Nr. 1
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Zweites Blatt
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit- fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
General⸗Anz
165. Jahrgang
ießener Anzeiger
eiger für Oberhessen
o
Donnerstag, 14. Januar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S851, Schrift-
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Der Kampf um die Walfischbai.
Das Reuter⸗Bureau meldet— und man darf ihm dies⸗ mal ausnahmsweise glauben— die Walfischbai sei am 8. Januar von den Engländern besetzt worden. Das wäre also eine„Wiedereroberung“, denn am 9. September vorigen Jahres hatte unsere südwestafrikanische Schutztruppe die deutsche Flagge dort gehißt. Die Walfischbai liegt bekanntlich in der Mitte der Küste Deutsch⸗Südwestafrikas und wird ge— bildet durch eine mit der Küste parallel laufende Halbinsel: dazwischen ein sieben Meter tiefer Kanal, der großen Schiffen den Zugang gestattet. Walfischbai ist so etwas wie ein süd⸗ westafrikanisches Helgoland. Wir brauchen es und mußten es solange entbehren. Warum es Caprivi seinerzeit nicht gelang, die sandige Halbinsel als Draufgabe beim Aus— tausche von Helgoland und Witu einzuhandeln, ist nicht klar geworden. Der Ausschluß des Hafens, dieser Schönheitsfehler am Bilde von Deutschsüdwest, wurde auch praktisch oft schmerzlich empfunden. Nutzen hatte England nie von dem Distrikt, vielleicht nur das Gefühl der hochmütigen Genug— tuung, daß es uns auch dort so recht ärgerlich vor der Nase sitzen konnte. Wir aber mußten uns mit Swakopmund behel— sen, dessen seichte Küsten unserer Schiffahrt so große Schwie— rigkeiten entgegensetzten. Je mehr unsere Kolonie aufblühte, desto empfindlicher wurde der Mangel eines leidlichen Hafens empfunden. Darauf aber hatte der Engländer nur gewartet, um mit der für ihn fast wertlosen Walfischbai ein möglichst gutes Geschäft zu machen. Wie sagt doch Churchill:„business as usual“. Zunächst suchte man uns durch Grenzstreitig— keiten zu reizen. Mehr als 25 Jahre lang währte dieser Streit über die Angrenzung des Walfischbaigebietes. Er wurde durch Schiedsspruch des spanischen Senators Professors Dr. Grida am 12. Mai 1911 erledigt und zwar zugunsten Englands. Dann wurde stärkeres Geschütz aufgefahren. Man machte die Frage der allenfallsigen Abtretung der Walfischbai an Deutsch⸗ land zum Gegenstand einer Interpellation im englischen Par- lament. Monatelang wurde in der englischen Presse für den Gedenken Stimmung gemacht. Hinter der Agitation standen einflußreiche Kreise, die in Südafrika(der Bezirk Walfisch⸗ bar ist verwaltungstechnisch mit der Kapkolonie vereinigt) große Landkomplexe besitzen und die nun als Gegenwert für die Abtretung der Walfischbai und die Grenzregulierung am Oranjefluß Deutschlands Bereitwilligkeit zu einem Bahn⸗ bau von der Küste nach Rietfontein in Britisch⸗Bechuana⸗ land verlangten. Eine derartige Bahn, ob sie nun von Wal⸗ fischbai beziehungsweise Swakopmund oder Lüderitzbucht aus⸗ gehen würde, hätte für das englische Hinterland eine un— geheure wirtschaftliche Bedeutung und die Ländereien, die heute mangels genügender Transportmittel brach liegen, lönnten rasch erschlossen werden. Der Wert des Landes würde hierdurch aber ganz beträchtlich gesteigert. Falls Deutschland sich den englischen Plänen nicht geneigt zeigen sollte, beabsich⸗ tigte man eventuell eine Bahn nach dem englischen Port Nol⸗ loth zu bauen. In England wurde natürlich versucht, den Wert der Walfischbai in den schönsten Farben auszumalen, aber selbst englische Kenner hatten zugeben müssen, daß dieser Hafen infolge der fortschreitenden Versandung, des Mangels an Trinkwasser und der öden Umgebung für England nur einen sehr problematischen Wert habe. 1
In Deutschland aber sah kein Mensch darin einen Be⸗ weis„freundschaftlicher Gefühle“, wenn England den Ca⸗ privizipfel und den Bau einer für das britische Südafrika hochbedeutsamen Bahn als Gegenleistung für die Abtretung der Walfischbai verlangte.— Also die erwartete Begeisterung der Deutschen blieb aus und eine widerliche Preßhetze der Londoner Blätter war die Folge. Will Deutschland etwa die Walfischbai geschenkt haben, damit es an unsere freundschaft—
lichen Gefühle glaubt? fragte damals die„Daily Mail“.
