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Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Siegener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zwennal.
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165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Englands beabsichtigte Ferstörun! der deutscken
gewerbli ke! Anla zen.
Die ische technische Zeitschrift„Engeneer“ vom 25. September 1914 brachte folgende Aeußerung einer für uns kaum faßbaren sittlichen Verommenheit und Nieder- tracht, mit der gerade die 8 gebildeten Klassen
ands sich eee ohne Scheu beschmutzen. Sie lautet in deutscher Uebersetzung:
„Nun gibt es einen Weg, durch welchen das beabsichtigte Ende erreicht werden kann. Es ist ein unbarmherziger Weg, aber 1 einfach. Es ist die überlegte und organisierte Zer⸗ störung der Betriebsanlagen und Betriebsmittel der deutschen In⸗ dustrie überhaupt, und von dieser organisierten 7 würden die großen Eisen⸗ und Stahlwerke des(engli chen) Vaterlandes ihren Gewinn haben. Die Okkupation deutschen Gebietes durch die verbündeten Truppen würde 8 sein von der Zerstörung aller —.— Industrien in dem Okkupationsgebiete. Es ist dafür zu
„daß, wenn es bekannt und empfunden wird, hier und in Frankreich solcher Plan organisierter Zerstörung in deutschen Ge⸗ bieten ausgeführt wäre, Kapital würde auf einmal in feste Ströme getrieben zugunsten der heimischen Industrien, welche ungeheuer gewinnen würden durch den eingeschlagenen Kurs.“ g
Es ist zu ekelhaft, die weiteren Ausführungen 8 Vertreters der offenen Gewaltpolitik aus Wettbewerbs- rücksichten hier wiederzugeben. Vorstehendes möge genügen und ebenso die erwiesene sittliche Verkommenheit der Eng⸗ länder, zur Mahnung in jeder Hinsicht auf der Hut zu sein und aufs äußerste die Möglichkeit der Verwirklichung ob ger englischer Pläne zu bekämpfen. Hierzu gehört aber nicht .— der militärische Sieg, sondern auch der wirtschaft⸗ liche. Hierfür geschieht noch nicht genug Bei der von Eng⸗ land versuchten wirtschaftlichen Niederwerfung und Aus- hungerung Deutschlands ist vielfach unsere Lebensführung — nicht so einfach wie es dringend geboten erscheint zur Abwehr eines„Endes mit Schrecken“. Darum tue jeder das Mögliche auch in verständiger Genügsamkeit. Wir wer⸗ den noch lange durchzuhalten haben, um der vom Feinde . grausamen Vernichtung von Eigentum und Leben nicht anheimzufallen, wovon wir ja in Ostpreußen einen Vorgeschmack gespürt haben. Also tue und lasse jeder das Seinige in wirtschaftlicher Hinsicht und zeige sich damit würdig der tapferen Truppen, die im Osten und Westen für uns alle dem Feinde entgegenstehen in aufopferungs⸗ voller Hingabe.
K 21 Jadnrie der Aaanfossez 5 a ieg sich hinzieht desto sta die 1 Unter 0 7 N
fuhren im deutschen Wirtschaftsleben sich geltend. Die zu⸗ mende Knappheit einer Rei e Rohstoffe nötig uns, nach Ersatz für die fehlenden terialien Umschau ö halten. Unter diesen Umständen gewinnen besonders ie Altmaterialien und Abfallstoffe eine erhöhte Bedeu⸗ tung. In vielen Städten werden heute die Abfälle der Haushaltungen gesammelt und für die Zwecke der Tier⸗ fütterung nutzbar gemacht. Schon längst hat man aber in der Industrie den Wert der Abfälle schätzen gelernt. Hier zwang schon der teilweise sehr beträchtliche Umfang der Abgänge zu einer gewinnbringenden Weiterverarbeitung So er⸗ 759 B. 100 Kilogramm Stahldraht nur 60 Kilogramm ähnadeln, 100 Kilogramm Rohbaumwolle nur 0 bis 80 Kilogramm Garn, 100 Kilogramm Flachsstengel nur 9 bis 15 Kilogramm spinnbaren Flachs.
