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Berge des Hochlands sich tn duftigen Schleiern ain Horizont b«r- loren. Ein Werk sollte es werden, malerisch bis ins Kleinste oinein, und doch zugleich ein Symbol für die wuchtigste Größe des jBerglandes.

Ami Frühnachmittag loar der Künstler plötzlich durch ein schrilles Glockenzeichen seines Haustelephons im emsigen Schaffen gestört worden. Aus einem der Münstcrtäler Städtchen verlangte Itian dringende Auskunst, ob aus der Kaminhöhe oben, die das Reich vom Welschland trennt, sich feindliche Patrouillen gezeigt hätten. Ter Maler hatte die Frage zunächst für einen Scherz gehalten. Was sollten mitten ritt Frieden wohl französische Truppen in unseren Bergen zu suchen haben? Tie Nachricht von der deutschen Mobilmachung war noch nicht in die Welteinsamkeit des Kasten­bergs gedrungen, und deni sonstigen politischen Gezänk und Ge­plänkel in den Blättern hatte der Künstler, wie so oft, keine ernstere -Bedeutung beigemessen.

Halten Sie sich jedenfalls bereit," hatte die Stimme in» Telephon noch gesagt,Sie werden heute abeich Besuch bekommen."

Nun stand der Maler an der Brüstung seines kleinen Hauses u,ch heftete den Blick auf die Hochmatt, um die der Weg in schar­fen .Kurven vonr Tal zur Kanimhöhe führte.

Tort unten loar alles still. Nur die Tannen in keinem Berg- gärlchen orgelten ihr altes, dumpfes Lied, und aus den Kltppen- hängcn zur Linken pfiff ein Steinkauz deir Abend an.

Mit einem Mal war es deni Einsamen auf seinem vorge­schobenen Posten, als ob auf dem Berggrat drüben sich geister­hafte Schatten bewegten. In dunklen, unbestimmten Massen stieg es auf und drängte von Westen her über den freien, vom Sternen­licht nur matt beleuchteten Kamm. Immer neue Geisterfchwadronen jauchten auf, und daztvischen klaitg es wie fernes Klappern zahl- : loser Hufe auf hartem Fels.

i Ter Künstler schreckte zusammen. Während seine Blicke dem seltsamen Zug noch verwundert folgten, stand plötzlich wie aus der Erde gewachsen ein junger deutscher Offizier dicht j »eben ihm und legte grüßxnd die Hand an den Helm.

}Mir kommen offenbar zur rechten Zeit, um das Schauspiel dort drüben mit eigenen Augen zu sehe». Die Herrschaften haben es ziveiscllos eilig. Noch keine Kriegserklärung und docki schon Fein des besuch! Tie schönste Grenzverletzung, die man sich denken kann ..."

Tas ivären dort?..."

Natürlich Franzosen i Nicht etwa eine lunchige Fernpalronsile, sondern dicke, volle Regimenter Chasseurs » cheval, Jnsanteric und Geschütze. .. sehen Sie nur..."

Ain nahen Grcnzkanim, der vom Schluchtpaß gegen den Belchen läuft, hielt das gespenstige Treiben an. In schweren dunklen Wollen quoll eS empor, zog auf der Höhe hin und sank tn die Schallen der Nachbarberge zurück. Hunderte, Tausende mussten cs fein. Bon Frankreich rückten sie heran, wie di« Diebe l» der Nacht, unt ins Elsaß eimmbrechen.

Mit meinen zwölf Mann da unten an der Ferme kann ich natürlich nichts ausrichten. Wir habe» nur ieststellen wollen, was wir jetzt wissen. Nun wird es ernst! Die Kerle dort oben setzen sich feft: die werden durch keine diplomatische Note mehr hinaus- gesch missen."

Ter Leutnant drückte abichiednehinend dein Maler die Hand: Ich denke. Sie schließen Ihre Bude und bringen sich selbst in Sicherheit. Wer weiß, was inorgen kumnit..."

