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Der Grenzftreit.
Von Emil Ludwig.
Die Tessiner sind ei» dunkles Volk. Nicht mehr Schweizer Und noch nicht Italiener, Frei von der nüchternen Ehrlichkeit und dem harten Schweigen des zentralen Schweizers, ober auch fern von der reizenden Redseligkeit des Lbcr- Italieners. Nur wenn sie toll, lvenn sie ganz verbohrt werde», oder wenn sie die Leidenschaft der Liebe oder des Hasses verriickt macht, dann erkennt man sie ganz. Tas Messer, das tmmer locker unter dem ledernen Gürtel steckt, dringt rasch herviov; denn wenn er heiß ivird, dann brennt der Tessiner gleich, wie nur irgend ein Sizilianer. Zuweilen schlägt die Tollheit gleich zuruck auf ihn. Dann sieht man Dämonie aus seiner Stille brechen.
Der Bauer, dessen Tod aus sinnloser Passion — und doch ohne Kamps und Feind — ich nun erzähle,^ will, schien recht gemischt, recht ein Tessiner. Niedrig die Stirne, aber wetterlcuchtend das dunkle Auge, von schwerem Gang, aber mit überraschend schnellen Geste»! so still, so jäh kannte ich ihn schon eine Weile, und so traf ich ihn an jenem Abend plötzlich, als ich nach Hause kam, auf meinem Grund.
Zufall hatte mich an die Ufer dieses glänzenden Sees geführt, Narrheit, Laune, Träumerei hielt mich dort fest. Hochsüber den, «ce, dort wo ein Felsen vorspringt und seinen steilen Absturz dem Wasser zukchrt, stand, iveitab von allen Mederlassungen, das Haus aus groben Steinen uralt, um- wuck)ert vom Lorbeer. Und dasür, daß es alles besaß-, was auch die reichste Villa entbehren mußte, entbehrte es alles, was noch das kleinste Bauernhaus im Dorf besitzt. Um Wildheit, Einsamkeit und Stille zu erobern, mußte der romantische Bewohner auf Wasser, Wege und alle Mittel der Kultur verzichten
Tas ging nun wohl eine Weile; bis der Augenblick kam, da aus den« Abenteuer ein Zustand wünschenswerter Dauer werden wollte, und nun kam hie Reihe der Konzessionen. Die Kultivierung einer Waldeinsamkeit, der Ausbau einer romantischen Szenerie in eine praktische ist eine kleine Komödie für sich, und ich bin gewiß, man hat sie schon geschrieben. Hier aber wurde schon der erste Schritt verhängnisvoll, und der ironische Aspekt verivandclte sich rasch in einen tragischen.
> Ich hatte eben, ein paar hundert Meter lang, eine schmale Röhre in den Boden des Waldes senken lassen, um Wasser aus dem Bache herzuziehcn, mit dessen schönem Rauschen ich mich bisher begnügt. Ein Bauer hatte mir das Recht verbriest, ich fühlte mich mit meinem! Wasser legitim, wie ein Staatsbeamter.
Daß ich Grenzen hatte, wußte ich kaum, das wußte nur das Grundbuch. Als ich das Stückchen Wald gekauft, hatte mir der „Sekretär" des Dorfes, zu dem mein Grund gehörte, meine Grenzen angezeigt, ohne irgend mein Interesse zu erregen. Was taten sie mir, ich hatte ja keinen sichtbaren Nachbarn und vollends dieser Sekretär, als Bote des Gesetzes, machte den Eindruck nicht eben ernster, denn bei ihin war der Zustand absoluter Trunkenheit endemisch geworden.
Aber in einer Ecke des Waldstückes, das nun vor Gott und den Menschen mein geworden, ragte ein Felsen in die Lust. Bis dahin hatte ich ihn immer nur um seiner wilden Klippensorm bewundert, wie trotzig er ausstieg mit seiner überhängenden Spitze; nun war mir eingefallen, auch ihn zu nutzen. Wollte ick) mein Wasser zu kräftigem Strahle zwingen, so sah ich bald, ein Reservoir von gutem Zenient mußte gebaut — und konnte nirgends besser gebaut werden als über dieser Felsenspitze. Dann sammelte sich, was ich dem Bach entzog, und suhr in sechs, acht Meter langer Röhre den Fels hinab, die »rast verdoppelnd. Tann wollte ich de» Hahn in meiner Klausse öffnen und eines Strahles mich freuen, als käme das Wasser vom Hebewerk der Hauptstadt.
Bon jener Felsenseite her kam ich heim, und oben auf dein Felsen stand der Bauer neben dem neuen, wohlgesorm- ten Bassin und schrie. Ich fiel aus den Wolken: Also auch hier gab es Grenzen? Allmählich hatte ich deri Dialekt verstehen lernen und konnte nun entziffern, >vas der brüllende Bauer von mir wollte: Der Wald neben dem meinen wäre von altersher sein Wald, und mein Bassin stünde aus seinem Grunde. Er würde die Röhre zerstören und aus der Stadt müsse der Advokat herbei; ich loürde morgen vor Gericht geschleift und säße übermorgen hinter Schloß unp Riegel.
