nr. 30 zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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1065. Jahrgang
England und der Norkshire⸗streil.
Die englische Unterrichtsverwaltung teilt der Oeffent⸗ lichkeit mit, die Schwierigkeiten der Kohlenversorgung haben solchen Umfang angenommen, daß viele Schulen wegen Man⸗ gels an Heizmaterial geschlossen werden mußten. Die Kohlen⸗ not Englands ist Tatsache. Kohle, die im Juli 8 Mark pro Tonne kostete, wurde in der vorigen Woche mit 18 Mark ab Grube bezahlt. Jetzt ist der Preis bereits auf 20 Mark pro Tonne gestiegen. Um das ohnehin durch Tod und Teufel, durch die deutschen U-Boote und Zeppeline verängstigte Publikum zu beruhigen, erklärt die Londoner Presse die wachsende Kohlenndt durch Transportschwierigkeiten. In⸗ folge von Verkehrsstockungen der Eisenbahnlinien lägen, so wird versichert, die bestellten Kohlen wochenlang auf den Sta⸗ tionen herum und könnten nicht weiter befördert und zuge⸗ stellt werden. Eine jämmerliche Ausrede. Die Wahrheit ist, daß infolge der maßlosen Kriegswerbung gerade unter den Grubenarbeitern die Kohlenförderung allgemein bedeutend zurückgegangen ist. Die Wahrheit ist, daß die Streik⸗ gefahr in PNorkshire aufs höchste gestiegen ist. Schon haben die Arbeiterführer die Parole ausgegeben, daß die Ar⸗ beit am nächsten Zahltage einzustellen sei, wenn die Gruben⸗ besitzer nicht bis dahin die Bewilligung sämtlicher Forde⸗ rungen der Minenarbeiter schriftlich zusichere. Die Gruben⸗ besitzer haben bereits eine Verständigungskonferenz vorge⸗
schlagen, aber die Arbeiter erklären höhnisch, daß sie nur aus Höflichkeit hingingen. Von ihren Forderungen ließen sie sich nicht ein Jota abhandeln. Erhalten sie nicht, was sie ver⸗ langen, so liegen am 15. Februar 250 Gruben leer und un⸗ gefähr 40 000 Bergleute gehen über Tag spazieren.
„Der Riesenausstand in den Gruben des West-Porkshire⸗ Distrikts wird natürlich wieder seine Wirkung auf den Eisen⸗ bahnverkehr, auf die Elektrizitätsindustrie und jetzt im Kriege vor allem auf die Kohlenversorgung der englischen Flotte üben. Daher die schlotternde Angst der Londoner Presse. Schon 1912 nannten die„Times“ den Bergarbeiter⸗ streik die„größte Katastrophe, die das Land seit der spani⸗ ichen Armada bedroht hat“. Damals war's Angstmeierei, heute, in den schwierigen Verhältnissen des Krieges, kann der Gedanke zu furchtbaxer Wirklichkeit werden. Die Strei⸗ kenden verstehen keinen Spaß oder vielmehr nicht den Ernst der Stunde. Im Lande des vielgeschmähten und verleumdeten Militarismus wäre ein solcher Streik im Nu durch Vernunft und Disziplin auf beiden Seiten beigelegt. Im„freien“ England ist dem Einzelnen die Streikforderung viel wichti⸗ ger als die Vaterlandsliebe. In den englischen Gewerk⸗ schaften, besonders in denen der Bergarbeiter, herrscht un⸗ umschränkt auch während des Krieges der revolutionäre Syn⸗ dikalismus, der da spricht Tom Mann):„Es ist der Zweck der Gewerkschaften, den Klassenkampf zu führen und jede Ge⸗ legenheit zu ergreifen, um den Feind zu schädigen. Revolution ist das Mittel der Evolution, nicht die Alternative zu ihr. Die Regierung ist das Werkzeug der Plutokratie, wodurch und womit sie die Arbeit niederhält.
