8 nr.
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gehts ins Schlaf
85
worden, so daß
»Areisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal
warm, und es schläft sich Ahr
6 Iweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Die„Gießener Famlllendlätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das
wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
S
105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
a Samstag, 23. Januar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul ⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S5, Schrist⸗
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten⸗ Anzeiger Gießen.
Briefe aus der Front.
Wir sind heute in der Lage, im Abdruck jener Auszüge aus Feldpostbriefen sortzufahren, die sich an frühere Veröffentlichungen unseres Blattes(zuletzt in Nr. 232, vom 7. Nov.) anschließen. Es handelt sich bekanntlich um Brie fe
eines jungen Artillerieoffiziers an seine
Mutter in Gießen. Es ist von hohem Interesse, auf Grund solcher tagebuchartigen Aufzeichnungen die fortlau⸗ fenden Erlebnisse eines Mitkämpfers lückenlos im Zusam⸗ menhang kennen zu lernen; die vorliegenden Briefe fallen in die Zeit vom 14. Oktober bis Ende Dezember.
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A. 14. Okt. Meinen Brief vom Sonntag und meine Depesche vom Montag wirst Du erhalten haben! Letztere sandte ich, um Dir einmal ganz kurzfristig ein Lebenszeichen zukommen zu lassen, da Briefe doch meistens 8 Tage unterwegs sind. Gesundheitlich nach wie vor Ia. Wie Dir mein letzter Brief vom 11. cr. erzählte, habe ich mich einige Tage ganz der Batterie fern gehalten, um mich zu pflegen. Bei schönem Wetter unternahm ich weitere Aus— flüge. Bei dieser Gelegenheit führte mich ein 24⸗Kilometer⸗Ritt nach Ch., bis wohin schon die Eisenbahn geht. Von dort sandte ich auch das Telegramm. Inzwischen hat man meinem Drängen nach⸗ gegeben, und ich bin wieder in der Batterie, wo eben fast nichts zu tun ist. Abends lasse ich mich allerdings noch vertreten, begebe mich zum Stabe, wo ich nach einem gemütlichen Plauderstündchen am warmen Kamin nachts unter Dach und Fach schlafe!— Die Leute bekommen nach und nach immer mehr Erfahrung im Bau von Geschütz⸗ und Beobachtungsständen. Mein Offiziersstand, in dem ich mich tagsüber aufhalte, ist eine mit allem Komfort aus- gestattete Lehmhöhle. 40 Zentimeter dicke Balken mit 60 Zenti⸗ meter Erde darauf bilden die Decke, so daß ich gegen Volltreffer leichter Geschosse wohl gesichert bin. Sogar ein regulärer Ofen ist eingebaut, der Boden wird durch eine Strohschicht von 30 Zenti⸗ meter Höhe gebildet! In unsere Stellung ist noch kein feindlicher Schuß hineingegangen,— es herrscht eitel Friede, ganz ungewohnt nach den andauernden Kämpfen der vergangenen 14 Tage. Die Batterie, die unsere letzte Stellung übernahm, hatte gleich am nächsten Tage 2 Tote und 4 Schwerverwundete.
