Ausgabe 
(1.2.1915) 26. Zweites Blatt
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dvðaeites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Uriegsbriefe aus dem Westen.

(Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.) Eine Rede des Kaisers an die Landwehr. Großes Hauptquartier, 31. Jan.

Die Rede, die der Kaiser an seinem Geburtstage an ein mitteldeutsches Landsturmbataillon hielt, welches bisher im Großen Hauptquartier Dienst getan hat und jetzt zur Front abgerückt ist, lautete, wie ich erfahre:Guten Morgen, Kameraden! Ich spre euch Kameraden meinen Glück wunsch aus, daß euer aller Wunsch, an die Front zu kommen, in Erfüllung geht, und meinen Dank, daß ihr eure Sache hier so gut gemacht habt; ich war sehr zufrieden mit euch. Ich weiß, was ich an meiner Landwehr habe. Ueberall, wo die Landwehr vor den Feind gekommen ist, hat sie sich glänzend geschlagen, im Osten und in den Vogesen; erst kürzlich war es die Landwehr, die mit todesmutiger Tap⸗ ferkeit und Verachtung der Gefahr eine 175 5 Höhe ge⸗ stürmt und den Feind hinuntergeworfen hat. Also macht es ebenso! Lebt wohl, Kameraden, meine Segenswünsche be gleiten euch! a

Nachdem der Kaiser von dem das Bataillon vorführen⸗ den Oberstleutnant erfahren hatte, daß es in den Bereich der Armee des Kronprinzen abrücke, wandte er sich freudig lächelnd nochmals an die Mannschaften und sagte:Na, da grüßt mir meinen Sohn! Das Bataillon antwortete mit einem begeisterten Hurra auf den Kaiser.

W. Scheuermann Kriegsberichterstatter.

Ein halbes Jahr. Wiener Kriegsbrief.

Von Dr. Hans Wantoch.

Nun, lieber Freund, tragen wir das Schicksal dieses Krieges schon ein halbes Jahr. Und es geht uns gut dabei. Ja, du würdest dieses als lau, träge und kleingläubig ver⸗ schriene Wien, über das ich dir im Frieden oft, und nicht ganz mit Unrecht zu klagen hatte, kaum wiedererkennen. Doch es scheint ein Gesetz der Geschichte zu sein, daß Völ ler, mit denen die Zukunft ist, mitten im Krieg siehe Deutschland 1870! erstarken und sich verjüngen. Als der Krieg begann er begann für uns ein paar Tage früher als für die übrigen Großmächte, da wußten wir gar nicht, wie stark wir sind. Star technischer Rüstung, stark an wehrhafter innerem Widerstand der Seele.

Wer wußte von unseren Motorbatterien? Wer von unseren Landsturmregimentern? Als aber unsere Land⸗ sturmmänner, genau drei Tage nach der allgemeinen Mobili⸗ sierung, zu Zehntausenden ins Feld zogen, da fehlte an ihrer Montur nicht ein Seit hr, nicht eine Identi⸗ . nicht ein Umschden die Chargen über ihren Distinltionskragen hüllen. Alles, alles hatte griffbereit in den Magazinen gelegen. Ganz akkurat, genau gezählt, preußisch pünktlich! Als der Krieg begann, sagten die Stetsunterrichteten:Längstens drei Monate! Die anderen, die sich von dem Vorurteil der öffentlichen Mei⸗ nung nie imponieren lassen:Höchstens bis zu Weih⸗ nachten! Aber es wurde aus Weihnachten Neujahr, aus den drei Monaten wurden vier, fünf und sechs, und die scheue, ungewisse Frage der Unsicherheit wurde seltener und seltener mit jedem Tag. Jetzt ist sie verstummt. Jetzt sind wir so fest in unserer Zuversicht, so gut eingerichtet im Kriegszustand, daß keiner mehr seuf⸗ 12 zu fragen braucht. Unerschöpflich wachsen uns die Mittel an Mann und Munition, an Kapital und Kraft zu. Wie aus dem Boden, den man aufgepflügt hat und den von J zu Jahr ergiebiger wird. Erst dauerte es von der Mobilisierung zur Vorassentierung der 5 volle zwei Monate, dann nur noch einen Monat zum Landsturm ersten Aufgebots, und jetzt ziehen in Zwischenräumen von je dreimal vierzehn Tagen dreizehn Jahrgänge ins Feld. Die Sache hat Zug. Sie geht sozusagen mit beschleunigter Ge⸗ schwindigkeit vor sich. Und das übt einen ungeheuren Ein⸗

