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»»genehm sein konnte, weil ich das Karnickel war. Ich darf Wohl wenigstens de» Damen noch im Laufe des heutigen Tages berichten, dass Sie die Sache nicht krumnigenom- men haben?"
„Ganz und gar nicht, mein werter Herr Geheimrat, und wen» ich offen sein soll, war cs mir sehr lieb, daß Sie diese Einladung vergessen haben."
„Wieso?" fragte Kersten erstaunt.
„Weil es inir sehr unangenehm gewesen wäre, dazubleiben und mit am Tische zu sitzen, gewissermaßen bereit, alle Liebenswürdigkeiten zu empfangen, die man mir schuldig war oder wenigstens schuldig zu sein glaubte. Gerade weil ich alle Dautsagungen und Freundlichkeiten vermeiden wollte, bin ich gegangen und bin froh, daß cs so gekom-- men ist."
„Nehmen Sic mir's nicht übel, lieber Bcrgrat, aber was Sie da reden, ist mir gänzlich unverständlich. Es kann Ihnen doch nicht unangenehm sein, mit Leuten an einem Tisch zu sitzen, die Ihne» gegenüber das Dankgcsühl haben."
„Unter anderen Verhältnissen als hier natürlich nicht, aber wenn man sich so unbelyrglich fühlt!"
Werner brach plötzlich ab, und Kersten machte große, erstaunte Augen.
„Unbehaglich? Mein Gott, so rede» Sie doch! Ist irgend etwas nicht in Ordnung, paßt Ihnen irgend etwas urcht? Sprechen Sie sich doch offen mir gegenüber aus. Nur kein Schmollen, kein Mucksen, kein Maulhängen! Wir sind doch Männer und nicht hysterische Weiber. Was ist denn geschehen?"
„Nichts, Herr Geheimrat, nichts! Ich bitte Sie dringend, keine falschen Schlüsse aus meiner Bemerkung zu ziehen! Sagen wir anstatt „unbehaglich": „unsicher", obgleich auch das nicht das richtige Wort ist. Gar nichts ist geschehen Sie brauchen sich nicht zu beimruhigen! Aber die Verhältnisse hier sind nicht normal, das habe ich Ihnen von Anfang an gesagt. Wenn ich mit Fräulein Dora Buchwald zusammen bin, dann habe ich meine Unbefangenheit nicht, die ich jeder anderen Dame gegenüber habe; denn Fräulein Buchwald ist meine Chefin, ist meine Brotherrin. Ich bin von ihr abhängt-A ich bin ihr Untergebener. Ich fühle mich unsicher, wie ich mein Benehmen ihr gegenüber einrichten soll. Ich habe immer das Gefühl, daß ich nicht den richtigen Mittelweg treffe zwischen der Zurückhaltung, di mir als Angestelltem der Dame zukommt, und der Höflichkeit, die ich ihr schulde, weil sie eine Dame ist. Zwischen mir und der Dame steht immer der Schatten meines Vorgängers."
Der Geheimrat schlug mit der flachen Hand aus den Tisch.
„Verdammte Klatscherei!" ries er. „Da hat Ihnen wieder irgend jemand etwas in die Ohren geblasen, natürlich entstellt, verdreht und übertrieben. Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ihr Vorgänger war ein taktloser Esel. Er hatte es sich in den Kops gesetzt, Dora zu heiraten und hier den Herrn zu machen. Er kam täglich ungcrusen, angeblich in dienstlichen Angelegenheiten nach Saarkirchen, um Dora unter den nichtssagendsten Vorwänden zu sprechen, blieb dann stundenlang den Damen aus dem Halse, machte immer deutlichere Anspielungen betreffs Liebe, Verlobung und Eheschließung, bis e8 Dora zu viel wurde und sie den Mann loszuwerden suchte, sie abreiste und ihm durch mich dle Kündigung zuaehen ließ. Sie hat in der Notwehr gegen einen recht taktlosen Narren gelsandelt. Sie betrage» sich vernünftig und taktvoll gegen sie. Was haben Sie also jju fürchten, was kann Sie beunruhigen, ivas macht Sic nervös und unsicher? Ist Ihnen irgend etwas an Dora Buchwald unsyinpathisch?"
„Nein, nein, ganz ini Gegenteil!" antwortete Werner, und in: nächsten Augenblick hätte er sich auf den Mund schlagen mögen. Er fühlte, wie ihm das Blut in das Gesicht stieg, und das verwirrte ihn dermaßen, daß er unzusammenhängend zu stottern begann:
„Ich meine — ich wollte nur sagen — Fräulein Buch- tvald ist mir natürlich in keiner Weise unsympathisch — im Gegenteil, sie hat alle die Eigenschaften, die Sie mir einst an ihr rühmten."
„ES freut mich, daß Sie das eingesehe» haben," eut- gegnete Geheimrat Kersten; „um so mehr wundert es mich dann aber, daß Sic nervös werden. Wenn Sie wirtlich eingeleheu habe», welch scksätzenswerte Eigenschaften Dora besitzt, müssen Sie wissen, daß an ihr alles klar, ehrlich, ohne Falschheit und ohne Hintergedanken ist. Ich meine,
wenn man eine derartige Person v«r sich hat, sei es Monn oder Weib, gewinnt man doch Sicherheit und nicht das Gegenteil."