Wohl das glänzendste Beispiel einer„Abfallindustrie“ stellt die 2 Steinkohlenteers dar. Früher ein lästiges bei der Destillation der Steinkohlen sich er⸗ gebendes Nebenprodukt, für das man nur mühsam gens gend
Donnerstag, 23. Januar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universickts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Abnehmer fand, bildet der Teer heute die Grundlage einer Anzahl blühender Industrien. Aus ihm zaubert der Che- miker nicht nur die leuchtende Pracht der Teefarbstoffe hervor, sondern auch eine Reihe wertvoller Heilmittel; serner liefert der Teer Schmieröle, Brennöle und Pech. Der Auswertung des Teers verdankt die chemische In⸗ dustrie Deutschlands zum großen Teil ihre führende Stel- lung in der Welt. Eine wichtige Rolle spielt die Abfall⸗ verwertung ferner auf den Hüttenwerken. In unheim⸗ lichen Massen türmten sich bei diesen P die Schlacken zu mächtigen Bergen und Halden auf. Heute findet das scheinbar fo unnütze Material die vielseitigste Verwertung. Man verwendet die Hochofenschlacke zur Herstellung von Mauersteinen und Pflastersteinen, von Mörtel und Zement. Wird durch die geschmolzene Schlacke ein Dampfstrahl oder komprimierte Luft geleitet, so entsteht ein poröses Gebilde, die sogen. Schlackenwolle, die sich als Wärmeschutzmittel für Dampfleitungen, Eisschränke u. dgl. bestens bewährt hat. Die phosphorreiche Thomasschlacke liefert gemahlen ein wertvolles Düngemittel, das Thomasmehl. Die Abgase der Hüttenwerke, die man früher ungenützt in die Luft entweichen ließ, werden neuerdings aufgefangen und, so⸗ weit sie brennbar sind, zum Betrieb von. horan⸗ e die schweflige Säure dagegen, die ehemals eine 9 age für die Umgebung bildete, wird heute fast durchgängig auf Schwefelsäure weiterverarbeitet. Kohlenklein und Sägespäne, 2 in der ursprünglichen Form wenig be— gehrte Abfallstoffe, erlangen durch die Brikettierung eine zweckmäßige Umformung und Wertsteig rung.
Ein 8 gesuchtes Altmaterial sind die Weißblech⸗ abfälle und die Konservenbüchsen. Zunächst wird aus ihnen auf elektrochemischem Wege das Zinn wiedergewonnen; die entzinnten Blechabsälle finden bei der Stahlerzeugung Ver⸗ wendung. Auch die Fabrikation der Flaschentorke hat eine Abfallindustrie gezeitigt, die Linoleumindustrie, deren Roh⸗ material bekanntlich Korlabfälle sind. Als ein weiterer Industriezweig, in dem die Abfallverwertung eine hohe Bedeutung erlangt hat, sei schließlich noch die Wollindustrie erwähnt. In den Wollwäschereien wird heute den Wasch⸗ wässern nicht nur die Seife wieder entzogen, sondern man gewinnt aus letzteren auch beträchtliche Mengen von Pott-⸗ asche und vor allem das wertvolle Wollfett, das Lanolin. Aus wollenen Lumpen fertigt man die sogen.„Kunstwolle“ oder Shoddy, ein zwar weniger haltbares, immerhin in vielen Fällen brauchbares Produkt, das gegenwärtig wohl größere Bedeutung erlangen dürfte.
