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„Beneidenswert sind sie!"
Und sein Blick streifte ihre schlanken, feinen Füße, die behutsam über die Blüten hinwegschritlen.
So gingen sie zwischen den Taxushecken dahin. Eine Weile schwieg auch Kehler. Dann begann er plötzlich:
„Ich habe Ihnen noch zu danken, mein gnädiges Fräulein."
„Mir? Wofür?"
„Neulich, bei meinem ersten Auftreten. Wenn Sic nicht gewesen ivären, ich hätte miserabel gespielt."
Sie erschrak. All die Gedanken wirbelten wieder in ihx auf. Und es klang etwas stockend, als sie nun sagte:
„Was hat meine Anwesenheit damit zu tun? Das verstehe ich nicht."
„O doch! Sehen Sie, mein gnädiges Fräulein — auch unsereiüer stumpft ab in seinem Berufe. Der Beifall der Menge, das ist wie ein Narkotikum, an das man sich gewöhnt. Das lockt und reizt nicht mehr genügend. So komint man leicht oazn, sich auf der Bühne gehen zu lassen. Man ist ja auch nicht immer in Stimmung. Da braucht man nun etwas, das einen emporreiht. Besonders.ich. Ich muß immer jcniand haben, für den ich spiele; der mich versteht, oder an dessen Urteil mir etwas gelegen ist. So daß idy weih: es lohnt sich für mich, mein Bestes zu geben."
„So meinen Sie das!"
„Ja, mem gnädigstes Fräulein. Und in Berlin, lvo ich bekannt, zu Haus bin, da macht sich das auch meist so. Da tveih ich immer jemand im Haus, für den es sich lohnt. Hier aber? Pardon, cs klingt ja gewiß sehr prätentiös und undankbar gegen die Prinzessin, aber ich bin ganz offen zu Ihnen: ich ivar neulich abends herzlich wenig in Stimmung. Dieses stumpssinnige Nest hier, der Janimerkasten von Theater, das ganze Ensemble — ich bin nun mal verwöhnt, geb's gern zu — kurzum, als es losging, ich spielte einfach hundsmiserabel. Sie müssen es doch auch empfunden haben?"
„Ich weiß nicht — ich kam erst später."
„O, das Hab ich wohl bemerkt!" Sehr lebhaft warf er es ei». „Und sehen Sie, mein gnädiges Fräulein, gerade das ward ja meine Rettung. Wenn Sie nicht gekommen wären — »a! Erlauben Sie mir also, cs Ihnen als schuldigen Dankbarkeitstribut zu sagen: Ich spielte neulich nur für Sie — nur!"
Gerda lachte. Sie verbarg sich hinter diesem Lachen und hinter der anscheineichen Unbefangenheit ihres Tones, als sie nun fragte:
„Aber was hatte ich denn nur so Besonderes an mir, daß Sic gerade auf mich verfielen?"
„Sie — ja, wie sag' ich nur gleich? Wie ich Sie so sah, zivischen all den Larven um Sie herum, Alltags-, Kleinstadt-Menschen, engherzig und flügellahm — da Halle ich sofort ein Gefühl: Sie gehören da nicht hinein! Wie eine verwunschene Prinzessin kamen Sie mir vor, die ihre Schönheit, ihre Jugend hinter dumpfen Mauern vertrauern muß."
Es kam keine Antwort von Gerda. Sle war betrosse». Daß er ihr Wesen, ihre Verhältnisse so durchschaut hatte. Gleich mit dem erste» Blick. Das war ja fast zum ?! echten, wenn jemand so in Seelen zu lesen verstand.
„Sie schiveigcn, mein gnüdiges Fräulein — sagte ich etwas, was Sie verletzte?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Oder hatte ich etwa nicht recht mit meinen Empfindungen?"
„Doch — überraschend recht! Das ist's ja gerade."
lind sie sah ihn letzt an — erst noch etwas scheu.
„Wie konnten Sie so in mein Inneres sehen?"
„Das bringt der Beruf so mit sich," scherzte er. „Aber lassen wir das. Ich hatte also recht, das interessiert mich. Und nun sagen Sie mir: Wie halten Sie cs nur aus hier? Waruni sind Sie nicht schon langst draußen — in der Freiheit?"
Sie machte eine resignierte Bewegung.
„Sie vergessen, daß ich die Tochter eines altiven Ossi- ziers bin. Das erlegt Pflichten aus und Rücksichten."
„Ja, ja, natürlich. Aber, Herrgott, wenn ich an Ihrer Stelle wäre —!"
Ein Lächeln spielte um ihre Lippen.
„Ja, ivenn ich ein Mann wäre! Sie sind eben zu beneiden. Wie glücklich müssen Sic doch sein."
Er griff das Wort auf.
„Glücklich?"
„Nun etwa nicht? Gerade Sie haben doch im vollsten Maße das, was mir fehlt: Ungebundenheit, Freiheit."