in unserer Wirtschaft, stark an lkskraft und

druck auf uns aus. Es stärkt unser Zutrauen, es hebt unser Selbstvertrauen. Wien, das kleinmütige, räsonierende, erschreckte und verzagte Wien der Friedenszeit trägt seinen Kopf steifer im Nacken, seit der Krieg begann.

Jawohl, diese Stadt war das Aschenbroͤdel von Europa. Trotz ihrer Schönheit, trotz ihrer alten Kultur, trotz ihrem Naturgeschenk einer unvergleichlichen Weltlage im Zentrum von Nord zu Süd, Okzident zu Orient. Bismarck sagte einmal mit Bezug auf diese geographische Bevorzugung Wiens, in einem Staat, dem Wien und Berlin angehörten, müßte Wien unbedingt den Vorrang gewinnen, und darum hätte er nie in seinem Leben auch nur einen Augenblick lang an einen solchen Staat gedacht, denn Berlin dürfte nicht an eine zweite Stelle kommen. Dennoch, was hat uns diese günstige Lage genützt? Man fuhr über München vom Norden nach dem Süden, man reist ohne Aufenthalt in Wien vom Osten nach dem Westen. Wien blieb auf der Strecke, Wien bleibt abseits. Das Aschenbrödel verzog sich in den Schmollwinkel. Ich sprach einmal einen Schrift⸗ steller in Berlin, der an der Spitze einer großen Tages⸗ zeitung steht; er kannte die halbe Welt, er kannte Skandi⸗ navien, England, Frankreich, Italien, er kannte Bukarest, Belgrad, Konstantinopel; Wien aber kannte er nicht. Und wieder ein anderes Mal, da sprach ich in Mailand einen dort ansässigen Wiener Fabrikanten, der eben für das österreichische Konsulat eine Denkschrift für den österreichi schen Welthandel verfaßt hatte. Die Frage war, warum Oesterreich auf dem Weltmarkte nicht mitkönne. Und die Antwort:Qualität die allerbeste, aber rückständig in tech⸗ nischem Betrieb, unpünktlich in der Lieferfrist, langsam in der Herstellung, schwerfällig in der Initiative. Es war in Umrißlinien ein Charalterbild von Wien. Ein Porträt von gestern, das heute nicht mehr stimmt. Mit einer Fixigkeit, die zugleich erstaunte und befremdete, hat sich die öster⸗ reichische Industrie dem Krieg assimiliert. Man sattelte um. Ueber Nacht entstand eine Kriegsindustrie, Maschinen wurden ummontiert. Berufsverschiebungen gingen vor sich. Auf einmal ist der Geist des Unternehmens in den patrizi⸗ schen Geschäftsgang der österreichischen Fabrikation ge fahren. Der Krieg hat sie verjüngt. Und wenn wieder Friede ist, werden wir wohl auch ein Wort auf dem Weltmarkt mit zusprechen haben.

Dieses Schulter an Schulter mit Deutschland draußen auf den Schlachtfeldern von Galizien und Polen wirkt, wie es scheint, auch ins Hinterland. Deutschland ist unser Vorbild, unser Muster und Meister. Und irgendwie ist durch heimliche Kanäle auch den Nichtkombattanten etwas von deutscher Art ins Blut gesickert; deutsche Tüchtigkeit, deutsche Tatkraft und Energie.

