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Franz hatte sich nun wieder vollkommen in der Gewalt Und während er sich ihre süßen, verführenden Worte ins Ohr gleiten ließ, überlegte er kalt uno scharf. Ghisa hatte gesagt, daß die Polizei sich mit ihr eingehend besaßt hatte. Es war also klar, oaß man sie auch in Bosnien, zumal in dieser schwülen Zeit, kennen würde. Deshalb fürchtete sie die Fahrt mit der Eisenbahn. Deshalb sollte er ihr helfen, heimlich über die Grenze zu kommen.
Schade, das Weib war so schön! Mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns zog er ihre Arme von seinem Nacken herunter und stand ans.
„Adieu, Frau Gräfin!" sagte er.
Nun war sie es, die die Fassung verlor. Dieser junge unbedeutende Mensch wies sie zurück! Ein starrer Begriff, der seiner Pflicht, war ihnr mehr als der Genuß, uni den so mancher alles hingegeben! Beinahe bewundernd starrte sie ihn an.
Er stand vor ihr, breit und stark, endlich seiner selbst wieder bewußt, um den Mund einen scharfen Zug unbeugsamen Willens. Nur in seinen ehrlichen Augen las sie deutlich, wie schwer ihm diese Unbeugsamkeit ward.
„Du liebst mich nicht!" sagte sie mit einem schlvachen Versuch die Komödie sortzusetzen.
„So, wie Sie es wünschen, Frau Gräfin, nicht!" erwiderte er ruhig. „Und nun ist es besser, rch gehe!"
„Du willst also nicht?"
„Nein!"
Kalt kam es von seinen Lippen.
Da legte sich eine knochige Hand auf seine Schulter und eine scharfe, boshafte Stimme sagte:
„Und ivenn mau Sie zwingt?"
Ray!"
Die Gräfin war's, die den Ruf ausstieß. Sie war nicht minder überrascht als Franz, da sie den Fürsten so plötzlich auftauchen sah.
Der Offizier aber hielt nun das Ganze für eine ab- ekartete Komödie, in der das Erscheinen dieses ihm un- ekannten, aber wioerlicken Kerls oa den Sch.ußestekt bildete. Mit verachtungsvollem Blick maß er die Gräfin.
Die aber ries:
„Franz, ich schwöre dir . . ."
„Mir find Sie keine Rechenschaft schuldig, Frau Gräsin!" sagte er mit schneidendem Hohn. „Und was diesen Herrn da anbetrifft, so ersuche ich ihn, mir den Weg freizugeben, oder ich zeige ihm, daß es sehr schwer ist, mich zu etwas zioingen zu wollen."
Fürst Ray grinste und stieß einen leisen Pfiff aus. Hinter ihm tauchten im Nu drei verwegen aussehend« Gesellen aus, Banditen von allerreinstem Wafser.
Ray aber trat einen Schritt an Franz heran, der den Hut aussetzte und die Hände in die Hosentaschen setzte.
„Sie werden sich jetzt ehrenwörtlich verpflichten, die Frau Gräsin durch Racovac zu bringen, oder . . ."
„Oder?"
„Der Takt verbietet mir, in Gegenwart einer Dame darüber zu sprechen!"
Angesichts dieser gefährlichen Lag« hatte Franz seinen Humor wiedergesunden.
„Ach Gott, lieber Mann," sagte er, „vor dieser Dame brauchen Sie sich keinen Zwang auszuerlegen!"
Und in aller Gemütsruhe zündete er sich eine Zigarette an.
„Ich werd' Ihnen mal lvas sagen, mein kleiner Freund," fuhr er herablassend zu dem bei dein Wort „klein" grün und blau lverdenden Fürsten fort. „Wenn Sie auf die Dame so viel Rücksicht nehmen, dann verschwinden Sie schleunigst mit Ihren Buudesbriider». Ich bin um Ü Uhr in die kaiserlich und königliche Gcsandtschajt geladen. Wenn ich nicht aus die Minute dort bin, wird man mich hier suchen. Denn ich war so vorsichtig zu sagen, wohin ich gehe. Also. darf ich bitten?"
Und ohne ein Wort abzrrwarten, schritt er an dem durch seine Kühnheit verblüfften Fürsten vorbei, schob gemütlich die drei Heiducken beiseite und verließ das Zimmer.
Bor dem Hause angelangt, sagte er sich: „Bin neugierig, öb sie inir die drei Gesellen nicht nachschickeu."
Langsam ging er die schwachbeleuchtete, menschenleere Straße hinunter und bog absichtlich in eine noch stiller« Seitengasse ein. Da hörte er auch schon rasche, plump schleichende Schritte hinter sich. Ein Blick über die Schulter überzeugte ihn davon, daß es dieselben drei Kerle waren, die er bei der Gräfin gesehen hatte.