5 Was wollen jetzt die Streikenden von Yorkshire? Ein⸗ mal die vollständige und endgültige Durchführung des Wochen⸗Mindestlohnes. Seit dem Jahre 1888 haben die eng⸗ lischen Bergarbeiter diese Forderung auf ihre Fahnen ge⸗ schrieben. Schon im großen Kohlengräberstreik von 1893 er⸗ reichten sie es, daß die Arbeitgeber es seit jener Zeit vermie⸗ den haben, die Löhne unter den von der Arbeiterorganisation festgesetzten Mindestbetrag herabzudrücken. Alle Teilkämpfe im englischen und schottischen Berggewerbe haben sich seitdem um die Erringung eines Mindestlohnes gedreht. Im Ok⸗ tober 1911 beschloß der englische Bergarbeiterbund(die Min⸗ ners Federation) diese Forderung für das Vereinigte König⸗ reich um jeden Preis, auch auf dem Wege eines alle Räder 4. Generalstreils durchzusetzen. Auf jenen Beschluß gründet sich der jetzige Streik genau so gut wie der von 1912. Welches Ziel aber allen diesen Riesenbewegungen vorschwebt, das sprechen die Pamphlete, die unter die Massen der Strei⸗ kenden geworfen werden, deutlich genug aus; nach Ein⸗ führung des Mindestlohnes, so wird darin verkündet, müsse zunächst die Zahl der Arbeitsstunden und später die Quan⸗
tität der Kohlenförderung verkürzt werden. Wenn auf diese Weise die Lukrativität der Kohlenwerke ver⸗ nichtet sei, stehe der Nationalisierung der Gruben und
kunft, wissenschaft und geben.
— Ein Hohenstaufendram a. Das Königliche Schauspielhaus zu Berlin bot, wie uns aus Berlin berich⸗ tet wird, am Samstag als erste Uraufführung in dieser Kriegsspiel⸗ zeit ein Hohenstaufendrama. Sein Verfasser ist jener Dietrich Eckart, der für seine gewagte 1„Peer Gynt“ nach ihrer Aufführung an derselben Stätte sich heftige Ausstellungen der Kritik gefallen lassen mußte, der aber in einer ausführlichen Er⸗ widerung auf diese Angriffe es verstanden hatte, seinen Standpunkt mit Geschick zu wahren. Eigenwillig wie diese Arbeit ist nun auch seine neue Bühnendichtung. Eckart selbst hat dem Werke eine Gat⸗ tungsbezeichnung gegeben, die in demselben Maße kritische Bedenken rechtfertigt wie widerlegt. Die„Deutsche Historie in vier Vor⸗ gängen“, wie er sie nennt, entsagt mit diesem Untertitel jedem An⸗ spruch auf dramatische Entwicklung, psychologische Gestaltung und kompositorische Geschlossenheit. Das Ganze ist eine Folge von Bil⸗ dern aus der Geschichte des sechsten Kaisers Heinrich, von denen jedes als in sich abgeschlossen gelten kann, ein historisches Drama also jedenfalls nicht. Aber auch eine„Historie“ ist es nicht. Die Geschichte dieses Stauferkaisers ist von dem Dichter so willkürlich seinen Zwecken dienstbar gemacht worden, daß man lauten Protest erheben möchte, wenn nicht eben der Zweck so löblich und in dem ganzen ein innerer Reichtum erkennbar wäre, der den ästhetischen Nörgler zum Schweigen bringt. Zwei Züge aus dem Leben Hein⸗
richs VI. sind es, die den Dichter bestimmt haben, den Stoff zum Vorwand für einen Ausspruch über deutschen Geist und deutsches Schicksal zu nehmen: das machtvolle Auftreten gegen die große n wörung, in dem Eckart eine bewußte prägung des zatsergedankens erblickt, und Heinrichs 5 Richard Lö⸗ rz, den der historische Kaiser in seine Gewalt bekommt und den
der Heinrich Dietrich Eckarts im gemeinsamen Zorn gegen die Tücke des englischen Volkes vom Feind zum Freund gewinnt. Wie er nun aber im Rahmen der allzu gewaltsam zurecht gestreckten Vor⸗ gänge seine Auffassung vom deutschen Wesen zur Geltung bringt, das muß unsere warme Zustimmung herausfordern: es erscheint ihm als ein Hort des Ethos, das sich im Gesetz verkörpert, und
das schöne, tiefergreifende Gebet des Kaisers am Schluß, das selbst Ven deutschen Gott nicht als einen Weltenlenker von allmächtiger
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Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Freitag, 5. Februar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift ⸗
leitung: S112. Adresse für Draytnachrichten: Anzeiger Gießen.
