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Dann sagte Blücher, indem er eine gestopfte kurze Pfeife ans der Innentasche seines Uniformrockes zog und sie entzündete:
„Und Kind, was denkst du nun zu tun?"
„Jetzt, da der Krieg zu Ende, möchte ich heim, fofcalb es geht."
„Das dachte ich mir! Sehne inich! auch nach Haus! Habe das Morden ichon lange satt! Wieviel mehr du! — Sobald unser König kommt, kehre auch ich heim! Weißt du, Kind," er ließ sich paffend in einen der blauen Seidenstühle nieder, „das Beste ist, du bleibst bei meinem Stabe, bis wir in Paris eingezogen sind. Ta kannst du dir daun unauffällig alles besorgen, was so ein Frauenzimmer zu seiner Aus- riistung bedarf. Hast du Geld nötig, so brauchst du mir's nur zu sagen. Will's später schon wiederkriegen. Und dann reist du heim und bleibst in Berlin ein paar Tage bei meiner Frau! Einverstanden?!"
„Pater Blücher, lute soll ich für so viel Sorgfalt danken?!"
„Papperlapapp — Dank! Wie soll's der Blücher dem Gottfried Schneider danken, daß er bei Ligny die Landwehrretter herbeiholte und ihn vor schimpflicher Gefangenschaft bewahrte?"
„Ich tat nur, was mein Herz mir befahl, was jeder andere an meiner Stelle gatau hätte!"
„Und ich tue nur, was jeder Vater für seine Kinder! tun inuh! Verstanden?" Er erhob sich schwerfällig. „Zum Teufel noch nial!" wetterte er. „Die alten Knochen mucken noch immer! Mer das verdirbt mir die gute Laune noch lange nicht!" Er legte die Hand aus ihre Schulter. „Komin, Erdmuthe! Wir Ivollcn dem Gottfried Schneider ein hübsches Zimmer in diesem verwünscht schönen Schlößchen aus- sucheu! Weißt du wohl, daß es der Lieblingssitz des weiland Kaiser Napoleon war? Hier im Orangeriesaale hat er mit seinen Grenadieren am 18. Brumaire den Rat der Fünfhundert auseinander gejagt." — --
Erdmuthe wollte es sich eben in dem fraissarbeucir Rokokozimmer, das Blücher für sic ausgesucht, und dessen Fenster nach dem Parke hinausgingen, etwas bequem machen, als es klopfte und Premierleutnant von Jäger —• Otto war inzwischen avanciert — gemeldet wurde.
Gleich darauf trat er selber ein, zog, dabei den Tschako auf einen Stuhl werfend, die Tür hinter sich z>l und! kam ihr auf dem spiegelblanken Parkett des graziösen Zimmers eilends entgegen. 1
„Erdmuthe!" Er ergriff ihre Rechte und blickte ihr mit heißem Schmerz in die Augen. „Erdmuthe! Vergebung! In diesem Augenblick kann ich keinen anderen Namen finden! 0 mein Gott! Wie tief einpfinden wir alle, die Ihr Geheimnis kennen und ehren, den schweren Verlust, der Sie betroffen. Wie tief traure ich mit Ihnen! Er ivar inein Freund! Mein bester, einziger Freund!"
Erdmuthe vermochte das Weh, bas aus seinem Blick zu ihr sprach, nicht zu ertragen. Sie ivollte nicht noch einmal ihre Fassung verlieren. Ihre Hand ihm entziehend schloß sie die Augen. Ihre Nasenflügel zitterten und leise sagten die zuckenden Lippen:
„Und dennoch haben Sic sich von ihm zurückgezogen, seit —"
„Erdmuthe! Es war mir unmöglich zu reden. Es gibt Dinge, die sich nur durch Schweigen ertragen lassen," ries er in dumpfer Qual. „Wenn lvir an ihnen rühren, dann stürzen sie über uns zusammen und begraben uns unter ihren Trümmern. Und die mit, die aus Liebe zu uns, mit daran zu rühren wagten! O Gott! Ich wollte, Sie könnten mich verstehen."
„Vielleicht!" sagte sie, ihm diskret ins Auge blickend, init tieferbarmendem Frauenlächeln.
Von diesem Ausdruck erschüttert, öffnete sich ihr sei» bis vor kurzem noch so fest verschlossenes, durch den Tod des Freundes schon tief aufgewühltes Herz. Er ergriff von neuem ihre Hand — .
„Erdmuthe! Ich habe ja so unsäglich gelitten! Wie leide ich noch! Nie lverdc ich's verwinden. Was ist ihr Leid gegen das meine!" In wilder todwchcr Hast stürzten ihm die Worte über die Lippen.
„Ulrich ist tot — und er lebt Ihnen doch! Und ich! Wäre sie gestorben — ich wollte Gott dafür auf de» Knien danken!"
