Ausgabe 
24.12.1914
 
Einzelbild herunterladen

l?r. 502 Zweiter Blatt 164. Zcchrgang

Gifcfjeint täglich mit Ausnahme des So,»,tag«.

^icklehener Lamillendlätter" werden dc,n .Anzeiger' viermal wöchentlich beiqelegt, das Krcisblatt für den Krtis Liehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirlschastlichen Zeil­sragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Oderhessen

Donnerstag, 24. Dezember IW

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats - Buch- und Steindruckerci. R. Lange, Gießen.

Schriitleitung.Geschäitsstelle.Druckerei: Schul- straße7.Geschästsslclleu.Verlag:sq8bl,Schrfft< leitung: «-E112. Adresse iür Trahtnachrlchten: Anzeiger Gießen.

Die Eröffnung der französischen Kammer.

Paris, 23. Dez. )WTB. Nichtamtlich.) Präsident Deschancl crösfnete die Kammersitzung und erklärte in einer Ansprache, die Vertreter Frankreichs müßten der Hel- dci, gedenken, welche seit fünf Monaten für das Vaterland kämpste»; Frankreich sei niemals größer geivesen: niemals und nirgends habe man herrlichere Tugenden gesehen. Des- chanel gedachte der verstorbenen Deputierten, namentlich der aus dem Schlochtfeldc gefallenen Parlamentarier. Im Senat erötsnete Dubost die Sitzung mit einer Ehrung für das Andenken der verstorbenen Senatoren, insbesondere des Senators Reyrnond (Departement Loire), der bei einem Er­kundungsflug in der Nähe von Toul vor dem Feinde ge­fallen ist. Er drückte sodann naniens des Senates die Bcl- wunderung für die Armee und ihre Führer und das Land aus. In der Kammer verlas sodann Ministerpräsident V i v i a n i.

die Erklärung der Regierung:

Sie lautet:

Es gibt zur Stunde mir eine Politik: Erbitterten Kampf bis zur vollständigen Befreiung Europas, besiegelt durch einen vollständig siegreichen Frieden! Das ist der einstimmige Ruf des Parlaments, des Landes und des Heeres. Durch dieses ihm un­erwartete Änfslainmen des nationalen Geftiblcs in Frankreich wurde Deutschland in der Trunkeicheit seiner Sicgessrende gestört. Zu Beginn des Konfliktes verletzte es das Recht, wandte Gewalt an und mißachtete die Lehren der Geschichte, lim Belgien zu ver­gewaltigen und Frankreich zu überfallen, beries es sich einzig auf das Gesetz der Nützlichkeit. Seitdem die deutsche Regierung aber eingesehcn hat, daß man der öfsentlichen Meinung der Welt Rech­nung tragen muß, hat sie, jedoch vergeblich, versucht, die Ver­antwortung für den Krieg auf die Verbündeten abzuwälzen. Alle voll den beteiligten Nationen veröffentlichten Dokumente, und neulich noch die sensationelle Rede eines der berühmtesten Söhn« des ewigen Italiens legen Zeugnis ab von dem längst gefaßten Beschlüsse der Feinde, einen Gcwaltstreich auszuführen.

