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Uber ich Hobe Grund zu vermuten, daß er trotzdkm unseren Verkehr mit nicht gerade freundlichen Augen ansieht, und «S könnte recht wohl geschehen, daß beim ersten Anlaß daS ganze Getvitter seines lange aufgespeicherten Unmuts über Die hereinbricht."
Botho v. Reibnitz suchte seiner schlaffen Gestalt eine feste und mannhafte Haltung zu geben. „Auch in diesem Falle werde ich wissen, was ich zu tun habe. Am Ende tostrde doch ein Edelmann gegen den anderen stehen, und ich —"
„Bitte! Ueber das, was Sie im gegebenen Fall tun »der nicht tun werden, wünsche ich keine Erklärungen von Ihnen zu erhalten. — Und nun, da diese Angelegenheit wohl zur Genüge besprochen ist, lassen Sie uns gehen!"
2. Kapitel.
Ein häßlicher, mißfarbiger Nebel hüllte das erwachende Berlin in seine feuchtkalten Schleier, als Margarete Oth- mar sich anschickte, ihre Vaterstadt zu verlassen. Fröstelnd in eine Ecke der Droschke geschmiegt, starrte sie in den grauen Novembermorgen hinaus, der einen trübseligen, sonnenlosen Tag verhieß. Auf dem langen Wege bis zum Schlesischen Bahnhof mußte sie an gar mancher Stätte varüberlommen, die ihr durch liebe Erinnerungen geheiligt Nkar, und gerne hatte sie jeder von ihnen einen letzten Abschiedsgruß zugenickt. Aber die langen Häuserreihen tauchten nur in unbestimmten, schattenhafte» Umrissen vor de» milchig an- geiaufenen Fenstern des Wagens auf, und sie wußte bald überhaupt nicht mehr, in welcher Gegend sie sich befand.
So war es ihr, als sei sie schon jetzt losgelöst und für immer geschieden von allem, was ihr bis zu diesem Tage wert und teuer gewesen war, als läge hinter diesem dicken, undurchsichtigen Mbel wie hinter einem Vorhang, der sich nie wieder heben könne, alle Sonnenzeit ihres Lebens.
In heißer Sehnsucht und dann wieder in herzbeklemmender Furcht hatte sie dem heutigen Tage entaeaengeharrk. Min aber, da er gekommen war, fühlte sie nichts mehr als eine jiefe, mutlose Traurigkeit, und das Bewußtsein völliger Verlassenheit hatte niemals schwerer auf ihrer jungen Seele gelastet als während dieser Fahrt, auf der niemand sie aelejtete, und für die niemand ihr Glück auf den Weg genmnscht hatte.
Die Droschke hielt, und ein Gepäckträger öffnete den Hchlag, bereit, den Handkoffer in Empfang zu nehmen, dsn sie neben sich auf den Sitz gestellt hatte. Aber wie Margarete der wohlfeileren Beförderung halber den wesent- 'iften Teil ihres Gepäcks als Frachtgut vorausgeschickt te, so war sie auch jetzt darauf bedacht, die Grosck>«n r den Kofferträgcr zu sparen. Sie lehnte seine Hilfe ab hlte den Kutscher und belud sich selbst mit der schweren rndtasche, der man's auf den ersten Blick ansehen konnte, ß sie noch aus ihres Vaters Junggesellentaaen stammte.
Nun trat sie in das Bahnhofgebäude ein, ungewiß, »hin sie sich zu wenden habe, und voll Besorgnis, ihren ug zu verfehlen. Denn es war die erste größere Reise, die e ganz allein unternahm, und sie besaß nicht die Zuver- chtlichkeit jener Beneidenswerten, die sich in jeder neuen Lage sogleich zurechtzufinden wissen. Auch war die Bürde säst zu schwer für ihre Kraft, und schon nach den ersten zwanzig Schritten mußte sie sie niedersetzen, um auszuruhen.
Da schlug eine frische, tiefgefärbte Männerstimme an ihr Ohr: „Verzeihung, mein Fräulein, bedürfen Sie vielleicht eines Rates? Ich bin auf diesem abscheulichsten aller Baynhöfe so gut wie zu Haus und stehe mit Vergnügen zur Verfügung."
Halb erschrocken und halb erfreut hatte Margarete aufgesehen Der da unter böflickem Lüften seines Hutes zu ihr ge prochen hatte, war sicherlich einer der größten und stattlichsten Männer, die ihr je zu Gesicht gekommen waren. Die legte sich keine Rechenschaft darüber ab, wie alt er wvhl sein mochte, aber seine reckenhafte Gestalt und sei» langer, bloicher Bollbart gaben ihm für ihr Empfinden etwas Vertrauenerweckendes, das ihr Mut machte, ihm zu antworte».
„Ich möchte eine Fahrkarte für den Breslauer Schnellzug losen, urw ich weiß nicht, an welchen, Schalter."
„Dorthin, meine Gnädigste," sqgte er, ihr mit ausae- strecktem Arm die Richtung weisend. „Mer Ihren Koffer können Sie unmöglich mit in das Gedränge nehmen. Sie gestatten, daß ich ihn inzwischen behüte."