Nun galt's! Vorsichtig holte er die Browning aus de» Tasche, dann drehte er sich plötzlich um, so daß sein« Ver>< folger eigentlich die Ueoerfallenen waren. Sein Arm fuhr auf, und der Stahlkolben der Pistole traf die Schläfe des ersten, der betäubt lautlos zusanimenbrach. Schon holte er zum zweitenmal ans, aber den anderen beiden war die Lust zu dem Handel vergangen. Sie liefen, was sie konnten.
Franz aber setzte seinen Wvg fort und pfiff den Gassen- hauer, der ihm bei dem letzten Besuch in Wien so gut gefallen hatte.
5. Kapitel.
,/Da haben wir uns schön blamiert," sagte Ray zur Gräfin, als sie allein waren. „Wer konnte aber auch ahnest, daß Ihre Reize gerade diesmal versagen würden."
„Halten Sie den Mund!" riös sie. „Ihnen danke ich diese Demütigung!"
„Es tut Ihnen wohl leid, daß dieser keusche Joses mit dem Dragonersäbel Ihnen entschlüpft ist?" In seinen Worten lauerte seine ganze unbezwingbare Eifersucht.
Sie sah ihm höhnisch ins Gesicht.
„Wenn Sie’ä wissen wollen, ja!" antlvortcte sic. „Vorher war er mir gleichgültig, so gleichgültig wie Sie, jetzt aber, da ich gesehen habe, daß er ein Mann ist, empfinde ich etwas für ihn, was ich »och für kein Mitglied dös sogenannten starken Geschlechts empfunden habe."
„Hüten Sie sich!" zischte er, und seine knöchernen Finger krünlmtc» sich wie Geierklauen. Der charakterfeste Herr Oberleutnant wird nicht mehr viel Gelegenheit haben, sich Ihrer Zuneigung freuen zu können!"
„Was soll das heißen?" fuhr sic ans.
„Das soll heißen, daß meine Bursche» hinter ihm her sind!" antwortete er mit einem boshaften Lächeln und streckte sich behaglich in einem Fauteuil aus.
„Das sieht Ihnen ähnlich, feige und hinterlistig solch« Bluthunde aus einen Ahnungslosen zu hetzen. Sie . . ."
„Schweig?, Weib !" unterbrach er sie. „Reize mich nicht bis zuni äußersten. Sie wissen, wer ich bin und was ich vermag!"
„Ich fürchte Sie nicht!" lachte sie.
Schon wollte er eine »och heftigere Antwort geben, als ein Klopse» an der Türe ertönte und gleich darauf die zwei Heiducken eintraten.
„Nun?" fragte Ray.
„Gospodin, der Schwabcr ist ein bissiger Hund!" berichtete der eine von ihnen de- und wehmütig. „Er hat dein armen Stanko eins aus den Köpf gegeben, das; er hingefallen ist lrie ein Baum, den man absägt . . ."
„Na, und wo wart ihr?" inquirierte Ray.
„Gospodin, der Schwab« ist uns angegangen wie ein wütender Wolf . . ."
Ray schäuinte nur so vor Wut.
„Hinaus," schrie er, „seigeS Pack! Daß ich euch nicht mehr vor die Augen bekomnic!"
Die Männer onckten sich wie geprügelte Hunde und verschwanden zitternd und bebend.
Olga aber lag ans ihrer Ottomane und kachle:
„Sie schimpfen andere feig, bester Fürst! Sie, der Sie sich nicht aus dem Hinterhalt heraustrauen! Ach, wie freue ich mich ans das Wiedersehen mit diese»! Manne! Endlich einmal einer, der Ihnen gewachsen ist!"
„Er soll sich hüten, mir wieder zu begegnen!"
„Sie wissen ganz gut, daß viel eher Sie sich hüten müssen vor der Begegnung als er!"
Da trat Ray dicht an sie heran. Sein gelbes Gesicht zeigte eine grünliche Farbe, seine Augen waren blutunteui laufen und seine Hände öffneten und schlossen sich krainpfhaft — Olga fühlte, lvie ein eisiges Granen vor dieser Wut ihr die Kehle hinauskroch, aber sie wich nicht mir Haaresbreite zurück.
„Ob Sie höhnen oder nicht," zischte er, „merken Sie sich das eine: Wenn ich Sie schon nicht besitzen werde, so soll dies auch kein anderer! Ihr Lächeln ist für jeden ein Todesurteil!"
„Hanswurst!" antlvortcte sie achselziickcnd.
Fürst Hektar Ray war ein ganz merkwürdiger Mensch. Ueber seine blinde Leidenschaft für die schöne Russin vergaß er ganz und gar nicht seine große Aufgabe, das Zustaiider- bringen des Kriegs gegen Oesterreich.
Am nächsten Vormittag ließ er sich bei der Gräfin rnel- den, kalt und ruhig ivic immer.