„ A., 18 Okt. Alles von Gießen Abgesandte bis jetzt erhalten! Noch herrscht großer Mangel an Lichtern und Streichhölzern! „ A, 20 Okt. 14. Von hier wenig Neues. Seit wir hier still liegen ist der Zeitungsdienst so organisiert, daß wir durch unser Armeekorps alle Nachrichten erhalten, allerdings sind die Zeitungen immer 6—7 Tage alt. 8 5 1 nun Folgendes: Meine Batterie liegt ca. 300 Meter hinter unserer vordersten Infanterielinie in einer Mulde. Alle Geschütze sind von—— Erdwällen umgeben; hinter den Ge⸗ schützen sind tiefe Höh en in die Erde eingegraben, die dicht mit Baumstämmen überdeckt sind. Ueber diesen Stroh und Reisig und darauf dann wieder 50 Zentimeter Erde. Ein leiblicher Schutz gegen feindliche Geschosse, nur gegen Volltreffer ist man naturgemäß nicht gesichert, auch zeigt sich bei letzteren dann der Nachteil einer solchen Deckung, die, wenn sie einmal durchschlagen wird, wie ich dies mit meiner Batterie am 11. Oktober erlebte und schilderte, die unter ihr befindlichen Mannschaften begräbt!— In 2 solcher Art ausgebauter Höhlen wohnen auch wir Offiziersoldaten in faf⸗ und Wohn⸗ raum!— Beide am Boden dick mit Stroh belegt, im Wohnzimmer, das nach der dem Feinde abgewandten Seite sogar Fenster besitzt, stehen Tisch und Stühle. Lehmöfen, die mit Holz geheizt werden und ziemliche Wärme ausstrahlen, sind in beide Räume eingebaut. Auf diesen Oefen wird auch abends das beliebte Grogwasser er⸗ wärmt, und bei dem heißen Getränk sitzen wir dann beim Kerzen⸗ schein oft lange auf und führen tiefsinnige Gespräche!— Spät emach, Schlafsack und Decken halten prächti im Stroh, daß wir oft erst auf⸗ wachen, wenn der Koch um 8 Uhr mit dem Frühstückskaffee erscheint. D.Geschossen wird unsererseits eben fast gar nicht, da wir nur im Falle eines feindlichen Angriffs wirken sollen, und der Feind denkt nicht daran, anzugreifen.— Während ich diese Zeilen schreibe. schlagen feindliche Granaten ständig 150 bis 200 Meter vor uns ein, doch beachten wir diese Geschosse schon gar nicht mehr! Wir liegen in einem derartig toten Winkel, daß der Feind mit einer weiteren Entfernung schon wieder über unsere Stellung hinaus⸗ chießt.— Du siehst, somit ist vorerst die Aussicht auf kriege⸗ rische Leistungen ziemlich gering; auch sonst hat sich wenig Neues ereignet, nur eine Fülle von Kriegsfreiwilligen ist in der Batterie eingerückt.— Da wenig zu tun ist, wäre ich für Uebersendung von Lektüre dankbar: eben lese ich in meiner Höhle eifrig im„Faust“! Hast Du Worte?
15 23. Okt. Diesesmal kommen meine Zeilen von hier, dem Orte, von welchem ich Dir gelegentlich eines Spazierrittes am 14. Oktober mein Begrüßungstelegramm schickte. Es ist eine kleine Stadt, in der sich ausgedehnte Lazarette für unsere Trup⸗ pen befinden Ich wurde auf zwei Tage hierher beurlaubt, um mir durch einen guten deutschen Zahnarzt meine schmerzenden Zähne, die sich seither wiederholt unangenehm bemerkbar mach⸗ ten, in Ordnung bringen, zu lassen. Mein Bursche begleitete mich auf dem 25⸗Kilometer⸗Ritt nach hier— und morgen geht es wieder zurück in die Front.—
25 nun etwas Originelles! Als ich gestern hier in Ch. einritt, steht plötzlich mein Leibfuchs St. vor mir, der gerade als Unterarzt hier eingetroffen war. Und da sich überdies noch je ein Vertreter der anderen beiden Gießener Korps anfand, konnten wir in heiterster Stimmung abends im Hotel, in wel⸗ chem ich Wohnung genommen, einen urgemütlichen Gießener S.⸗C.-Abend in Feindesland veranstalten. Frohgemut suchte ich spät in der Nacht mein„Bett“ auf.— Wahrhaftig ein Bett — zum erstenmal seit Lüttich wieder ein Bett!“—
Es war für mich ein eigentümliches Gefühl, mich wieder einmal ganz ohne jede Lebensgefahr im Freien bewegen zu können. Nur von ferne höre ich den Kanonendonner, doch scheint er mir seit abend wieder stärker zu uns herüber⸗ zudringen, so daß den Wunsch habe, recht bald wieder„vorne“ zu sein. Gesundheitlich geht es nach wie vor gut, auch unter den Truppen— von vereinzelten Typhusfällen abgesehen.
