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Der Blinoe am Meer.

Roman von Karl BAttchcr-Chcmnitz.

(Nachdruck verböte».l (Fortsetzung.)

Arda rccktc sich l>och auf. Das Seemnnnsbliit in ihr erwachte, ihre Augen leuchteten und sie ries:Wann wir geschickt vor dein Kinde kreuzen, können wir ein gutes Stiick hinanskommen."

Sic eilten zum Hafen und ließen sich von, Hafenmeister ein Segelboot klar machen.

Mollen Sie cs ivirklich wagen, Herr Professor?" fragte der AlteHeute ist es nicht ganz ungefährlich."

Ta Arda am Steuer sitzt, Iwt es keine Gefahr. Wenn wir nur erst aus dem Hafenloch hinaus wären," rief Rene.

Der Hafenmeistcr schasste Rat. Das kleine Motorboot, das zum Hascnkoiiimando gehörte und stets unter Dampf lag. spannte er vor den Segler, und in elegantem Bogen fuhrWingolf" hinaus ins Meer.

Kaum hatte die Dampspinasse abgespannt, da sielen auch schon die Wellen wie eine Meute hungriger Wölfe überWingolf" her Der Wind legt sich voll in die Segel und drückte das Schiff so, daß cs last auf 'Steuerbord lag. Rene, der sich nicht sest genug gesleninit halle, wurde von der Bank geschleudert, und nur mühsam klammerte er sich am Vordersteven a». Nur Ardas geschickter Steue­rung war cs zu verdanken, daß sie Herren der Lag« wurden.

Nach Ardas Weisung stellte Rene die Segel, und mit unge­stümer Hast, oft ruckweise, wurden sie vorwärts getrieben. Tie Woeien lagen mit ungeheurer Gewalt auf dem Steuer, und Arda mutte die Fitste an die Schiffswandung stemmen und den Steuer- Pfahl niit dcni Rücken halten, da die Kraft der Hände nicht aus- reichte

All ihre Muskeln waren auf das höchste gespannt, und wenn «ine Sturzsee keck über Bord sprang und die salzigen Flute» ihr über Schuß und Miß« rollten, jauchzte sie auf vor ungestümer Lebensfreude.

Bald schwamm das Land in däinmrigem Dunst. Kein Fischer­boot tvar zu sehen. Sie waren allein auf hem ivriten, wildetr Meere, ihr Leben nur auf eigne Krall gestellt.

Ein Stcuerbruch, ein Reißen des Segels, und die Wellen innstien sie verschlingen. Aber wer denkt daran, wenn er Herz und Sinn hot für die wilde Schönheit des kosenden Meeres? Wer achtet der Geiahr, wenn sie die Kraft verdoppelt und die Kampfeslust erweckt?

llndWingolf" kämpite nxnker. und jeder »nie Wellenberg, der daS Schifilein zn erdrücken drohte, und jedes schauerliche Dal, das den Kiel hohl legte und die Planke krachen machte, und jede gischende Sturzsee wurde von den beiden Menschen mit Jubel begrübt

Und Arda ries laut:Jetzt zu sterben, inmitten der Krast das wäre ein Tod!"

lind sie wars das Steuer herum, das;Wingols" nur so ächzte, und sic ries:Ahoi Segel beidrehen". Und Rene musttc zu- springen wie eine Katze, um das Tuch beizudrchen. Einen Augen­blick später, und das Boot wäre gekentert.

Und Arda dachte daran, und jetzt geschah etwas Wunderbares. Sie erblnstte bis unter das Haar, und ein grausiger Gedanke packte sie, der Gedanke an ihre Schuld, wenn sie jetzt gekentert wären. Sie blickte nach Rene, und mit urkräftiger Getvalt stieg ein heistes Gefühl in ihr ank. Ihre.Pulse liämmerten und ihre Gliedes: zitterten. Ein Schleier der Schwachheit legte sich über ihre Augen, und ihr ttzeist sah schaurige, grausige Bilder: Wie Rene von den Wogen ersastl wurde, wie er rang und känipste, wie er die Hände »ach ihr ausstreckte und dann untersank

Sie schrie auf und schlug die 'Hände vor ihr Antlitz und schluchzte dunips auf.

