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Nun begann erst der wirklich schwere Weg. Zunächst durch die wilde Schlucht des Aadar hindurch, dünn aus schwindelndem Saumpfad hinauf in die Höhe.

Ein über das andere Mal schüttelte Franz den Kopf darüber, wie Olga, die verwöhnte, die verweichlichte Welt- dame, diese Schwierigkeiten zu überwinden vermochte. Eine leise Furcht mischte sich wider seinen Willen in die Bewun­derung, die er für sie empfand. Wenn dem schönen, stolzen Weibe ein Unglück geschähe!... Nein, nein, er wollte nicht an sie denken, wenigstens nicht in dieser Weise. Sie war eine Feindin, hatte einen Mord auf dem Gewissen . . .

Der Wind, der ihnen schon im Tal unfreundlich um die Ohren geblasen, wurde hier oben zum Schneesturin, hüllte Weg und Steg, Höhe und Tiefe inseinen wirbelnden weiße» Schleier. Mühsam kämpften sie sich zum Kamm empor und stiegen dann ohne Rast ins Tal hinunter.

In Palez, das nur ein paar kümmerlichen, an den Berg­halden hingeklebten Hütten bestand, sagte man ihnen, daß die Flüchtlinge kaum eine halbe Stunde vor ihnen das Dorf verlassen hätten.

Also vorwärts, vorwärts!

Immer wilder, immer gefährlicher wurde der Weg, der jäh aufstieg, um zwischen den trotzig-starre» Stücken­des Zep und der Radova hinüberzuführen nach Podzeplje.

Grimmiger und grimmiger heulte der Stur in, so daß sich die drei Männer oft aneinander halten mußten, jim nicht in die Tiefe geschleudert zu werden.

In Franz zitterte die Angst um Olga. Er versuchte es gar nicht mehr, sie vor sich selbst abzuleugnpn. Ihm war es jetzt nur darum zu tun, das Weib zu retten, das herr­liche Weib, mit der Feindin konnte er sich dann abfinden.

Und dann sahen sie sie plötzlich vor sich. Keine zehn Schritte mehr entfernt. Frei und fest schritt sie neben den Männern her, von denen der eine, der junge Stojan, kaum noch weiter konnte.

Die Verfolgten dachten an keinen Widerstand. Er wäre ja aussichtslos gewesen, zwei abgehetzte Männer und eine Frau gegen die entschlossenen Verfolger. Auf das erste Halt bliebe» sie stehen.

Olga hatte ihre lästige Vermummung längst ab­geworfen. Selbst in dem ärmlichen Bauerngewand sah sie aus wie eine Königin, deren stolze, furchtlose Haltung grell abstach gegen die gebrochene Mutlosigkeit ihrer Gefährten. Sie suchte mit ihren Blicken die Augen Franz', der wich ihr aber geflissentlich aus und half dem Gendarmen, die beiden männlichen Gefangenen zu fesselü.

Lassen Sie mich einen Moment ausruhen," bat Stojan. Ich bin todmüde.

Esghi Hassan blickte die Offiziere an. Desider nickte.

Seufzend ließ sich der junge Mensch niedersinken. Keuchend kam der Atem aus seiner Brust, kraftlos sanken ihm die Lider herab.

Was fangen wir mit dem an?" fragte Desider.

Efahi Hassan gab seine gewöhnliche Antwort; er zuckte die Achseln

Da schlug Stojan die Augen auf.

Lassen Sie mich hier liegen und sterben," sagte er leise. Ich bin ja sowieso verloren. Ich habe ja den Gendarmen erschossen . . ." Er schauderte.Ter arme Mensch . . . aber ick) mußte ia . . . Lassen Sie mich hier, meine Herren. Es ist am besten so. Nur meine Begleiterin behandeln sie schonend. Sie ist schuldlos an dem Morde."

,-Aber was," rief Franz und beugte sich über deni Liegenden,seien Sie doch ein Mann. Wir sind keine Bar­baren und werden Ahnen schon hinunterhelfen."

Kommen Sie, Stojan Stojnnowitsch," sagte auch Olga mit ihrer weichen, vollen Stimme.Es hat keinen Zweck. Mir müssen uns fügen."

An ihrer Hand richtete er sich empor. Rote Flecke» brannten aus seinem Gesicht.

Bei der Nennung seines Namens war Desider zusam mengezuckt.

Wie heißen Sie?" fragte er.

Stojan Stojanowitsch," antwortete der junge Mann. Mein Vater ist Universitätsprofessor in Belgrad.

Der starke Osfizier wankte unter diesem Schlage. Nun war es nm jede Hoffnung geschehen. Er selbst war eS, der Helenens Bruder gefangen nahm, der ihn dem Kriegs­gericht anslieferte ... An dieser Mimrte nahm er Abschied .von. der Geliebten.