Mein Hauptmann— ich schrieb Dir von dem trefflichen Herrn, den ich seit einiger Zeit in meiner Batterie habe, er kam aus Amexika, und war schon in euglischer Kriegsgefangen⸗ schaft— machte mir neulich in Gestalt einer Browningpistole
0 3 Geschenk. Die Waffe hat mich natürlich hierher gleitet. 27. Okt. A. Meine letzten aus Ch. stammen⸗
770 15 5 den Zeilen erzählten Di von dem köstlichen Zusammentreffen mit Angehörigen der drei Gießener Korps. Am nächsten Tage vor meiner Rückkehr in die Front traf ich Gießener Arzt, mit dem mein Korpsbruder en verlebten, inzwi auch meine arzt erledigt waren, konnte ich frei von allen 5 wieder in meine Lehmhöhle zurückkehren.— Neues ist aus der Stellung nicht zu melden! Unser gesamter Offiziersbestand ist wieder ergänzt 8 10 5 7 tun 5. es 8 ein⸗ tönig, so ich zur vo agerten anterie in die Schützen⸗
ben und se mit, wenn sich der Feind zeigt und das ist
in Ch. noch einen S. und ich dann
meines Aufenthalts in Ch. urgemütlich] daß
29. Okt., Höhe westl. A. Hier ist alles beim Alten! Man schießt täglich seinen Stiebel zusammen und der Feind schießt wieder und trifft nichts. Alles wartet auf eine große Entscheidung, die da kommen soll und nie kommt.— Heute ist Einladung zum Abendgrog vorne in den Schützengräben, gestern abend waren die Offiziere der— Batterie bei uns zu Gast, alles spielte sich in den Lehmhöhlen ab! Der eingebaute Ofen heizt prächtig, viel Stroh gibt gute Fußwärme. Tische, Stühle, Geschirre jeder Art, alles hat sich allmählich angesammelt. Die„Liebesgaben“ häufen sich derartig, daß man nicht ein und aus damit weiß; die vor uns liegende Infanterie ist direkt mit Gaben überfüllt!— Mit den Krlegs— freiwilligen ist dort wieder guter Humor eingezogen, meist sind es Kieler Studenten. An kriegerischen Ereignissen ist dagegen fast nichts zu melden. Hie und da wird einmal eine Patrouille ge— fangen genommen, oder es ertönt plötzlich mitten in der Nacht zweckloses Kanonengeschieße, man kennt das zur Genüge und kriecht nicht einmal mehr aus seinem Schlafsack heraus, wenn so ein paar Schüsse über die Batterie hinflutschen.
6. Nov. In den letzten Tagen gab es alles mögliche für mich zu tun, daher die lange Pause.— Näheres teile ich Dir noch mit. Aus der Stellung hier ist nichts Neues zu berichten. Ich reite nach Möglichkeit täglich, um ausreichend körperliche Bewegung zu haben!— In unserem äußeren Leben hat sich vieles verschönert. Da wir hier nun schon länger festliegen, richten wir uns immer wohnlicher ein. Unsere Wohnzimmerhöhle ist jetzt über 2 Meter tief und sehr lang. Die Wände sind jetzt ebenfalls mit Stroh be— kleidet, 2 Spiegel sind eingelassen; gegenüber den zwei geschickt angebrachten Fenstern ein Tisch, Schrank, Stühle, Rauchtisch. Bank, Bilder, Geschirre aller Art säuberlich aufgebaut. Ein Vor⸗ hang trennt Wohnzimmer und Küche. Dort sind neben dem Lehm⸗ ofen Borde für Geschirre, Müllkasten usw. angebracht, der Boden ist auch hier mit Schotten belegt und darüber wieder Stroh.— Auch die Franzosen bauen gleich uns ihre Stellungen aus, wir sind beiderseits sehr friedlich, wir schießen nur äußerst selten, wenn aber die Franzosen zu üppig werden und offen in ihren Gräben herum laufen, bekommen sie schnell ein Schrapnell vor die Nase gesetzt. — In den nächsten Tagen hoffen wir einen photographischen Ap⸗ parat zu erhalten, ich werde dann im Laufe der Zeit nette Bilder schicken können. Ich reite dann auch einmal nach Ch. zurück, um meine frühere dortige Stellung aufzunehmen!—