uns nicht versagen können, noch einige unglaubliche Unver— schämtheiten von damals ins Licht der heutigen Lage zu rücken. Die„Daily Mail“ fährt fort:„Die Politik, Deutsch⸗ land Geschenke zu machen, um guten Willen zu zeigen und seine Gunst zu erkaufen, ist in der Vergangenheit ohne Erfolg versucht worden. So gaben wir Deutschland Helgoland, wir gaben ihm Samoa, aber derartige großmütige Hand— lungen unsererseits versagten. Ist es wahrscheinlich, daß ein Geschenk wie das der Walfischbai Erfolg haben wird? Eine Politik, bei der alles Nehmen auf der einen und alles Geben auf der anderen Seite steht, ist verfehlt.“
Solche Verdächtigungen, solche Lügen und Beleidigun— gen haben wir uns Jahre und Jahre hindurch vom Vettern— volk gelassen lassen. Heute in dem furchtbaren Krieg wird jeder Hieb pariert, wird jeder Frevel heimgezahlt. Auch in der einst so verlästerten südwestafrikanischen„Sandbüchse“, die schon 1903 im Hereroaufstande so viel deutsches Helden— blut getrunken hat, wird den Engländern alle Unbill vergol— ten. Und wem schließlich die Walfischbai gehört, wird nicht Krämerschlauheit und Spekulationsgeist, sondern das Schwert entscheiden, das Schwert im europäischen Kampfe.
Die Beschäftigung Uriegsgefangener in der Industrie.
Sieht man die Listen der Arbeitsnachweise durch, so wird die Tatsache auffallen, daß stets in größerer Zahl nach gelernten Arbeitern gefragt wird. Die gewerbliche Tätigkeit in den letzten Jahren, die Spezialisierung ein— zelner Artikel und damit deren erhöhte Produktion, und die daraus folgende Erhöhung der Exportziffern und andere Ursachen brachten es mit sich, daß in vielen Ge— werbezweigen gegen frühere Jahre ein Mehr an unge— lernten Arbeitern zur Einstellung gelangen konnte. Der Ausbruch des Krieges bewirkte nun eine vollständige Um— wälzung. Die Exportindustrie mußte, gezwungen durch die Kriegsereignisse, die seitherige Produktionsziffer ganz wesentlich zurückschrauben, denn die Exportmöglichkeiten sind heute für viele Produkte auf ein Minimum zurück— gedrängt. Die zurzeit in der Hauptsache für unseren eigenen Bedarf tätige Industrie arbeitet zum großen Teile für unsere Heeresbedürfnisse jeglicher Art. Diese Tätigkeit ver⸗ langt jedoch für viele Gewerbezweige gelernte Arbeits- kräfte, und die Möglichkeit, die bei anderen Gewerbe— zweigen frei werdenden ungelernten Arbeitskräfte zu ver⸗ wenden, ist nur in geringem Maße gegeben. Gerade die Militärbekleidungsindustrie und die hochqualifizierte Arbeit liefernde Industrie der Maschinen, Instrumente und Appa⸗ rate, sowie der Industrie der gesamten Metallverarbeitung verlangt gelernte Arbeitskräfte.