Rene sprang Innzn und zog sie sanit vom Steuer weg, den Elcucrpsahl mit der linken Hand mit fast unmenschlicher Kraft in seiner alten Lage haltend.

llnd Arda setzte sich aus eine Seitcnbank und verbarg ihr Gesicht in ihre Hände tiind weinte leise. Das Boot glitt schnell und lruhig dahin, denn sie fuhren jetzt mit den> Winde und mit der Flut.

Rene lzatte in diesem Augenblick in das Herz Ardas gesehen, er halle die so urplötzlich envachtc Liebe, die bisher gefesselt dann schlummerte, erkannt und verstand ihre Seelennot.

Er wußte hier nicht zu trösten und nicht zu helfen, und er begann, instinktiv sühtend, daß Rot zu Not gehört, von sich und seinem Kummer zu sprechen:Die Liebe ist grausam. Sie fragt nicht da-Z Menschenherz: Willst du mich haben? Sie nistet sich ein und ist die Königin des Herzens. Wieviele Menschen haben sich gewehrt aegen die Liebe, haben mit ihr gerungen, sie ist stets Sieger. lind die sic suckln, sinden sie nicht. Tie Liebe ist lieimtückiscki: Sie überfällt des Menschen Herz und macht cs

krank. Auch meines ist krank Es wollte genesen, und Wun? Mir ging es wie ihnen. Arda. Ich wüßte nichts von meiner Liebe, bis sie mich ausrüttelte, 'bis ins Mark. Ich sah «in Weib, nicht jung, nicht eine "Knospe, wie Du, Arda. Sic stpnd aus der Höhe des Lebens, und alle Welt lag ihr zw

Füßen. Ihre Schönheit >oar nicht mehr irdisch. Aber ich pz-rschloft mein Herz, ich wälfnle micki gefeit. Ich lebte ivochenlaug an ihrer Seite, aber meine Seele erzitterte nicht, >oen ich kans oder wenn ich ging."

Er schivieg Und lvar ganz in Erinnerung versunken. Sw lamc» dem Lande näher, aber weder 'Arda noch Rene achteten daraus. <

Fcodora," sagte Reue leise vor sich hin.

Dann erzählte er weiter, müde und monoton:Du kennst Berlin nicht, 'Arda, Du kennst nicht den Tiergarten und Du kennst nicht das Gcscllschastslebcn allmorgendlich aus der Reitbahn dort draußen am Zoologischen Garten. Ich ritt immer an Feodoras Seite und ivard von Hnndcrten beneidet, aber mein Herz bltcb still. Ta, eines Morgens ivurde Feodora wieder von ie»er uiigcftünicn Lebenslust ersaßt, die kein Maß und Ziel kennt. Sie spornte und peitschte ihr Tier und raste durch den Park iuU> setzte über Gräben Und Hürde», und ich blieb immer an »hrer Sette. Ta strauchelte ihr Tier Und stürzte und begrub Feodora unter sich« Ich schrie aus vor Schreck."

Er verstummte.

Die Wasser, rauschten am Kiel entlang und sangen ihr ewige- Lied vom Kommen und Gehen und vom Werden und Vergehen, lind die beiden Menschenkinder lauschten den Wassern, und ihre Seelen Ivurden itx'it und flogen sich entgegen und vermählten sich in stunrmem Verstehen.

Endlich sagte Rene:Tie Liebe war in niein Herz gesprün» gen," lind dann »ach langen, Schweigen:Und Feodora genas von dem Fall, und nicine Liebe wuchs und wuchs, und dann wurde sie verschmäht."