11. Nov., 9 Uhr abends. Meine verschiedenen kurzen Karten werden inzwischen alles Wissenswerte gemeldet haben!— Es geht noch gut! Heute bin ich zum zweitenmal gegen Typhus geimpft worden. Jeder muß sich drei Impfungen unterziehen, in einem Zwischenraum von gut 8 Tagen!— Die Dosis der Impfflüssigkeit wird allmählich vergrößert. Die Einspritzung geschleht unter der Haut der Brust! Zum Teil fühlen sich die Leute 1—2 Tage nach der Impfung recht klapprig, doch habe ich nie dergleichen gespürt und in meinem Dienst auch leine Rücksicht darauf genommen. Bei manchen machen sich jetzt doch die Strapazen und Anforderungen an die Nerven bemerkbar. H. kam schon vor 10 Tagen nach Deutsch⸗ land zurück und auch heute ist wieder ein aktiver Leutnant zurück⸗ gekommen. Die Zahl der Ausgerückten schmilzt immer mehr zu⸗ sammen! In unserer Lage hat sich so geit wie nichts geändert. Noch immer die alte Stellung. Unsere Erdwohnung wird von Tag zu Tag schöner. Ein neuer Ofen ist eingebaut worden, neue Gar⸗ dinen und Vorhänge sind angekommen! Den ganzen Tag wird bei uns geheizt und wir wohnen im Leym unter der Erde so warm, wie man sonst nur im Zimmer leben kann. Draußen ist heftiger Sturm und große Kälte, man kann nicht die Hand vor Augen sehen, wir sitzen hier unten ohne Mütze und Mantel! Im Kamin brodelt der Kessel und der Hauptmannsbursche bereitet den Arrak⸗ grog! Du hast gut gegen den Genuß von Alkohol reden! Aber: Erstens steht er uns wirklich nicht in solchen Mengen zur Verfügung das er schädlich wirken könnte, und zweitens gibt es nichts, was so schnell wie dieser heiße Arrakgrog zuzubereiten, ist, was so her⸗ vorragend wärmt, wenn man durchweht, durchnäßt und durchfroren ins Kasino(so heißt unsere Wohnhöhle offiziell, kommt.— Jeder weiß unsere Behausung und den warmen Trunk, der in ihr geboten wird, zu schätzen, unser Oberst schwärmt in den höchsten Tönen von unserer Wohnung und wir haben ständig Besuch!—
Gestern nacht gab es endlich wieder einmal eine kleine kriegerische Abwechselung. Eine starke französische Patrouille hatte sich bis auf 200 Meter unserem Schützengraben genähert. Sie wurden bemerkt und beschossen. Zeit etwa 3 Uhr morgens.— Natürlich ging sie sofort zurück und das Feuer aus den fran⸗ 2 5 Schützengräben deckte ihr den Rücken!— Wie es nun meistens bei solchen Nochtgefechten, bei denen keiner weiß, woran er ist und kein Mensch etwas sieht, geht, dehnte sich das Infanteriefeuer sofort über die ganze Schützenlinie aus, griff noch auf andere Abschnitte über und bald war der allgemeine Radau da! Ich hatte in meinem eisernen Schlaf von alledem nichts gemerkt und wurde erst durch meinen Hauptmann, mit dem ich zusammen schlafe, geweckt. Es kamen dann auch schon die Posten und meldeten Näheres, ebenso rief unser Nacht- beobachter aus dem Schützengraben am Fernsprecher an und berichtete über die Ausdehnung des Feuers. Als sich die Sache gar nicht beruhigte und auch die französische Artillerie eingriff, wurde unsere Batterie geweckt und die Geschltze„besetzt“. Beides war nicht so einfach, denn erstens war es stockdunkel und zwei tens pfiffen die feindlichen Kugeln heftig durch unsere Stel— lung. Unsere Geschütze sind für die Nacht schon immer einge⸗ richtet, gestellte Geschosse liegen bereit, und so legten wir dem Feinde einige Schüsse in die vordersten Schützengrüben. Nur ein paar Schuß, und die müssen gut gelegen haben, denn bald herrschte wieder tiefer Friede. Hie und da knallte noch ein, vorwitziger Geselle, aber auch das war bald vorbei, und fünf Minuten später schlief ich zum Erstaunen meines Hauptmanns tief und fest, als wäre nichts gewesen.
