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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Mittwoch, 20. Januar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S8 51, Schrift⸗
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Wie wird Rußland bezwungen? Von besonderer Seite schreibt man uns:
„Wenn wir Deutschland nicht wirtschaftlich auf die Knie zwingen können, militärisch ist es nicht zu bän⸗ digen“, so soll ein russischer Großer an der Weih⸗ nachtstafel des Zaren gesprochen haben. Das Geständnis der militärischen Unterlegenheit Rußlands ist ebenso erfreulich, wie seinerzeit der Notschrei des Groß— fürsten Nikolai Nikolajewitsch nach der Schlacht bei Tannen⸗ berg:„Der Himmel wird uns helfen, dieses schmerzliche Er⸗ eignis wieder wettzumachen.“ Nichts ist seitdem wettgemacht, Die glänzenden Garderegimenter des Zaren fielen vor den mit tödlicher Sicherheit arbeitenden deutschen Maschinen⸗ gewehren in den Staub, was nachkam, war nur Masse und immer nur Masse ohne Schlagkraft und Widerstandsfähigkeit. Es mangelt an Ausbildungspersonal, an Waffen, an Ge⸗ schützen und Munition. Jede Stunde bringt neue Nachrichten über russische Rückzugsbewegungen. Und dieses Rußland, das am Ende seiner militärischen Kraft anlangt, will uns wirt⸗ schaftlich auf die Knie zwingen? Wissen die unverantwort⸗ lichen Ratgeber des Zaren, wie es jetzt wirtschaftlich gerade um Rußland steht? Was die Engländer uns bereiten wollten, die gänzliche Absperrung vom Auslande, das ist bei unseren östlichen Nachbarn gleichsam von selbst eingetreten. Rußlands Warenverkehr mit dem Auslande ist abgeschnitten, soweit es sich nicht etwa über Schweden und über Bulgarien aufrecht erhalten läßt, doch solche Wege kommen für den Großhandel in Massengütern wenig in Betracht. Die Ostsee
ist wegen der Sperre des großen Belts und wegen der deut⸗ schen Kriegsschiffe so gut wie verschlossen, den Weg von Ar⸗ changelsk nach den warmen Meeren hat das Eis blockiert. Und in den unermeßlich weiten Gebieten der russischen Landwirtschaft? Da fehlen die Hände, die den Acker bestellen, weil alle Wehrfähigen in dem großen Reiche zur Fahne Haufen sind. Man darf sich ja den Reichtum Rußlands an Menschen und Soldaten nicht so vorstellen, daß es mit seinem Millionenheer nur erst einen Teil unter den Fah⸗ nen hielte, während der andere noch seinen Beschäftigungen nachgehen und beliebig herbeigeholt werden könnte. Na einwandsfreien Nachrichten hat Rußland bereits alles auf⸗ geboten, was es für den Weltkrieg an militärischen Kräf⸗ ten einsetzen kann. Deshalb fehlen daheim die Arbeiter in den Fabriken und die Arbeitskräfte, die den Acker bestellen. Was das für eine Volkswirtschaft bedeutet, die noch zum allergrößten Teile auf der Arbeit der Hände allein beruht, 9 nicht ausgeführt zu werden. Gerade die Betrachtung der agrarischen Verhältnisse lehrt zwingend, wie verkehrt die Be ig und Anschauung ist, daß die Zeit der beste Bundesgenosse Rußlands sei. Im Gegenteil, je länger der Krieg dauert, umso mehr fressen sich seine Wirkungen in seine Volkswirtschaft ein und umso stärker schüren sie 7712 Vorrat an Unzufriedenheit, der im Lande vorhan⸗ den ist. Seit 1905 ist in Rußland 1 N eine Agrar⸗ reform in Fluß 1 Zugleich ist die Bahn, die vom naturalwirtschaftlichen Agrarstaat zum kapitalistischen In⸗ dustriestaat führt, betreten worden. Aber all das waren erst Anfänge. Nüchterne Beurteiler wie Kuropatkin, Witte, Kokowzew waren einig darin, daß Rußland nicht Jahre, sondern Jahrzehnte des Friedens brauche, um das emp⸗ findliche Stadium des Uebergangs sicher zu überwinden. Die kleine, aber brutale Herrenkaste um die Großfürsten, der die organische Entwicklung zu lange dauert, hat es an⸗ ders gewollt. Um ihr—— der Ausbeutung vieler zu⸗ gunsten weniger zu verteidigen, hat sie den Krieg entfesselt. Er hätte vielleicht zum Ziele führen können, wenn die rus⸗ sischen Heerführer fähig gewesen wären, ihn auf deutschem
ch erinnerte an das vor 44
Boden auszufechten. Je unbarmherziger aber die deutschen Heere sich in den empfindlichen Riesenkörper der russischen Volkswirtschaft einbohren, umso rascher muß der Zusam⸗ menbruch folgen.
