Ausgabe 
(19.1.1915) 15. Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Helfferichs Gedankenkreise.

Die Frankfurter 19 gibt ein Interview wieder, das der deutsche Berichterstatter der New York Times mit dem deutschen Reichskanzler hatte. Wir wissen nicht, wie⸗ viel an diesem Interviewecht ist. Das meiste kann Herr v Bethmann Hollweg sehr wohl gesagt haben. Ja, einiges ist besonders dadurch interessant, daß es bereits von den Gedankenkreisen unseres künftigen Reichsschatz⸗ sekretärs, des Bankdirektors Karl Helfferich, beeinflußt

erscheint. Herr v Bethmann Hollweg läßt unsere wirtschaft⸗ lichen Vorräte Raum passieren:Wir haben genug auf lange hinaus; auch Kupfer, Petroleum und Kautschuk be⸗ sitzen wir auf lange Zeit. Der Reichskanzler weist auf die

7 keit der deutschen Industrie hin, auf die Umstellung der Friedensproduktion in die Kriegsproduktion. Und er versichert 5 bewußt:Bezüglich der Finan⸗ zierung des Krieges besteht nicht die geringste Beunruhi⸗ gung.

Das klingt wie Helfferichsche Betrachtungsweise. Der kommende Staatssekretär des Reichsschatzamts hat vor Ausbruch des Weltkrieges sein prachtvoll geschriebenes WerkDeutschlands Volkswohlstand in neuer Auflage her⸗ ausgegeben undinfolge der Ereignisse der letzten Zeit(es war Frühjahr 1914) Geleitworte beigegeben, die heute wie eine Vorahnung des großen Krieges erscheinen und die beweisen, wie meisterhaft klar Helfferich in die komplizierte Maschinerie des deutschen Finanzwesens hineinblickt. Helfferich schrieb:.

Nicht nur im Ausland, sondern auch im Inland hat man

vor wenigen Jahren gezweifelt, ob Deutschland finanziell den Anforderungen eines modernen Krieges gewachsen sei. Die sinanzielle Einkreisung und Aushungerung Deutschlands galt in manchen Köpfen bis vor kurzem, auch noch als die politische Einkreisung bereits gescheitert war, als ein langsames und un⸗ Autiges, aber unfehlbar sicheres Mittel, Deutschland auf die

ie zu zwingen. 5 a

Tempi passati! Die Marokkokrise, die Balkankriege sind über die Welt dahingebraust und haben die Kapitalmärkte erschüttert. Deutschlands Finanzkraft hat den Stürmen standgehalten, so gut und besser als irgendein anderes großes Land. Deutschland hat seine Flotte ausgebaut und zu⸗ letzt ohne Anleihe die große Heeresverstärkung auf sich genom⸗ men; dabei trägt es für die sozialen Zwecke der Arbeiter- und Angestelltenversicherung einen Aufwand, der den laufenden Aus- gaben für Heer und Marine gleichkommt eine von keinem andern Lande der Welt auch nur annähernd erreichte Leistung. Deutschlands Finanzkraft ist gleichwohl unerschüt⸗ tert geblieben, hat sich sogar durch die Rückzahlung der viel⸗ berufenen Auslandsgelder gefestigt und hat sich stark genug er⸗ wiesen, um in schwieriger Zeit auch dem befreundeten Ausland eine Stütze zu sein. Tas Bild gewinnt an Plastik durch den Vergleich mit Frankreich: Niemals war ein Land von grö⸗ ßerem Stolz N auf seine 1 Ueberlegenheit; niemals hat ein Land seine Finanzkraft vollständiger in den Dienst seiner

auswärtigen Politik gestellt. Und das Ergebnis? Frankreichs

budgetäres Gleichgewicht ist gestört, und schwere innere Kämpfe müssen um die Wiederherstellung der Ordnung in den Staats⸗ finanzen durchgefochten werden. Die französischen Banken und die französischen Sparer sind mit Auslandswerten überlastet, der französische Markt hat einen krisenhaften Zustand durchzumachen, die Aktionsfähigkeit Frankreichs auf dem Gebiet der auswärtigen

