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„Sie haben ihn Hemordet!" sagte er endlich, als der erste, der den Mund austat.
Damit war der Bann gebrochen, der über allen lag. Ver gessen war die Müdigkeit, die Anstrengung der Nacht. Da unten, an der Grenz«, vor dem Feind, wurde einer dem an-- veren wie ein Bruder. Und der Bojan war immer so ein lustiger, stets hilfsbereiter Kamerad gewesen.
Mord! Feiger Mord! Das war doch ein anderes, als im offenen, ehrlichen Kampf fallen! Die Fäuste der Bur-- schen ballten sich, und in einer Flut von Verwünschungen machten sie ihrer Wut Luft. Sämtliche Sprachen der Mow- archie klangen da durcheinander.
Desider war weiß wie der Schnee, der ringsumher zu funkeln begann in der kalten Wintersonne. Er stand mit »u- sammengebissenen Lippen neben Franz und preßte seine Finger in dessen Arm.
Der war der erste, der sich aufrafste.
„Wir müssen ihnen nach!" rief er. „Hassan, kommen Sie mit?"
„Ich geh' auch mit", knirschte Desider. „Ich bin schuld an dem Bojan seinen Tod. Und wenn sie uns entwischen, dann schieß ich niir eine Kugel durch den Schädel."
Er sagte das leise, mit jener dumpfen Energie, die kein zurück kennt.
Wenige Minuten später jagten sie auf frischen Reservepferden zum Dorf hinaus; zwei Dragoner, die in der Nacht nicht mit draußen gewesen waren, vervollständigten die kleine Kavalkade.
Sie mochten etwa zwanzig Minuten geritten sein, als sie die niederen Dächer von Srebrenica austauchen sahen. Das Dorf lag etwas seitwärts der Straße an einem sanft ansteigenden Hange, und schon bogen sie auf den dorthin füh- renden Weg ein.
Da bäumte sich Desiders Pferd, der an der Spitze ritt, hoch auf...
Im Graben lag, mit dem Gesicht im Schnee, Bojan. Deutlich sah man den Fleck, wo er vom Pferde gestürft war. Augenscheinlich war er dann auf der abschüssigen Straße weitergerollt, bis er im Graben liegen blieb. Eine feine rote Linie zog sich quer über den Schnee hin.
Vorsichtig hoben sie ihn auf. Er war tot, ganz steif. sFn seiner linken Schläfe hatte er ein kleine? Loch, daß mit gefrorenem Blut bedeckt war.
Desider stöhnte laut aus, als er den Unglücklichen sah.
„Ich Hab' ihn auf dem Gewissen," ächzte er, „ich allein."
Franz wollte seine Hand beruhigend auf seinen Arni legen, aber er stieß ihn zurück.
„Laß mich," ries er. „Solange ich lebe, werde ich dieses bleiche, vorwurfsvolle Gesicht sehen."
„Der Mann hat ihn erschossen!" sagte Hassan. „Er hat die Wunde aus der linken Seite, der Mann ist rechts auf dem Wagen gesessen. Sicher haben sie hier jemanden gehabt, der auf sie wartete. Deshalb schossen sie unser» armen Bojan zusammen, ehe sie hier eingebogen sind. Na, ich glaube zu wissen, wer auf sie gewartet hat."
Die beiden Dragoner trugen den Toten langsam ins Dorf, während die anderen sich in den Sattel warfen und eilends vorausritten. Efghi Hassan führte sie direkt ans ein bestimmtes Haus los, vor dein er absprang.
Ohne lange anzuklopfen, stieß er die Wr auf und stürmte herein, um gleich darauf mit einer an allen Gliedern zitternden Frau zurückzukehren, die er brutal am Handgelenk hinter sich herzerrte.
„Wo ist der Ljuba?" schrie er sie an.
Wimmernd sank sie in die Knie und rang flehend die Hände zu den Offizieren empor. Sie sah abgehärmt aus, und ihre Augen waren rot, wie ivenn sie eben geweint hätte.
„Wo ist der Ljuba?" schrie Hassan abermals.
„Gospodin, er ist gestern hinüber nach Podzajc zu seinem Bruder," ächzte sie unter seiner derben Faust.
Der sonst so stille Efghi Hassan war nicht wiedcrzu- crkennen. Die feige Mordtat an dem Kameraden hatte das Wilde, das in jedem dieser Bergsöhne steckt, lvvchgerufen und machte ihn grausam Und blutdürstig.
. „Hexe," brüllte er, „du lügst! Er hat den Gendarmen Bojan umgcbracht und ist nun davon. Tort schau hin, dort bringen sie ihn."
Eben erschienen die beiden Dragoner mit der Leiche.
f it scheuen Haufen dnickten sich dis Dorfbewohner hinter em traurigen Zuge her. (Fortsetzung folgt.)
Prophezeiungen von deutscher Grötze.
Bon Dr. Paul Landau.
Schillerschen Gedichte» hingcwicsen, daß „Deutsche Grötze" überschrieben ist. In hochprophetischem Ton feiert hier unser Nationaldichter in einer Zeit des schlimmsten staatlichen Verfalls des deutschen Reiches die deutsche Nation als das Volk der Zukunft : „Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag des Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit — Ivenn der Zeiten Kreis sich füllt, wird des Deutschen Tag erscheinen". „Tie deutsche Würde ist eine sittliche Größe; sie wohnt in der Kultur und jim Charakter der Nation, die von ihren politischen Schicksalen unabhängig ist." Durch unsere Sprache werden wir die Welt beherrschen, indenl wir die Idee der Menschheit in ihr am reinsten und vollendetsten darstellen. „Dem Deutschen ist das Höchste bestimmt, und so ime er in der Mitte von EuropenK Völker sich vesindet, so ist er der Kern der Menschheit. Er ist erwählt von denl Weltgeist, an den, ewigen Bau der Mmschenbildung zu arbeiten, »u bewahren, was die Zeit bringt."