Um diesem Mangel abzuhelfen, wurde von verschie⸗ denen Seiten der Vorschlag gemacht, gelernte Arbeits- kräfte aus der großen Zahl der Kriegsgefangenen zu ver⸗ wenden. Diese Vorichläge der Verwirklichung zuzuführen, scheinen für den ersten Augenblick als sehr wüns Swert, unter der Voraussetzung natürlich, daß eigene Arbeits- kräfte nicht erhalten werden können. Auch vom wirtschaft⸗ lichen Standpunkte aus lönnte man dem Vorschlag wohl zustimmen, doch erheben sich Bedenken ganz besonderer Art gegen die bestehende Absicht, und zwar aus folgenden Gründen. Wie bekannt, läßt das feindliche Ausland keine Mittel und Wege unversucht, unsere Industrie, unseren Handel, unser gesamtes Wirtschaftsleben zu untergraben. Keine Kosten werden gescheut, sich in den Besitz und in die Kenntnis unserer Fabrikation und Fabrikationsmethoden de setzen. Selbst harmlose Zeitungsinserate von Mitglie- ern des neutralen Auslandes, in unseren Tageszeitungen
Die blinden hessen. Ein Kriegsfreiwilliger jungen Bluts Ward in Rußland ein Opfer des Wagemuts, Als schon geschlagen die große Schlacht,— Haben Kosaken ihn eingebracht.. Sie schleppten ihn vor ihres Hetmans Zelt, Verwundet, zerschlagen und doch noch ein Held. Und der Oberst herrschte den Jüngling an: „Den Hindenburg kennst du und seinen Plan, Den künde uns jetzt, ich rate dir gut, Du weißt, wie wehe Gefangenschaft tut. 5 Dort stehn meine Schergen: ein Wink von mir Und du verfällst ihrer Rache Gier. Verblendeter Knabe, zum zweiten sag an, Wer waren die H„die allen voran Uns suchten und fanden im vordersten Kampf, Im Kugelregen und Pulverdampf? Dich beseelte derselbe gewaltige Mut, Du bist ihres Stammes, du kennst sie gut. Und willst du dein Heimatland wiedersehn, Dann mußt du mir Rede und Antwort stehn.“ Das Antlitz des Jünglings vor Stolz erglüht Und dem Hetman er furchtlos ins Auge sieht: „Von dem Stamm, dessen urechtes Kind ich bin, Gibt jeder lieber sein Leben hin, Als daß er dem Volke, für das er ficht, Die Treue als feiger Verräter bricht. Was Hindenburg will, das sag ich dir nicht, Und wenn mir dein Scherge die Knochen zerbricht. 5 deinen Reihen such' den Verrat, e Ich weiß, wer sich so prache erkühnt, Nach deinem Gesetz den Tod verdient. Eine Kugel wird eines Mägdleins Traum Zerstören dort an des Waldes Saum, Und eine Mutter wird laut aufschrei'n, 0 Wenn die Kugel mich trifft in das Herz hinein. Jetzt häufe nur weiter Leid auf Leid, Wink deinen Schergen; ich bin bereit. Doch halt, Herr Oberst, noch will ich dir melden Die Namen der blindlings stürmenden Helden, Die euch suchten und fanden im vordersten Kampf, Im Kugelregen und Pulverdampf, ie Helden will ich dir künden: Es waren die Hessen, die blinden. Sie haben uns die Entscheidung gebracht 72 In der gewonnenen großen Schlacht. Dem Tod jetzt gern ich mich weihe, Als ein Opfer der hessischen Treue.“— Der Hetman sitzt sinnend, das Haupt in der Hand Und ein Ahnen erfüllt seine Seele. „Du bist verloren, mein Vaterland, 73* 2 1 8
aufgegeben, dem äußeren Anscheine nach als vollständig harmlos zu betrachten, haben die Erlangung von Fabri— kationszeichnungen, Photographien fertiger Produkte, wie schwerer Automobil-Lastwagen für Heeresbedarf uff, zum Zwecke. Daß dann diese Zeichnungen von gewissen neutralen Ländern und von solchen auch dem feindlichen Auslande be—
e werden, ist offensichtlich. Wenn die gerne nachzuahmenden Waren auch außerhalb Deutschlands her⸗
gestellt werden, so spricht doch die Qualität der deutschen Ware für diese. Und damit man Qualitätsware erhalten kann, dazu gehört vielfach das Hineinlegen des ganzen theoretischen und praktischen Könnens eines auf der tech— nischen Hochschule durchgebildeten Ingenieurs. Daß kein Land außerhalb Deutschlands solche Kräfte in diesem Maße besitzt, dafür können wir ohne jede eigene Ueberhebung, und Prahlerei einstehen. Wie die Ausbildung des deutschen Ingenieurs, so die Ware. Und könnte das Ausland auf Grund von gelieferten Zeichnungen und Photographien hier einen, wenn auch nur kleinen Schritt in unsere Konkurrenz eintreten, dann würde auch nach dem Kriege unserer Volks— wirtschaft unendlicher Schaden bereitet; denn nicht allein 5 Industrie, sondern auch der Handel würde erheblich leiden.