Finanzpolitik ist behindert, und das Publikum erleidet Verluste,

die nach Milliarden zählen. Es zeigt sich, daß Frankreich das

Prinzip, die Finanzkraft in den Dienst der Politik zu stellen,

überspannt hat, daß Frankreich seine eigene finanzielle Stärke

überschätzt, wie es die unsrige unterschätzt hat.... Es ist ge⸗ radezu ein Weltinteresse, daß die Illusion verschwindet, durch

Mittel der finanziellen Politik könne erreicht 53. was bis⸗

her weder durch militärische Macht noch durch ianzen und

Ententen zu erreichen war: die Niederkämpfung Deutschlands. Ein anständiger Friede und ein ehrliches Zusammen⸗ arbeiten 5 nur möglich auf Grund der gegenseitigen Achtung

vor der Stärke des anderen. Uns selbst aber wollen wir ge⸗

stehen, daß wir nur dann die erkämpfte Stellung behaupten und nur dann weiter an Terrain gewinnen können, wenn wir aus den Fehlern der anderen zu lernen verstehen. Wir sind noch in en Anfängen, in hoffnungsvollen zwar; aber noch viel Arbeit

der Tripoliskrieg und

105. Jahrgang

ießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Dienstag, 10. Januar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unbwersitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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und Kampf liegt vor uns. Hüten wir uns vor allem vor Selbst überhebung!

Also bei allem Optimismus und aller Selbstsicherheit bescheidene Erkenntnis der Schwierigkeiten und nüchternste Einschätzung der eigenen Kräfte. Und das war Monate vor dem Krieg! Als dann das Fürchterliche, das alle tiefer Blickenden herandrohen sahen und zu verhindern suchten, schließlich doch Tatsache und Wahrheit wurde, da konnte Karl Helfferich seine Ansichten nur bestätigen. Er besprach in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung die Einwirkung der Mobilmachung auf die Börsen und die Volkswirtschaft der Länder, und dieser Vergleich mußte jedesmal zugunsten Deutschlands ausfallen.Alles dies zeigt, daß Deutschland von allen an dem großen Weltbrand beteiligten Nationen bisher auf finanziellem Gebiet am besten durchgehalten hat... Das ganze arbeitende Deutschland ist von dem einen Gedanken durchdrungen, daß wir nicht nur mit den Waffen, müen. auch wirtschaftlich und finanziell die Sieger bleiben müssen.

Uriegsbriefe aus dem Often.

Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten.)

Mlawa. ö 5den 15. Januar. Fahrt zur polnischen Grenze.

Das letztemal, als ich vor etwa drei Wochen die Grenze bei Peplowek überschritt, setzte der deutsche Vorstoß gegen Mlawa gerade ein, er endete bekanntlich damit, daß Mlawa wieder in unseren Besitz kam und über tausend Gefangene und viel Kriegsmaterial in unsere Hände fielen. Damals sah ich Kuklin in aufleuchtender Sonne liegen und fern am Hori⸗ zont, von wo die russischen Kanonen donnerten, lag Mlawa. Jetzt ist die Stadt in unserer Hand. Wenn man die Lage auf der Karte betrachtet, eine Etappe zu Warschau, auf das eine schnurgerade Bahnlinie führt. Freilich nur auf der Karte. Abgesehen von der Festung Nowo-Georgijewsk, die recht gut ausgebaut sein dürfte, sind auch sonst noch geographische Schwierigkeiten genügend da. Doch sei dem wie ihm wolle, der auf jeden Fall wichtige Ort, in dem im Frieden eine ganze Kavallerie-Brigade, die 6. Husaren Kljastiz und das 5. donische Kosaken⸗-Regiment Praßnysch liegen, ist von deut⸗ schen Truppen besetzt und das Oberkommando will uns freundlichst Gelegenheit geben, diesen Teil unserer Linien, den äußersten rechten Flügel der ostpreußischen Truppen oder besser vielleicht die ausgebogene linke Flanke der deutsch⸗öster⸗ reichischen Riesenfront in Polen und Galizien, zu sehen.