Allerdings, um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Der Koloß des russischen Reiches bricht durch die Siege unserer herrlichen Ostarmee allein noch nicht zu⸗ sammen. Selbst wenn den Waffen unserer wackeren Truppen weiterer Erfolg beschieden ist, so steht dennoch sest, daß schließlich ein Feldzug in Rußland nicht militärisch, sondern politisch entschieden wird, das heißt durch die politisch widerstrebenden Elemente im Reiche selbst. Dadurch, daß die ersten Nachrichten über vereinzelte revolutionäre Erhebun—
n sich als unrichtig herausgestellt haben, hat die irrige
einung Platz gegriffen, als ob auf Revolutionen in Ruß⸗ land nicht zu rechnen sei. Aber trotz der erfolgreichen Nach⸗ richtensperrung besteht kein Zweifel, daß nicht bloß in Polen und Finnland, sondern namentlich in dem ukraini⸗ schen Teile Südrußlands— und zwar hier bereits in vrgani⸗ sterten Formen— die revolutionäre Propaganda am Werke ist und auf unser Heer als Befreier wartet. Der Feldzug wird schließlich entschieden werden im Einvernehmen mit Revo⸗
ionären in allen Teilen Rußlands.
Und daun wird der Günstling an der Tafel des Zaren erklären müssen, daß Deutschland weder 1 noch wirtschaftlich zu bändigen war, daß aber das Rußland der Großfürstenpartei militärisch, wirtschaftlich und politisch auf die Knie gezwungen ist.
Aus Hessen.
rb) Darmstadt, 18. Jan. Eine große vater⸗ ländische Versammlung, die zugleich der Feier der Reichsgründung galt, hatte heute abend die fortschritt⸗ liche Volkspartei im„Kaisersaal“ veranstaltet. Den Mittelpunkt der Feier bildete nach einer kurzen Ansprache des Vereinsvorsitzenden, Sanitätscat Dr. Folb und einem Festprolog ein Vortrag des Reichs- und Landtagsabgeord⸗ neten Dr. Wiemer aus Berlin, des Fraktionsvorsitzenden der Fortschrittlichen Volkspartei Deutschlands. Der Redner . ahren bei der Kaiserproklamation zu Versailles vom König Wilhelm abgegebene Gelöbnis, alle⸗ zeit ein Mehrer des Friedens sein zu wollen. Dieses Gelöbnis sei treulich gehalten worden, das deutsche Geistes- und Kul⸗ turleben sei in den 44 Friedensjahren für die meisten an⸗ deren Nationen vorbildlich geworden und Kaiser Wilhelm II. werde in der Geschichte als höchster Ruhm angerechnet werden, daß er über ein Vierteljahrhundert dem deutschen Volke den Frieden erhalten hat.(Lebh. Beifall.) Der Redner gedachte darnach der großen Männer von 1870/71, Kaiser Wilhelm J., der großen 5 und besonders des gewaltigen Reichs⸗ kanzlers, der den Traum der deutschen Männer verwirklicht und die Einigung der deutschen Stämme vollbracht hat. Die Erinnerung an die großen Taten Bismarcks werde an seinem hundertsten Geburtstag am 1. April von allen Deut⸗ schen mit unauslöschlicher Dankbarkeit begangen werden. (Lebhafter Beifall.) Alle deutschen Stämme, das ganze deutsche Volk mit seinen Fürsten sei fest entschlossen: Alle Zeit für des 285 75 Herrlichkeit! Nicht der Revanchegedanke Frankreichs oder der russische Panslavismus allein hätten zu dem Weltkriege geführt; die ungeheure innere Ver⸗ 1 dafür trage England, und der Reichskanzler habe mit dieser wuchtigen Anklage dem ganzen deutschen Volk aus der Seele gesprochen. Deutschland habe trotz aller englischen Lügen und unerhörten Brüche des Völkerrechts jetzt schon ganz Gewaltiges erreicht, vor allem dadurch, daß der Krieg ins Feindesland verlegt wurde. Der auf den allgemeinen Wehrpflicht basierende„Militarismus“ sei ein