Ich hörte eine Weile, dann trat ich aus ihn zu und bot Ihm eine Zigarette. Er schrie, er nähme nichts von mir,
steckte die Zigarette rin und kehrte wieder zur Grenze, zum lA>vokalen und zum Gefängnis zurück. Ich sagte: „Holt doch morgen den Sekretär, morgen ist Sonnabend, da ist er vielleicht nicht sehr betrunken. Er mag messen und entscheiden." Plötzlich, als hätte ich den dens ex machina angerufen, wurde der Bauer für zwei Augenblicke still. Tan» nickte er lebhaft und schrie von neuem: „Ter wird's Ihnen schon zeigen! Da werden Sie's höre»! Die elende Grube hier von Zement, die ist meine! Da hat kein Mensch sonst ein Recht darüber!"
Der Sekretär war wirklich weniger voll als sonst, als er abu andern Morgen mit dem Bauern vor meiner Klause erschien. Er schleppte zwei große Rollen, in denen waren gewiß die langen Metcrschlangen verborgen, er schleppte einen Triangel und einen Sextanten und drei Rollen Schnur und einen Pfahl und eine riesige verrostete Kapselstange obendrein. War das,ein Hexenmeister oder der Packträger eines umziehenden Landmchsers?
Wir setzten uns an den runden Mühlstein, der vor der Tür als Tisch iinprovisiert war. Zuerst gab es, in riesigen Gläsern, den stärksten Korn, den ich im Hause hielt, seit ich im Walde ein Weltmann zu werden unternomnien und alle Weile Maurer und Gärtner bei mir sab. Der Bauer schob den Korn in den Hals und schrie: „Ich werd's ihm schon zeigen! Das Ding da ist meine! Da hat kein Menschlein Recht nicht draus!" Und füllte und trank aufs neue.
Ter Sekretär mit seinen e wig vorglotzenden Augen, gluckste und ries: „Dazu haben wir die Gerechtigkeit! Da ivird keinem was geschenkt und keinem was genommen! Die Gerechtigkeit, sag ich," und er schlug mit der Faust auf die Hornige Platte, daß die Bauerngläser hüpften, „da derzu bat sie nämlich die Binde! Und da derzu Hab ich nämlich die Rolle und die Stange und die Karte!" Und mit kürzen Rucken öffnete er seine alte Kapsel, rollte die Karte aus und legte Steine auf beide Enden. Dann zog er aus der Brust ein schmieriges Papier und ivickelte umständlich daraus ein seines Millimetermaß. Dann maß er das Stück von der Hausecke bis zum Grenzstrich und zählte 26 Millimeter Der Felsen stand nicht auf der Karte.
Der Bauer lachte und schlug auf die Karte und schrie: „Ich werd's ihm zeigen! Da gibts nichts! Das Ding da ist meine!" Indessen maß ich nach, cS waren 26. Millimeter, das hieß in der Wirklichkeit 26 Meter. Aber der Bauer maß nach und schrie: „Was? 26? Das ist gelogen!"
Der Sekretär fuhr ihn an und gluckste: er säße da jiir die Gerechtigkeit, da gäb' es keinen Zweifel, und es find 26. Und dann sah er feierlich im Kreise umher, als ob er ini Gemeinderat säße und fragte uns, ob wir's anerkennen. Der Bauer knurrte und gab nach.
Mit vielen Flüchen stampfte der Sekretär am Felsen vorbei, hinauf, um aus das kleine Plateau zu gelangen. Breitbeinig, wie er dann oben stand, seine Winkel und Schnüre und Stangen in den Händen, sah er aus, als sollte er sein Urteil sprechen über die Qualität des Zementes; so wie ei» Friedensrichter. Er wurde nicht müde das Bassin an-, zustaunen und zu preisen, denn der Maurer, der es gemacht, war sein Bruder, und wenn sie sich auch baßten und prügelten, einer trat doch für die Arbeit des-anoern ein.
„Vorwärts!", rief ich, „sangt endlich an. Wir können nicht ewig hier oben stehen!" Der Bauer schrie, und der Sekretär gluckste. Zwischen dem Felsen und dem Hause stand eine Kastanie, groß und dicht belaubt, und da vollends das Plateau höher lag als der First des Hauses, war an ein horizontales Messen nicht zu denken. Wir mußten von dev äußersten, dem Hause abgewandten Ecke des Bassins bis zum Vorsprung des Felsens messen. Der stand mit seiner steilen Seite frei, und wir »ahmen die lange Stange und machten an ihrem Ende die Schnur mit dem Senkblei fest. Dann maße» wir die Stange nach; es waren ganz deutlich 5 Meter und 30 Zentimeter. Tas Senkblei aber blieb dort unten, wo es aufgestoßen, zwischen zwei Steinen liegen, und oben legten wir die Stange sest, die nun aussah wie eine Angelrute.
Der Bauer schrie und der Sekretär gluckste. Wir stolperten alle drei wieder »ach unten und maßen nun horizontal die Strecke vom Senkblei bis zur Ecke des Hauses. Unter hundert Flüchen und Widersprüchen war cs endlich klar und anerkannt: das ivaren noch 20 Meter und ei» halber.
Ich mußte lachen. Ich war einer Gefahr entgangen, die ich nicht kannte, ich war der Reiter auf deni Bodensee.-
„25 Meter 80!" ries ich. „Das Bassin ist mein! Und jetzt trinkt noch eins und geht nach Hause!" Ter Sekretär hatte umständlich angefangen zu addieren, und bestätigte schließ-