Wieder sauste das Auto durch die masurischen Wälder. Tauwetter fraß an den Schneeflächen, klatschend fielen mächtige weiße Lasten von den Kiefern und Tannen, an den Seeengen schmolzz das Eis und bildete gelbliche Ränder in den mattblinkenden Silberfarben, es war fast, als sollte diese merkwürdige Farbe des Vorfrühlings über die Seen kommen, aber der Himmel lastete bleigrau, Wellen kräusel⸗ ten sich auf den breiteren Wässern. Das Land war drohend und unheimlich, es war, als erinnerte es sich der blutigen Herbstschlacht, die es mitgeschlagen, und als sei es bereit, immerdar bereit, gegen jeden einfallenden Feind zu kämp⸗ fen. Die Drahthindernisse gehen über seinen schweren Leib, in tausenden von Metern, aber sie sehen wie Spielzeug aus vor dem Drohen der mächtigen Wälder und dem grauen Warten der Sümpfe und Seen. Und doch sind sie alles andere als Spielzeug, sie Tees diesem Krieg den Stempel gegeben, diese dünnen zackigen Drähte zwischen den halb⸗ mannshohen spitzen Holzpfählen, sie haben auf allen Fron⸗ ten sein Gesicht bestimmt, ohne sie wäre die Taktik des Schützengrabens unmöglich.

In zwanzig Metern Breite zieht sich das Drahtverhau durch den Wald, man meint zuerst, mit der Drahtschere wäre das leichte Drahtwerk bald zerschnitten, bis man merkt, daß diese vergitterten Waldschneisen ohne Riesen ver luste unüberschreitbar sind. In bestimmten Abständen

Ein unveröffentlichtes Gespräch mit Bismarck aus dem Jahre 1867.

Der LondonerDaily Telegraph hat aus seinen Archiven die Niederschrift einer vertraulichen Unterhaltung ausgegraben, die einer seiner bekanntesten Berichterstatter im Ausland Beatty King⸗ ston vor 48 Jahren mit Bismarck über den europäischen Frieden hatte. Das Gespräch wurde auf den Wunsch des Kanz⸗ lers, der erklärte, damit dem Leiter des englischen Blattes nur einige Mitteilungen über seine eigenen Absichten und Anschau⸗ ungen machen zu wollen, nicht veröffentlicht. Die englische Zeitung versichert jedoch, daß über die Echtheit des Gespräches kein Zweifel bestehen könnte. Das Dokument verdient im Hinblick auf die heu⸗ tigen Ereignisse besondere Aufmerksamkeit und hat geschichtlichen Wert. Wenn die Voraussagungen des großen Staatsmannes sich nicht immer als richtig erwiesen haben, so muß man natürlich auch mit der Möglichkeit rechnen, und schon der englische Berichterstatter deutete dies damals an, daß bestimmte diplomatische Gründe für Bismarck vorlagen, seine Anschauungen den Engländern in diesem Lichte zu zeigen. Im Jahre 1867, bald nach dem Kriege, stand Bismarck bereits auf der Höhe seiner Macht, und man glaubte in England, daß er den Krieg gegen Frankreich vorbereite. Dem⸗ gegenüber erklärte er dem Engländer, er wäre überzeugt,daß keinerlei Grund vorhanden sei, weshalb der Frieden nicht noch 10 oder 15 Jahre erhalten bleiben könnte, und während dieser Zeit würde Frankreich aufhören, auf das geeinte Deutschland eifer⸗ süchtig zu sein. Der Kanzler glaubte auch, daß Frankreich keinen Bundesgenossen finden würde.Frankreich al ein, f würde von uns geschlagen werden, und deshalb wird es nicht wagen, uns anzugreifen, es sei denn, daß es Hilfe fände Aber von wem? Das siegreiche Frankreich würde eine Gefahr für alle sein, während Preußen für niemand eine Gefahr darstellen würde. Dies ist unsere Macht. England wünscht, daß in Europa eine starke Macht erstehe, um Frankreich das Gegengewicht zu halten, und deshalb wird es sich niemals für dieses gegen uns schlagen wollen. Oesterreich kann Frankreich nicht unterstützen, ohne den eigenen Bestand in Gefahr zu bringen, und Rußland wird sich nicht mit Frankreich gegen uns verbünden wollen. Von einem französisch⸗ italienischen Bündnis gegen Deutschland kann man gar nicht prechen. Was bleibt also? Spanien! Und damit brach Bismarck. ein Lachen aus. Ser weiteren Verlauf des Gespräches beschäftigte sich Bismarck mit Oesterreich.Oesterreich, erklärte er,ist wie ein Haus, das aus schlechten Ziegeln gebaut ist, aber trotzdem durch einen aus- gezeichneten Mörtel eusammen gehalten wird. Dieser Mörtel ist 11