Höchstpreisen am 14. August die Höchstpreise für Kar⸗ toffeln auf 10 Pfennige für das Kilo festgesetzt. Der Händler Henry Reese war mit diesem Preise aber nicht ein verstanden, er verkaufte einer Käuferin am 16. August das Pfund Kartoffeln zu 6 Pfennig und erklärte auf die Vorhalte des Ehemannes der Käuferin, daß bei ihm die Kartoffeln 6 Pfennig das Pfund 11 55 billiger könne er sie nicht verkaufen. Nach einem Hinweis auf die Verordnung meinte er, man könne ihn ja anzeigen! Na
das geschehen war, ist er durch Urteil des Landgerichts Han⸗ no ver vom 21. September 1914 zu einer Geldstrafe von 75 Mark verurteilt worden. In der gegen dieses Urteil beim Reichsgericht eingelegten Revision führte der Angeklagte zu seiner Entschuldigung aus, daß er das Geld überhaupt nicht bar erhalten habe, sondern daß in diesem Falle aufgeschrieben worden sei, somit liege nur Ver such vor, der aber hier nicht strafbar sei.— Das Reichsgericht hat die Revision verworfen und noch zur Begründung ausgeführt: Der Angeklagte hat für das Pfund Kartoffeln 6 Pfennig verlangt und zwar so, daß jedenfalls jestgestellt ist, daß er sie so angeboten hat. Der Senat ist der An⸗ icht, daß ein üUeberschreiten der Höchstpreise nicht bloß dann vorliegt, wenn wirklich zu höherem Preise verkauft und der höhere Preis gezahlt wird, sondern schon dann, wenn ein Händler den höheren Preis fordert.
Ein Theaterprezeß im Kriege. a Charlottenburg, 26. Jan. Eine Massenklage
von etwa 690 Mitgliedern des Deutschen Opernhauses beschä tigte
heute das hiesige Schöffengericht, das gegen den bekannten Leraus⸗ ge er der„Schaubühne“, den Theaterkritiker Siegfried Jacob— sohn, wegen Beleidigung verhandelte. Die Ursache des Prozesses in auf Strömungen zurückzuf hren, die sich nach Kriegs- ausbruch inmitten der Künstlerschaft des Theaters gegen nicht- deutsche Mitglieder des Ensernbles entwickelt hatten Diese Strömungen richteten sich besonders gegen den Kapellmeiler maghalter und den Tenor Arensen und liesen darauf hinaus, die Direltion möge beide Kündiler von der Bühne ent- seinen. Die wenannten sind zwar von Geburt russisch! Staats- angehörige, doch wollte es die Ironie des Schicksa s, daß erst— genannter zu der heuti en Verhandlung in der Uniorm des deutschen Heeres erschien, in dem er als Kriegsfrerwilliger dient. Siegfried Jacobsonn machte sich nun in einem Art'kel zum Anwalt der heiden angegrissenen Künstler und deutete an, daß nicht sowohl nationale, als vielmehr versö liche Motive die Künstlerschar es Teutshhen Opern hauses zu i rem Vorge en a gen die Kollegen ver— aulaßt hatten. Da der Urtilel einige schane Wendungen enthielt, strengten die ngegriffenen die Privatklage an.— Kavellmeister Wagha ter bekundete als Zeuge daß i m nach Kriegsausbruch ver⸗ schiedene anenyme Schmäh riese zugegangen seien. Der Vor⸗
sitzende bemühte sich, einen Vergleich zustande zu bringen, doch 5
scheiterte er an der Haltung der Parte en. Das Gericht kam zu einer Verurteilung des Angeklagten Jac bsohn wegen formaler Belei naung und erkannte auf eine Geldstrase von 100 Mark.
Universitäts⸗ Nachrichten.
h Frankfurt a. M., 27. Jan. An der neueröffneten Universität befinden sich im laufenden Hall jabr 6 16 Stu- dierende(516 Männer und 100 Frauen). Von ersleren sind 68 im Heeresdienst Stehende beurlaubt. Die Akademie für Sonal- und Handelswissenschasten war im Vorjahre von 525 Studierenden besucht. Im einzel en sludieren: Rechts wissenschat 98, Medizin! 5 Zabnheilkunde 9, Vbilosophte, Philologie und Geschichte 162, Mathe- matik und Naturwissenschasten 89, Pharmazie 5, Handelswissen⸗ schaften 11. Hierzu konmen 377 Hörer, darunter 209 weibliche, so datz die Gesamtbesuckerzahl 925 beträgt.
7 2 5 Gerichtssaal.
Auch Ankreiden von Uleberpreisen ist strafbar.
Am 20. Januar hat das Reichsgericht sich schon wieder mit einer Anklage wegen Umgehung von Hochstpreisen, die manchen Händlern gar nicht in den Kram passen, zu beschäftigen gehabt. Hierbei ist die Entscheidung von besonderem Interesse, daß auch dann schon eine strafbare Handlung vorliegt, wenn die Höchst⸗ preise zwar nicht bar gezahlt, aber gefordert und aufgeschrie⸗ ben werden.— Der Magistrat von Hannover hatte auf Grund der Gesetzgebung vom 4. August 1914, betreffend Einführung von
Der miichtes.
