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fte. Was sollte der Gesühlsballast? Kam man nicht viel wei 1er ohne ihn? Lehrte sie nicht sogar die eigene Mutter, nur der Stimme der Berunnst zu folgen, das andere brachte doch nur Unglück und Enttäuschung?
Aber doch um jenes andere in ihr. eS war das stärkere. Das Erbteil vom Vater ojsenbar. I» ihm hatte der Alltag doch nicht ganz den höheren Zug anslöschen können. Von seiner Tüchtigkeit, die nach inneren Werten suchte, war viel ans die Tochter nbergegaugc».
„Du bist ja doch mein Kind!" Sie verstand nun das Wort, das er so manchmal mit leisem Stolz vor sich hin gesprochen' hatte, lveiiu er sie im Arni hielt. Ja, sie tour sei» Kind — aber sich zum Glück? Ob sie nun den Weg ging oder jenen — etwas in ihr blieb doch! stcls unbefriedigt.
Lang klang der Seufzer durch das stille Mädchen 1 limitier. So schwer, beklemmend legte sich ihc heute die Luft in dem geschlossenen Raume auf die Brust. Da ging Gerda hinaus, aus dem Haus in den Garten, zu dem er- höhte» Sitz au der Mauer.
Hier saß sie und blickte aus die Strafte hinaus. Aber da ivar auch nichts, was sie aus andere Gedanke» gebracht hätte, lim die Dämmerstunde tvie jetzt zeigte fick, kaum noch jemand; und das einzige, was sie hörte, war der eint förmige, schwere Schritt, mit dem drüben vor der Hans- tür der ivachhabcilde Posten aus und ab ging. Trostlos auch das hier.
Plötzlich aber machte sie ein anderes Geräusch doch ans- horche». Ein klirrendes Ausstößen ans dem Pflaster — ein wohlbekannter Laut: da muhte ei» Offizier die Strafte herauskomme». Sie beugte sich ein wenig über die Mauer brüstung vor. Richtig — da kam Walter Kyllburg
Ru» ivar er heran. Er schwankte offenbar erst, ob er nicht nur grüßend weitcvgehcn sollte; daun aber verlangt {einte er doch seinen Schritt und blieb jetzt vor ihr stehen. Gerade unterhalb ihres erhöhten Sitzes.
„Guten Abend, Fräulein Gerda — jo allein hier? Warum nicht auch im Theater?"
Es Ivar ein Forsche» in seinem Blick.
„Ich mache mir nicht viel ans dem Othello. Zu viel Leidenschaft. Was saugen wir Modernen damit an?"
„Ja, Sie haben recht. Wir lerne» hübsch verstäub,ist sein, jedes »»passende Gefühl beizeiten unterdrücken."
„llnd ivir kn» nur recht daran. Sic werden cs auch schon noch verstehe» lernen."
„Mag sei» das Leben macht ja so viel ans einen,."
Milde sagte er es, und sie vermieden es beide, einander anznsehcn. War es doch das erste Zusammensein wieder zu ziveit, nach jener Stunde damals im Walde. Tann aber hob er doch de» Blick zn ihr empor.
„Ihre Gedanken waren mich keine srendigen, als ich kam."
„Wo sollte» die auch Herkommen?"
Und mit einer verlorenen Bewegung griff sie ins Blattwerk neben sich. So sagte sie nach einer Weile inii leises Bitterkeit t
„Ich habe philosophische Betrachtungen angestellt, und wissen Sie, Ivas meiner Weisheit letzter Schluß war?"
Er schüttelte de» Kops.
„Die unglücklichsten aller Menschenlinder sind die, denen die berühmten ztvei Seelen in der Brust wohne»."
„Ich verstehe Sie nicht ganz, F-rcinlei» Gerda."
„Run sehen Sie -- ziim Beispiel meine Schwestern Edith nnd Astrid — zlvei entgrgngcsehte Pole, aber jede eine in sich geschlossene, einheitliche Persönlichkeit."
Er nickte jetzt.
„Edith, ganz Pflichtgefühl, ich möchte sagen, eine soldatische Natur, könnte nie ganz unglücklich werden, iva-s das Leben auch mit ihr machen würde. Ihre Pslicht nnd Schuldigkeit tun, aus dem Posten, wohin sie das Schicksal einmal gestellt hat, au-sharre», das ist ihr Ehrensache, nnd das gewahrt ihr auch eine stille Besriedignng, die sie alle Entbehrungen ertragen läßt."
„Da haben Sie wohl recht, und Fräulein Astrid?"