Ter Künstler sah dein jungen, schlanken Menschen nach, der behend und leise über den Grasboden glitt uitd unten bei den Bnchenheckcn vcrschivand. Tann trat er in sein Haus, nahm den Revolver von der Waich »ich packte richig Bilder und Mal­zeug zusammen. Vieles, sehr vieles, was in all den Jahren ein­samen Schaffens ihm lieb und wert geworden war, mußte er oben urücklasscn. Am nioisten schmerzte ihn das nnvollcicheie Bild, as der nassen Farben wegen nicht mitgenommen werden tonnte.

lieber die wcißbereisten Matten des »astenbergs schritt ein preußisches Landwcbrbatnillon in den frühen, glashellen Sep- lcmberinorgen hinaus.

Im Rheintal unten waren die schwercit Gefechte mit deutschen Siegen zu Ende gegangen. Nun galt cs, den frenchcn Eindringling ans den Vogesen zu werfen, in dessen Schluchten und Wäldern er hartnäckig standhielt. l

Tie braven Landwehrlcute hatten Arbeit in Hülle u>ch Fülle. Kuppe Um Kuppe mußte stürmend genommen werde». Bon allen Seiten, sogar von den Bäume», wo die Chasseurs alprus sich sestgeschuallt hatten, prasselten die kleinen Geschosse wie .Hagel­körner auf die Bordringendcn, »ich zwischen hinein warfen die Schrapnells ihren Kugelsegen in die Lust.

Toch es ging vorwärts, Schritt für Schritt. In den Mittcl- vogescn loar der Fcinv schon über die Grenze, und hier tut Süden hatte das tod- und verderbenbringende Ansränmen noch kein Ende.

Als die Vorhut die Höhe des Kastenbergs erreicht hatte, waudte der Hauptmann der dritten Kompagnie sich an den neben ihm schreitenden Offizier:Jetzt komincn wir wohl in Ihr Ge­lände, Herr Oberleutnant. Tort drüben steht dock Ihr Haus, wenn ich nicht irre."

Die scharfen -Auge» beS Künstlers hätten die strohbedeckte Hütte längst entdeckt. Nach jener gespenstigen Sommernacht loar er trotz seiner Jahre fteiivilltg unter die Fahne getreten, um an den Bogesenkämpfen te-ilzunehmen. Jetzt kam er »t erstenmal wieder aus seinen Berg, wo er in stillen Friedensjahren der Kunst als ein einsam. Schassender auS vollein Herzen gedient hatte.

Znm Teufel, was ist das?,.."

Ein häßlich heulender Ton schnitt durch die Lust, und gleich darauf Prasselle ein Schauer zerrissener Tannenäste aus das erste Glied der anrückenden Kolonne.

Hauptmann und Offizier wußten sofort -Bescheid.

Erster Zug in Schützenlinie ansschwärmen , . . Marsch, marsch!" . . ."

In wildem Lauf stob die Landlvehr auseinander und warf sich, Teckung suchend, ins reiffiasse Gras.

Vom Grenzkamm drüben feuerte eine feindliche Batterie aus die anrückenden Deutschen. Ti« graubraunen Wölkchen der Schrap­nells tanzten rot« Kinberschwänne durch den jungen Morgen und barsten dann krachend auseinander.

Nun ivurde auch das gesckpvätzige Tack-Tack-Tack der Ma­schinengewehre und das fineube Pfeifen des JnfaiUeriefeuers lebeir- big. T-ie Kugeln gingen zu hoch und schlugen splitternd in Baum und -Busch-.

Am Boden kviechcird, den kleinsten Block zur Teckung nehmend/ zog die deutsche Linie sich mehr und mehr in die Breite.

Schon gab as Berivundete und Töte.