Langsam rang er sich zur Fässmcg zurück. Keine Mtiskel zuckte in seinem Gesichte, als er auf den Gefangenen zutrat,

Kommen Sie," sagte er mit heiserer Stimme.Ich werde Sie stützen."

Und so stieg der kleine Zug still und traurig nach Pale, hinunter.

11. Kapitel.

In Palez verschafften sie sich einen Wagen und fuhren mit ihren Gefangenen nach Podgaj hinab. Mühselig war die Fahrt. Schritt um Schritt kam das kleine Fuhrwerk über den verschneiten Weg zu Tal und drückendes Schweigen lastete auf alle», die es trug. Der Ljuba saß da und hätte den Kops in den gefesselten Händen: von Zeit zu Zeit hob ein dninpses Stöhnen seine breite Brust. Er wußte, was seiner wartete, und er dachte an sein junges Weib, das er nun wohl für lange Jahre nicht Wiedersehen würde.

Olga hatte sich in ihren Bauernpetz geivickelt. Bleich und ruhig war sie und hielt den Kops des armen Stojan anl ihrem Schoß. Ten hatten sie sorglich in Pelze und Decken gehüllt, und nun tag er da, regungslos, mit geschlos­senen Augen. Nur seine Lippen zitterten leise und es lvar Olga, als flüsterten sie »»hörbare Worte, die aus der Tiefe seiner Seele emporscbtüpften. Nichts als lvarines Mitleid empfand sie für den Jüngling, der nm ihretwillen Leben und Freiheit geopfert hatte. Weich strich sie von Zeit zu Zeit mit ihren kühlen Fingern über seine glühende Stirn aber ihre Augen blickten dabei scheu nach dem Männe, den sie liebte. Keine Niedergeschlagenheit, tein Zorn erfüllte sie, daß sie ihm als Feindin in die Hand gesallen war. Ihr geheimster Wunsch war in Erfüllung gegangen. Nun war fie in seiner Nähe und er selbst mußte dafür sorgen, dag sie es blieb. Taran, daß sie ihm ln Belgrad so schwer, Kränkung angetan, dachte sie mcbt, wollte jie nicht denken. Nicht eine Selunde zweifelte sie daran, dag es ihr hier in der Einsamkeit gelingen würde, seine Verzeihung zu ge­winnen, denn daß er sie noch liebte, das sahen ihre scharfen Augen recht gut. Sahen es an der Art und Weise, wie er sich von ihr fernhielt und ihre Blicke mied. Stumm saß er da und schaute weit hinaus in irgendeine nebelhafte Ferne.

Neben ihm saß sein Kamerad. Ter dachte an sein zartes Mädchen, und ihm war das Herz am schwerste» von allen. Was noch an Hoffnung in ihn: gegrünt und geblüht, das war nun vernichtet. Wie konnte noch die Schwester die Seine werden, wo er den Britder dem Todesspruch des Kriegs- erichtes übergeben mußte. Die Pflicht, die eiserne, nn>- armherzige Göttin, ging doch ihren Weg am liebsten immer über das innigste Gefühl hinweg.

Stur Esghi hockte gleichmütig neben dem Kutscher, nn- bekümmert um all den Jammer, das Leid, die Hoffnungen und die Befürchtungen, die da hinten in dem kleinen Wagen zusammengepsercht waren. Er hatte seine Pflicht getan und rauchte zufrieden eine Zigarette nach der anderit. Neben menschliche Gefiihle und Schmerzen war Esghi Hassan er­haben.

Spät anc Abend käme» sie und; Racovac zurück.

Mit sinsteren, feindseligen Gesichtern nnistanden di« Strasuni und Dragoner den Wagen, tv-ährend die Ge­fangenen hernntergeschasst wurden. Keine zehn Schritte entfernt, im Wachzcmmer der Gendarmen, lag der ermor­dete Bojan, uitb mit Flüchen empfingen die Soldaten seinen Mörder. Nur die Anwesenheit ihrer Offiziere hielt sie davon zurück, über ihn herzusallen und den ermordeten Kameraden auf eigene Faust zu rächen.

An Strick um'» Hals dem Hund, dem verdächtigen," schrie ein Deutschmeister.

Für den ist die Kugel viel zu gut," stimmte ein an­derer bei.

Gebt's doch Ruh', Kinder," jagte Franz,ihr seht's doch, der arme Teufel ist selber halb tot."

Ten Blick fest gradans gerichtet, schritt Olga hinter den zwei Dragonern her, die Stojan trugen. Die drohend eballten Fäuste der Soldaten, ihre Wut ließen sie un- erührt.

Hexe!" ries ihr einer nach

Da warf sie den Kops zurück und sah dem Schmäher stolz ins Gesicht, so daß er unwillkürlich verstummte.

Ljicba, der hinter ihr ging, hob nicht den Blick vom Boden.

Er wurde in ein kleines, finsteres Gelaß gesperrt, das neben dem Wachzimmer der Gendarmen lag. Olga erhielt