ur. 9 Sweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
f.
Dienstag, 12. Januar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Das Brot und seine Ehre.
auch nur das kleinste Krümchen Brot ungenutzt ver⸗ der ht eine Sünde an Leben und Zukunft unseres Volkes.
Deutsche muß sich, so lange der Krieg dauert, seiner Ver⸗ 1 das Brot immer bewußt bleiben: ist es doch mend genug, daß dies Gefühl in den satten Jahren des Friedens bei uns bedenklich ins Schwanken
gekommen ist. Unsere Altvordern haben von jeher im Brote etwas Heiliges gesehen; im schönsten Gebete der Christenheit wird„um unser täglich Brot“ gefleht, und Jesus selbst ehrte das Brot, indem er sich das„Brot des Lebens“ nannte. Streng wurde im deutschen Hause darauf gesehen und geachtet, daß keine Krume Brot weggeworfen wurde; wer Brosamen auf dem Boden fand, der sollte sie sofort aufheben, wenn er nicht im Jenseits harten Strafe 1 ein wollte, und wem versehentlich Brot auf die Erde fiel, der e es küssen, ehe er es aß. Wer Brot mit Füßen trat, dem prophezeite die Volksweisheit, er werde einst Hunger leiden müssen; und sie warnte davor, über ein Brotkrümchen hin⸗ wegzufahren, denn es schreie so laut auf, daß man davon taub werde. bekannte sich das germanische Volksempfinden in viel⸗ fältigen Formen, Ueberlieferungen und Symbolen zur Heiligung und Ehrung des Brotes.. i ö Entsprechend wurde das Brot auch im öffentlichen Leben ge⸗ wertet. Alle mittelalterlichen Stadtgemeinden hielten streng dar⸗ auf, daß das Brot nach Gewicht, Zusammensetzung und Preis billigem Anforderungen entspreche, und eine lange Reihe gesetz⸗ 1 Bestimmungen zeugt von der Sorgfalt, mit der die Brotauf⸗ icht ausgelbt wurde. So wurde z. B. in Amsterdam im Jahre 1479 eine Verfũ erlassen, wonach das Roggenbrot nicht mehr als etwa 12 Pfennige igen Geldes kosten dürfe. Als darauf die 5 mer Bäcker diese Verfügung dadurch zu umgehen suchten, daß sie das Brot leichter machten, wurde der Erlaß dahin ergänzt, daß das Brot für den obrigkeitlich 1 Preis 12 Pfund wiegen müsse Die Sache erschien den sterdamer Ratsherren von solcher Wichtigkeit, daß sie zwei Jahre später eigene Beamte binsetzten, die das Brotgewicht und den Brotpreis dauernd zu be⸗ aufsichtigen hatten. Sie gingen zu diesem Zwecke bei den Bäckern herum, prüften die Brotpreise nach und wogen die Brote nach. Der jeweilige Brotpreis wurde durch Anschlag an den Kirchentüren öffentlich bekannt gemacht. Was die Zusammensetzung des Brotes anging, so war Weizen⸗, Roggen⸗, Hafer⸗ und Gerstenbrot erlaubt; nicht erlaubt aber war die Mischung dieser Getreidearten beim Brotbacken. N 5 2 ö In Deutschland gab es in alten Tagen geradezu eine gewisse Rangordnung der Brotarten. Das geringste Brot war das aus Hafermehl bereitete, das nur den armen Leuten und den Knechten gegeben wurde; in nicht viel höherem Ansehen stand das Gersten⸗ brot, das auch nur als Bauernessen galt. Geschätzter war Roggen⸗ brot, das aber, da der Anbau von Roggen in Deutschland nur all⸗ mählich an Umfang gewonnen hat, nicht überall zu haben war. Auch Dinkelbrot und Speltbrot waren nicht allgemein verbreitet. Das eigentliche Herrenbrot aber, welches auch„schönes Brot“ kannt wurde, war das aus Weizenmehl gebackene, das durch 8 eln von allen Kleien gereinigt war. So wurde denn auch zur Zeit Kaiser Ludwigs des Frommen ftr die Klöster die Be⸗ stimmung getroffen, den Mönchen und ihren Gästen sollte im Nefektortum Weizenbrot gereicht werden, während das Brot für die Diener aus Roggen hergestellt wurde. Die Mischung ver⸗ schiedener i en beim Backen galt, wie aus der erwähnten Amsterdamer Bestimmung hervorgeht, vielfach als unreell, wurde aber doch vorgenommen und erwies sich besonders in Zeiten der Not als unvermeidlich. So ist uns z. B. aus der Wikingerzeit, dem 9. Jahrhundert n. Chr., ein Notbrot erhalten, welches aus Erbsen⸗ mehl und Kiefernri besteht. Ein alter Schriftsteller rühmt die Lupine oder Feigbohne,„denn man macht auch Brot daraus, wann ohne das die Frucht zu thewer ist“. Noch heute werden mancherorts recht sonderbare Stoffe zur Brotbereitung verwandt. So machen die Lappen aus Hafergrütze und Fichtenrinde Brot, in Island benutzt man getrocknetes und gemahlenes Moos, in Sibirien Buchweizen, in Kamtschatka Birken⸗ und Tannenrinde, in Persien Reismehl und Milch, in Aegypten und Kleinasien Hirse, in Japan und China Reismehl..