Zu der Herstellung einer guten Ware benötigt man aber auch durchdachter, auf jahrelangen Erfahrungen ge— gründeter Fabrikationsmethoden, benötigt man Arbeiter, die in diesen Bescheid wissen, welche aber jede Fabrik be— strebt ist, sich zu erhalten, sie nicht der Konkurrenz zuzu⸗ führen. Aus diesem Grunde möchte ich von der Verwendung von gelernten Arbeitern aus den Reihen der Kriegsgefan⸗ genen für die Ausfüllung jeden Bedarfs der Industrie ganz besonders warnen und nur dort eine Verwendung befürworten, wo die Bürgschaft gegeben ist, daß die Kennt— niserlangung irgend welcher unbekannter Verfahren, oder von Teilprozessen durch den beschäftigten Kriegsgefangenen, vermieden wird. Dieser soll auf keinen Fall instand gesetzt werden, seinem Vaterlande späterhin aus der Beschäftigung Gewinn zu bieten. Besonders wäre eine Beschäftigung an. erheblich Vorteile bietenden Spezialmaschinen zu vermei⸗ den. Es ist daher in jedem einzelnen Falle die Frage, mit welchen Arbeiten darf und kann man im eigensten wirtschaft⸗ lichen und vaterländischen Interesse den Kriegsgefangenen beschäftigen, auf das Sorgfältigste zu beantworten. Ganz besondere Aufmerksamkeit wäre der Art der Betätigung Kriegsgefangener angedeihen zu lassen, die sich mit der Her⸗ stellung von Kriegsbedarfsartikeln befaßt.
Man denke weiterhin an die Möglichkeit, daß ein übel⸗ gesinnter Kriegsgefangener imstande sein kann, böswilliger⸗ weise solche Beschädigungen an Betriebseinrichtungen 1 beizuführen, daß ein längerer Betriebsstillstand, in irgend welcher Form, eintreten könnte. Hierbei braucht es sich nicht notwendigerweise um eine wesentliche Sachbeschädi⸗
Beg zu handeln, vielmehr wird schon dann eine bedenkliche 1
etriebsstörung und eine Störung in der Warenlieferung eintreten können, sobald die verursachte Zerstörung die Be⸗ arbeitung einer wichtigen und notwendigen Teilproduktion darstellt, ohne welche das Endprodukt nicht denkbar, oder nur mit Verzögeru fertiggestellt werden kann. Nicht Furcht, sondern lediglich Vorsicht in der Handhabung des Nationalvermögens läßt mich diese Zeilen schreiben. Gegen eine Beschäftigung wäre solange nichts einzuwenden, als diese in solchen Gewerbebetrieben erfolgt, in denen der- artige Möglichkeiten nicht oder nur in verschwindendem Maße vorliegen. Hier werden es besonders die Bergwerks- betriebe, die Steinbruchbetriebe, die Ziegeleien, die kera— mischen Betriebe usw. sein, welche Kriegsgefangene, bei eigenem Arbeitermangel, beschäftigen könnten. Allerdings dürften sich auch Schwierigkeiten besonderer
Nicht länger dir's, Rußland, verhehle. Im Weltkrieg wird es dir heiß und bang, Weil Engl dich schnöde betrogen; Gesündigt hast du Jahrhunderte lang Und dir keine Helden erzogen.
Nicht Albions geworbene Söldnerschar, Nicht Rußlands Knechte und Schergen, Ein Volk nur, das solche Helden gebar, Wird schließlich siegen und herrschen.
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(— Goethe über die Zukunft Deutschlands. Es ist in den verflossenen Wochen schon öfters zitiert worden, das stolze prophetische Wort, in dem unser größter deutscher Dichter, dem man zu Unrecht Interesselosigkeit an nationalem Streben nachgesagt hat, sein Vertrauen auf Deutschlands Zukunft bekundete; während unsere Feinde allmählich das Gefühl ihrer Ohnmacht spüren, sei es wiederholt: 1813 sagte Goethe in einem Gespräch mit Luden: Eine Vergleichung des(politisch so herabgekommenen) deutschen Volkes mit andern Völkern erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hinwegzukommen suche, und in der Wissenschaft und in der Kunst habe ich die Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinwegzuheben vermag; denn Wissenschaft und Kunst gehören der Welt an, und vor ihnen ver⸗ schwinden die Schranken der Nationalität. Aber der Trost, den sie gewähren, ist doch nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewußtsein nicht, einem großen, starken, geachteten und ge⸗ fürchteten Volke anzugehören. In derselben Weise tröstet auch nur der Gedanke an Deutschlands Zukunft; ich hatte ihn so fest als Sie, diesen Glauben. Ja, das deutsche Volk verspricht eine Zukunft— hat eine Zukunft, das Schicksal der Deut⸗ schen ist noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt als das römische Reich zu zerstören und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zugrunde ge⸗ gangen sein; da sie aber fortbestanden sind, und in solcher Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie nach meinem Glauben noch eine große Zukunft haben, eine Bestimmung, welche um so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reiches und der Gestaltung des Mittelalters, als ihre Bildung jetzt höher steht.—
— Neues von Dürer. Dürers Leben bietet der For⸗ schung noch so manche dunkle Stellen; die Nachrichten, die uns aus jenen fernen Zeiten erhalten sind, sind lückenhaft und zum Teil unklar. Natürlich sind die Archive Nürnbergs auf Nach⸗ richten über den Meister hin eifrig durchforscht worden, und wichtige Mitteilungen dürften dem Spürsinn früherer Bearbeiter nicht entgangen sein. Doch sinden sich immer noch hie und da Schriftstüche, in denen der Name Dürers auftaucht oder aus denen auf seine Lebensverhältmisse geschlossen werden kann, und wenn sie auch keine wichtigen Neuigkeiten enthalten, so sind sie doch stets des Erwähnens wert. Im Repertorium für Kunst⸗ wissenschaft hat Albert Gümbel eine Eintragung aus einem Nürn- berger Ratsbuch veröffentlicht, die Dürer in Beziehung zu einem
Steinberger.