Wien freilich ist noch nicht Oesterreich. Die Reichs⸗ hauptstadt eines Staates, in dem acht, nach Sprachen, Kultur und Lebensart ganz verschiedene Nationen wohnen, kann weniger der Exponent des Reiches sein, als Berlin der von Deutschland. Und so fragt man in Wien ständig und Tag um Tag nach der Provinz. Manchmal sogar ein wenig besorgt. Denn hat man es uns nicht besonders französische Schriftsteller waren darin sehr eifrig immer vorgeredet: beim ersten Anprall von außen fällt dieses alte, morsche Oesterreich auseinander. Der Zerfall Oester⸗ reichs! Du lieber Gott! Merkwürdig war es nur, daß Staatstrümmer und Reichsscherben einen ganz anderen An⸗ reiz zu bieten scheinen, als etwa die Stücke einer zerschla⸗ genen Porzellanfigur. Indessen erwies sich, um in der Sprache des Töpfermetiers zu bleiben, Frau Austria so gut gekittet, daß man nicht einmal an Sprünge glauben kann. War es Zufall oder ein historisches Argument, daß einer unserer größten Strategen, der Kommandant unserer Kar⸗ pathenarmee, Svetozar Boroevic, von Nation ein Serbo kroate ist? Zufall oder ein Beweis für das Oesterreicher⸗ tum, daß das Agramer Korps das tapferste ist? Daß just das Prager Hausregiment, der Kern der 5. Armee, an der Donau und Save mit Heldenmut kämpfte? Und in erleuch⸗ teter Erkenntnis, wo Freund, wo Feind ist, brachte der Bürgermeister von Prag, Doktor Gros(sprich Grosch) ein Hoch auf Kaiser Wilhelm aus.

Montag, 1. Sebruar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗

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Ja, dieses morsche, 1 N und künstlich zusammen⸗ 0

gehaltene Oesterreich erwies sich als ein sehr junges, natur⸗ geborenes und zukunftsträchtiges Gebilde. Vielleicht noch ein bißchen unorganisiert, untechnisiert möchte man sagen. Aber in diesem Krieg erwuchs es von Tag zu Tag mehr, wie Bäume, Sträucher, Kräuter eines Urwaldes. Und wir fühlen es fast physisch, beinahe körperlich: wir gehören zusammen, kein Teil kann ohne den andern sein. Wir fühlen es fast schmerzhaft im Herzen des Reiches; in Wien: Galizien gehört zu uns, die Bukowina zu uns, Bosnien, die Herzegowina, sind Teile eines einzigen Ganzen. Wir empfinden diese Länder fast mit einem persönlichen Ge⸗ fühl als Teile des Oesterreichertums, obwohl wir sie kaum anders als vom Anblick der Landkarte kennen. Der Wiener reist wenig. Er kennt zur Not seine Alpen, Tirol, die Schweiz, ein bißchen Deutschland, ein wenig Italien. Wer aber weiß, wo Galizien und die Bukowina liegt?

Und doch! Und doch! Oesterreich ist auch dies. Man hat das nie so heftig wie jetzt gespürt. Warum? In einem vielsprachigen Reich mit vielen Kulturen ist der Patriotis⸗ mus keine so eindeutig klare Tatsache, wie in einem Ein⸗ heitsstaate gleich Deutschland. Da ist der Patriotismus zunächst einmal ein dynastisches Gefühl: der Kaiser Sinn⸗ bild und krönender Ausdruck des Ganzen. Dieser Kaiser, der alt und schneeweiß ist, wird von jedem mit einem ganz persönlichen Gefühl geliebt. Und als sie im August ins Feld zogen, da dachte jeder: unser Kaiser. Dachte: ihm wollen sie etwas nehmen. Dachte: ihm und nicht: uns! Und wirklich ist diese patriarchale Vorstellung im Wesen Kaiser Franz Josefs irgendwie begründet. Kürzlich erst brachte eine sehr radikal demokratische Zeitung eine Notiz, in der sie die Niederkunft einer sehr armen Soldatenfrau mit Zwillingen berichtete und an die Mildherzigkeit der Oeffentlichkeit appellierte. Die Frau eines Redakteurs an diesem Blatte schickte die Zeitungsnummer dem Kaiser ein. Ganz formlos. Wie man irgend einem Menschen ein Zei⸗ tungsblatt mit einer ihn vielleicht interessierenden Notiz einschickt. Und es vergingen nicht zweimal 24 Stunden, da hat sie ein Telegramm des kaiserlichen Generaladju⸗ tanten in Händen, der Kaiser widme der Reservistenfrau. eine Unterstützung von 300 Kronen. Jawohl, Kaiser Franz Josef,der Landesvater, sorgt für seine Kinder, die für ihn in den Krieg gezogen sind.