Bekanntlich geht der Geschmack der verschiedenen Nationen hinsichtlich des Brotes sehr weit auseinander. Während die roma⸗ nischen Völker ganz vorwiegend, beinahe ausschließlich, Werzen⸗ brotesser sind, spielt in den germanischen Ländern das Schwarz⸗ brot in den verschiedensten Zusammensetzungen und Arten die erste Rolle. In England hat man sich in den jüngsten Jahren viel mit der Frage beschäftigt, welche Brotart als die rationellste zu be⸗ urteilen sei, und die Entwickelung der Aussichten darüber ist für die bekannte englische Unwissenheit recht bezeichnend: man begann nämlich, wie sich versteht, mit der verächtlichsten Beurteilung des
deutschen Brotes und gelangte schließlich zu dem Ergebnisse, daß das Kommißbrot des deutschen Soldaten, besonders was die Ver⸗ daulichkeit angeht, so ziemlich als ein Ideal anzusehen sei. Deutsch⸗ land ist in Bezug auf Mannigfaltigkeit der Brotarten seinem west⸗ lichen Nachbarvolke bei weitem überlegen: man denke nur an die verschiedenen Sorten von Schwarzbrot, über die wir verfügen und die gegenwärtig durch die durchaus schmackhaften Sorten, bei denen Kartoffelmehl zugesetzt worden ist, noch eine Vermehrung erhalten haben. Vielleicht noch mannigfaltiger ist die Brotauswahl im ger⸗ manischen Norden, wo sich in dem sogenannten Fladbrö sogar noch ein urtümlicher Brottypus erhalten hat: es ist dies nämlich ein Hafermehlbrot, bei dem der Teig so dünn wie möglich ausgerollt und dann über einem hellen Holzfeuer auf einer runden eisernen Platte geröstet wird.
der deutsche Reichskanzler in italienischem Bilde.
Von dem deutschen Reichskanzler von Bethmann Hollweg ent— wirft ein italienisches Blatt, die„Concordia“, ein Charakterbild, das um der Stelle willen, an der es erscheint, auch für uns von Interesse ist, obgleich die Wesensarten des obersten Beamten doch wohl zu einseitig geschildert werden:„Der deutsche Reichskanzler ist einer der einfachsten und zurückhaltendsten Männer Deutsch⸗ lands. Er erscheint fast nicht als der Kanzler des großen heutigen Deutschlands, sondern als der eines der kleinen deutschen Staaten aus der Zeit Goethes und Schillers. Die Einfachheit seiner Lebens gewohnheiten ist geradezu sprichwörtlich geworden. Er ist äußerst mäßig im Essen und Trinken. Man sieht ihn häufig durch die Straßen Berlins gehen und einen Pack Bücher bei sich tragen; selten nur benutzt er einen Wagen. In einem rphigen kleinen Restaurant, das nie zu den großen Modelokalen gehört hat, hat er einen reservierten Tisch für sich. Wenn jemand sich ihm nähert, um mit ihm zu sprechen, hat er immer die überraschte Miene eines Mannes, der in tiefes Sinnen verloren war. Beth⸗ mann Hollweg scheint die Musik, als Literatur und die Kunst mehr zu lieben als die schwierige Diplomatie. In der Malerei gibt er den holländischen Malern den Vorzug vor allen anderen; in der Musik ist Brahms sein Lieblingskomponist. Aber die höchste Liebe des Kanzlers gehört doch seinen Büchern. Seine Privat- Bibliothek, ein sonniger Saal, der vom Fußboden bis zur Decke mit Büchergestellen ausgefüllt ist, ist sein Lieblingsaufenthalt. Es ist nicht die Bihliothek irgend eines Liebhabers, sondern die eines ernsthaft Studierenden; die Philosophen sind in ihr stärker vertreten als alle