Die hundert Tage.
Noma» aus dem Jahre 1815 von M. von Witten.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ein paar Augenblicke lang gingen die stöhnenden Atemzüge Blüchers durchs Zimmer. Dann flötete er in seinen mildesten Tönen:
„Dottvrchen I Brieskechen ! Lassen Sie doch mal Ihre Reiberei und lausen Sie schnell zu dem Nostiz. Mir ist da oben ein Gebaute gekommen. Er soll nicht reiten! Ich werde ihn noch sehr nötig haben." Der kleine jovial? Mann blickte verwundert aus, Blücher aber kehrte das Gesicht vorsichtig Ulrich zu und blickte ihn groß und voll mit seinen schönen Blan- äugen au. „Ich werde eine Ordonnanz an Ihren Obersten senden. Sie werden einen mündlichen Auftrag von mir an Wellington übermitteln!"
Ulrich schnellte empor. Seine ganze, für alles Gröle und Gut? glühende Seele lag in seinen Augen.
„Herr Feldmarschall, für mein Leben gern!"
„Das muhte ich. Mer Platz behalten! Sie müssen doch auch verteufelt müde sein! — Also, BrieVkechen," lvandte er sich wieder an den Arzt, der an das Lager des Fürsten herangetrctcn war, „der Nostiz soll da bleiben. Sich eine Stunde aufs Ohr legen. Der Erlen wird reiten. Und dann — ! Halt!" kommandierte er, als der etwas korpulente und dabei doch bewegliche Herr rasch davoneile» wollte. „Das Beste kömmt noch!" Wieder ein ganz verschmitztes Lächeln — ein kurzer, jubilierender Seitenblick aus Ulrich. „Der Unteroffizier soll kommen. Ich habe Hunger und Durst. Braut er etiva das Bier erst, das er mir bringen wollte?"
Der kleine D>oktor nickte, setzte den Klemmer fester auf die wulstige Nase und stürmte davon.
„Und nun zu uns, Herr Rittmeister!" begann Blücher von neuem. „Also reiten Sie, sobald Sie sich gestärkt, nach Quatrebras. Sagen Sie meinem Bruder Wellington, der Napoleon hätte uns eins auSgehauen, weil wir zu schlvach gewesen und die Engländer nicht hätten zu Hilse kommen können. Aber wir wäpen trotzdem noch guten Mutes. Wenn er noch gesonnen iväre, sein Wort zu halten, gemeinsam mit uns Napoleon anzugretfen, würde ich mit meinem frischen Korps Bit low und mit den andern dreien in aller Kürze zu ihm stoben "
„Herr Feldmarschall!" Dankbarer Jubel klang aus Ulrichs Stimme.
„Nur über das Wo kann ich noch keine Auskunft geben. Mein Kopf, mein guter Gneisenan, ist noch nicht hier. Der Nostiz meint, der Generalstabschef müsse den Truppen die Richtung aus Wavre angewiesen haben. Der Herzog soll Ihnen mündlich seine Antwort geben. Und falls er noch gemeinsam mit uns operieren lvikh Ihnen sagen, wo er eine Schlacht *u schlagen gedenkt."
Da tat sich die Tür auf. Ein strohblonder hagerer Unteroffizier in der Uniform der freiwilligen Jäger, die linke Hand in einer Binde tragend, trat ein, einen Stalleimer in der Rechten.
Ulrich sprang auf. Er preßte die Hand gegen das Herz. So stand er mit weit vorgebengtem Kopf; mit Augen, in denen jähes Erschrecken, Zweifel, bewußtes Erkennen bis zum glückseligen Jauchzen blitzartig wechselten.
„Herr Feldmarschall! Verzeihung! Das Warmbier —" Der Unteroffizier ist an das Lager des Fürsten getreten. Jetzt hebt er den Blick. Ein Zittern durchläuft seinen Körper — dabei wie ein Echo auch in seinen hellen Augen jene blitzartig wechselnde Skala des Ausdrucks vom jähen Erschrecken bis zum glückseligen Jauchzen.
„Na! Was ist denn los?! Verschütte mir nicht den teuren Säst!" droht Blücher mit gemachtem Groll. Aber auch in seinen Augen leuchtet ein glanzender Wiederschein jenes gliickseligen Jauchzens. Und mit einem Male kommandiert er: „Unteroffizier Schneider, reichen Sie dem Herrn Ritt- meister einen Trunk Warmbier!" Gottfried gehorcht. Mit bebender Hand hebt er den Eimer empor — Umch entgegen. Der nimnit ihn — trinkt, trinkt wie im Traum. Seine dunklen Augen tauchen sich über den Eimerrand hinweg in die hellen klaren Sterne seines Gegenübers--
„Halt ! Herr Rittmeister! Nicht zu viel!" ruft Blücher lachend. „Der Stoff ist rar! Eimer hingesetzt. So! Nun sehen Sie sich einmal den Unteroffizier Schneider an. Gr gehört zu Ihrer Schwadron. Sie kennen ihn. Mer seinen ganzen Wert haben Sie doch noch nicht erkannt. Nächst meinem Adjutanten Nostiz -fit er es heute gewesen, der mir das Leben gerettet. Sonst hätte Preußen keinen Blücher mehr. Ich habe ihn deshalb zum Unteroffizier gemacht und zu meiner persönlichen Dienstleistung berufen. Sobald ich wieder auf den Beinen bi», können Sie ihn wiederkriegen.ff Und ehe noch einer der beiden etwas entgegnen kann, fügt er mit einer Stimme, durch deren Tiefe sonnige Tränew quellen rausche», hinzu: „Rittmeister Erlen, umarmen Sie den Gottfried Schneider, Er hat's verdient!"
Und da liegen sich die beiden in den Armen, von Sehnsucht und Liebe zueinander getrieben — mit Schluchzen und Jauchzen. In tiefer wonneseliger Wicdersehensfreude küssen sie sich auf den Mund. Ms Hütten sie Blüchers vergesseiz. Oder als gehörte er zu diesem wundersamen Glück.
Mit einem Male aber macht sich der neugebackene Unteroffizier los. Mit impulsiver Bewegung kniet ec neben dem Lager des Feldmarschalls nieder und ergreift sin tiefer Ehrfurcht seine Linke, icher die er sich mit einem Kusse neigt.
„Vater Blücher! Vater Blücher! Wie sollen wir Ihnen danken?!"
„Ja! Wie sollen nur Ihnen danken!" iviederholt Ulrich mit feuchtglänzenden Augen.
„Dadurch, daß Ihr Eure Kinder z,n guten braven Deutschen erzieht! — Hollah! WaS schwatze jch altes Waschweib da ffir krauses Zeng!" unterbricht er sich lachend, indem er