durchaus demokratischer Gedanke und dieser Militarismus, wie wir ihn jetzt allüberall in Deutschland sehen, müsse für alle Zeiten beibehalten bleiben.(Lebh. Zustimmung.) Weiter wies der Redner auf den höchst erfreulichen Auf⸗ schwung des wirtschaftlichen Lebens während der Kriegs- zeit und die großartige finanzielle Rüstung hin. Das Deutsche Reich habe den Krieg nicht gewollt, und erhoffe einen baldigen Frieden, aber es habe den Willen und die Kraft zum Siege und werde durchhalten, bis auch das perfide Albion zu Boden geworfen 1 Wir seien nicht auf Eroberungen ausgegangen. Aber das, was wir brauchen, um einen dauernden Frieden zu sichern, würden wir nehmen und auch behalten(Stürm. Beifall), und wir dürften vertrauen, daß nach dem endlichen Sieg die Sonne des Friedens über ein einiges, glückliches Deutschland leuchten werde. Nach der mit ene Jubel beendeten Rede brachte die Versammlung ein drei⸗ maliges begeistertes Hoch auf das deutsche Vaterland aus und schloß dann mit dem Gesange: Deutschland, Deutsch⸗ land über alles.
Eingesandt.
8 Das Austragen der Brötchen. Herr oder Frau S. hat in der Nummer vom 18. d. Mts. ein Eingesandt veröffentlicht, worin das Befremden über das Nichtaustragen der Brötchen ausgesprochen und betont wird, daß das Pubtilum das Austragen seit undenklichen Zeiten gewohnt und darauf angewiesen sei.
vorhanden sind, die gar keine Ahnung davon und gar kein Ge⸗ fühl dafür haben, um was Deutschland z. Z. zu kämpfen hat, die darupt jammern, wenn eine liebgewordene Einrichtung im Interesse der Allgemeinheit fallen muß, wenn ihre altgewohnte Bequemlichkeit gestört und sie gezwungen werden, auch ei e klein wenig im Sinne des Großen und Ganzen zu wirlen.
Was haben wir, die wir da draußen in den Schützengräben lagen, die wir in offener Feldschlacht gekämpft haben, alles auf⸗ geben müssen! Wir haben Familie, Heim und Beruf verlassen, wir haben unsere Gesundheit und unser Leben aufs Spiel ge⸗ setzt, wir haben es mit Begeisterung und gerne getan, weil unser Vaterland in Gefahr war, weil wir dafür sorgen wollten — und es ist ja dank dieser Aufopferung gelungen— daß unserer Heimat die furchtbaren Schrecken des Kriegs erspart bleiben sollten. Wir hatten manchesmal recht knapp zu essen, mußten auf Brötchen und Brot verzichten, mußten uns das Essen im feind ichen Feuer in die Schützengräben holen, wo es oftmals kalt anlangte, damit die Daheimgebliebenen in Ruhe ihrem Beruf nachgehen konnten, und dann klagt jemand hier — daß er sich seine Brötchen von jetzt ab beim Bäcker holen soll. Da steigt einem die Zornesröte ins Gesicht, wenn man
weshalb dieser seine Bequemlichkeit störende Beschluß gefaßt wurde. Ja, hat er denn die Zeitungen nicht gelesen? Das wußten wir ja draußen im Felde, daß jetzt zu Hause mit dem Weizen gespart werden muß, damit wir das schwere Ringen bis zum Ende ohne Schädigung unserer Volksernährung durch⸗ halten können.