anderen. Der Geschmack des Dr. von Bethmann Hollweg ist verschieden von dem des früheren Kanzlers, Fürsten Bülow, der die elegante Literatur liebte. Der heutige Kanzler liest nicht die Gedichte von Merimée und auch nicht die von Carducci, den Fürst Bülow einmal für den ersten modernen Dichter erklärte. Bethmann Hollweg liest Kant, dessen„Kritik der reinen Vernunft“ er neben die Werke von Aristoteles und Plato stellt. Der Kanzler beschäftigt sich auch viel mit religiösen Studien und mit der Theologie; er ist ein tiefreligiöser Mensch. Die körperliche Erscheinung des Kanzlers läßt seinen Brandenburger Ursprung erkennen, wie seine charaktervollen Augen mit dem tiefen und ein wenig traurigen Blick, den gläubigen Christen enthüllen. Sein äußeres und geistiges Charakterbild scheint nicht das eines Politikers und eines Gebietenden, und man kann wohl glauben, daß der Einfluß, den der Kanzler auf Kaiser Wilhelm hat, nicht sowohl durch die Strenge und Unbeugsamkeit des Charakters, 8 2 2 ernsten sittlichen Grundzug seines Wesens zu er⸗
ären ist.“
Im Feuer der österreichischen Schiffsgeschütze.
f Als der einzige Berichterstatter, der die Befestigungen an der montenegrinischen Küste in Augenschein nehmen konnte, gibt ein Mitarbeiter der„Daily Mail“ eine inter⸗ essante Schilderung von der Beschießung der Küste Monte— negros durch die österreichischen Kriegsschiffe. Nur mit großen Schwierigkeiten war es ihm im November vorigen Jahres gelungen, bis nach Cetinje durchzukommen.„Eine Woche mußte ich warten, dann erhielt ich einen Paß von General Jankowitsch, dem montenegrinischen Generalstabs— chef, der mir den Besuch der montenegrinischen Stellungen gestattete. Ich bat Major Grellier, den Führer der franzö⸗ sischen Militärmission, die Beschießung der Forts von Cat⸗ tarxo mitansehen zu dürfen. Bei Einbruch der Nacht machten wir uns auf den Weg. Es ging einen steilen felsigen Pfad hinan, der vom Regen schlüpfrig war und zu beiden Seiten von tiefen Abgründen begrenzt wurde. Ich hatte Mühe, in der Dunkelheit nicht auszugleiten und in die schreckliche Tiefe zu stürzen. In düstern Umrissen erhob sich in der Ferne das
österreichische Fort Vermac. Erst war es unheimlich still; dann durchschnitt plötzlich ein langgezogenes Pfeifen die Luft, ein Blitz zuckte auf von den Bergen, und unmittelbar darauf erfolgte eine Explosion. Kugeln krachten gegen die Felsen, und nicht weit von uns fielen mit zischendem Geräusch Granatsplitter nieder. Es war das erste Schrapnell, das uns begrüßte. Die Quartiere der Offiziere sind naß, dunkel und kalt. Das Glas des einzigen Fensters, das durch den von den schweren Geschossen ausgehenden Luftdruck zersplittert war, war durch ein Stück Tuch notdürftig ersetzt, und alles machte den ärmlichsten Eindruck. Die schwere und vorzüglich geleitete Beschießung dauerte die ganze Nacht hindurch; fast alle Kugeln waren Treffer, und das Krachen der Geschütze weckte in dem zerklüfteten Felsgebirge ein schreckliches Echo. Wäh⸗ rend die Eisenstimmen gespenstisch dumpf von allen Seiten wiederhallten, krachten die Kugeln auf das Dach unseres Unterstandes und platteten sich mit einem schweren starken Aufschlag ab, wenn sie die Tür trafen. Ich habe in dieser Nacht nicht viel Ruhe