„Herr von Jäger, Sic gehen zu weit!" verkvies ihn Erdmuthe mit schwerem Ernst. Dabei zog sie ihn, sich selber
auf eins der seinen Goldstühlchen au der Wand niederlassend, neben sich in einen Fauteuil. Er ließ es geschehen, vergrub aber, sich abwendend das Gesicht in der Linken, indem er dabei mechanisch den Arm ans das längliche Nußbaumtischf, chen stützte, das unter einem Pseilerspiegel neben ihm stand. Sie aber fuhr fort. „Toska hat gefehlt. Ich will sie nicht in Schug nehme». Aber in dieser Weise den Stab über sie zu brechen — das ist im höchsten Maße ungerecht."
Er fuhr herum. Aus seinen weitaufgerissenc» Augen loderte ihr eine wilde Qual entgegen.
„Kein G.rnnd, wenn sic mich um einer Liebelei willen verließ?!"
„Herr von Jäger, solch ein Verdacht erniedrigt Sie!" rief sie im tiefsten Herzen empört. „Toska konnte fehlgchen — wer weiß, waS sie selber dabei gelitten! — schlecht »var sie nicht!"
„Wer sagt Ihnen das?"
„Mein - " Erdmuthe wurde rot — „mein Frauen«
gcfühl."
„Ihr Frauengefühl?" Er lachte bitter.
„Glauben Sic mir, eine Frau verkennt die andre nie!"
„Ich habe Beweise!"
„So sage ich Ihnen, daß ich eher an eine bösartige Intrige, als an eine solche Schuld Toskas glaube."
„Wie?" unterbrach er sic heftig. „Wollen Sie auch dann noch aus Ihrer Ansicht beharren, wenn ich Ihnen sage, daß ..." und ivie ein lang zurückgcdämmtcr Bergstrom brach, es nun von seinen Lippen: wie auch er anfänglich darauf geschworen, daß Toska ihn nur im Zwiespalt ihrer einander befehdenden Gefühle verlassen: weil sie Napoleon vergöttert, weil ihr Vater ihr um ihrer Heimat willen geflucht — weil sic es nicht hatte ertragen können, Vater und Gatten aP Feinde in der Schlacht einander gegenüberstehen zu sehen, »nd er ihr die Bitte versagt habe, aus dem Heere zu scheiden. Wie aber dann kurz vor der Schlacht bei Ligntz der Gra! Duboit, dieser Ueberläufer, ihm einen Brief von Toska gebracht, ivie der sich mit seines Weibes Gunst gebriistct — f „Ach!" Otto schlug die Hände vor die Auge» in Scham und Schmerz. Ein trockenes Schluchzen rang sich aus seiner Brust, Stoßweise in blutcndcnl, wütendem Gram.
„Armer Freund!" Erdmuthe erhob sich und leise zu ihin tretend, legte sie ihm tröstend die Rechte auf die Schüller. „Was dieser Gras schwätzt, das kommt doch gar nicht in Betracht. Einzig das, was in Toskas Brief gestanden!"
Da warf er den Kopf empor.
„Was in Toskas Briese gestanden? Ich habe doch den Bries nicht gelesen! Zerrissen habe ich ihn!"
„Wie? Ist das möglich?" rtc^ Erdmuthe in edlem Unwillen von ihm zurücktreteud. „Sie kenne» den Inhalt nicht einmal und verurteilen Ihre Frau?"
„Bah!" Seine Lippen zuckten verächtlich. Mit beinahe feindseliger Entrüstung blickte er Erdmuthe a». „Wenn sie mir den Brief durch einen Mann sendet, der mir mit geckenhafter Prahlerei entgegenhält, daß er es war, für den Toska einst bestimmt gewesen, — daß — daß sie ihn» bei seiner! Abreise Avancen gemacht — ! Tann weiß ich genug! lieber« genug!"
lFortsctzung folgt.)
Grenzseuer.
Aus den Franzosentagcn im Elsaß.
Bon Rens Schreiber.
liebet dem ichwarzblauen Rotenbachcr Kopf, der »vie ein mächtiger Riegel das Miinstcrtal in den Südvogcsen gegen Frankreich absperrt, verglomm das Abendrot in lodernden Brände». Die ersten schweren Schatten schoben sich an die Höhen und ballten sich um die kleinen Dörfer, die vom bcrgfcrnen MNtlach dich gegen den Rhein das grüne Tal init ihren bunten .Häuschen besticken. Unzählige Herdenglocken-Gcläute aus den Matten und dann und ioauii der SchnsnchtSruf eines Alphorns ließen den Sommcrlag besonders srieosam erklingen. 1
Der deutsche Maler, der unter dem Gipset der- Kastenbergs sei» einsames Künstlerhaus hatte, trat noch einmal tu die offene Plau- dcrlaubc und spähte mit Hellem scharfen Blick hinaus in die stärker iverdendc Dämmerung.
Ein fruchtbarer Arbeitstag lag hinter ihm. Sei» großes Vogesenbild, das er wochenlang tu der Seele getragen, ftmtb in de» Grundzügen fertig ans der Staffelei. Ms festem Äranitbkock ein junger Münstertäler Melker inmitten der weiten, freien Welt. Das Haupt und die nackten Arme sonnebestrahlt, die blauen alemannische» Augen in die Ferne gewendet, wo die lebten, mächtigsten