Die Regierungserklärung erinnert daran, daß Frankreich und Rußland am 31. Juli den englischen Vorschlägen zugcstimmt Hallen, die militärischen Vorbereitungen cinzustcllen und in Lon- ixm Verhandlungen anzuknüpfen. Hätte Deutschland zugestimmt, so wäre der Frieden selbst in dieser letzten Stunde noch gerettet worden. -Deutschland habe jedoch den Knoten durchhauen und den Krieg un­vermeidlich gemacht. Wie es nun diplomatisch den Frieden im Keim ciffttckt habe, habe es auch während melw als 4l) Jahren unermüd­lich das Ziel verfolgt: Frankreich zu vertilgen, um die Welt zu unter,oä,en! Alles dies toerde dem Trchunal der Geschichte unterbreitet werden, das keine Bestechung kennt. Ta nun Frank- j reich und seine Verbündeten trotz ihrer Friedenstiebe den Krieg auf sich nehmen mußten, werden sie auch chn zu Ende führen. jTreu seiner Unterschrift auf dem Vertrage vom 4. Septrvrber, >wo Frankreich seine Ehre, das heißt sein Leben verpfändet hat, wird es die Waffen erst nicderlegen, wenn das verletzte Recht ge­rächt, wenn die dem französischen Vaterlandc mit Gewalt ent­rissenen Provinzen ihm für immer wieder angeschmiedet sind, wenn das heldenhafte Belgien in di« ganze Fülle seines wirt­schaftlichen Lebens und seiner politischen Unabhängigkeit wieder eingesetzt ist, wenn der preußische MilrtarisMus zerbrochen ist, ivenn auf der Grundlage der Gerechtigkeit sich endlich ein neues Europa aufbauen kann. Daß wir des Erfolges gewiß sind, verdanken «vir dem Heere und der Flotte, jener Flotte, die vereint nrft der englischen uns die Herrschaft über die See sichert, jenen Trup­pen, die in Marokko die unermüdlichen Angriffe zurückschlugen, lenen Soldaten der Kolonien, die seft dem ersten Tage des ikriegcs mll begeisterter Anhänglichkeit in ihre Heimat zurück­kehren. Wir verdanken dies uttsercm Heere, das in seinem Heldenmute von unvergleichlichen Führern zum Siege an der Marne, zum Siege in Flandern und in anderen ungezählten Kämpfen geführt war. Wir verdanken dies der Nation, welche Einigkell, Ruhe und Gelassenhcft in diesen kri­tischen Stunden mit diesem Heldcnmutc zu vereinbaren wußte. Wir hoben der Welt zu zeigen verstanden, daß die organisierte Demo­kratie durch eine tatkräftige Aktion ihrem Ideal der Freiheit und Gleichheit, das ihre Größe ausmacht, zu nützen vermag. So haben wir der Welt zeigen können, daß, ivie der Generalissimus, der zugleich ein großer Soldat und ein edler Bürger ist, cs ausgesprochen hatte, die Republik stolz sein kann auf die Armee, die sic cmsgcbildet hat. So konnten in diesem ruchlosen Kriege alle Tugenden unserer Rasse zutage treten, die man uns zu- jchrieb, Begeisterung und Tapferkeit, aber auch jene, die man uns abstritt, Ausdauer, Geduld, stoischer Gleichmut. Grüßen wir alle diese Helden! Eine Nation, die solche Begeisterung erweckt, ist unvergänglich. Jan Schutze dieses Heldenmutes hat die Nation gelebt und gearbeitet, in dein sie all« Folgen des Krieges ans sich nahm und der bürgerliche Frieden ist nie getrübt loorden.