Ter Maler führte di« Leute seines Zuges zum Wald zurück und strebte von einer Gelände joelle gedeckt tn flackern Bogen zu seinem Haus. Tritt kannte er jeden Fels und jeden Grabe». Bon dort ließ, der linke Flügel der seindltchen Infanterie sich besonders gut unter Feuer nehmen.

Nock waren sie dreihundert Meter von der Hütte entfernt.

BesttniMt und ruhig gab der Künstler seine Befehle.

Mir Deckung, Leiüe, und keinen Schutz, bis das Kommaitbo kommt."

Tie Landwehr folgte in musterhafter Disziplin.

Plötzlich dröhnte «tir dumpfer Schlag über die Borrückendm hin. Ein zweiter folgte, und dann ein dritter.

Keine zehn Meter von dem Maler loirbelten Gras und Erbe empor. Ein klaffendes Loch, war in den Boden gerissen.. Drei Mann wälzten sich in ihrcnr Blut.

Ter Feind ans deni Kamm hatte beit Schützcnzug beim Maler­haus entdeckt und warf Granaten gegen das sichtbare Ziel.

Vorwärts, Landlvehr, dort hinteit gibt's guten Schutz."

Ein neues Dröhnen und Poltern folgte. Ein Donnern, als bräche der Tannenforst in Blitz und Wetter zusammen.

Tic Hütte... Herr Lberleutnant..."

Der Künstler blickte hinüber.

Das trauliche Strohdach war in Brand geschossen. In blut- roler Lohe schlugen die Flammen zum hellen Septcmberhirnimel. enipor. Ein zweiter Treffer riß die Ostwand in Stücke. Nun brannte das Haus sein Haus, das er mit so viel Liebe und Fleiß errichtet hatte, an allen Ecken und Enden!...

Borwärls, Ihr Leute, das solle» die Schufte uns bütz-en!"

Bald lagen sie alle in fester Teckung und gaben bedachtsam Schuß auf Schuß ab.

Tie anderen Kompagnien faßten de» Gegner beim Bühlkops in der Flanke an. '

Ein Donnern und Brausen war über dem Lands als wäre die Hölle lebendig geworden.

Mir zwingen es schon, Jungens, imr kaltes Blut."

Das .Prismenglas vor den Augen, verfolgte der Künstler den Fortgang des schweren Gesechts.

Ta sah er an, Waldrand hinter der eigenen Stellung ein deutsches Geschütz. Ein zweites wurde von unten herausgeschafft, dann noch ein drittes und viettes. Alle gedeckt durch steil an­steigende Matte, die den Feind am Beobachten hinderte.

Nun wird es recht, Leute! Paßt aus, wie die preußischen Kanoniere schießen!"

Im nächsten Augenblick psiff die erste deutsche Granate gegen die feindliche Stellung. Tas Dröhnen und Donnern verdreisachte sich. Es war, als splitterten alle Bogesenknppen in Stücke. Immer leidenschaftlicher, immer erschütternder brauste das Lied der Schlacht über die Berge hin.

Die Batterie ain Grenzkamm setzte aus. Nur das Klein­gewehrfeuer von oben antwortete noch auf die donnernde Sprache der deutschen Geschütze. ,

Vorwärts, marsch, marsch!"

Auf allen Seiten drangen die Landwehrmänner itürmend vor

Tie ersten feindlichen Gräben wurden genommen. In roten und blauen Wellen flutete es über die Grenze zurück. '

Leichen bedeckten die Matten, wo sonst die Herden ihre Glocken läuten ließen. Verwundete schlevvten sich mühsam gegen den Wald, oder sie lagen unter den schnell über sie geworfenen Zeltbahnen mit stillen, glänzenden Augen und warteten auf das Rote Kreuz.

Auch den Künstler hatte der Tod hart gestreift. Ein Lungen schuß, nicht weit vom Herzen, hatte ihn bei seinem Hänschen ins niedergetretene Gras geworfen.

Bon .Kaineraden sorgsam gebettet, ruhte er nun in seiner ver wüsteten Arbeitsstätte aus.