sagte er, Di

seine deutsche Bevölkerung. Alles, was Gutes in seinen unent wickeltsten Provinzen getan ist, wurde erreicht, indem die deutschen Einrichtungen eingeführt wurden. Ueberall in Oesterreich spricht man deutsch. Die Bewohner der verschiedenen flawischen, unga⸗ rischen und lateinischen Provinzen sind auf das Deutsche ange⸗ wiesen, um einander zu verstehen. Ein Bündnis also, das die deutsche Einheit in ihren prächtigen Fortschritten stören würde, wäre in jedem Fall für Oesterreich verhängnisvoll. Ueber die französisch⸗italienischen Beziehungen in jener Zeit machte Bis- marck folgende Bemerkungen:Mir wird von unseren Vertretern bei beiden Höfen, die sich gewöhnlich nicht täuschen, erzählt, daß Napoleon einen neuen Irrtum zu der Liste der Riesenirrtümer, die er in den letzten fünf Jahren begangen hat, hinzuzufügen im Begriff steht. Er will erlauben, daß die italienischen Truppen die Kirchenstaaten mit Ausnahme der Stadt Rom besetzen. Diese Tat⸗ sache wird alle katholischen, legitimistischen und orleanistischen Parteien gegen ihn aufbringen und seine Lage unendlich viel schlechter gestalten als sie heute ist. Und Gott weiß, daß seine Lage heute schon ziemlich schlecht ist. Die einzige wirkliche Kriegs⸗ gefahr für Europa fand Bismarck, und darin hat er sich ja nicht getäuscht, in der unsicheren und schwankenden Politik Napoleons. Er ist sehr impulsiv, fuhr er fort,und erlaubt seiner Gattin, einen zu großen Einfluß auf ihn auszuüben. Er ist auch nicht mehr der Mann von früher, Europa wird niemals sicher sein können, so lange er ständig seine Meinungen wechselt. Bismarck he eine Jöbn offen ausgesprochene Verachtung für die franzö⸗ ischen Diplomaten, aber er zollte der italienischen Klugheit und Scharfsichtigkeit ein entschiedenes Lob. Von allen französischen iplomaten jener Zeit hielt er nur einen für scharfsichtiger als die anderen: Benedetti.Warum glauben Sie, daß er klüger wie die andern ist? fragte der Engländer.Weil er Italiener ist, und er ist auch geschäftstüchtiger als die andern, weil er Italiener ist,. antwortete Bismarck. Der Kanzler schloß sein Gespräch mit dem Berichterstatter desDaily Telegraph, indem er versicherte, daß der Friede von Deutschland nicht gebrochen würde, das nichts anderes wünschte, als sich friedlich entwickeln zu können.Wir wünschen, sagte Bismarck,weder Böhmen noch Schlesien noch Mähren, noch irgend einen Teil von Oesterreich. Wir wollen im Gegenteil, daß Oesterreich stark ist und daß es unser Bundesgenosse wird. Wenn Oesterreich früher oder später zerstückelt werden müßte, so richten wir unsere Augen auf keine von seinen Provinzen, und ebenso wenig wünschen wir die baltischen Provinzen, weil wir sie nicht verteidigen könnten. Was Süddeutschland angeht, Bayern und Württemberg, so verhalten wir uns abwartend: aber wenn sie uns Anerbietungen machen werden, so werden wir sie nicht

stehen Blockhäuser, die die ganze Strecke bis zum Feuerbereich des nächsten Blockhauses in sicherem Schußfeld haben.