Die Erklärung bemerkt sodami, daß die Regierung, ehr sie aus ausdrückliches Ersuck-cn der Militärbehörde Paris verließ, angesangen hatte, alle für die Existenz der Nation erforderlichen Maßnahmen zu treffen, indem sie so von dem Rechte Gebrauch mackne das ihr von, Parlainent zuerkamll worden war, alle Angelegen Hellen zu regeln. Tie Erklärung beruft sich aus das Fiiianzcxposs Ribols, welches die Lebenskraft Frankreichs, die Sicknrheit seines Kredlls und daS Vertrauen beweise, das es jedermann ellfflöße, ungeachtet eines die Welt erschütternden und verarnlenden Krieges, und das in,stände tvar, den Krieg bis zu dem Tage sortzusetzen, >oo die notwendigen Entschädigungen erlangt worden seien. Die Erklärung begrüßt sodann die nn- ' fo uldlgten bürgerlichen Opfer, welche bis dahm durch dre Kriegs- gefetze geschützt worden seien, und die nun der Feind, in dem Versuch)«, die unerschütterl gebliebene 'Ration rn Schrecken zu fetzen gesangett genormnen und massakriert habe. Diesen Fa­un lien gegenüber habe die Regreruug ihre Pfticht getan, aber di: SL-tld des Landes sei nicht getilgt. Dre Regierung bean­trage einen ersten Kredit von 300 Millionen. Sie verpflichte sic!: feierlich, die lRuincn Ul den Departements, die von der Invasion heimgefuKt morden seien, wieder auszuvauen. llnter Berücksichtigung des Ertrages der Entschädigungen., dre wir verlangen iverden, und in Erwartung der Atllhilic und Unterstützung des Landes werde die ganze Natron ihre Pflicht der nationalen Zusammengehörigkeit zu erfüllen wissen. Ter Staat verkünde so das Recht auf Ent- ichädigung ftir die Opfer von Kriegsercignrnen und er lverdc seine Pfticht in weitestgehendem Maße erfüllen. Zcr Tag des endgültigen Silges ist nocl> nicht gekommen, bis dahin ist noch eine schwere Wffgabe zu erfüllen. Sie kann uns noch lange in Anspruch nehmen. Bercllen wir unseren WUlen und unseren Mut daraus vor. Um Erbe sein zu kör-nen der ungeheuctiten Ruhmeswürdc, die ein Volk tragen kann, übernimmt Frankreich von vornherein alle Opfer. Unsere Verbündeten wissen es und die neutralen Länder ebenfalls. Durch ellien zügellosen Feldzug falscher Nachrichten hat man vergebens versucht, die uns zuge- w endeten Snmpathien abspenstig zu machen. Wenn Deuftchland ansangs sich den Anschein gab, daran zu zweifeln, so zwellclt es jetzt nicht mehr. - , . , t . .....

Die Erklärung konstatiert noch einmal, datz da- tranzomche Parlament nach mehr als vier .Kriegsnwnaten vor der Welt

das Schauspiel wiederholt habe, das es an den ersten Tagen gegeben hatte. Das Parlament ist befugt, von neuem dieses Werk der Einheit zu erfüllen. Es ist seit 44 Jabren zuglcßch der Ausdruck und die Bürgschaft unserer Freiheit. Es weiß, saß die Regierung mit Achtung seine notwendige Kontrolle übernimmt, und daß sein Zutrauen für sie unerläßlich ist. Es lorif, daß morgen wie heute sein souveräner Wille Ge­horsam sinder. Diese Souveränität des Parlaments selbst erhöht den Eindruck der Kundgebung, wovon das Parlament bereits ein Beispiel gegeben hat. Zum Sieg gehört nicht nur das Heiligtum an der Grenze, cS gehört auck> dazu die Heiligkeit im Innern. Hüten wir uns fortgesetzt vor jedem Angriff an diese geheiligte Einigkell. Heute wie gestern und wie niorgcn wollen wir niur den Ruh nach Sieg, die Bffictt oes Vaterlandes und das Ideal des Rechts kennen. Für diese Ideale kämpfen wir, kämpft auch Belgien- England, Rußland, das unersclgrockene Serbien und die kühne japanische Marine. Dieser Krieg ist der größte der Gcscksichte, nickst deshalb, well die Völler auseinanderstoßell, um Gebiete zu erobern, oder für die Bereicherung ihres materiellen Lebens, sondern wall sie auseinan- derstoßen, um das Geschick der Welt zu regeln. Nichts Größeres hat sich jemals den Augen der Menschheit dargeboten. Gegen die Barbarei des Despotismus, gegen das System der Herausforde­rung, der methodischen Drohungen, welche Deutschland Frieden nannte, gegen das System der Morde uich Kollekttvplünderung die Teuttchlaird Krieg nennt, gegen di« unverschämte Vorherr­schaft der Kriegerlaste, die das Unheil entfesselte, hat Frankreich >ich mit seinen Verbündeten in einem einzigen Elan erhoben. Das ist der Einsatz, der über unser Leben geht. Seien wir des­halb fortgesetzt einmütig, und morgen, nach der Erreichung des Friedens und Sieges werden tvir uns mit Stolz dieser tragischen Tage erinnern, denn sie werden uns kräftiger und besser gemacht haben.