8 Schaffung einer industriellen Demokratie nichts im i
Man sieht, die englische Regierung hat hier einen Tod⸗ feind im eignen Hause. Er ist gefährlicher als der indische Revolutionär in Delhi und als der Jungägypter in Kairo. Er steht mit dem Dolch am Herzen der englischen Weltmacht. Stößt er zu, so blutet Albion an einer Wunde, die lebens⸗ gefährlich und unter Umständen für den Krieg ausschlag— gebend werden kann. Kommen uns solche Bundesgenossen zu Hilfe, so wird der Weltkampf rascher entschieden sein, als man jetzt noch rechnet.
Ein Brief aus Ostasien.
Wir erhalten heute einen außerordentlich interessanten Brief aus Tientsin, das erfreulicherweise nach wochen— langer Unterbrechung wieder in Postverbindung mit Deutsch— land steht. Die Verfasserin, Frau M. Balser, eine Tochter des Landgerichtspräsidenten Theobald, der früher Ober- staatsanwalt in Gießen war, entrollt bunte und fesselnde Bilder von heute und früher, und ihr Bericht erweckt tröst⸗
liche Empfindungen besonders für alle diejenigen, die sich 2
um das Schicksal von Verwandten und Freunden im fernen Osten sorgen. 5.
f Tientsin, Ende November 1914. Diejeni Familien, die Angehörige in den Kolonien und in Ostasten haben, werden seit Ausbruch des Krieges derer oft in Sorge gedacht haben. Die Unmöglichkeit, telegraphische Nachricht zu schicken, und das Fehlen der Postsendungen, die sonst regelmäßig eintrafen und Nachrichten von zu Hause brachten, hat auch uns ier in Tientsin 1 Sonst haben wir es in diesem neutralen ertragshafen wohl besser gehabt wie die meisten Auslandsdeut⸗ schen. Als das japanische Ultimatum am 23. August ablief, fürchtete man allerdings eine Besetzung der Deutschen Niederlassung und eine Besitzergreifung der öffentlichen Gebäude, wie des Konsulats, der Bank in der englischen Konzession, und des Gemeindehauses durch die Japaner, doch stellte sich diese Befürchtung als unbe⸗ gründet heraus. n letzter Zeit, als sämtliche Deutschen aus Hongkong ausgewiesen wurden, entstanden Gerüchte, daß die Eng⸗ länder die in ihrer hiesigen Niederlassung wohnenden Deutschen ebenfalls ausweisen wollten, wodurch viele Familien und Ge— schäftshäuser betroffen worden wären. Auch davon hört man jetzt nichts mehr.' 5 rauen und Kinder daran, die in Eile ihre Koffer packen und diese chöne Stadt, die ihnen zweite Heimat geworden war, verlassen mußten, um nach Shanghai, Tsinanfu, Tientsin und Peking zu flüchten. Viele packten ihre Wintersachen nicht einmal ein in der Annahme, daß sich Tsingtaus Schicksal in einigen Wochen ent⸗ scheiden müßte und sie dann wieder zurückkehren könnten. Da unmöglich die vielen Frauen und Kinder in der kurzen Zeit mit der Schantungbahn wegbefördert werden konnten, ging einige 2 vor Ablauf des Ultimatums noch ein Schiff mit ungefähr 250 Frauen und Kindern von Tsingtau nach Tientsin ab. Wie dieses von feindlichen Schiffen angehalten und die Frauen ge⸗ zwungen wurden, auf offener See sch von der„Paklat“ auf die „Shengking“ iunzuschiffen, auf der nicht 15 end Nahrungs⸗ mittel waren, noch genügend Platz, so daß die Bedauernswerten drei Tage an Deck oder in den Kohlengängen schlafen mußten, das wird b Hause bekannt sein Hier in T. wurden die Frauen und Ki in Familien, in leerstehenden möblierten Wohnungen oder in der verlassenen Kaserne untergebracht und jeder versuchte ihnen das Leben so 1 wie möglich zu machen. Im ganzen sind hier ungefähr 375 Frauen und Kinder untergekommen und dieser Zuwachs der deutschen Kolonie macht sich besonders in den Nachmittagsstunden in der deutschen Wilhelmsstraße angenehm bemerkbar. 