gefunden. Als am Morgen die Kano⸗ nade unterbrochen wurde, machte mir Hauptmann Chardon im Namen der Batterie seine Aufwartung und führte mich umher. Ich konnte deutlich die österreichischen Schlachtschiffe „Radetzky“ und„Monarch“ sehen, die in der Bucht von Teodo vor Anker lagen. Ihre Zerstörer und Unterseeboote waren weiter weg an der Mündung der Bucht festgelegt. Der Boden, von den berstenden Granaten durchfurcht und zer⸗ rissen, war ringsum mit Kugeln, mit Trümmern aller Art und mit ganzen Granaten, die nicht explodiert waren, besät. Geschütze lagen herum, zerschmettert und aus ihren Laffet⸗ ten gebrochen. Sogar die Felsen waren überall zersplittert und die Felsstücke weithin herumgestreut. Hier war es, wo eine von dem„Radetzky“ abgefeuerte 12-Zoll⸗Granate ein⸗ schlug, gerade, als der befehligende Major die Batterie ver⸗ lassen hatte. Wir waren kaum bei den Batterien angekom⸗ men, als nicht weit von uns eine Granate vom Fort Rado⸗ witsch mit ungeheurem Krachen einschlug. Die Beschießung begann wieder.„Auf so etwas muß man hier immer gefaßt sein“, sagte Hauptmann Chardon und zog mich rasch in eine gedeckte Stellung, von der aus wir nun vorsichtig weiter⸗ krochen bis zu unserm Unterschlupf. Es war gegen Ende Ok⸗ tober, daß der Prae-Dreadnought„Radetzky“, von Pola kom⸗ mend, der Wachsamkeit der Schiffsgeschwader der Verbünde⸗ ten entging und in die Bucht von Cattaro eindrang. Er warf Anker mit seiner Breitseite gerade den feindlichen Batterien. gegenüber. Ein Fesselballon erhob sich langsam von Deck, beobachtete und erkundete die Stellungen, und dann fing das Granatfeuer an. Die ersten Schüsse schlugen ungeheure Felsblöcke von der Felsseite des Gebirges, die mit Getöse niederstürzten. Dann wurde das Feuer methodisch und mit bemerkenswerter Genauigkeit fortgesetzt und brachte zahl⸗ reiche Kanonen zum Schweigen. Als das Kriegsschiff danach etwa 125 Kilometer von den Kuk-Batterien sich festlegte und daher außer Schußweite war, eröffneten die französischen Kanonen als Antwort ein heftiges Feuer gegen das Forb Vermac.“ 5
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Bandel.
— Kupferbergwerk im Odenwald. Im Odenwald auf hessischem Gebiet wird durch eine Gesellschaft auf Kupfer ge⸗ mutet. Es ist bekannt, daß im Gebirge dort Kupfer vorkommt, ob dessen Abbau lohnend ist, wird der Versuch lehren.
Die Preußische Renten⸗Versicherungs⸗Anstalt, Berlin W. 66, Kaiserhofstraße 2, versichert nach dem Grundsatze der Gegenseitigkeit Renten für den Erlebensfall; einer ärztlichen Unter⸗ suchung bedarf es dabei nicht. Aeltere Personen, welche in der Lage sind, eine mehr oder minder hohe Kapitaleinzahlung zu leisten, verfichern am besten sofort beginnende Renten, womit sie eine so⸗ fortige Erhöhung ihres Einkommens erzielen; jüngere Personen da- gegen finden in der Versicherung von aufgeschobenen Renten (Altersrenten) ein bewährtes Mittel, kleine Kapitalien oder ihre laufenden Ersparnisse für ihre Altersversorgung nutzbar zu machen. Die Anstalt ist eine öffentliche Versicherungsanstalt. Das gesamte Vermögen der Anstalt darf statutenmäßig außer in sicheren Hypo⸗ theken nur in mündelsicheren Werten angelegt werden und beträgt 124 Millionen Mark.
Die Vorläufer des heutigen Feldarztes.
