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aus reiner Vernunft! Aber dafür ivenigsteus auch ohne Sors gen, ohne all dies Widerlvärttge.

Und mit einem Seufzer griff sie wieder nach ihrem Buche.

Nur Astrid mit ihrem glücklichen Temperament lieh fich ihr seelisches Gleichgewicht nicht stören. Mit einem Blick auf die nachdenkliche» Gesichter der beiden älteren Schwestern sagte fie:

Mnder, nehmt doch so was bloß nicht zu tragisch! So'n bißchen Zanken gehört doch nun mal zum heil'gen Ehestand."

Gelassen langte sie nach einer neuen Zigarette. Der Papa war ja nun lvieder außer Sicht.

Gerda kani mit ihrem Buche heute nicht weit. Eine große Unruhe ivar in ihr. Mit geschlossenen Augen lehnte sie ui ihrem Stnhl.

Sie hatte drunten eben die Hausglocke läuten hören, vom Kirchturm schlug es gerade elf. Sie wußte, das war Walter Kyllburg. Um diese Stunde meldete er sich immer unten beim Vater. Ihre Gedanken waren bei ihm. Nun tat er da seine Pflicht, seine» Dienst, heute wie alle Tage, trotz­dem ihm das Beste am Dasein zerstört war. Und so würde es weitergehen. Immer .immer. Die Maschine des Lebens dreht sich ab, fühllos, mechanisch. Fragt nicht nach unseren Wün­schen. Ob wir unglücklich und elend sind.

Walter! In Gedanken sagte sie seinen Namen vor sich hin, mit einer traurigen Zärtlichkeit. Und sie fühlte wieder seine Lippen, seine Umarmung.

Heißer merkte sie das Blut durch ihren Körper pul­sieren. Es war das erstemal, daß ein Mann sie^eküßt hatte. Sie war immer stolz und unnahbar gewesen. Selbst in den schwärmerischen Backsischjahren, wo fast alle ihre Alters­genossinnen eine Liebelei hatten mit irgendeinem halbreife» Jungen, hatte sie nicht die leiseste Annäherung an sich ge­duldet. Ganz im Gegensatz zu Astrid, die lachend gar kein Hehl aus ihren zahlreichenEpisoden" jener Zeit niachte. Darum hatte jetzt bei Gerda diese erste Berührung eines Mannes in ihrem Wesen gezündet. Und das glühte heute noch nach. Ei» dunkles Sehne» nach Zärtlichkeit >var in ihr. Warum mußte sie ihn gesunden haben nur um ihn gleich lvieder zu verlieren?

Und allerlei törichte Gedanken trieben mit ihr ein quä­lendes Spiel. Warum mußte denn alles vorbei sein? Wenn freilich auch an einen Bund fürs Leben nicht zu denken >var, was hinderte sie beide, das Glück einer heimlichen Liebe zu genießen? Einen zartseligen, flüchtigen Sommer­traum, den früh genug der Herbstreif zum Sterben bringen würde.

Ihre junge Brust hob sich schneller. Das wenigstens einmal gehabt haben, und ivenn auch nur eine kurze Spanne lang dann ertrug sich nachher vielleicht eher das andere: das nüchterne, kühle Dahinlebe» mit einem ungeliebten Manne. Und ihr Sehnen ries laut nach dem Freunde.

Aber dann fuhr sie empor aus ihren verlorenen Träu­men, wie erschreckt über sich selber. Wohin verirrte sie sich? Nein, solch heimliches Spiel wäre ihrer nicht würdig. Und des Geliebten auch nicht. Seine grade, ehrliche Natur würde darunter genau so leiden, wie sie selber mit ihrem Stolze. Die brauchte sich ja gar nicht erst den Gedanken an ihren Vater zu Hilfe zu rufen, um sich selber das Wort zu gehen: Nie werde ich etwas tun, das ich nicht vor aller Welt ossen verantworte» kann. Also fort mit solchen Träumen, fest der harten Notwendigkeit ins Gesicht geblickt: das gestern lvar das erste und letzte Mal, daß sie sich von Walter Kyllburgs Liebe umfangen ließ. Von nun ab durste er nur wieder ihr guter Kamerad sein nichts weiter.

Und sie erhob sich, ging hinein in die Wohnräuine, um sich zu schaffe» zu machen, sich abznlenken von nutzlosem Grübeln und Wünschen.

Im Eckzimmer fand sie die Mutter am Nähtisch über ihren Rechnungen und Wirtschaftsbüchern. Aus dem etwas hageren Gesicht, das aber doch die Spuren einstiger Anmut auswies, brannten die Wangen noch in innerster Erregung. Da kam ein Mitleid über Gerda. Still trat sie zn der Mutter hin und legte ihr den Arm um die Schulter.