Heute hat sich der seit Tagen über der ganzen Gegend liegende Nebel zum erstenmal wieder gelichtet und Freund und Feind haben die letzte Zeit zum kräftigen Ausbau ihrer Stel⸗ lung benutzt, so daß es heute morgen sicher auf beiden Seiten verdutzte Gesichter gab. Auch ich muß sagen, daß ich, als ich heute morgen durch das Scherenfernrohr die feindlichen Gräben besah, den Franzosen in Fleiß das Prädikat„sehr gut“ aus- stellen mußte, alles war miteinander verbunden und kräftig ausgearbeitet.— ö g
In meiner vorgestrigen Karte schrieb ich, daß in letzter Zeit viel für mich zu tun gewesen sei und das kam so:„Eines Morgens wurde ich zum Regiment befohlen und erhielt Befehl, in einem hinter der Feuerlinie gelegenen Ort Quartier für eine Batterie zu machen. Ich ritt also mit zwei Unteroffizieren los und im Laufe des Vormittags hatte ich unter unendlichen Tränen und„Malheurs, Malheurs“ der Frauen dann 200 Pferde und eine Batterie mit Bedienung untergebracht, d. h. vorläufig auf dem Papier! Am nächsten Tag kam dann an mich der Befehl, im selben Orte noch eine zweite Batterie unter⸗ zubringen. Dies machte schon mehr Schwierigkeiten. Die Trä⸗ nen mehrten sich noch und ebenso meine stereotype Antwort: Cest la guerre, madame.— Am Mittag konnte ich melden, im genannten Ort auch noch eine zweite Batterie unterkommen könne.— Dann erfuhren wir auch den Sinn dieser Maßnahmen. Wir werden in der nächsten Zeit batterieweise aus unseren Stellungen gezogen und bringen einige Tage hinter der Front zu, unt einmal gründlich mit unseren Leuten zu exerzieren und etwas neues Leben und neue Disziplin in die Sache zu bringen. Durch das ständige Festliegen an einem Platz und durch die mangelnde Bewegung ist alles etwas steif geworden. Allmählich haben wir in dem Befehl, der uns anfangs wenig sympathisch
berührte, das Gute erkannt.— Uns Offiziersoldaten reizt jetzt die Aussicht auf die Möglichkeit, sich einmal acht Tage lang täglich gründlichst waschen zu können, im Bett schlafen zu kön⸗ nen und einmal wieder seine Sachen etwas in Ordnung zu bringen und die Mannschaften freuen sich direkt darauf, wieder einmal einen Hauch von der oft angefehdeten Kasernenhofluft. zu spüren, denn es wird da hinten ein strammer Dienst werden!
(Fortsetzung folgt.)
Aus Stadt und Land. Gießen, 23. Januar 1915.
Vom Trösten.
„Eine arme Frau, deren zwei Söhne vor der Front stehen, beklagte sich, daß so wenig Leute trösten können. Sie sei jetzt ganz vereinsamt auf der Welt und möchte halt manchmal mit jemandem über ihren Kummer reden. Da komme gewöhnlich ein solcher Trost zurück:„Na, n Mut, jetzt ist halt Krieg. Müssen alle dran. Den Soldaten gehts ja ganz gut, hört man; manchmal bissel im Wasser⸗ graben liegen. Das schadet nix. Fürs Vaterland. Werden schon wieder zurückkommen. Und wenn nicht— gefallen fürs Vaterland. Ein schöner Tod. Ein Heldentod. Nur nicht ver⸗ zagt sein.— So trösten sie. Daß das bange Herz nach sol⸗ chem Trost gar nicht verlangt, weil es sich den selber sagt, daß es sich nur nach ein wenig Teilnahme und Mitleid sehnt — sie denken nicht daran. Die schwer bekümmerte Mutter ging zu meiner Frau, um ihr Herz auszuschütten. Meine Frau sagte gar nichts— sie weinte mit ihr. Und dieses gemeinsame Weinen hat der verlassenen Mutter wohler ge⸗ tan als die hochklingenden Trostworte.“
So schreibt Peter Rosegger in Heimgärtners Tage⸗ buch. Möchte doch mancher die dankbare Nutzanwendung daraus ziehn.
*
* Militärische Ausbildung der Jugend. Die Uebung am letzten Sonntagnachmittag galt nach ein⸗ stündigem Kompagnieexerzieren im Hof der Zeughauskaserne der praktischen Durchführung der Sicherung einer marschie⸗ renden Truppe mit anschließender Schützenünienentwicklung durch den Lollarer Wald. Am Mittwochabend behandelten die Herren Mittermaier und Schäfer dieselbe Frage eingehend in der Instruktionsstunde. Herr Braubach gab im Anschluß daran eine sehr interessante Schilderung eines Tages unserer blauen Jungen an Bord. Die nächste Uebung beginnt Sonntag pünktlich 2 Uhr, die Instruktionsstunde der nächsten Woche findet Kaisers Geburtstags wegen am Don- nerstagabend statt.