Für ihn zunächst und zuerst. Dann aber hat sich während dieses Feldzuges etwas Wunderbares begeben: Oesterreich wurde uns gleichsam bewußt. Und, genauer be⸗ sehen, ist das gar nicht so wunderbar; denn der Patriotis⸗ mus des Nationalitätenstaates ist nicht in der positiven Tatsache der Spracheinheit begründet, er entsteht aus der negativen Abwehrbewegung gegen die niedrigeren Zivili⸗ sationsformen in Rußland, in Serbien, Montenegro. Die sollten etwa ein Stück Galizien oder Kroatien bekommen? Unerträglich! Der Patriotismus in Oesterreich wurzelt tief im Kulturgedanken. Und nun zeigt sich eine merkwürdige Ueberraschung: dieses wirtschaftlich verjüngte, durch ein Kriegshalbjahr gefestigte, politisch und militärisch in der Welt ungeachtete Oesterreich ist das uralte. Immer noch, wie in den Babenbergerzeiten, die Ostmark: ein Bollwerk des Okzidents gegen den Orient. Das fühlen wir. Wir wissen, wer und was wir sind. Und das gibt uns eine von Tag zu Tag gesteigerte Spannkraft bis ans Ende!

Aus Stadt und Cand. Gießen, 1. Februar 1915.

Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.)

Res. Adolf Schüler, Res.⸗Inf.⸗Regt. 81, aus Weidelbach. Landwehrm. Jakob Maurer, Res.⸗Inf.⸗Regt. 116, aus Worms. Oberl. Postinspektor Leo Oehler, Res.⸗Inf. Regt. 219, aus Hanau. Res. Heinrich Föller, Res.⸗Inf.⸗Regt. 88 aus Hanau. Vizefeldw. d. L. Lehrer Theodor Eichenberg, Res.⸗Inf.⸗Regt. 88 aus Hanau. Kriegsfreiw. Gg. Hedrich, Res.⸗Inf.⸗Regt. 222, aus Wetzlar⸗Niedergirmes. Landwehrm. Joh. Georg Kn ust, Pionier⸗Reg. 25, aus Hanau. Ersatz⸗Res. Ernst Weber, Inf.⸗Regt. 116, aus Büdingen. Kriegsfreiw.

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Siesßzener Konzer tverein. 5 Gießen, 31. Jan.

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i mitten hinein ins Leben, in den hohen Ernst des Lebens. Der Ewigkeitsgehalt der Kunst fand diesmal seinen wahrhaften Ausdruck; es war so recht ein Abend, an dem man sich bewußt werden mochte, daß dieser furchtbare Krieg vergehen, K ul⸗ tur und Kunst aber um so reiner wieder erstehen und in Ewigkeit bestehen werden. Fast jedes der dargebotenen Kunst⸗ werke erstand hier als Symbol, bedeutsam weit über den be⸗ schränkten Sinn der Worte hinaus, ewige Wahrheiten kündend.

Daß dies so ward, ist das Verdienst zweier so warm und inner⸗ lich, so kraftvoll und stürmisch, freudvoll und lebensfroh empfin⸗ dender Naturen, wie sie uns sonst so selten begegnen. Zwei wahr⸗ haft Strebende sahen wir hier am Werke, in jedem Augenblicke neu schaffend, schöpferisch wirkend.