Tinen Augenblick hotte Margarete die Empfindung, daß es sehr unvorsichtig sein würde, dem Wildfremdest ihre Tasche anzuvertrauen: aber wie sie noch einmal mit scheuen^ Blick über ihn hinstreifte, schämte sie sich beinahe solcher Bedenklichkeit. Seine Erscheinung war von unverkennbarer Vornehmheit, und der Gegensatz zwischen der ausgesuchten IClega,^ seiner Reiseklctdnng und der Armseligkeit ihres! alten Handkoffers ließ sie m plötzlicher Verlegenheit erröten.
Er hatte seine Uhr gezogen und drängle zur Eile.
„Es sind nur noch sechs Minuten bis zum Abgang d«S Auges, mein Fräulein! Da gilt's für uns beide, keine Zeit zn verlieren."
Nun lief sie ohne weiteres Besinnen zum Sckialter. Aber als sie dann glücklich in den Besitz der Fahrkarte gelaugt war, sah sie den blondbärtigen Riesen mit ihrem Koffer schon auf dem Wege zum Bahnsteig.
„Schnell — schnell!" rief er mit seiner tiefen, volltönenden Stimme zu, die laut wie ein militärisches Kommando den weiten Raum durchhallte. Dabei schwenkte er daS Gepäckstück, das sie nur mit größter Anstrengung zu schlepp Pen vermocht hatte, wie ein Kinderspielzeug in seiner Rechten.
Tnnkelrot vor Verwirrung ging Margarete hinter ihm durch die Sperre, und sie erreichte den mit laugen Schritten Vorauseilenden erst, als er neben einem Wagen des Zuges stehen geblieben war.
„Nun, das ging ja noch gut," lachte er ihr zu. „Wünschen Gnädigste, daß ich Ihren Koffer ins Damenabteil lege?"
Er hatte vor der zweiten Wagenklasse halt gemacht, als er aber die braune Farbe der Fahrkarte gewahrte, die sie noch in den bebenden Fingern hielt, ging er rasch weiter^ als tvenn er es für ganz selbstverständlich hielte, daß sie in der dritten Nasse fuhr.
„Da ist noch Platz," hörte ihn das junge Mädchen sagen, das ihn, willenlos gefolgt war. „Eine hübsche Fensterecke, was bei dem dicke» Nebel und der landschaftlichen Rei^ losigkeit unserer Reiseroute freilich nicht viel bedeuten will. — Ente Unterhaltung, mein Fräulein, und glückliche Fahrt!"
Mühelos hatte er den Koffer in das Gepücstietz gehoben!, hatte noch einmal freundlich lächelnd den Hut gelüstet und doar davon, noch ehe Margarete auch nur ein einziges Dankeswort hatte über die Lippen bringen können. Sie schämte sich ihrer Unbeholfenheit und war bitter unzufrieden mit sich selbst. Mer als sie dann in ihrer Ecke saß und das erste Anrücken der Räder spürte, ging es ihr durch den Sinn, daß nun doch einer gekommen war, ihr Glück zur Fahrt zn wünschen, und sie nahm sich vorz diesem fremden Manne, der sich ihrer Verlassenheit mit solck)«b Ritterlichkeit angenommen, um seines freundlichen Wunsches willen eine dankbare Erinnerung zn bewahren.
Vorderhand freilich hatte sie ihn schon nach Verlauf weniger Minuten vergessen, denn die von den Ausregnngjest der Abfahrt verscheuchte» trübe» Gedanken nahmen aufs neue von ihrer Seele Besitz und machten sie ebenso unempfindlich für das eintönige Grau der Nebelwand, die da draußen auf die flache märkische Landschaft drückte, wie sür daS unermüdliche, öde Gefchroätz der beiden Frauen, hid das Schicksal ihr zu Reisegefährtinnen gegeben. Sie bemerkt« die zudringlich neugierigen Blicke nicht, mit denen die beiden ihr Gesicht und ihre Kleidung musterten, und sie wandte kaum den Kopf nach der geöffneten Wagentür hin, wenn der Zug auf einer Zwischen station halt machte. Was küm- merte sie all das Gleichgültige, das da um sie her geschah! Sie wußte nur, daß sie einem neuen, unbekannten Leben entgegenfnhr, und daß es ihr nichts zuriickgeben konnte von dem, was sie fiir immer verloren. Wie hätte sie da Interesse aufbringcn sollen für die bedeutungslosen Erlebnisse dieser Fahrt! —-
(Fortsetzung trägt.)
Ist Gbstgenuh gesund?
Plauderei von Dr. med. Wilhelm Teschen.
Daß diese Frage so oft gestellt ustrd, ist eln charakteristisches Zeichen sür unsere Zeit. Viele Personen fürchten und »leiden sogar de» Genuß von Obst, lveil cs ihnen Blähungen »nd sonstige Bcschlverden verursacht. Die Schuld liegt aber nicht am Obst, senden, ganz allctn an dem modernen, schwachen Magen de«
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