Der Arzt spielt heute im Kriege eine so wichtige und segens⸗ reiche Rolle, daß wir uns Kämpfe ohne sein heilendes Mitwirken gar nicht vorstellen können, und doch hat es sehr lange gedauert, bevor der Heeresarzt überhaupt eine ständige Einrichtung wurde und die Krankenpflege im Kriege wirklich organisiert wurde. Zwar hören wir bei den Griechen schon sehr früh, nämlich in der Ilias, von Wundärzten, die die Truppen begleiten, aber dann ist es mehr als ein halbes Jahrtausend lang still von jeder Krankenpflege im iege, und erst bei der Heerfahrt des Alkibiades nach Sizilien
ürd als auffällige Tatsache berichtet, daß sich dem Unternehmen. Thessalos, der Sohn des Hippokrates, als Arzt angeschlossen hatte. Lach deren ist dann bei Tenophon von Heerärzten die Rede. uch im römischen Heere hört man verhältnismüßig spät von
im Vorhandensein von Aerzten. Waren doch die Heilkünstler während der Zeit der Republik verachtete Griechen, und der Kriegerstolz der Römer wehrte sich dagegen, solche Menschen mit ins Feld zu nehmen. Erst mit der Einführung der stehenden Heere trat ein Umschwung ein, und um die Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts erwähnt Onesandros in seiner„Feldherrnkunst“ Wundärzte, die den Truppen von Amts wegen beigegeben waren. Hyginus beschreibt zum ersten Male ein Valetudtnarium, ein La⸗ 8— dem römischen Lager angegliedert war. Aus den Inschr der Kaiserzeit, die mehrfach Legions⸗, Kohorten⸗ und Lazarettärzte nennen, läßt sich dann auf die Anfänge eines besser geordneten Kriegsgesundheitsdienstes schließen, dessen Schöpfer wohl Augustus war. In allen römischen Berichten wird aber nur davon gesprochen, daß die Aerzte für die verwundeten Römer sorgten. Die wahre Menschenliebe, die auch dem kranken Feinde Hilfe leistet, hätten die Römer von den germanischen„Barbaren“ lernen önnen, bei denen es die Berufspflicht der Frauen war, alle Ver⸗ wundeten zu pflegen und zu verbinden. Eine altnordische Sage berichtet:„Haldora, Glums Eheweib, rief die andern Frauen zu sich, um mit ihnen die Wunden derjenigen zu verbinden, an deren Leben nicht zu zweifeln sei, gleichwohl von welcher Par⸗ tei“ Auch Tacitus erzählt, daß die Germanen mit ihren Wunden zu den Muttern und Gattinnen kommen, die sie untersuchen und heilen. Während hier nach uraltem und religiösem Brauch den Verwundeten die beste Hilfe zuteil wurde, sah es mit der Gesund⸗
von Leichen streng verbot und Papst Bonifacius VIII. sogar den Kirchenbann über die verhängte,„welche es wagen sollten, mensch— liche Körper zu sezieren“. Nur ganz gelegentlich hört man, daß Aerzte die Heere begleiteten. So führten die Florentiner 1260 einen Arzt für die Fieberkranken und zwei Chirurgen für die Verwundeten mit, aber das nützte nicht viel. Wie jammervoll endete z. B. Richard Löwenherz, der eine leichte Pfeilschußverwundung an 5 Schulter bekommen hatte und doch daran zugrunde gehen. mußte!
Es ist demgegenüber ein schöner Zug des ältesten deutschen kriegswissenschaftlichen Werkes, der„Lehr vom Streit“ des Johann von Seffn, daß er dringend mahnt,„den siechen vnd gewunden vnd erslagen die lieb der menschhait zu erzaigen.“ Erst die durch die Kreuzzüge geschaffenen frommen Ritterschaften brachten eine menschlichere Behandlung der Verwundeten in die Kriegführung; die älteste dieser Krankenpflegerschaften des Mittelalters ist wohl die schon vor den Kreuzzügen entstandene„Ritterschaft des heiligen Lazarus“, von deren„Lazarushäusern“ der Name„Lazarett“ auf alle militärischen Krankenanstalten übertragen worden ist. Mit der Hebung der medizinischen Wissenschaften und des Aerztestandes durch die Renaissance wandte sich auch die Wundarznei mehr den Schlachtfeldern zu. Hans von Hersdorf veröffentlichte 1517 das erste„Feldbuch der Wundarznei“, und der französische Arzt Am⸗ broise Paré, der zuerst die Blutstillung durch Unterbindung der Gefäße einführte, brachte es dahin, daß jedes französische Regi⸗ ment einen Chirurgien-Major erhielt, während die deutschen Lands⸗ knechtsfähnlein von einem„Feldscheer“ begleitet wurden. Der Arzt Felix Würz lehrte die Anlegung der Schienenverbände, und Kaiser Rudolf II. ging 1594 an„das christliche, löbliche und Gott dem 3 wohlgefällige Werk der Errichtung etlicher Feld⸗ spitäler“.