Also lieber Herr S. oder liebe Frau S., lernen Sie etwas
Sie mal nach Belgien, Nordfrankreich oder Polen und sehen Sie sich an, was der Krieg dort alles vernichtet hat. Dort können die Einwohner, selbst wenn sie's wollten, keine Brötchen holen, vielfach haben sie für sich und die Ihren kein Brot mehr, ihre ganze Existenz, ihr Heim und ihre Familie sind vernichtet. Und wenn Ihr dann zurückkehrt, dann— davon bin ich überzeugt— geht Ihr gerne, aus Dankbarkeit für die, die da draußen auch für Euch gelitten und geblutet haben, hin und holt Euch Eure Brötchen oder, was noch Hüger ware,
auch der Unterzeichnete, der auch da draußen in Frankreich und Polen dabei war.
Gießener Stadttheater.
Johannisfeuer. Schauspiel von Herm. Sudermann.
Was sich einem beim Anhören der vier Akte am nachdrück⸗ lichsten aufdrängt, ohne von den gewiß, ziemlich festgeknüpften Banden des Stimmungszaubers gehalten werden zu können: Ein Sittenstück. Ein hohes, buntes, etwas unheimliches Gebäude mit einem falschen Grundriß. Nämlich: Ein ost⸗ostpreußisches Stoppelhopserehepaar, das die eigene Tochter, einen Neffen, Sohn eines brüderli⸗ dunklen Ehrenmannes, und ein litauisches Fin⸗
delkind Marikke zu mehr oder minder erwachsenen Menschen er⸗ zogen hat bezw. hat aufwachsen lassen. Resultat: Der Neffe und das gekind gehn aneinander jahrelang vorüber, ohne die gegenseitige Neigung beim andern wahrzunehmen, der erstere verlobt sich— warum, wird nicht erklärt— mit der Cousine— und in der Johannisnacht, wo draußen und in den Seelen die heidnischen Feuer brennen fällt die Erkenntnis mit täuschend nach⸗ gemachtem er und Blitz zwischen die wirklich Liebenden. Aber: Johannisfeuer! Findelkinder, die dazu eine zwischen Mein und Dein nicht unterscheidende Mutter haben, dürfen, wenn sie lieben wollen, nicht die Pfade anderer Menschen gehn, sondern ihre Zeit ist nur einmal im Jahr: Wenn die Hexen zum Blocks⸗ berg reiten, und es in der heidnischen Nacht auf ein bischen mehr oder weniger Unmoral nicht ankommt. Dann stehlen sich die Findel⸗ kinder, wie die Mutter silberne Löffel und Leinenzeug, das bis⸗ chen Menschenliebe, das die„Bürger“ ihnen gönnen. Ein solcher Stoff ist ganz Sudermann. Das Episodische, Aeußerliche hat er oft und oft gekonnt und von seinem Können ausgiebig Gebrauch 962
Aber der Defekt beginnt sogleich, wenn er Menschen
0 Warum aller Welt, fragt man sich. diese nicht
so unebenen Leute mit so
im Grunde doch gar allen Mitteln das Leben entsetzlich schwer machen? Und wenn dann die einzige Erklärung um ihr richtiges Ziel, die innerliche Tragik, einen weiten schlagt und lächelnd bekennt Ei, weil das Stück doch weitergehen muß, weil doch ein Sittenstück geschrieben werden soll— dann bleibt immer ein bitterer Nachgeschmack zurück. Der Sprechton ist Sudermann wie meist ausgezeichnet geglückt. Aber mitten darin gewahrt man, wie die Menschen, die seine Träger sein sollen, falsch gesehen und gezeichnet sind, gewahrt Sonderbarkeiten, zergrübelt sich über das Warum, erkennt Virtuosentum und Mache.„Nu geht mal, Kinder, was der Mond wieder für einen Radau macht. oder Trude, die Backfisch⸗Braut, kläglich;„Er soll Tischkarten schreiben und malt immer Männerchen...“ und Marikke:„Ganz zahm bin ich. Ich freß' dir aus der Hand.“ Man lächelt und kostet das mit einer gewissen Zärtlichkeit wie eine süße Speise, die man schon oft genossen hat: Ganz Sudermann, denkt man, ganz Sudermann. Troß alledem,„Johannisfeuer“ ist eine wühlendsten Schöpfungen des Dichters, die trotz aller niemanden ganz kalt lassen kann. Die gestrige Stadttheater machte auch in dieser Beziehung die trotz der mitunter unglaublichen