„Stürzte auch in Kriegcsslammen Deutschlands Kaiserreich zusammen,
Deutsche Grötze bleibt bestehen."
Diese Prophezeiung von deutscher Größe siebt nicht einsam in unserm Schrifttum. Zahlreich sind vielmehr di« Vorausverkün- digunaen von künftiger Macht und Herrschaft der Deutschen; sie beweisen am beste», welch felsenfestes Vertrauen unsere Nation stets in sich selbst gesetzt, wie sie auch in trüben Zeiten an der Gewißheit festgehalten hat, das „auserwählke Volk" zu sein, und gerade in Epochen der inneren Schwäch« loderte ihm dieser Glaube am hellsten als wegweisende Feuersäule durch das Dunkel der Ohnmacht. Der große Germanist Rudolf Hildebrand, der sich in einer inhaltsreichen Abhandlung einmal mit diesen Prophezeiungen beschäftigt hat, betont, wie viel nationale Träume dieser Art, die aus der Tiefe der Seelen magisch ausleuchtcn, im Leben eines Volkes bedeuten, wie wichtig sie sind für das Verständnis seines Charakters, und voll Rührung blicken wir, denen schon so vieles erfüllt ist, die wir noch Größeres freudig und zuversichtlich erhoffen, in diesen fernen und dunkel dämmernden Spiegel der deutschen Vergangenheit, aus dem doch in schwachen Umrissen, in leisem Ahnen dieselbe Sehnsucht schimmert, derselbe Glaube, dasselbe Ziel wie heut
Dem Deutschen ist das einzigartige Glück zuteil geworden, daß an der Pforte seiner Geschichte ein Fremder steht, der ihm sogleich mit bewunderndem Scharsblick die geheimen Züge seines Wesens deutete. Der Römer Tacitus ist mit seiner „Äerniania", ohne daß er es wollte, ein rechter Prophet des deutschen Sieges über die römische Weltherrschaft geworden, und in feiner Schlldcrung germanischer Kraft, Reinheit und Gesundheit haben stets unsere Geistessührer die Ärundeleinente der deutlichen Nation gesunden, die wohl verwischt, aber nie ausgelöscht tverden konnten, von Hutten bis E. M. Arndt und Treitschke. So eröffnet der geniale Geschichtsschreiber aus Feindesseite die Reihe unserer großen Propheten. Walther von der Vogelweide in seinem Loblied auf die Deutschen und Freibank in seiner Spruchweisheit sind die ersten gewesen, die in deutscher Sprache von dem hohen Zukunfts- Wert ihres Volkes kündeten. Das Reich hatte bereits die Sonnenhöhe seiner Macht überschritten; Schatten der Schwäche und Zwietracht senkten sich hernieder, und in dem mystisch durchglühten 14 Jahrhundert schweifen die Blicke sehnsüchttg in die Vergangenheit, suchend vorwätts in die Ferne. Ein uni 1320 entstandenes Gedicht „Sibyllen Weissagung" erzählt von einem Jdeal- kaiser, in deni die Gestalten des edlen Friedrich Barbarossa und des genialen Kaiser Friedrich II. zusammenfließen. Der deutsche Held schlechthin wird dieser Herrscher sein, der die ganze Christenheit regieren und eine neue Weltordnung des Friedens und Glückes' hemusführen soll. Später kniipst sich diese Hoffnung aus einen dculschen Helden der Zukunst, an Kaiser Sigismund an, der, «in „neuer Moses", sein Volk in das „gelobte Land"' der Einheit und Größe aeleiten wird. Tie Kölner Chronik von 1499 erwartet dies neue Reich in nächster Zeit und durch einen ganz bestimmten Fürsten, der — höchst bedentsamcrweise — aus dem Hohenzo Iler ii stamm entsprossen ist, durch den Burggrafen Friedrich von Nürnberg, dem Sigismund zugleich mit der Kurwürdc von Brandenburg das Amt der Neubildung des "eiches übertragen. Aehnliches erhofft ein Mann ans dem Volke, ,riedrich Reiser, in seiner vielgenannten Prophezeiung von der „Resorination des Ikaiser Sigmund".
Die beginnende Renaissance ließ ihre Blicke tveiterschweisen und baute schöne Trugbilder auf den Äolkenhöhen des Geistes. Ein Philosoph und Kirchenfürst auf der Wegscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit, der iveitschauende Nicolaus von Eues, gestaltete in seiner Schrift De cvncordantia catholiea, die von der gottgewollten allgemeinen Harmonie zwischen Kirche und Reich handelt, das großartige, prophettsche Idealbild eines von Rom unabhängigen, einheitlich geleiteten Deutschland, das sich »n Kamps gegen alle Feinde ringsum zu stolzer Macht erhebt. Die gleiche hofsnungsfrohe Frühlingssttmmüng, daß mr» „alles neu jpei'be", bes eelt die edelsten ^sMer^der Reformati on, un ter denen