Von den ersten Sätzen an wurde der Redner durch Bei- fallsrusc unterbrochen. Die Abgeordneten hörten die Er­klärung stehend an und brachen in Beifall aus, als Viviani erklärte, Frankreich werde bis zur endgültigen Befreiung Europas kämpfen. Als er von den Sympathiebezeugungen des Auslandes und dem Wfflen Frankreichs, das heldcnp mütige Belgien wiederherzustellen und den preußischen Milis- tarismüs zu zerbrechen, sprach, übertönlen Beisalisruse und Ruse: EslebeBelgien! die Stimme Bivianis, der seine Rede längere Zeit unterbrechen mußte. Die Sätze über die Gewißheit des Erfolges, über den Generalissimus, die Ar­mee, die gefallenen Soldaten, die Festigkeit des Kredits und über die günstige Finanzlage fanden lebhaften Beifall. Am Schluß der Rede erhob sich ein Beifalls st urm. Eine Anzahl Gesetzesvorlagen, die morgen erörtert werden sollen, wurde im Bureau der Kammer niedergelegt. Die Tribünen waren dicht besetzt. Sämtliche Botschafter und Gesandten der verbündeten und neutralen Mächte waren anwesend, dar­unter Bertie und Tiltoni. Das Haus vertagte sich um 3ffr Uhr nachmittags auf den 23. Dezember.

vries aus Uonftantinopel.

Der deutsche Depeschcnsaal. ,£ßlan spricht deutsch". Der moderneHeilige Krieg". Tie Wackst am Bosporus.

Von Georg Klei bömer.

Konstantinopel, 12. Dez. 1914.

Der schöne Eifer unserer Landsleute daheim, die Wahrhcll über die Deutschen und Deutschland im Auslande zu verbrelleu, bringt auch nach der.Stadt am Goldenen Horn manches Päckchen Aufklärungsschriften und manche Zusendung dcuffcher Zeitungen. Aber wir haben's nicht so nötig w(Ie die Länder jensqits des! Ozeans. Gleich von Kriegsbeginn an haben uns die Wolff- Telegramme erreicht, denn unsere Telegravhenoerbrndnng befindet sich ja nickst in den Händen unsererwahrheitsliebenden" Feinde. Unsere deutsche Tageszeitung, derOsmanffche Lloyd", nahm den Kampf mll den französischen Blättern aus, so daß diese d«h nicht ungestört ihre Märchen verbreiten konnten. Nun hat natürlich der wackereStambul". das Erzftanzosenblatt in unse­rer Stadt, das Zeitliche gesegnet an dem Tag«, als der fran­zösische Boffchafter abfuhr und mit ihm seinStab" . Ein anderes französisches Blatt, derMoniteur orimt", hat plötzlich seine Farbe geändert. Zu verwundern ist es ja nicht gerade, denn französische, englische und russischeoffizielle Commumaue" kann er nicht mehr bringen. So ist also die hiesige Bevölkerung, so­weit sie türkisch, deuffch oder französisch spricht, gut unterrichtet über das, was in der Well vorgeht. Zudem hat unsere Bot­schaft die sehr nachahmenswerte Einrichtung eines Nachrichten­saales geschaffen. Ten Raum unserer früheren deillschen Post, die mit dem Tage der Aufhebung der Kapitulaffonen ihre Türm schloß, hat die Botschaft zu dem Zweck eingerichtet. Ta hängen in deutscher, französischer und türkischer Sprache die amtlicbeu Mllteilungm aus, Bilder und Photographien besinden sich, an den Wänden, und dm ganzen Tag über herrscht ein arges Ge­dränge in diesem Raum. Hmte, da uns die Trauerkunde vom Untergang unseres Kreiizergefchwaders in Südamerika trübe stimmte, hat eine freundlich Hand das Bild des Grasen Spee dort an der Wand mll einem Lorbcrrkranz umwunden: worttos, aber viÄsagmd!

