Weiber-Krgiment.
Kornau von Oskar Klaußmann.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
3. Kapitel.
Am nächsten Morgen sas; Werner in seinem Bureau und rechtlcte:
„4 nial 3 ist 9 und 5 ist 13."
Eilig fuhr der Bleistist über das Papier, Zahl reihte sich neben nnd unter Zahl, und das Resultat war falsch, das sah Werner ans den ersten Blick. Roch einmal begann er von vorn zu rechnen und entdeckte Fehler neben Fehler. Es tvar, als hätte er seit dem gestrigen Abend die Kunst des Rechnens vollständig verlernt. So stümperhaft hatte er als Schüler nicht gerechnet.
Er legte den Bleistist beiseite und trat an das Fenster. Er sah das Leben und Treiben aus den Höfen des Walzwerkes, er sah die Lokomotiven mit den leeren und vollen Eiseubahuwagen ans den Anschlußgleisen hin und her fahren. Aber es kam ihm nicht zum Bewußtsein, was er sah.
In ihm war etwas, Ivas er bisher nicht gekannt hatte: eine Unruhe, eine Unsicherheit und Ungewissheit, ein Ge fühl der Befriedigung, das gleichzeitig Angst erzeugte. "
War es denn wirklich möglich, daß ein?lugenblick des Zusammenseins mit einem Weibe, ein Blick aus leuchtenden Frauenauge» im Innern eines Mannes eine solche Veränderung Hervorrufen konnte?
War da plötzlich in ihm etwas tvach getvorden, ein Gefühl. eine Leidenschaft, von deren Vorhandensein er bisher nichts, absolut nichts gewußt, und steckte in jedem Manne die Möglichkeit, das; explosiv ein solches Gefühl lebendig wurde und das ganze Denken und Fühlen des Mannes beherrschte?
War er bisher Ivie ein Blinder der Welt, besonders den Frauen gegenüber gewesen, hatte er bisher eine Lücke in seinem Empfinden gehabt, einen Defekt in seinem Gemüt? —
Ein Narr tvar er, ein Mordsnarr! Mit tvelcher Geschicklichkeit trat er nicht in die Fußtapsc» seines Vorgängers! Das tvar das Richtige: sicl> in die Chefin verlieben, sein Gefühl verraten und ihr binnen kurzem lästig und unsympathisch zu werdet«, um schließlich fortgcjagt zu werden mit Spott und Schande!
Er begriff seinen Vorgänger, er verstand es toohl, daß dieser sich gleich ihm hatte gesangcnuehmen lassen durch den Zauber, der von Dora Bucknvald ausging. Und er haßte gleichzeitig diesen Mann, den er nie gekannt, tveil jener es gewagt hatte, seine Angen zu Dora Buchwald zu erhebet« nnd ihr' mit seinen Gefühlen lästig zu falleit.
Ein ekelhafter, taktloser Frechlings . . .
Es tvürde vorübergehen, es mußte vorübergehen. War er nicht Mann genug, um sich zu beherrschen, um diese» törichte Aufslackern einer wilden Leidenschaft, die er heut zum erstenmal fühlte, zu unterdrücken, einzndämmen tvenig- stens, bis er in Sicherheit war?
Und er mußte sich in Sicherheit bringen. Er durste nicht hier bleiben, er mußte fort. Er wünschte, das Jahr wäre uni getvesen. War er nicht der Mann der Energie, der Tatkraft und des unerschütterlichen Willens, der bisher alles erreicht hatte, toas er erreichen wollte — nnd hier sollte er schwächlich, feig und abhängig von törichten Gefühlen sein, die wahrscheinlich ebenso rasch vergingen tote sie gekommen waren?
Werner ging einigemale im Bureau auf und ab und trat dann an das gegenüberliegende Fenster.
Eine Equipage kam auf den Hof gefahren, und als sie näher heran tvar, erkannte Werner den Wagen des Geheiin- rats Kerslen.
„Was tvill er so früh hier?" fragte er sich. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und tat, als wäre er eifrig bel- schäftigt.
Der Arbeiter in Feuerwehruniform, der draußen Or- donnanzdienste tat, riß die Tür aus und meldete:
„Herr Geheimrat Kersten."
Werner sprang lebhaft ans und ging seinem Gönner höilich' entgegen.
„Guten Morgen, lieber Bergrat!" rief Kersten. „Hoffentlich störe ich nicht allzusehr. Ich komnie mit einem ganzen Sack voll Neuigkeiten. Das Neueste zuerst: Sie sind gestern abend ganz plötzlich verschwunden, und ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Ich halte mit Dora und Frau^Schot- telius verabredet, daß wir vier, die beiden Damen, Sie und ich, an einem Tische essen ivürden, und war beauftragt, Sie einzuladen Das habe ich in dem Augenblick, in dem ich Sie im Musikverein traf, vergessen. Klinter sagte dann, Sie wären fortgegangen, weil Sie sich abgespannt fühlten und heute früh aus deni Bureau sein ivollten. Ich hoffe nur, Sie haben mein Versehen nicht übelgenommcn. Ich bin ein alter Man», der eine Menge Dinge im Köpf hat. Ich habe sogar vergessen. Ihnen gestern abend mitznteilen, daß mein Sohn von Ostafrika unterwegs ist. Er hat mir von der Küste aus ein Kabeltelegramm geschickt, daß es ihm besser geht nnd daß er sich durch die Seefahrt genügend zn erholen hoffe. Er kommt zn dreimonatigem Urlaub hierher. Ich habe mich so über das Telegramm gefreut, daß ich an gar nichts anderes dachte. Ich bin die Angst »>n die Erkrankung des Jungen los, und Sie können sich denken, tvie ich mich freue, ihn drei Monate bei mir zu haben. Die Damen, besonders Fräulein Dvra, haben meine Entschuldigung natürlich nicht annehmen ivotlen. Man fürchtete, Sie seien verletzt, »rau tvollte Ihnen gegenüber sich irgendtvie dankbar zeige» für Pie freundliche Hilfe, die Sie Dora bei ihrem Bortrage nud mit der Begleitung hatten zuteil werden lassen, nnd eS herrschte ziemliche Verstimmuug am Tisch, was mir nicht