* Provinzialausschuß der Provinz Ober⸗ hessen. In seiner Sitzung vom 20. Januar J. J. verhandelte der Provinzialausschuß in zwei Fällen wie folgt: J. Klage des Ortsarmenverbandes Friedberg gegen den Ortsarmenverband Steinfurth wegen Ersatz von Unter⸗ stützungskosten für den Heizer Ernst Otto Friedr. La. aus Kainscht. Der Klage des Ortsarmenverbandes Frie berg gegen den Ortsarmenverband Steinfurth wird stattgegeben und der beklagte Ortsarmenverband verurteilt, an Kläger für die Zeit vom 1. Mai bis 31. Oktober 1914 den Betrag von 84 Mk. und von da ab bis zur Uebernahme in eigene Fürsorge den Betrag von monatlich 14 Mk. nebst 4 Prozent Zinsen vom Tage der Klageerhebung an zu bezahlen, sowie den Längert in eigene Fürsorge zu übernehmen. Der Orts⸗ armenverband Steinfurth hat auch die Kosten des Verfah⸗ rens zu tragen. 2. Klage des Ortsarmenverbandes Fried⸗ berg gegen den Ortsarmenverband Schwalheim wegen Erstattung von Unterstützungskosten für die Christian Schneider Wwe. zu Schwalheim. Der Klage des Orts⸗ armenverbandes Friedberg gegen den Ortsarmenverband Schwalheim wird stattgegeben und der beklagte Ortsarmen⸗ verband verurteilt, an den Ortsarmenverband Friedberg für Unterstützung der Witwe Schneider während der Zeit vom 17. Oktober bis einschließlich 15. Dezember 1914 19,67 Mk. zu bezahlen. Der Ortsarmenverband Schwalheim wird wei⸗ ter zur Tragung der Kosten des Verfahrens verurteilt.
* Amtliche Personalnachrichten. Die Groß⸗ her zogin hat am 6. Januar d. J. den Regierungsbaumeister Adolf Stockhausen in Stendal zum Vorstand eines Werkstätten⸗ amts in der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschaft vom 1. Ja⸗ nuar d. J. ab ernannt, am 20. Januar d. J. den Steueramts⸗ kontrolleur bei dem Steueramt Friedberg Georg Jett, zurzeit zu Mainz, auf sein Nachsuchen aus dem Staatsdienst entlassen und am 19. Dezember v. J. dem Förster Wilhelm Hofmann zu Forsthaus Eisernhand aus Anlaß seines 50 jährigen Dienstjubi⸗ läums das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps de— Großmütigen verliehen. 8
Kreis Alsfeld.
h. Alsfeld, 21. Jan. Die Bauarbeiten des hessischen Teiles der Eisenbahn⸗Teilstrecke Niederjossa⸗Grebenau der neuen Bahnlinie Niederaula⸗ Alsfeld sind soweit vorge⸗ schritten, daß heute die landes polizeiliche Abnahme
folgen konnte. An der Fahrt, die in einem Sonderzug erfolgte, nahmen neben verschiedenen Mitgliedern der Frankfurter Eisen⸗ bahndirektion auch zahlreiche geladene Gäste und Interessenten teil. Die etwa drei Kilometer neue Strecke liegt in den Gemar⸗ kungen Wallersdorf und Grebenau. Kreis Friedberg.
h. Friedberg, 21. Jan. Bis zum 11. Januar wurden bei der Reichsbanknebenstelle Friedberg aus dem Kreise Friedberg 180000 Mark Gold gegen Umtausch von Papiergeld abgeliefert.
Oberrosbach, 21. Jan. Vier kriegslüsterne Schulknaben aus Nieder⸗Eschbach, die ihren Eltern ausgerissen waren, und sich auf dem Wege nach Friedberg zum freiwilligen Ein⸗ tritt in das Heer befanden, wurden hier aufgegriffen. Man gab den Jungen, da es spät abends war, Nachtquartier und sandte sie am andern Morgen wieder der lieben Heimat zu. Hoffentlich ist der Empfang für die wackeren Jungen, die keck ihre feldgrauen Mützen trugen, nicht allzu kriegerisch ausgefallen.
Starkenburg und Rheinhessen.
O Lampertheim, 20. Jan. Em Förster entdeckte im Lampertheimer Wald eine große Höhle, in der sich einige junge Burschen wohnlich eingerichtet hatten, nachdem sie in die Höble gestoblene Lebensmittel, wie Wurst und Brot, geschafft hatten. Die„Höhlenbewohner“ wurden in Haft genommen.
h. Rüsselsheim, 21. Jan. Nach Mitteilungen eines in französische Gefangenschaft geratenen Kriegers aus Rüsselsheim an seine Frau wurde der Mann nach der
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