In der wüsten Roheit des Dreißigjährigen Krieges gingen aber diese erfreulichen Bestrebungen wieder verloren, und erst die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts sah eine durchgreifende Besserung der Verhältnisse. Nun erst wurden die Verhandlungen über das Schicksal der Kranken und Verwundeten, die schon Ende des 16. Jahrhunderts vorgekommen waren, allgemeiner. Die erste ausdrückliche Bestimmung, daß den Verwundeten auch auf seiten. des Feindes Pflege zuteil werden muß, findet sich in dem Vertrage zwischen Spanien und Frankreich von 1689. Die Grund sätze dieser allgemeinen Krankenpflege wurden dann weiter ausgearbeitet, und seit dem Frankfurter Kartell von 1743 gelangte man zu Verein⸗ barungen, die in humaner Hinsicht sich schon den Bestimmungen der Gegenwart näherten. Leibniz verlangte, daß man dem Ge⸗ sundheitsdienst im Kriege die höchste Sorgfalt zuwende, und er ist
auch der„Vater der Lazarettbaracke“, indem er betonte, man solle „die Infizierten voneinander scheiden, damit die Luft zwischen⸗ durch streiche“. Deshalb wären die Soldaten in Hütten zu legen, „wie sie die Waldleute bauen, nämlich aus bloßen übereinander⸗ gelegten runden Bäumen und Wellen, deren Lücken mit Erde und Moos verstopfet werden“. Der geniale Feldherr Turenne fügt seinen Denkwürdigkteiten eine besondere Abhandlung über die Feld⸗ lazarette bei, und Friedrich der Große betont in seinem militärischen Testament von 1768:„Man muß Lazaratte haben. Menschlichkeit und Dankbarkeit gegen die, die ihr Leben so oft für den Staat einsetzen, gebieten, für sie wie ein Vater zu sorgen.“ Unter Friedrich d. Gr. und dann unter Napoleon wird denn auch das Militärsanitätswesen so ausgebildet, daß die moderne Medizin daran anknüpfen konnte. 45 Der Krieg und der englische Buchhandel. Der Buchhandel gehört in England zu den Dingen, die am meisten durch den Krieg betroffen worden sind. Während im Kriege 1913 12537 neue Bücher erschienen, wurden im Jahre 1914 nur 10 695 veröffentlicht. Der Einfluß des Krieges ist daber größer, als es nach diesen Zahlen scheinen könnte, da in den ersten sieben Monaten der englische Buchhandel eine be⸗ sonders günstige Zeit hatte und eine sehr starke Vermehrung der Neuerscheinungen erfolgte. Außerdem haben alle Bücher, die von Anfang August bis Ende Dezember erschienen, nur eine sehr kleine Auflage. Im einzelnen entfallen auf die Romane 2112 Neuerscheinungen gegenüber den 2604 des Vorjahres, die religiösen Werke zeigen eine Verminderung um 108 Bände, die Erziehungsschriften um 80, die soziologischen um 222, die philo⸗ sophischen und biographischen um 202 Bände. Die Werke über Kunstthemen haben um 217 abgenommen, und so ist jedes Ge⸗ biet der Literatur und der Wissenschaften in Mitleidenschaft ge⸗ zogen. Mit einer Ausnahme: die Bücher über militärische oder Marinefragen haben sich vermehrt, und zwar in sehr großem Maße; während der letzten fünf Monate von 1914 sind 402 Bücher in diesem Gebiete mehr erschienen als in der gleichen Zeit des Jahres 1913. 7 — Gotthard Kuehl 7. Gotthard Kuehl, der bekannte Dresdener Maler, ist in der letzten Nacht im Alter von 668 Jahren gestorben. Kuehl hatte vor einem Jahre eine schwere Schilddrüsen⸗Overation glücklich überstanden. Vor einer Woche erkrankte er nochmals. In den letzten Tagen entwickelte sich seine Krankheit zu einer Lungenentzündung, bis zuletzt auch noch Herzschwäche eintrat. 1 8
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