91 Tsingtau blieben auch noch sehr viele Frauen zurück, die sich dort mit Pflegen und Kochen nützlich machen wollten oder durch Krankheit verhindert waren, die Stadt zu verlassen. Am 7. November ist nach zweimonatelanger heldenmütiger Verteidigung T ingtau gefallen. Seit Ausbruch des Krieges stand es hier in Ostasien im Mittelpunkt des Interesses. Jeder hatte Verwandte, Freunde oder Bekannte unter den Verteidigern, die als Reservisten und Landwehrmänner begeistert ausgezogen waren, für das Stück deutscher Heimat im Osten zu kämpfen. Nachdem die Einschließung durchgeführt war, drangen nur noch spärliche Nachrichten aus der Festung durch, so daß die meisten Frauen in banger Sorge um ihre Gatten waren. Nur einzelne Briefe kamen durch; Chinesen hatten sie, in ihren dicken Stiefelsohlen eingenäht, durchgeschmuggelt, andere waren im doppelten Boden von Petro⸗ leumfässern versteckt. Da hörte man denn, wie tapfer die Unsrigen 55 die große Uebermacht gekämpft hatten und welch' enorme er uste sie dem Gegner beigebracht hatten, ohne selbst viel Men⸗ schenleben zu verlieren. Die Stimmung der Besatzung war immer sehr gut, besonders da sie von den großen Siegen in der Heimat unterrichtet waren. Die in Tsingtau zurückgebliebenen Frauen und
Willkür, sondern als den ersten Diener des von ihm e e nen Gesetzes verherrlicht, entschied den Erfolg des Abends. Das Publikum rief den jungen Dichter vor den Vorhang und mit ihm die Darsteller, aus deren großer Zahl Herr Mühlhofer, der den Kaiser zu einer deutschen Siegfriedsgestalt erhöht hat, mit einer ins Menschliche zielenden Kunst um Haupteslänge her⸗ vorragt. M.
— Korn⸗ und Mehlhäuser in den mittelalter lichen Städten. Wie jetzt die größeren Gemeinden Korn⸗ und Mehlniederlagen zu überwachen haben, so gab es in früheren Jahr⸗ hunderten in den Städten überall Korn und Mehlhäuser. Dort ging der Getreide- und Mehlhandel der Bürger mit den Händlern und mit den Landwirten vor sich, und dort konnten auch Getreide und Mehl aufbewahrt werden. Der Geschäftsverkehr in diesen Korn⸗ und Mehlhäusern war nach einer genauen Ordnung geregelt, und die Kornhausmeister, die an die Spitze der Verwaltung ge⸗ stellt waren, hatten t. darauf zu sehen, daß niemand übervor⸗ teilt wurde. Ein Geschäft in Getreide und Mehl konnte nur abge⸗ schlossen werden, wenn die„Meßknechte“ dabei waren, Leute, die von der Stadt eingesetzt waren, um das Maß des verkauften Getrei⸗ des zu kontrollieren, Streng verpönt war beim Getreidehandel jede Kommissionstätigkeit; wem nachgewiesen werden konnte, daß er sich als„Unterkäufer“ oder Agent betätigt hatte, mußte auf eine ernstliche Strafe gefaßt sein. Auch durften vielfach außerhalb. des Kornhauses überhaupt keine Geschäfte abgeschlossen werden. Das Kornhaus war immer aus Stein aufgeführt, und so bot es gegen Feuersgefahr für die darin lagernden Getreide- und Mehlvorrätz eine größere Sicherheit. In kleinen Städten waren Korn⸗ und Mehlhaus fast immer eins, in größeren Städten dagegen war neben dem Kornhaus noch ein besonderes Mehlhaus errichtet, und dann 557 es auch einen Mehlhausmeister und eine Mehlhausordnung.
s alte Nürnberg hatte sogar 54 Kornhäuser, das eine war das Kornkaufhaus, wo sich der Geschäftsverkehr abwickelte, das an⸗ dere war der Kornspeicher. Die meisten dieser Gebäude entstanden im 14. und 15. Jahrhundert, aber auch noch im 17, Jahrhundert wurden manche errichtet. Das Kornhaus von Eßlingen bestand bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, das von Mem⸗ mingen wurde 1486 errichtet und die beiden Nürnberger Korn⸗ häuser sollen in den Jahren 1400 und 1494 erbaut worden sein.
