des Bruders seiner Schwiegermutter, den er mit einer Mistgabel über den Kopf geschlagen haben sollte, freigesprochen worden. Der Staatsanwalt und der rletzte als Nebenkläger verfolgten gegen das Urteil Berufung. In der Hofreite des Angeklagten hat der Verletzte seinen Einsitz. Es kam öfters zu Zwistigkeiten in der Familie, und wegen einer geringfügigen Sache kam es eines Abends zu Tät⸗ lichkeiten, bei denen K. dem schon altersschwachen Onkel seiner Frau den wuchtigen Hieb versetzte, so daß dieser am Lopf eine blutende Wunde davontrug und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Die Strafkammer billigte dem Angeklagten mildernde Umstände zu. Er sei zweifellos gereizt worden, habe aber mi der Mistgabel nicht abwehren wollen, sondern seine Absicht war, dem alten Onkel seiner Frau eins zu versetzen. Es sei daher wegen Körperverletzung auf eine Geldstrafe von 30 Mark, hilfs⸗ weise 6 Tage Gefängnis, erkannt. Dem Verletzten wurden als Ausgleich für Arzt⸗ und Apothekerkosten sowie als, Schmerzens⸗ geld 60 Mark zugebilligt.

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Der Kartoffelban wird in diesem Jahre im Interesse unserer Volksernährung eine ganz besondere Aufmerksamkeit er- fordern, namentlich wird es nötig sein, so zeitig wie möglich die abgehenden Kartoffeln durch neue zu erseten, da uns das Ausland mit solchen nicht versehen wird. Der Verein zur Förderung des Kleingartenbaues in Frankfurt a. M. widmet deshalb in richtiger Erkenntnis dieser wichtigen Sachlage das Hest Nr. 2 seiner Zeit⸗ schrift Blätter für Klein gartenbau, ausschließlich dem Kartosselbau. Jeder Laie auf dem Gebiet des Gartenbaues, wie der Gärtner selbst dürste iu diesem Hestchen viel neues erfahren

und manche Anregung gewinnen, wie er seinen Kartoffelbau aus-

giebiger und frühzeitiger in diesem Jahre gestalten kann.

Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.

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Höchste Temperatur am 4. bis 5. Februar 1915- 3,47 C. Niedrigste 5 19181 Niederschlag: 0,0 min.

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