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in
Längen, durch die sich die Handlung windet und druckst, die Span⸗ nung und die innerliche Inanspruchnahme des Publikums keinen Augenblick nachließ, sondern im Gegenteil bisweilen zur lautlosen Siille stieg. Es ist schon so: Sudermann kann alle Saiten treffen. Aber die.. 2.9—
Im Gegensatz zur Wiedergabe der„Schmetterlingsschlacht“, die wir vor einigen Wochen einen Sudermannabend der besten Art nennen konnten„hielt sich das gestern Gebotene mehr an einen * Durchschnitt. Es ist eine delikate und heikle
ufgabe, das Wachsen und Ausbrechen der Leiden⸗ schaft zwischen Hartwig und Marikke zu schildern. Anna Stettner wurde dem Thema noch am besten gerecht. während Ferdinand Steinhofer seine Rolle gar zu sehr nach einer Art Schwarz⸗Weißzeichnung, mit sestem Griffel zwar und in sicheren Konturen, aber unter Verzicht auf alle Farbigkeit be⸗ handelte. Das gilt namentlich von der Szene, wo in dem schwülen Sinnenzauber der Hochsommernacht, wenn die Johannisfeuer er⸗ loschen sind, in den beiden liebenden Menschen der Brand der Leidenschaft erwacht, emporschwillt und sie unter Flammen und Trümmern des als unnütz erkannten Lebenswillens begräbt. Dieser Höhepunkt verträgt ein ins Schwindelnde gesteigertes Zeitmaß, das man gestern zum Schaden des Ganzen vermißte. Menschen, wie Sudermann sich die beiden gedacht hat, handeln unter dem heißen Hauch der Johannisnacht, 2— süßen Duft der Linden und des Weines und unter dem Zwang der gepeitschten Sinne mit dem Wesen des Sirokko und nicht dem lieblichen Gleiten eines Zephyr⸗ lüftchens. Am glaubhaftesten erschien daher, was die Schauspieler, nicht den Dichter, angeht, der Schluß des Stückes, wo durch die willkürliche Zufallswirkung des Auftauchens der Mutter Marikkes der Strom der Leidenschaft ins Bette einer milden Resignation gelenkt wird. Paul Schubert als Gutsherr konnte in dem Ge- wande des polternden Krautjunkers recht gefallen, Philine Wen⸗ gerdt als Trude war von entzückender Naivität, aber den Gang aufs Standesamt darf diese Trude unbeschadet Sudermannscher Echtheit ruhig mit einer größeren Dosis erwachenden Weibestums tun, schon um die Gefahr zu vermeiden, daß man die sonderbare Verlobung zwischen dem halben Kinde und dem Herrenmenschen Hartwig nicht ganz von der Hand weist. Für die alte Weszkalnene fand Else Jüngling die treffenden Mittel.„So sehn' se dahinten tatsächlich aus“, hörten wir in der Pause einen Feldgrauen sagen, der damit ein erschöpfendes Lob ausstellte. Mit dem Hilfsprediger Haffke konnte sich Karl Rotteck nicht so recht auseinandersetzen, umal er zum Schaden der pfychologischen Seite dem ostpreußischen Dialekt eine etwas gezwungene Aufmerksamkeit schenkte. Der welt⸗ gewandte Reisende der Schmetterlingsschlacht und die schüchtern⸗ verliebte Hunger vastor— das ist eben gar zu diametral. Walter Dworkowski hatte dem farbenglühenden, bewegten Bilde einen geschmackvollen Rahmen gegeben und ließ oft und erfreulich die ziselierende Hand des Regisseurs erkennen. a⸗
*** — Der vergessene Erfinder der Fleischkon⸗ serveu, Die be der Fleischkonserven, die durch die
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jüngsten Mahnungen des Landwirtschaftsministers, für Fleisch⸗ dauerware zu sorgen, in den Vordergrund des Interesses gerückt find, hat erst in neuester Zeit durch die Forschungen Prof. Dr. Edmund O. v. Lippmanns ihre Aufhellung gefunden. interessantes Ergebnis ist, daß die als Erfinder gewöhnlich ge⸗ nannten berühmten Chemiker Appert und Liebig ihren an einen viel verkannten Vorgänger abzutreten haben.