Er lachte.
„Ja. die Freiheit des Fahrenden — Zigennerfreiheitl"
„Das sagen Sie, dem alle Ehren zuteil werden? Den Fürsten auszeichnen?"
„Nun, das tun sie ja mit einem Zigeunerprimas hentu zutage auch, wenn er einmal in Mode ist. Aber ändert das etwas? Bleibt man darunl nicht doch einsam wie der Fahrende draußen auf der Straße?"
In Gerda war ein Verwundern. Ueber Einsamkeit der Seele klagte er, dem so viele Frauen nur allzu willig ihr Herz zu erschließen bereit waren?
Es war, wie ivenn er ihre geheimen Gedanken erriet.
„Abenteuer — gewiß. Die hat man genug bei solchem Leben. Aber kann das aus die Dauer Befriedigung ge-> wäkiren? Man sehnt sich nach dem heiligen Feuer, doch es bleibt beim Sehnen. Man sieht doch immer wieder, daß einen ein Irrlicht betrog."
Sle schwieg noch immer. Da sagte er nach einer Weile:
„Verzeihen Sie, mein gnädigstes Fräulein. Sie müssen sich wundern über mich. Mir mar da eben, als wären wir schon lange bekannt — gut bekannt. Sollte mich dies Gefühl zu wett geführt haben, so verzeihen «ie mir und vergessen Sie, was ich sagte."
Sic erwiderte auch jetzt noch nichts. Seine Worte klangen in ihr nach. Und der Ton seiner Stimme, so dicht neben ihr im Halbdunkel, der sic >vieder-ganz in seinen Bann zog. Wie damals im Theater.
„Ich fürchte, ich habe mir wirklich Ihre Gnade verscherzt," hörte sie ihn da sagen.
Nun schüttelte sie das Haupt. Ihr Blick traf den seinen.
„Ich bin doch Sein Kind, Herr Kehler. Sie dursten so sprechen."
Sie ivaren inzivischen dem Rondell nahe gekommen. Walzerklänge schlugen ihnen entgegen. Auf der Bretterbühne unter der alte» Linde ivurde schon getanzt. Als die beiden sich dem Platze näherten, winkle Prinzeß Juliane den Schauspieler an sich heran. So wurden sie getrennt.
Gerda ging zu dem Tisch, wo ihre Mutter und Frau Brencken saßen. In Nachdenken versunken, blickte sie in das Drehen der Paare drüben. Noch ganz unter dem Eindruck von Keßlers Persönlichkeit. Mehrmals kamen Herren, sic um einen Tanz zu bitten. Aber sie dankte jedesmal:
„Bitte, jetzt noch nicht. Ich will mich erst ein wenig ausruhen — vielleicht später."
Und ihr Auge slog wieder zu der Gruppe drüben im Licht, lvo sic eben Keßler entdeckt batte, noch immer im Gespräch mit Prinzeß Juliane, der levhasten, etwas korpulenten kleinen Dame, neben der seine hohe Gestalt doppelt zur Geltung kam. Seine ganze Erscheinung, seine gehaltene Art, vornehin in jeder Bewegung nein, das war kein „Fahrender", kein „Zigeuner". Gentleman war er in jedem Zoll. Aristokrat. Sie stellte es fest: da war keiner hier, auf dem ganzen Festplatz, der sich mit ihm messen konnte.
lJorlsetzung folg!.)
3nt vogelsberg.
Von T h. E e l l a r i n s. lFortsetzung.)
Bon allerlei Häusern und Dörfern.
Die Hütte links und die Hütte rechts und der dicke Heinrich.
Es gibt Häuser, die nichtssagend, wen» auch noch so protzig, am Wege stehn — das sind in erster Linie die Miclkascrncn großer Städte — und es gibt solche, die beredt sind: die uns von der Art
ihrer derzeitigen Besitzer oder einstigen Erbauer, von alter oder »euer Zeit etwas zu erzählen haben.
Denn wo ein Mensch dem eigenen Bedürfnis und Schönbeits- emviindeu enliprcchend für sich und die Seinen — und vielleicht noch im Gedenken an kommende Generationen seines Geschlechtes — ein Haus baue» läßt, wird etwas von seiner Eigenart daran znm Ausdruck kommen.
So reden zu uns aus dahinacrauschte» Jahrhunderte» die Burgen und Häuser erloschener Geschlechter! So reden noch die trau- jichen, alten deutschen Städte und Städtchen mit ihren altersgrauen Kirche» und lipdenbeschalletcn Kirchvlätzcn, mit ihren Marktplätzen, ranjäiendcu Brunnen und verzierte» Giebeln.
Doch auch die Törser — als Wohnstätten komervaliocr Menschen, die ihre Eigenart den alles nivellierenden Strömungen des Zeitgeistes gegenüber bckser beioahren als die Städte sprechen ihre besonderen Sprachen.