Wie viel schlimmer waren die armen Tsingtauer
Kinder waren bei Beginn der Beschießung in dem vor Boriben sicheren Gebäude der katholischen Mission untergebracht worden. Einige Familien waren in ihren Häusern geblieben und mußten während der letzten 10 Tage der heftigen Beschießung in den Kellern hausen. Die letzten Tage müssen furchtbar gewesen sein. Ununterbrochen hagelten die Geschosse aller Kaliber bis zum 30 Zentimeter Schiffsgeschoß auf die Stadt nieder. Nach brief⸗ lichen und mündlichen Berichten der Aerzte und Sanitätsmann⸗ schaften vom Roten Kreuz, die nicht gefangen genommen wurden, soll fast kein Haus in Tsingtau unversehrt sein; die meisten sind jedoch nur leicht beschäbigt. Glücklicherweise hatten wir auch beim letzten Sturmangriff nur wenig Verluste. Von den verheira⸗ teten Reservisten ist kein einziger gefallen. Unsere Verluste an Toten sind im ganzen 6 Offiziere und 130 Mann(ungefähr), das ist den großen Verlusten der Japaner gegenüber sehr wenig. Die deutsche Verteidigung war bis zum Schlusse bewunderungs⸗ würdig. Alle Geschützmunition war verschossen. Die Waffen wur⸗ den vor der Uebergabe zerstört, und in der Gouvernementskasse sollen noch 65 Cts. gewesen sein. Nach mündlichen Berichten der Aerzte benahmen sich die Japaner beim Einzug sehr gut; 70 Manu, die zu plündern anfingen, wurden so⸗ fort erschossen. Die Zivilpersonen, ungefähr 500 an der Zahl, können ruhig in ihren Wohnungen in Tsingtau bleiben. Die esatzung und die Reservisten wurden zwischen dem 12. und 14. November nach Japan transportiert und dort in Kurume, Fukurka, Tokio, Kumamoto, Matsuyama, Osaka, Nagvya und Himeyi untergebracht. 5 Wie Briese von Deutschen zeigen, die schon in früheren Kämpfen gefangen wurden, werden die Leute in Japan sehr behandelt, und die dort ansässigen Deutschen lassen es sich nicht nehmen, für ihre Bequemlichkeit durch reiche Liebesgaben zu sorgen. Tsingtau steht nun unter japanischer Militärverwaltung. Die Reise dorthin ist noch sehr erschwert und beschwerlich. Von Tsinanfu nach Tsingtau dauert es der zerstörten und noch nicht ganz wiederhergestellten Strecken wegen noch 3 Tage. In einigen Wochen dürfen die Grundbesitzer wieder nach
Tsingtau zurückkehren. Wir alle hoffen, daß die letzte Entscheidung 3
über das heldenmütig verteidigte Stück Heimat zu Hause fallen wird und hoffen, daß wir dann unsere deutsche Flagge dort wieder hissen können. 5
II.