Arda rührte sich nicht, sie sagte keilt Wort. Staunend stand ihr stolzes, reines Herz vor der so urplötzlich erwachten Liebe« Und als sie in den Hafen cinfuhren, erhob sie sich schnell. Sie sprang, kaum hatte das Boot angelegt, an das Land und ging stumm an Neues Seite heim.

Ich will in die Frenide und arbeiten und schaffen, und sraaen Sic mich nicht wariini, Herr Tieste, nur nehmen Sie mich mit."

Good. Fraken is »ich mien Saak."

Und der Alte schwieg. Er bereitete Arda auf dein Feldbett ein Lager und bat sie, sich schlafen zu legen. Er selbst verließ die Kajüte und begab sich zuin Schisser,, ihm von seinem nächt­lichen, unerwarteten Besuch Mitteisung zu mache».

Gegen Morgen bei rückkehrender Flut machteFairplay 8" slott. Er hatte tags zuvor eine Ladnng Holz herausgcschleppt und fuhr nun leer nach Cuxhaven, wo er statwniert war.

Sei» runder, breitbrüstiger Bug sing die heranrollendcn Wellen mit offenen Armen auf, und die Fluten schäumten über Teck und seitwärts wieder ins Meer zurück. Durch die rasend« Flut stieg das Schiss gleich einen! sich bäumenden Rosse hoch, dann senkte es sich zn Tal und zerteilte die Wogen.

Arda spürte von alldiesem nichts.

Sie saß ans deni Bettrand, das Tuch noch um deu Kopf ge­schlungen, ihr Bündel neben sich. Ein dumpfer Schmerz lastete ihr ans dem Hirn. Nur nicht denken und grübeln jetzt, nur kein Nachforschen, kein fhachspüren, wie das alles gekommen war. Nur eins wußte sic: Sie halte zwei Menschen lieb, den einen tief und innig, den anderen mit loderndem, verzehrenden« Feuer.

So wartete sie Stunde um Stunde, eine ganze Nacht hin­durch aus die Abfahrt des Schisses.

Nur erst fort von der Heimat, in der Fremde wollte sie dann Ordnung schassen mit ihrem Herzen.

Kurz vor Mittag legteFairplay" 8" in Cuxhaven an.

Arda verabschiedete^ sich mit kurzem Tank vom Steuermann Tieste. Mit hastigen Schritten eilte sie über dieAlte Liebe" nach der Stadt zu.

Von einem Bootsmann erfuhr sie. daß abends gegen acht Uhr dieSilvana" nach Hamburg fahre, und diesen Dampfer wollte sie benutzen.

Sie ivandertc nun aus dem Teiche entlang bis an den Tösener Strand.

Ncbcrall fröhliches, lachendes Leben, das sic ihren eigenen Kummer um so härter fühlen ließ.

Zur Mittagszeit suchte sie eine billige Gartenwirtschast auf und ließ sich einen Imbiß reichen. Doch sie berührte kaum die Speisen.

Am Nachmittag wandcrte sie planlos durch die Straßen der Stadt. Wieder an den Strand zu gehen, fehlte ihr der Mut. Trotz ihrer einsachcn Kleidung liatte ihre Schönheit doch Auf­sehen erregt, und müßige Strandbummler hatten ihr unverblümt ihre Huldianng dargcbrncht.

So ging sie jetzt nach dem Stadtinnern, das wie ausgestorben dalaa.

Sie durchirrte einige Straßen, kam in den Ritzebüttcler Stadtteil und ließ sich dann in dem großen, schattigen Park erschöllst ans einer Bank nieder.

Kein Laut regte sich.

Das alle Schloß inmitten der mächtigen Baumriesen leuchtete mit seiner Vorderfront ivie das Märchenschloß eines Zauber- landcs.

Aus de»» Wege vor 'Arda« Bank hüpfte cm Buchfink und flatterte dann auf einen schwaukenden Zweig.