Ein Soldat mit 97 Kriegswunden. Daß jemand auf dem Schlachtfelde 97 Verwundungen davontragen und doch mit dem Leben davonkommen soll, klingt wie ein Wunder; das launische Kriegsglück hat aber dieses Wunder„wie der„Corriere“ mitteilt, an einem Arzte namens Dercle, der zum 28. franzö⸗ sischen Infanterieregimente gehört, zustande gebracht. Der Zerletzte befindet sich gegenwärtig in einem Pariser Krankenhause und erregt begreiflicherweise als medizinisches Wunder das größte
Staunen. Alle seine 97 Wunden— sie sind genau gezählt— 95
gehen auf ein einziges Geschoß, eine Granate, zurück, die in un⸗ mittelbarer Nähe Dercles krepierte, als er beim Sammeln der
Verwundeten beschäftigt war. Sein Kopf ist gegenwärtig ganz 0
unkenntlich, so viele Nähte hat man anlegen muͤssen; vom linken Arm ist das Fleisch bis auf die Knochen weggerissen worden, der
Rücken hat so viele Löcher wie ein Sieb, und die Beine sehen aus
wie tätowiert. Der Mann mit den 97 Kriegswunden ist aber bereits so weit wieder hergestellt, daß er einem Freunde, der gleichfalls Arzt ist, einen längeren Brief schreiben konnte, in dem er erzählt, wie er seine Verwundung davontrug. Das wirklich Wunderbare an den 97 Verletzungen ist nicht, daß nicht eine zum Tode führte, sondern daß keine lebensgefährliche Infektion entstand.
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Aus Briefen Scheffels an Anton v. Werner.
Dreiundzwanzig Jahre lang hat eine innige, nie ge⸗ trübte Freundschaft Josef Viktor v. Scheffel mit Anton v. Werner verbunden, und dieser Freundschaftsbund erhält nun ein dauerndes und schönes Denkmal durch die Veröffent⸗ lichung der Briefe, die der Dichtersmann an seinen Maler⸗ freund in den Jahren 1863 bis 1886 gerichtet hat. Anton v. Werner selbst hat noch im vorigen Jahre die Ausgabe dieser Briefe vorbereitet, die binnen kurzem bei Adolf Bonz u. Comp. in Stuttgart erscheinen werden. Scheffel ist als Briefschreiber eher ein wortkarger Mann gewesen; lange Herzensergüsse, wortreiche Bekenntnisse hat er nie geliebt, und den Hauptinhalt seiner Briefe an Werner bildete daher meist die Verständigung über die 8 die Werner zu mehreren der Hauptwerke Scheffels im Laufe der Jahre geschaffen hat. Dennoch sind diese neuen Scheffelbriefe an feinen und schönen Zügen zur Kennzeichnung der Persönlich⸗ keit des Dichters nicht arm, und besonders wenn der un⸗ ermüdliche Wandersmann von seinen Fahrten durch deutsches Land erzählt, gibt er oft mit weni Strichen Bilder voll echt dichterischer und künstlerischer Stimmung. Ein paar Schilderungen dieser Art liefert er dem Freunde in einem Briefe vom 8. April 1867. b
„Mich persönlich hat die Frühlingssonne zu einem ernsten Mann„da ich für unser Liederbuch noch einige Motive „aus dem iteren“ brauche. Vor acht 23 ging ich nach Kloster Hirsau, Calw pp., hat mir denn Lenzes exsten Knospentrieb ein feines Bild gewährt: an der Halde der Bu Zavelstein, noch von Aprilschnee verweht, blühte tausend⸗ un abertausendach in wilder Pracht der Crocus vernus, eine nur an diesem Ort, den die Römer gründeten, wild wuchernde Kultur⸗ pflanze... Auf der Madenburg schaute ich unter einem Schwall von Maßlieb, Primeln, Veilchen usw. in das gesegnete Rheintal, aber dickschwarzes Gewölk zog unheilvertündend von West nach Odst. In Winden verpaßte ich den letzten Zug, hatte mein Billet elöst und mein Geld ausgegeben und war in die studentenhafte Eienation versetzt, Nachtherberge zu nehmen und dem Wirt zu erklären, daß er nicht nur nicht bezahlt werde, sondern auch noch einen Wagen zur Heimreise stellen solle! Der Mann machte 5— 5 als wenn er Tinte verschluckt hätte, es half ihm