Wie anders sah es hier zu Beginn dieses Jahres aus. Wir fei⸗ erten Kaisers Geburtstag mit Zapfenstreich und Parademarsch. Zur Parade waren als Zuschauer die Offiziere und Mannschaften sämtlicher hier liegenden fremdländischen Truppen geladen worden. Um den Exerzierplatz vor der Kaserne drängten sich Engländer in roten Waffenröcken und Pelzmützen, Russen, das Seitengewehrt an breitem Ledergurt um die Schulter gehängt,. mit weichen blauen Mützen und auffallend großen Achselstücken. Da⸗ zwischen die kleinen Japaner, die Offiziere mit hohem Federputz vorn am Käppi. Auch ein chinesischer Offizier war darunter, der in seiner gold⸗ und silberstrotzenden Uniform sich wie ein Marchenprinz ausnahm. Unter all den glänzenden Uniformen der Offiziere stachen die Amerikaner in ihren knapp anliegenden kurzen Röcken mit breiten, weißen Streifen am Beinkleid vorteilhaft ab, ebenso die dunkelblauen Uniformen mit weißem Kragen, die unser Seebataillon trägt. Von dieser Parade ist mir besonders die Be⸗ 1 eines japanischen, winzigen Offiziers mit einem deut⸗ chen, 2 Meter 6 Zentimeter langen Riesenoffizier Dr. Kr.) in Erinnerung geblieben; sämtliche Umstehenden konnten bei der Komik der Situation das Lächeln nicht unterdrücken. Nach der Parade beglückwünschten die fremden Offiziere den Kommandeur des hie⸗ sigen Seebataillons in seiner Wohnung und den Konsul im Konsu⸗ lat. Sie wurden darnach im deutschen Klub bewirtet, wo bei viel
die russischen Truppen zurückgezogen. Beim Abschied an den Bahn äußerte sich der russische Oberst folgendermaßen zu einem ihm be⸗ freundeten hiesigen Arzt(Dr. Schm.):„Lieberr Doktorr, auf Wie⸗ derrsehen in Berrlim!“ worauf dieser prompt erwiderte:„oder in 2 8 Die Zurückziehung der russischen Truppen aus Tient⸗ sin schien damals sehr unmotiviert, doch gibt dieser Ausspruch, im Lichte der nachfolgenden Ereignisse betrachtet, zu denken.
Am 14. Juli feierten die Franzosen ihr Nationalfest, den Tag der Erstürmung, der Bastille. Die französische Niederlassung war mit Fähnchen, Lampions, elektrischen bunten Glühbirnen, Inschrif⸗ ten und allem möglichen Flitter. i 1 des deutschen Bäckers und des Metzgers, die dort ihre Läden ha⸗ ben, sah man die französische und die deutsche Fahne friedlich ver⸗ eint. Eine festlich bewegte Menge und Truppen aller hiesigen Nationen zogen durch die Rue de France, um die Illumination zu bewundern. Im französischen Klub war abends Tanz, bei dem er französische Konsul und seine Gattin auch die deutschen Gaste in fließendem Deutsch aufs herzlichste bewillkommneten. Drei Wochen später wurden die französischen„Siege“ in diesem Klub gefeiert und in der deutschen Niederlassung versuchten diese„Hel⸗
den“ unser Rolanddenkmal durch Fesseln der Arme mit Striken
und Umhängen der französischen Flagge zu schimpfieren. Der Sie⸗ gestaumel war jedoch nur kurz und seit dem Erwachen sind keine
— Ein deutscher Haßgesang gegen England vor 70 Jahren. Zu den vergessenen Werken unseres Schrift⸗ tums, die eine Wiederauferstehung verdienten, gehört das geist⸗ volle, dichterisch wie inhaltlich bedeutende satirische Heldengedicht „Hans von Katzenfingen“, das im Jahre 1845 anonym erschien und als dessen Verfasser Reinhold Solger ermittelt worden ist. In diesem Epos findet sich eine seltsam prophetische Stelle, die zeigt, wie stark schon vor 70 Jahren der Haß gegen das perfide Albion in deutschen Herzen glühte und daß man auch bereits die notwendige kriegerische Auseinandersetzung zwischen Deutschland und England fern am Horizont ahnungsvoll herauf⸗ dämmern sah. Die Stelle lautet folgendermaßen:
England, du hast gehämmert und geschmiedet,
Gestrickt, gemelket und geapportiert, 85
Gebohrt, geschürft, gekocht, gedampft, gesiedet,
Geschachert, prachert, wuchert, spekuliert,
Gelogen und betrogen unermüdet,
Geknechtet, blutgesogen, massakriert,
Verraten, wo sich nur Profit dabei fand,
Der Völker Frömmstes unter Gottes Beistand.
Schling', schling'! Du stachelst nur des Hungers Qualen
Und reizest nur zu heißrer Gier den Rachen,
Dich sätt'gen nicht Minister, nicht die Skalen,
Nicht freies Korn noch andre freie Sachen.
Schling', schling' dich fort bis zu der Grenze Malen,
Wo des„Barbaren“ Doppeladler wachen, 7
Und da?— da heißt's: die Schwerter aus der Scheide!
Die Welt hat keinen Raum mehr für uns beide!
———
Sekt die Stimmung ausgezeichnet war.— Im Frühjahr wurden
eschmückt. In den Schaufenstern