Frau Elly Ney van Hoogstraten man gestatte mir die Uebertrei: die Einen suchen allen Ausdruck dem Instru⸗ ment, das sie spielen, zu entlocken, die Andern sind ganz sel bst Ausdruck und das Instrument ist nur Mittel, oft vielleicht nur un⸗ zulängliches Mittel, sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Ganz zu diesen letzteren Naturen gehört Elly Ney, ganz selbst Ausdruck des Kunstwerks, wie sie es im Innersten empfindet, empfindend oft über die Grenzen der Möglichkeit hinaus, die das Instrument bietet. Urwüchsiges Temperament, riesenhafte Gebärde der Emp⸗ findung der Ibach ächzt und ist längst an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angelangt da ebbt die Flut, kehrt zurück zu den Ufern und voller Poesie guillt der Töne Quell aus dem In⸗ strument in ewig wechselnden Farben. Prachtvoll da, wo die eherne Kraft der Hand und die Kraft des Instruments harmonieren wie beim Eingang von Bach's Passacaglia, wie in den dramatischen Höhepunkten der Brahm'schen Balladen und in den Oktavgängen der linken Hand in Beethovens Deutschen Tänzen übermächtig, an die höllischen Mächte des Chaos gemahnend, da, wo der Mensch seinem Empfinden weit hinaus wächst über die armen Mittel des Instrumentes! Wer möchte aber darum dieses urgewaltige Tem⸗ perament missen? Wer wünschte nicht im Gegenteil, es möchten das Instrument und seine Technik ganz diesem Temperament zu Willen ein? Elly Ney war lange nicht bei uns sie ist unbeirrt im

ihrer st, im Temperament die alte geblieben, ihre Technik

bat sich diesem Temperamente angenähert, noch ohne es ganz zu erreichen. Möge aber lieber die Technik Schaden nehmen als dieser

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übermächtig gewaltige künstlerische Wille. Er meistert sich schließlich sicher dennoch seine Technik.

Hedwig Rode der erinnert sich, hier bei uns eine Sängerin gehört zu haben, die man ihr vergleichen könnte? Es muß in der Tat lange her sein! Gewiß: wir haben manche Jertigere Sängerin, viele gute und selbst hervorragende Sängerinnen, hier gehabt eine, die schon so Köstliches bietet und noch sehr viel Größeres verspricht, wüßte ich nicht zu nennen. Von den Sängern, die wir hier hörten, möchte gerade ihrer Art einer vergleichbar sein: August Leimer, der leider auch gar lange nicht mehr bei uns war. Es ist der warme, gesunde, weiche und runde Ton, den Hedwig Rode mit ihm gemeinsam hat. Aber wer so jung diese Lieder, die zu den innerlichsten und reifsten Kunst⸗ werken aller Zeiten gehören(Brahms und Schubert, von Traut⸗ manns Meisterhand wundervoll begleitet), so zu bringen weiß, wie Hedwig Rode, von dem wird die Zukunft Großes zu berichten wissen. Hedwig Rode ist aus der Schule Stockhausens hervor⸗ gegangen, mittelbar wenigstens, und sie hat das Beste dazu mit⸗ gebracht; eine gesunde natürliche Stimme. Auf solcher Grund⸗ lage muß und wird das Beste gelingen: Tonbildung und Tonansatz, Aussprache und Vortrag sind schon heute mustergültig; die volle Ruhe und eine gewisse Unerschöpflichkeit des Tones werden sich einstellen, sobald die Atemtechnik für ausreichende Atemreserven sorgt. Vortrefflich war schon jetzt die Auffassung der Lieder, das Herausarbeiten des Textes; ja man darf dieser Sängerin nach⸗ rühmen, daß sie in manchen Einzelheiten sogar ursprünglich neues brachte, das gesund und wohlbegründet von der herkömmlichen Auf⸗ 5 abstach. Kurz: hier haben wir Großes zu erwarten! Drum rufen wir der Sängerin, nicht minder wie Frau Elly Ney, zu: Auf baldiges Wiedersehen!*