Ich trete in eines der Häuser und sehe den freien Waldstreifen kilometerweit entlang. Die Hütten sind zweige⸗ schossig mit betonierter Decke, zu der eine Stiege hinauf⸗ führt. Unten sind die Schlafräume für die Wachmannschaft. Man hat faustdicke Kokosmatten als Schlafunterlagen. Die lassen sich bei Tage zusammenrollen, sind sauber, verhältnis⸗ mäßig weich und warm. Das Licht fällt durch die schmalen Schießscharten, in dem Ofen brennen mächtige Eichenkloben.

Hier kommt keine Katze durch, sagt der Unteroffizier, da läuft auch schon ein Hase durch das Hindernis. Er bleibt in der Mitte halten, selbst in der beginnenden Dämmerung hebt er sich deutlich von dem weiß⸗braunen Untergrund des Waldbodens ab. Der Unteroffizier gibt zu, daß hier ein Hase durchkommt, denn Meister Lampe saust plötzlich in das a bergende Dunkel der Wacholderbüsche auf der anderen Seite.

Die Kiefern werfen ihre klatschenden Schneelasten auf das Dach der Blockhütte, man hört den Wald rauschen und hört das Streifen des Windes an den Drähten. Es wird dunkel. Die Mannschaften stecken sich ihre Pfeifen an, aber es wird noch kein Licht gemacht. Die rote Glut des Ofens scheint auf den Steinfliesen.

Wir müssen zu unserem Automobil zurück, die Stroh⸗ schütten in Mlawa warten auf uns.

Es scheint wieder kälter zu werden oder ist es nur so, weil Wald und Land und Wasser zur Nacht noch herber zusammenstehen. 1

Das ganze Waldgebiet ist wie auf der Wacht gegen den Feind. Die Bäume schauern unter dem Wind, man a hört nur ihr drohendes Sprechen. Unser Schritt klingt nicht.

Das Auto trägt uns weiter und die matten Lichter des fernen Grenzortes scheinen mir freundlich nach dem drohen⸗ den Land. Und doch, eben da mich Müdigkeit schwer über⸗ fällt, da die Kerze gerade noch Licht für den Schlußpunkt geben will, fühle ich, daß dieser Weg durch den masurischer Wald wie ein lebendiges Erlebnis war.

Morgen werden wir in Mlawa sein.. Die Kerze flackert, ich höre die ruhigen Atemzüge meiner Wirtsleute. Der Schritt des Postens in der Nähe meines Fensters klirrt regelmäßig auf dem Pflaster. 9

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Kirche und Schule. Gebete für den Frieden.

Rom, 18. Jan.(WTB. Nichtamtlich.)Osservatore Romano schreibt: Der Papst ordnete durch Erlaß be⸗ sondere Gebete für den Frieden an, die an bestimmten Tagen verrichtet werden sollen. Ferner sollen auf Wunsch des Papstes in allen Kathedralen und Kirchen Europas am 7. Fe⸗ bruar und anderer Erdteile am 21. März besondere Gottes⸗ dienste abgehalten werden. Das Blatt veröffentlicht den Wort⸗ laut des Erlasses und Gebetes. RBB? Dermischtes. 6 Die Rote⸗Kreuz⸗Toiletteder Pariserin. Man erzählt zwar jetzt so viel von demFrankreich ohne Lächeln, von dem tragischen Ernst, der selbst die so leichtlebigen und übermütigen Pariser ergriffen haben soll, und verkündet, daß die Frau alle Eitelkeit und allen Tand abgelegt habe, um sich nur noch dem Vaterlande zu widmen. Aber Gefallsucht und Freude an ihrer Kleidung, die die Pariserin sich selbst in den Tagen der höchsten Not während der Belagerung von 1870 bewahrte, werden wohl nie aus dem Geiste der französischen Frau verschwinden, und daß sie auch heute noch leben und gedeihen, beweist ein Modebericht aus derLichtstadt, der sich über die höchst geschmackvolle Art verbreitet. mit der die Pariserin das Schwesternkleid des Roten Kreuzes trägt. Zu diesem schlichten Gewand tragen die Damen, die etwas auf sich halten, die feinsten durchbrochenen Seidenstrümpfe und das ele⸗ ganteste Schuhwerk, und der Bericht weiß von zahlreichen Kranken? fe erzählen, die bereits früh um 5 Uhr aufstehen, wen sie um 8 Uhr Dienst haben, um diese 3 Stunden den Künsten den

