lIlltUDom. oen 6. Mai

_ nr. 70

Wrider-Akgiment.

Roman von Oskar Klaußmann.

(Nachdruck verboten.)

1. K a p i t c (.

Der Schnellzug verlangsamte seine Fahrt. Er war von Belgien her nach Westdeutschland gekommen und auf sei­nem Laufe von Nord nach Süd eine Zeitlang durch die Ebene efahren. Jetzt kam er wieder in den Bergwald, und die okomotive zog den schweren D-Zug keuchend an den Berg­abhängen empor. Da, wo auf der Höhe der Nadelwald die Aussicht nicht behinderte, blickte man weit hinaus in ein Land voll gewaltiger Industrie. Dicht nebeneinander, in den Talern, an den Abhängen, auf den Höhenrücken, lagen die ausgedehnten Berg- und Hüttenwerke. Dutzende von Essen sah man an den einzelnen Stellen vereinigt. Hohe und niedere Gebäude zwischen ihnen machten jden Eindruck von geschlossenen Ortschaften. Zwischen den Wer­ken aber erhoben sich gewaltige Dämme, die sogenannten Halden, gebildet durch die Asche der Hüttenwerke uud durch das taube Gestein der Bergwerke. Noch mehr Ab­wechselung in dieses eigenartige Bild brachten die großen Arbeiterkolonien, von denen einzelne gewiß Hunderten von Menschen Unterkunft geivährten, und die mit ihren frisch­roten, uniform gebauten Häusern ins Grün des Berg­waldes oder parkartiger Anlagen eingebettet waren.

Der Frühlingshimmel, der sich über der Landschaft wölbte, war wolkenlos. Aber nur unmittelbar über dem Beschauer, der beobachtend am Korridorfenster des D-Wa- ge»S stand, zeigte der Himmel goldigen, hellen Schein. Weißliche, gelbliche, dunkelblaue und graue Rauchtvolken bildeten einen Dunstschleier, der Landschaft und Gebäu­lichkeiten halb verbarg.

Der Beobachter ain Korridorfenster war ein mehr als mittelgroßer, breitschultriger Mann am Ende der drei­ßiger Jahre. Eine etwas hakenförmige Nase unter der hohen Stirn, auf welcher zwischen den Augenbraueit zwei Falten aus Trotz und Energie deuteten, gaben zusammen mit dem ziemlich langen, dunkelblonden Bart dem Ge­sichte etwas Martialisches, wenn nicht Selbstbewußtes. Die­ser Mann war osfenbar ans Befehlen gewöhnt, und er besaß Energie und Zähigkeit genug, um seine Befehle durch­zusetzen Seine graublauen Äugen hatten zeitweise einen hellen Glanz: meist aber blickten sie kalt und beobachtend umher.

Der Beobachter verließ den Korridor uud trat durch die Schiebetür in das Abteil des D-Wageus zurück. Er war der einzige Fahrgast in biefem Abteil. Er setzte sich in der Ecke zurecht uud zog aus der Brusttasche seines dunkelgrauen Reiseanzugs einen Brief, der die Aufschrift trug:An den Königlich Preußischen Berg Assessor Herrn Werner Spalding, Seraing in Belgien, Eockerill-Werke."

Werner «entnahm dein Briefumschlag jnrn beschriebene

Quartbriefbogen, die in der linken Ecke den Aufdruck zeig­ten:I. Kersten, Geheimer Bergrat, Generaldirektor a. D."

Der Brief lautete:

^,Mein lieber Werner!

Gestatten Sie mir diese vertrauliche Anrede, zu der ich mich berechtigt glaube, nicht nur dadurch, daß ich einer der ältesten Freunde Ihres verstorbenen Vaters war, son­dern weil es mir auch vergönnt gewesen ist, Sie seit frühester Jugend zu kennen und Ihren Bildungsgang als Berg- und Hüttenmann ein wenig zu überlvachen. Ich wähle in diesem Augenblick gern diese Anrede, un> Ihnen anzudeuten, daß nicht der Fachmann, sondern der Freund zu Ihnen spricht. Sie haben mir mitgeteilt, daß Sie Ihren Studienaufenthalt auf den Cockerill-Werken in Seraing be­endigen wollen und daß Ihnen etwas daran läge, lmeder nach Deutschland in eine Stellung zu kommen, nachdem Sie sich drei Jahre lang im Auslande bewegt haben. Ich wäre in der Lage, Ihnen ein Angebot zu machen, das, Ivie ich glaube, so wichtig ist, daß es über Ihre Zukunft ent­scheidet. Kommen Sie so bald wie möglich hierher nach Dasburg. Sie sollen eine Stelle als Direktor der The- resien-chütte (Stahl- und Walzwerks übernehmen Das Werk befindet sich in bester Verfassung, ist entwicklungsfähig, und für einen so temperamentvollen Ingenieur, wie Sie es sind, für einen Mann von solcher Pflichttreue und Energie muß es eine Lust sein, eine sache in die Hand zu nehmen, Die ausdehnungs- und vergrößerungsfähig nach allen Richtungen hin ist. Mit der Uebernahme dieses Po­stens aber ist Ihre zukünftige Laufbahn noch nicht beendet. Die Besitzer des Werkes beabsichtigen, wenn sich zlvischen denselben und Ihnen angenehme Beziehungen entwickeln und die Verhältnisse sich zu beiderseitiger Zuftiedenheit gestalten, die gesamten Werke (Kohlenbergiverke, Koksan­stalt, Eisenbergwerke, Blenderöst-Anstalt, Schwefelsäure- Fabrik, Schamotte-Fabrik, Blei- und Silber-Hütte) Ihrer Leitung zu unterstellen und Sie zum Generaldirektor zu inuchen. Es handelt sich in Sunrma um Werke mit unge­fähr 220 Beamten und 15000 Arbeitern. Die Werke sind ausnahmslos in glänzendstem Zustand: aber eine energi­sche Hand tut not und muß bald eingreisen. Ich meine, diese Aussichten müßten für Sie geradezu verlockend sein. Sie, der sich umsomehr freut, je größer die Arbeit ist, die er zu bewältigen hat, der erfüllt von Tatendrang uiü» Tatenlust ist. Sie'werden, wie ich hoffe, mit einer gewissen Begeisterung auf meine Offerte eingehcn. Schreibe» Sie mir, >va»n Sie kommen können; Sie sind jederzeit will­kommen."

Auf diese allerdings verlockende Offerte hatte Werner dem Geheimrat Kersten telegraphisch seine Zusage gegeben und mitgeteilt, daß er in ungefähr vier Wochen in Das­burg sein könne.

Der zweite Brief gab der Freude des alten Herrn über die Zusage Werners Ausdruck uud teilte ferner mit:

Sie kommen in vier Wochen gerade zur rechten Zeit.