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Ein Börsenschauspiel. Aus Bremen, 27. Jan., wird uns geschrieben:Die Firma, ein Börsenschauspiel von Karl Hollmann gelangte heute im Schauspielhaus am Ostertor zur Uraufführung. Die Handlung dreht sich um den Konflikt, in den der Sohn eines alten Hamburger Hauses, Robert Randorf, gerät, als sein Vater, von geschäftlichen Schwierigkeiten bedrängt, ihn auffordert, seine künstlerische Laufbahn(Robert ist Maler) und seine Neigung zu einer anmutigen, aber nur mäßig begüterten Frau aufzugeben, in das Geschäft einzutreten und eine Geldheirat zu schließen. Robert besteht nach einer heftigen Aus⸗ einandersetzung auf seiner Weigerung, wird aber andern Sinnes, als sein Vater, von den Sorgen und Aufregungen übermannt, plötzlich stirbt, und opfert nun wirklich Beruf und Liebe der Firma,

die untergehen zu lassen ihm nun doch als eine Unmöglichkeit erscheint. Die interessante und fruchtbare Idee, zu zeigen, welch eine Fülle unsichtbarer, aber auch unzerreißbarer Fäden ein großes kaufmännisches Geschäft um alle Mitglieder des Hauses schlingt, das es besitzt, aber auch von ihm besessen wird diese Idee poetisch zu gestalten, fehlte leider die psychologische Hellsichtigkeit; man sieht, wie die großen, entscheidenden Umwandlungen sich vollziehen, aber man erfährt nichts von den Motiven, die nur ganz im, allgemeinen angedeutet werden und daher sowohl der individuellen Farbe wie der überzeugenden Kraft entbehren. So bleibt nichts als ein spannendes Theaterstück aus dem modernen, sehr gut beobachteten Berufsleben. Gut inszeniert, besonders dekorativ sehr geschmackvoll und charakteristisch von Herrn Obermaschinenmeister Engelhardt ausgestattet und recht lebhaft gespielt, fand das Slück sehr viel Beifall. W. K. Berliner Kriegszahlen. Ein gutes Zeichen der deutschen Standhaftigkeit ist es, daß daheim alles im richtigen Gange bleibt. Das beweist die Statistik. Jetzt liegen die genauen Zahlen für den Monat November 1914 und die Stadt Berlin vor. Da findet sich manch beachtenswertes Ergebnis. Die Frage: Wird auch im Kriege geheiratet? wird z. B sehr ent⸗ schieden mit ja zu beantworten sein, denn in diesem Kriegsmonat sind allein in Berlin immer noch 1020 Ehen geschlossen worden. Im Jahre vorher waren es 1608. Der Drang zur Ehe ist also trotz des Ausrückens so vieler Männer im besten Lebensalter un⸗ vermindert erhalten geblieben. Die Gesamtzahl der Bevölkerung Groß⸗Berlins ist nur um ganz wenige Zehntausende geringer ge worden. Neu zugezogen sind etwa 32000 Personen. Nur 22 000 verließen dauernd die Reichshauptstadt. Trotz der Kriegszeit wur⸗ den 287 Baugesuche eingereicht. Durch die Berliner Verkehrsmittel (Straßenbahnen, Hoch- und Untergrundbahn, Omnibuslinien) wur⸗ den nicht weniger als 45 Millionen Personen in diesem einen Monat befördert Auch der Fremdenverkehr besteht weiter. In Berliner Gasthösen stiegen nämlich im November 71 000 Fremde ab, im Friedensjahr 1913 waren es 108 000. Von den fremden Gästen waren 250 aus Rußland, 1400 aus Oesterreich, 19 aus England, 520 aus Schweden und 239 aus Amerika. Das An- gebot an Vieh überstieg sogar beträchtlich die Zahlen des vor⸗ jährigen Novembers. So wurden auf dem städtischen Viehhof 28 000 Rinder, 12 000 Kälber, 34000 Schafe und 150000 Schweine zum Verkauf gestellt. Im Vorjahre waren die entsprechenden Zahlen: 11 700, 10 300, 29 800, 110 600. Einen guten Eindruck muß auch die Feststellung machen, daß bei den städtischen Sparkassen 4700000 Mark eingezahlt wurden. Das heißt

nur 300 000 Mark weniger als im November 1913. Also Berlin