gerüstet sind, so sehe ich doch nichts, was verhindern könnte, daß 955 Friede für noch 10 oder 15 Jahre in ganz Europa bewahrt bleibt. 8

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Ein neues Stück von Eduard Stukken. Aus Hamburg wird uns geschrieben: Im Hamburger Deutschen Schauspielhaus wurde am Donnerstag abend Eduard Stuk⸗ kens neues DramaDie Hochzeit Adrian Brouwers bei der Uraufführung freundlich begrüßt. Man kannte Stukken bisher aus den DichtungenLanval undGawan als einen philosophisch verträumten, in feierliche Romantik und Mystik ver⸗ sponnenen Poeten. Die ästhetische Wirkung war bei ihm immer stärker als die seelische. In diesem neuen Stück kommt er der Erde und der Wirklichkeit näher, ohne daß die Schönheit seiner Poesie Einbuße erleidet. Das Stück spielt im spanischen Antwerpen; aus den bunten und erregten, von Leidenschaften durchhetzten Nieder landen des 17. Jahrhunderts wächst Adrian Brouwers, des ge⸗ nialen vlämischen Malers, tragisch verstörtes Leben herauf. Ein Künstler und ein trauriger Narr. Ein reiner Mensch und ein halt⸗ los durchs Dasein Taumelnder, der zwischen Tagedieben, Land⸗ streichern und wandernden Komödianten das Rätselspiel seines Lebens zu lösen sucht. Halb irr, halb tief in die Wahrheit schauend,. halb selig, halb tragisch zerrissen, aus allen Erlebnissen immer das Schmerzliche herausfühlend, bald in Armut vergehend, bald im Wohl⸗ leben quälerisch schwelgend so taumelt er von Liebe zu Liebe, von 9 Qual zu Qual, und findet nie die Seele, die sein Künstlertum und sein Menschenwesen im Tiefsten begreift. So löst er sich schließlich an der Welt des bunten und seelenlosen Scheins und geht als Bettler auf die Landstraße, einsam, schmerzvoll, in tragischer Glück⸗ seligkeit. In kraftvoll und dichterisch gestalteten Bildern wird diese ewige Wahrheit eines Künstlerlebens ergreifend gegenständlich. Und wenn auch manchmal das Ringen des Autors um die Tetzte Form spürt wir grüßen in diesem Drama, das edel und schön in jeder Szene ist, den Dichter. Die Aufführung unter Max Grubes Leitung gab starke Eindrücke. Franz Kreideman mals Adrian Brouwer hatte alle Mittel, das Bild dieses tragisch zerri' fenen Menschen sicher zu zeichnen. Am Schluß der Dichtung, die in sieben Bildern vorbeizieht, verharrte das Publikum in minutenlangen Beifall. 3

Neue Schäden in der Sixtinischen Kapelle DerBerl. Lokalanz. meldet aus Rom: Wie jetzt bekannt wird. 55 hat das Erdbeben auch die schon vorher vorhandenen Risse an der Decle und den Fresken der Sixrtinischen Kapelle, be⸗ sonders in Michelangelosjüngstem Gericht bedeutend er⸗

zurückstoßen. Ich schließe also, wie sehr wir auch für den Krieg

weitert. Auch die Kuppel der Peterskirche weist eine Erwei⸗ terung der Risse auf. l