Freilich, es gibt hier wie auch sonst in der Wäll Menschen genug, die wollen nun einmal nicht die Wahrheit hörm, Iran sie ihnen nicht gefällt. Bei uns hier sind es dtp Griechen, die von deutschen oder österreichischen Erfolgen nichts wissm mögen. AlsU 9" die drei englischen Schisse in dm Grund gebohrt hatte, da machten sie drei deutsche Schiffe draus, die von einem Engländer versenkt warm. Und die Russm lassen sie noch immer tapfer auf Berlin loSmarschierm Begnügen wir uns bescheiden mit der Mitteilung, daß russische Soldatm in die Karpalbcn eingedrungm sind, so verkünden die Griechen: Bu- davest ist gefallen. Vielleicht ttagen ihre geograpbischen Kmnt- nisse dazu bei. die mit dmcn der Engländer ungefähr auf emer Stufe zu stehen scheinen.

Nun haben wir ein für allemal festen Fuß gefaßt sin Türken- landc, und nun habm wir eine große Pfticht vor uns für d« Zukunst! Die wichtigste Frage für die Türkei, die Lebms- und Zukunftsfrage für sic, ist nicht die Deeresftage, scmdern die der Volksbildung. Hier liegm die Verhältnisse nicht etwa wie bei irgend einem der Balkanvöller. Als die sich von der Türkei lostrennten und eigme Staatswesm bildetm, da koirntm sie aus dm anderm europäischen Reichm einfach übemchmm, was sie da vorfandm Tie Türkei kann das nicht. Sie ist ein islamitffchcs Reich, hat andere religiöse Vorschriften als wft Chrfftm, hat andere Ueber- tieserungm, andere Sitten, andere Lebensweise, andere soziale, gcsellsckmstliche, wirtschaftliche Grundbegriffe als wir. Ta heißt es, nickst einfach europäische Einrichtungm nachahmm, sondern unsere Errungenschaften mit ihrer überliesertm Kultur vereinigen, Ausgleiche suchm und ganz neue Formm schafsm. Das kann die Türkei nicht aus sich selbst, sie muß sich mit irgend eirasrt Kulturstaat dauernd verbinden Ms vor einigm Monrkn fürchtete ich noch, Frankreich würde uns beiseite schieben, da Deutschland nicht ziclbewußt in diesem Sinne arbeitete. Heute