„Ist in ähnlicher Lage, wiewohl gänzlich anders geartet. Aber auch sie 'hat den Vorzug der Einheit ihres Fühlen-) »nd Wolle,is. Auch sie würde jich znrechtsilideil in jeder Situation, mit ihrer glücklichen Gabe, das Leben stets von der heiteren Seite zn nehmen. Aber im übrigen! ist sie Tatmensch genug, nicht bloß geduldig abzmvarten, was das Schicksal mit ihr vor hak. Sie ivird selber ein bißchen »achhelse». Und sehr llug und geschickt, vielleicht
sogar etwas unbedenklich, wenn nötig. Aber sie kommt an ihr Ziel nnd tvird einmal ganz zufrieden {ein. Dessen bin ich sicher."
Er neigte zustimmend den Kopf. Daun aber sah er Gerda an:
„Und Sie selber?"
„Ja — ich." Und ihr Blick glitt in-s Weile — in die graue Dämmerung, die hinten in dem alten Garten spann. „Ich bin eine Doppelnatur. Bon jeder der beiden etwas. Das bedeutet immer Konflilte - den ewigen Kamps zwischen Sehnen und Pslicht, zwischen Wollen und Können. Wo >oll da Glück, Zufriedenheit Herkommen?"
Die Hoffnungslosigkeit, die aus ihren Worten klang, crgriss ihn in tiefster Seele.
„Gerda!"
Und seine Hand ivollle nach der ihren neben ihm auf der Mauerbrülning greisen Aber sie schüttelte nur mit stumme! Abwehr il;r Haupt und faltete die Hände um das übergeschlagene Knie. Sv blickte sie still vor sich hin, mit einem Ausdruck trüber, doch fester Entschlossenheit.
Da sank auch ihm die Hand loteder hernieder, und schweigend stand er neben ihr. Bis der schlverc Tritt des Wachtpostens -drüben vorm .Hanse ihn an die Situation erinnerte. Ec konnte hier doch nicht etvig so stehen. Da begann er wieder zu sprechen. Irgend etwas Und er knüpfte da an, wo sie sich gestern getrennt hatten.
,,Icl> war gestern noch eine ganze Weile bei Rasunissen."
So?" Sie sagte es immer noch mit jenem verlorenen Blick.
„Es ivar nämlich ganz interessant, das Publikum dort zn. beobochren, während dieser Herr Keßler dort anwesend war."
„Das kann ich mir denken."
„Ja, man sollte es nicht für möglich halte», daß Mädchen ans gutem Hause sich so geschmacklos benehme» könne». Uni solch eines Thealerhelden willen. Es muß doch etwas Besonderes an dieser VIrt von Leuten sein, das- ivir gewöhnliche Sterbliche nur nicht zu würdigen wissen."
ES war, als wolle über Gerd-aS Gesicht ein Schatten ziehe». Aber dann lachte sie vlönlich leise ans
Er sah sie an, und seine Stirn furchte sich.
„Sie lachen über mich!"
„Und sollt' ich etwa nicht?"
Es zuckte in Kyllburgs Mienen wie in innerem Kampf. Tann hatte er das endgültig üderivundeu, was da seil gestern, ihm selber zum Aerger, immer wieder gegen sein besseres Empfinden anging tlnd ruhig konnte er ihr nun in die Augen sehen, die ihn noch immer mit einem leisen Verspotten anblickte».
„Sie konnte» in der Tat glauben, mich auslachen zu dürfen, Fräulein Gerda? Aber Sie irre» sich dennoch."
„Das müssen Sie mir doch erst beweisen."
„Bitte, ans der Stelle. 'Also: ich habe diesem .Herrn Keßler gestern allerlei abgebeten." Er erzählte von der Abfertigung seiner allzu ansdringlichen Verehrerinnen, nnd schiotz dann: „Ich fand das wirklich sehr anständig von ilini Ich muß überhaupt sagen, der Mann hat mir im Grunde gcsallcn."
So, im» hatte er es hcransgebracht. Es hatte ihm doch einige Nebcrwiuduiig gekostet. Aber er hatte es sich abg» zivnngen. Wie eine Buße, die er sich selber anserlegt hatte für allerlei Gedanleiinnrecht gegen den anderen. Und auch ihr gegennbei. Sie sollte doch nicht denken, daß da vorhin kleinliche Eifersucht aus ihm gesprochen hatte.
tFortsctzung folgt.)
Im vo^elsbekg.
Bo» Th. C c l l a r > » s. t Fortsetzung.)
Bilder ans den, Niddrrtal.
Wen» man von der höchsten Ansiedelung Hessens t.Herchenhain) aas einem Fahrweg in iädirestlicher Richtmig steil bergab gestiegen ist, gelangt man bald in ein immer noch hoch gelegenes, tu den siuisziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhundert-s noch sehr armes Torf: nnd wer am Svälherbst oder Winterabend hindurch ging, sali aus den Fenstern seiner armseligen Häuser de» Flackerschein der- Lichtspanc- in die Gasse keuchten. In den ticser liegenden Orten des BogelSberges wurde — ehe sich die Petroleumlampe dnrchgesetzt hatte — ungctäuterlcs Leinöl für die zhtinderlose», Ilci»