Königlichen Bibliothel zu Hannover befindet sich ein Manuskript
erörtert, Feldtruppen auf langen l 0 reichenden Kräften zu erhalten(„Punkta, so eine schleunige An⸗
Kraft⸗compositiones(d. h. Konserven), deren geringe Quantität solche Stärke gibt, daß man sich damit etliche Tage unterhalten
dem großen Vielwisser diese Kenntnis? Er selbst war nicht der Erfinder, wie der Wortlaut der Stelle ergibt, umsomehr, als der philosophische Freund der Königin Sophie Charlotte
sein Erfinderglück ausführlich geschildert hätte. Da es damals noch keine technischen Zeitschriften gab und die Gelehrten ihre Erfindungen und Entdeckungen in ausführlichen, gedruckten Briefen einander mitzuteilen pflegten, muß der Er⸗
Leibniz zu suchen sein: mustert man ihre Namen durch, so stößt man auf den berühmten Denis Papin 1647—1712),— der zwar nicht, wie eine anscheinend unausrottbare Legende erzählt, seine Erfindung des Papinschen Topfes und des für diesen erdachten Sicherheitsventiles zu einer Art primitiver Dampf⸗ maschine ausgestaltete und damit ein Fahrzeug betrieb, das ihm mißgünstige Schiffer auf der ersten Fahrt zertrümmerten,— der aber seinen Topf zur Bereitung von KFonserven„durch Auskochen und nachherigen luftdichten Verschluß“ verwandte und ein„Gelee“ herstellte, das die„geistigen und flüchtigen Bestand⸗ teile des Fleisches, die man beim üblichen Einsalzen verliere, festzuhalten vermöge“.(Der heutige Fleischextrakt.) Der ent⸗ scheidende Brief, in dem er Leibniz von dieser Erfindung schreibt, datiert aus dem Jahre 1680; daß sie damals keinerlei praktische Folgen hatte und einfach in Vergessenheit geriet, darf nicht Wunder nehmen, denn einerseits hat die meisten Gelehrten zu allen Zeiten nur die wissenschaftliche Lösung eines Problems interessiert, während ihnen der Gedanke a
Konserven woh bekannt war, sich also, mit Lippmann zu reden,„einer Komb
des Schwefelns zur Haltbarmachung der nation von Mitteln se 5 0 0 eines Patentgesuches von Robert bildete“, so gebührt ihm un⸗ streitig der Prioritätsruhm der Erfindung der Fleischkonserven
und auch, wie nebenbei bemerkt sei, des Fleischextraktes.
1—
Diese Beschwerde läßt erkennen, daß noch recht viele Leute
so etwas hören muß. Der Einsender will Aufklärung haben.
großzügiger denken, und wenn es Ihnen möglich ist, dann fahren
Ihr eßt nur noch Brot, wie das so viele verständnisvoll tun, W.
Deren
In der
militärischen Inhalts von Leibniz, in dem er die Mittel Märschen dauernd bei aus⸗
stalt bedürfen“ usw.) und in dem folgende merkwürdige Stelle vorkommt:„Man müßte auch bei sich haben gewisse nährende
kanm und deren Komposition mir bekannt ist.“ Woher lam nun
niemals sein Licht unter den Scheffel zu stellen liebte und sonst
öfters bald
finder der Konserven unter den zahlreichen Korrespondenten von
bediente, die selbst 1856 noch Gegenstand
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