„Sie haben recht, Herr Gelseimrat, ganz reckst. Ich sehe es ein, ich bin wohl mit vorgefaßter Meinung hier an die ganzen Verhältnisse herangetretcn."
„Das habe ich sofort gemerkt, als Sie Iserkamen, und habe es gefürchtet tztun gewöhnen Sie sich diese vorgefaßte Meinung ab. Ich denke. Sie haben allen Grund dazu, sich nicht selbst Sachen zu suggerieren, die Sie in Ihrem seelischen Gleichgewichte störe». Und dann will ich Ihnen etwas sagen, lieber Freund. Sie können es mir glauben, denn ich bin ein älter, erfahrener Monn: man gewöhnt sich an alles, auch an Verhältnisse, die Sie als normal bezeichnen. Geiviß, ich gebe es zu: es ist nicht angenehm, eine junge Dame zur Chefin zu haben, ivenn man sich in Ihrer Stellung befindet. Doch auch daran gewöhnt man sich. Aber nun hoffe ich, Sie in der nötigen seelischen Verfassung zu haben, um Ihnen eine Bitte vorzutragen, und zwar im Namen von Fräulein Buchwald, respektive im Interesse des Dienstes. Der Belriebssührer der Justinus- Steinkohlengrube, Berginspektor Brandt, hat gestern abend einen Schlagansall erlitten »nd ist in das Uuappschasts- lazarett geschafft worden. An seinem Aufkommen wird ge- zweiselt. Aus der Justinus-Grube sind wichtige Umbauten im Gange. Es hilft Ihnen nichts: Sie müssen die Leitung der Justinus-Grube auch übernehmen. Ich hoffe, Sic machen mir keine Umständlichkeiten. Sic sind allerdings nur als Direktor des Walzwerks engagiert, aber selbstverständlich werden Ihre Bezüge erhöht, wenn Sie auch noch die Leitung der Steinkohlengrube „Justinus" übernehmen. Sie sind aber gleichzeitig als zukünftiger Generaldirektor designiert, und es ist logisch und vernünftig, wenn ivir nicht erst ivieder einen neuen Betriebsleiter für die Justinus- Grube engagieren, sondern ivenn Sie ganz nach Ihren Intentionen »nd Wünschen die Umbauten dort vornehme» lassen, um dann, ivenn Sie Generaldirektor sind, ganz nach Ihrem Belieben sich einen Betriebsführer für die Justinus- Grube zu eugagieren. Ich weiß. Sie sitzen in kolossalev Arbeit, ich iveiß, Sie planen eine Vergrößerung des Walzwerks »nd einige Neuerungen. Um mir Ihr Wohlwollen zu erwerben, will ich Ihnen nur gleich sagen, daß ich inich über Ihre Absicht freue, daß ich mit Ihren Plänen vollkommen einverstanden bin und nicht einen Augenblick zweifle, daß dieselben ganz nach Ihren Wünschen zur Ausführung gebracht werden. Nu» seien Sie aber einmal gemütlich und sagen Sie ja. Sie wollen die Leitung der Justinus-Grube übernehmen. Allzuviel Arbeit war bei Ihnen nie ein Hinderungsgrund; Sie gehören zu den Genies, die es verstehen, immer mehr Zeit zu haben, je mehr sie arbeiten."
Werner lächelte und erklärte:
„Mein lieber, werter Herr Geheimrat, es ifr wirklich nicht nötig, daß Sie eine solche Flut von Schmeicheleien auf niich niedergehen lasse». Sie sage», cs handelt sich um einen Gefallen, den ich Ihnen und der Besitzerin des Bergwerks tun soll. Wie Sie richtig bemerkten, hat mich eine Ucber- süllc von Arbeit noch nie abgeschreckt. Ich bin bereit, auch die Leitung der Justinus-Grube zu übernehmen."
„Das war ein Wort," sagte der Gchcimrat, „nun erkenne ich ivieder meinen alten, lieben Werner. Und die nichts- würdige Suggestion von Weiberregimcnt und allen möglichen Geschichten lassen Sie sich gefälligst aus dem Kopfe gehen. Mein Wagen steht vor der Tür; wir müsse» hinüber nach der Justinus Grube. Ich will Ihnen dort die Beamten vor- stellen, und Sie müssen sofort eingreifen, denn die Justinus- Grube muß so bald wie möglich in vollen Betrieb gestellt werden, weil wir sonst unseren Bedarf an Steinkohle nicht genügend decken können. Sie haben nur an zwei verschiedenen Orlen zu arbeiten, Sic müssen vormittags auf dem einen und nachmittags auf dem anderen Werke tätig sein. Aber Sie haben Ihre Eauipage zur Verfügung, und Sie können auch ein Automobil hekommen, ein kleines Auto, das die Damen nicht mehr benützen und das in bester Verfassung ist. Sie uehnien uns eine Sorge ab, und wir werden Ihnen alle dankbar sein. Wie Sie wissen, stimme ich mit Ihren Plänen betreffs der Theresienhütte überein; aher das muß ich Ihnen sagen: Es ist viel wichtiger, daß die Justinus- Grube in vollen Betrieb kommt, daß dort die Umbauten mit großer Beschleunigung sertiggestellt werden, als daß wir hier Neuerungen und Erweiterungen des Walzwerks vornehmen.