er n 0 0 d und stimmungsvoll schildert dann Scheffel im 1. 68 eine Moselfahrt, bei der ihn besonders das alte Trie
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r fesselte. „An mir hab ich deutlich erspürt, was Gutes es ist, den anzen Menschen im Frühjahr auszulüften. Schon vor acht
en fuhr ich mit großer Energie, trotz Schnee und Kälte, Trier, und hab eine reiche Lese künstlerischer und ge⸗ licher Eindrücke dort erhalten. Hauptstadt des sinkenden
reich⸗ dann eine mittelalterliche Pfaffenstadt ersten
Ranges mit Säulenheiligen, kriegerischen Bischöfen, verlogenen Geschichtsurkunden, großen Dombauten— dazu wahrhaft künst⸗ lerisch leicht zum Himmel wie eine Rebe emporrankende früh⸗ otische Liebfrauenlirche— eine schöne Umgebung von breit inströmender Mosel, hohen Hügeln und weiten Fernen. Alles war dazu angetan, mir meinen schweren Winter aus der Seele zu treiben, und selbst die duftige Moselblume oder der an der Saar reifende„Heckenwein“ haben einen kassischen Schick, wenn man sie, wie bei Peter Jung Haus Nr. 222 im lampenerleuchteten Gewölb auf einem echten Mosailboden der Römerzeit prüft und billigen lernt.“
Manche bedeutende Gestalt aus Scheffels Freundeskreise tritt in diesem Briefwechsel auf. 1867 legt ihm Moritz von Schwind seine bekannte lange Rolle mit humoristi— schen Darstellungen aus Lachners Leben vor,„ein wahres Krokodil; er meinte, so könne man zeichnend das Epos ab⸗ haspeln“. Als Anton v. Werner in Rom weilt, nimmt Schef⸗ fel seinen alten Freund und Landsmann Anselm Feuer⸗ bach ihm gegenüber wider den umlaufenden römischen Klatsch in Schutz:
„Von Feuerbach hat man Dir wohl mehr Barockes erzählt, als notwendig. Er ist wochenlang melancholischer Einsiedler und arbeitend, dann aber der liebenswürdige Mensch und Gesell⸗ schafter wie ehedem Daß er den Familienklatsch der deutschen Kolonie in Rom meeldet, ist erklärlich, und jetzt, wo er nicht will, daß sein der Vollendung entgegenreifendes Symposion der griechischen Philosophen besprochen und benörgelt werde, ehe es als ganz pollendete Leistung der Welt hingestellt wird, ist auch natürlich, daß er sich im Atelier absperrt.“
An den großen Ereignissen von 1870 nahm Schef— fel zuerst ohne rechte Begeisterung teil, weil der„alte Kame⸗ rad fehlt, der so oft die Franzosen am Rhein klopfen half.“
was die Ereignisse, deren Zeitgenosse er wurde, be⸗ deuten wollten, das ist ihm keineswegs entgangen. Er schreibt darüber in einem schönen, wenngleich etwas wehmütigen Brief am 16. Februar 1871 an seinen Freund:
„Es freut mich, daß Du diese gewaltige und für Deutsch⸗ land ehrenvolle Zeit so mitten im Zentrum der Ereignisse mit⸗ erleben und studieren kannst; die beste und echteste Geschichts⸗ malerei ist die aus der Gegenwart; wenn ich 20 Jahre jünger wäre und keinen aus der Dir glücklicherweise unbekannten Reak- tionszeit der fünfziger Jahre stammenden Rost in der Seele ange etzt hätte, so würde ich mit voller Energie mich ebenfalls die en Geschichten und den neuangebahnten, hoffentlich schwung⸗ vollen Entfaltungen deutscher Kraft und deulschen Geistes wid⸗ men. Leider ahnt mich, während ich dies schreibe, ein ge⸗ lindes Gichtgefühl in der rechten Hand, daß ich keinen Feind mehr in zwei Teile spalten kann. Und wiewohl das Fußwerk noch rüstig und im wahren Sinne des Wortes„auf dem Damm“ ist, da ich neulich im feinen Winterreif auf den Rheindämmen