Frau von Henning zuckte zusammen. Nun erkannte sie Gerda.

Du hast gehört vorhin?"

Di« Tochter nickte nur leise. Um den Mund der Mutter grub sich da der scharfe Zug noch tiefer.

So lerne wenigstens, mein Kind, aus unserem Un­glück das eine: Die Liebe allein tut's nicht in der Ehe."

Ich weiß es, Mama."

Der schmerzdnrchwehte Ton ließ die Mutter aufsehcn und lenkte sie von dem eigenen Kummer ab. Sie verstand plötzlich, und ihr Auge suchte das des Mädchens.

Kyllburg hat gestern abend mit dir gesprochen?"

Ja."

Kurz klang es; aber Gerdas Rechte, die sich auf das Tischchen stützte, zitterte leise.

Mein armes Kind!"

Und Iran von Henning legte den Arm um den schlanken Leib neben ihr. So war denn auch für die Tochter dre bitter« Stunde gekommen, wo es hieß, Abschied nehmen von seinen Illusionen. Nur gar so früh schon. Wie gern hätte sie ihr noch ein paar Jahre gegönnt, voll harmlosen Jngendsroh- sinnes. Andererseits freilich wenn man es recht erwog es war vielleicht auch wieder gut so. Die Gefahr mit Kyll-, bürg, die sie manchmal mit heimlicher Sorge erfüllt hatte« >var ja nun vorüber. Es war ja gerade genug an eine« solchen Liebestorheit. Die arme Edith gab ja das lehrreiche Exenipel für ihre Schwestern lvas für ein Glück, daß Gerda wenigstens verständiger gewesen ivar.

Und Frau von Henning atmete erleichtert aus. Ihre Gedanken nahmen eine andere Richtung. Wo sich freund­lichere Ausblicke boten, nicht bloß für ihr Kind nein, vielleicht für sie alle. Denn wenn erst eine der Töchter versorgt war, so fühlte» die andern hier fich doch etwas minder beengt; man brauchte nicht ganz so ängstlich mehr zu rechne» vielleicht würde es dann auch einmal noch wieder besser zwischen ihr und ihrem Manne, daß solche Austritte, ivie der heute wieder, nicht mehr nötig waren. Und di« Mutter gab diesen geheimen Hoffnungen Ausdruck:

Es ist lieb und verständig von dir, mein Rind, daß du die Sache so tapfer durchgekämpst hast. Kyllburg ist ja ein vortrefflicher Mensch, mir außerordentlich sympathisch, aber auch er ivird einsehen, daß es so das beste ist, und daß er deinem wahren Glücke nicht im Wege stehen darf."

Durch Gerda ging ein Bewegen

Du meinst ijjerrn Petersen?"

Die Mutter nickte nur.

Gerda verharrte eine Weile, ohne sich zn rühren, di« Angen vor sich aus das Tischchen geheftet. Nun aber sagte sie:

Bitte, Mama, tu mir den Gefallen sprich mir nicht so oft mehr davon. Ich sagte es auch schon zu den Schwestern: ihr könntet sonst am Ende das gerade Gegenteil von dem er­reichen, was ihr wollt."

lind sie trat ein wenig von der Mutter zurück.

Eine kleine Stille, dann forschte Iran von Henning nicht ohne geheinie Sorge:

Fällt dir denn der Gedanke so schwer?"

Ter Blick Gerdas tras die Mutter mit stillem Vorwurf.

Gestern l;abe ich Walter Kyllburg mein Nein ge­sprochen, soll ich da heute oder morgen Herrn Petersen mein Ja sagen'?"

Natürlich nicht. Kind so meint' ich das ja auch nicht nur raten möcht' sch dir, aus mütterlicher Sorge "

Ja ja ich weiß! Eine glänzende Partie, geradezu ein Glück für mich, das nubemittelle Mädchen mit den großen Ansprüchen. Das oder eine Freistelle im Stift, wie Tante Albertine, meine Anivartschasten an die Zu­kunft! Ich bin ja nicht blind, Mama. Ich sehe alles schon selber, es bleibt mir eigentlich nur das eine. Aber es eilt ja doch nicht so ich komme ja wohl noch früh genug zu diesem Gluck!"

Die Frau Oberstleutnant hörte die Bitterkeit in Gerdas Worten.

Nun gut, es treibt dich ja auch keiner nur eins solltest du wenigstens beachten."

Und was?"

Du solltest Petersen nicht gar so kühl behandeln. Bei all seiner Neigung, es gibt ja doch schließlich Grenzen."

lieber Gerdas schönes Gesicht flog eS hin, stolz und gleichgültig.

Wenn ich ihm nicht gefalle, wie ich einmal bin nu» gut, so läßt er s."

lFortsctzung folgt.)