merkwürdigen und ihm sehr fern liegenden Amt, dem eines städtischen Kohlen messers, setzt. Der Kohlenmesser oder
Kohlenwäger war vom Magistrat dazu angestellt, um den Kohlen-*
handel der Stadt zu beaussichtigen und dafür zu sorgen, daß es dabei immer mit rechten Dingen zuging. wird nun verfügt, daß das Amt des Kohlenmessers, das bisher ein gewisser Raumstechlein inne gehabt hatte, auf einen Bürger Frei übergehen solle:„will er das nicht sein, so soll das Amt
seinem Eidam verliehen werden.“ Es kann sich bei diesem Frei um keinen andern handeln, als um Hans Frei,
durch die Heirat seiner Tochter Agnes 1494 der Schwiegervater des eben nach vierjähriger Gesellenwanderung Albrecht Dürer wurde. Es mochte Frei eine sicht sein, daß sein Schwiegersohn durch dies Amt einmal eine anständige Versorgung erhalten könne. Der Meister selbst, der sich damals bereits mit hochfliegenden künstlerischen Plänen trug, wird weniger von dem Gedanken entzückt gewesen sein, sich mit rußigen Kohlenbrennern herumplagen und schmutzige Kohle anfassen zu müssen. Er blieb auch vor diesem Schicksal
angenehme Aus⸗
bewahrt, denn das Amt erhielt dann später ein gewisser Kuntz Auch über Dürers Vater, von dem man so wenig
Münzer. m weif, enthält Gümbels Abhandlung eine neue Mitteilung. Wäh⸗
rend die älteste Erwähnung des wackern Goldschmiedes bisher 1
aus dem Jahre 1455 bekannt war, erscheint er in den Akten
des Nürnberger Kreisarchivs bereits im Jahre 1444, und zwar
als Krieger bei einer Fehde der Stadt Nürnberg. Unter den Armbrustschützen, die damals zum Kampf gegen die feind⸗ lichen Herren von Waldenfels und zur Eroberung ihrer Feste
Lichtenburg angeworben wurden, ist auch Albrecht Dürer auf- geführt, der den Goldschmiedhammer mit der Armbrust vertauschte,
um seiner Stadt Waffenhilfe zu leisten.
— Deutsche Kunst in Feindesland. Ein im Felde stehender Mitarbeiter schreibt uns: Die Aufführungen klassischer deutscher Musik, die Prosessor Fritz Stein-Meiningen seit etwa
vier Wochen regelmäßig in der Kathedrale von Laon veranstaltet, 23
haben jetzt eine bedeutende Bereicherung durch die Gründung eines „Kriegs⸗Männerchors“ erfahren, der aus 75 Sold und Krankenpflegern besteht. Er trat zum erstenmal mit schönem
Erfolg in einer musikalischen Weihnachtsandacht hervor, deren Anlage sich überaus glücklich an die mittelalterlichen Kirchenseiern mit ihrem halbdramatischen Wechsel von Schriftverlesung, Sols und Chorgesang anlehnte und dadurch in den gotischen Kirchenbau
stimmungsvoll sich eingliederte. Am Silvestertag und dem solgen⸗ den Sonntag unternahm Professor Stein mit seinem Chor Ga st⸗ reisen nach Marle und einigen anderen Punkten der Schlacht linie.
— Leutnant Dehmel.
Richard Dehmel, der als
kriegsfreiwilliger Musketier in das Feld gezogen war, ist jetzt,
wie aus Hamburg gemeldet wird, bei Verleihung des Eisernen Kreuzes vom Vizefeldwebel zum Leutnant befördert worden.
Im Jahre 1494 4
der 1
heimgekehrten
Soldaten
3 1
25
* 3 1