von Ketsch nach Soeyer und Philippsburg einen scharfen Gang
machte und einen ungeheuren Flug Schneegänse aufjagte, daß mir deren Rauschen und Flügelschlag ganz wild um die Ohren klang,— so weiß ich, daß meine besten Zeiten vorüber sind und hätte heut schier Anlaß, sentimental zu werden. Indes „Wenn iich dieser niederlegt, Muß sich jener haben“, heißt's im Vo kslied, und es soll mich freuen, wenn das junge Volk Tüch⸗ tigeres leistet als wir„Aelteren“.“
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— Theatervertrustung. Wieder sind durch die Ver⸗ einigung des Deutschen Künstlertheaters mit dem Lessingtheater
in Berlin zwei große Bühnen in die Hand eines Direktors ge- langt, und die Zahl der Doppeldirektionen wird dadurch vermehrt.
Der belannte Theaterfachmann Max Eystein, der als Besitzer des Künstlertheaters an diesem neuen„Theatertrust“ eng beteiligt ist, hebt in einem Aufsatz der„Schaubühne“ den finanziellen Wert einer solchen Vereinigung hervor. In Berlin stehen ja gegenwärtig nicht nur die königlichen Bühnen unter gemeinsamer Verwaltung, sondern Max Reinhardt leitet das Deutsche Theater und die Kammerspiele; die beiden Schillertheater stehen unter derselben Direktion; das Berliner Theater, das Theater in der König⸗ gräberstraße und das Komödienhaus befinden sich in einer Hand, und auch unter verschiedenen anderen Theatern bestehen weitgehende „Vertrustungen“. Nach der Ansicht des Verfassers ist diese ge⸗ meinsame Führung von zwei oder mehreren Theatern der einzige Weg, um Unternehmungen von künstlerisch vornehmem Charakter lebensfähig zu erhalten. Die finanziellen Schwierigkeiten der modernen Bühnen liegen ja nicht in der Niedrigkeit der Einnahmen — selbst das Deutsche Künstlertheater hat troz seiner Mißerfolge Monatseinnahmen von 50000 Mark und mehr gehabt—, sondern in der Höhe der Ausgaben. Das Lessingtheater hatte auch unter dem sehr guten Rechner Brahm einen Gagenetat von 1300 Mark für den Tag; dazu kamen außer Miete und Tantiemen die Un⸗ kosten für Reklame mit jährlich 10 000, für Beleuchtung und Heizung mit 25 009, für Steuern mit 6000, für Versicherungen mit etwa 1500), für Wasserverbrauch und Bureauunkosten mit 3000 Mark. All diese Ausgaben lassen sich schwer verringern, und so ist es fast unmöglich, ein einzelnes Theater unter 2000 Mk. täglicher Ausgaben zu leiten. Kommt ein zweites Theater hinzu, so ist eine sehr beträchtliche Ersparung an Gagen möglich. Der Direktor eines großen Theaters muß ja ein sehr umfangreiches Personal zur Verfügung haben, von dem er naturgemäß sehr häufig kaum die Hälfte beschäftigen kann. Jedenfalls stellt ein Drittel des Personals bei jeder Bühne die Reservetruppe dar, mit det man das Personal eines zweiten Theaters zu ergänzen vermag. Gagenetat von etwa 300 Mark nötig, und der ganze Tagesetat dieses zweiten Theaters kann mit 800 Mark bestritten werden.
Weitere Vorteile einer solchen Vereinigung sind eine größere Aus⸗
nutzung von Erfolgen für den Autor und eine stärkere Beteiligung für die Schauspieler. Allerdings muß das zweite Theater in seinem Reportoire ein eigenes und ganz anderes Gesicht als das erste aufweisen. N
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Für das zweite Theater ist daher nur ein täglicher
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