gibt sich uns die Türkei in die .Hand und ist bereit, deuttcha Kultur als Lehrmeistcrin anzuerkenne». Jetzt ist der Augenblick für uns Deutsche gekommm, großzügig zu handeln. Zwar haben wir wirklich fast übcrmmschlich große Aufgaben zu erfüllen: aber Tmtschland ist so lcbmskrästig, Tcuffchland ist io leistuiigs- sähig, es konnte in wenig Monaten sein gewalligeS Wirtschafts­leben den KriegSvcrhältnissm anpassm, cS konnte sogar den Bc- srmndetcn noch slärkm und kricgstüchtig machen: dann kann cs auch diese Zukunstsaufgabe angresim, die Erschließung und Nmbildung der Türkei zu übernehmen. Die Förderung der deutschen Sprache ist nrir stets als eine wichtige Vorbedingung für den deutschen Einfluß hier erschienen. Jetzt hilft uns der Augenblick. Tie geliebte französische Sprache möchte der türkisck»c Orient plötzlich abschütteln.Man spricht deutsch". Früher hätte der Kaufmann in Pera eS nicht für nötig gehalten, solchen Zettel ins Schaufenster zu hängen: man konnte von den Dmtschen doch crwartm, daß sie französisch sprachen, lind die Dmtschen taim es ja auch. Jetzt ist so ein Zettclchen im Schaufenster am Zeichen der Zeit. Groß, ist der Zudrang zu den deutschm Sprach­kursen, die in den deutschen Schulen hier unmtgclttich erteill werdm. Und daß unsere Schiften in diesem Jahre überlaufen sind, ist nur zu erllärlich. Sämtliche französischen und mglffchen Schu­len wurden geschlossen. Natürlich auch die russische: aber das ist unbedmiend im Vergleich besonders zu dm srauzöiffchm, tu einen gewaltigen Prozentsatz der Schuljugend saßtm. Die Türken sind froh: ihr Schulwesen ivar arg im Rückstand, und ftir Sckml- gebäudc und Ausrüstung slandm keine großen Summen zur Verfügung. Jetzt leuchtet über der Tür des langen Gebäudes, in dem die Schwestern vonNotrc Dame de «ton" einm großen Schwarm junger Mädchen in französischem und katholischem Geiste erzogm, ein Schild mll türkischer Aufschrift, und junge Männer Hausen in den jungfräulichen Räumm. Mil fröhlichem Gesicht wandert die lernbegierige türkische Jugend auch in das Haus der ehew.aligm cnglischm High School. Ter türkische Unterichts- minister kann sich plötzlich rührm. Wer alt die ehemaligen Schüler dieser Anstaltm liegm jetzt zu Haus oder schlimmer noch: auf der Straße. Sic suchm Unterkommen in dm dmt- schcn oder österreichischen Schuten und hörm überall dieselbe Antwort: Kein Platz mehr!Wer die Jugend hat, hat die Zukunft!" dieses Wort wollen Schulmänner, die lange Jahre hier im Orient gearbeitet habm, ganz besonders auch auf die hiesigen Verhältnisse anwenden und meinen, eine wirllich dauernde Zuneigung zu Deutschland könne nur die deutsche Schulbildurrg vermitteln. Wcmc das wahr ist und leuchtet cs nicht ohne weiteres ein? dann hat Deutschland die groß« Ausgabe, somel Scitulen in der Türkei zu schassen wie Frankreich hier bislang hatte! Nebm dem Türkischen ist nun das Deutsche Pflichtsprarhc im hiesigen ttirkischm Lnzmm geworden. Tamil ist's aber noch nicht getan. ES muß. auch die deutsche Pädagogik wie die ganze dmtsche Äeisteswissenschast mllarbellen an dem Problem emer innerm Nmgestaltung der islamllischm Welt.

Der Heftige Krieg ist hmie etwas anderes gewordm, als was er einst war. Ursprünglick» war er doch ein Glaubmskrieg. der gegm alle Nichtmohammedaner ging. Heute ist der Begriff der Feinde des Islams" von staatsmännischer Klugheit umschriebm worden. Viellcicksi kommt diese erstmalige nme Auslegung auch dm fem von Konstanttnopel wohnmdm Mohaimnedanem cntaun- lich vor. Und noch ellre andere Wandlung hat der Begriff crsahrm. Ter Heftige Krieg bedeutete früher eher ein Gemetzel als einen Krieg nach ünsevm Begriffen. Jetzt kämpft auch der Islam in Formen, wie sie die svrtgeschrlltme chrislliche Kultur verlangt. Ta zeigt sich ein großer und schöner Einfluß unserer Kultur auf die mohammedanische. Und diese ganz durchzuführm, daS ist es, was mir die große Wfgabc für die islamllischen Völker zu sein scheint. Spreche ich von der rühmlichm AN, wie die Türken ihrm Krieg führen, so muß ich allerdings auch die zerbrochenen Fmsterscheiben in der großen Perastraße erwähnen. Nachdem ein Mmschmzng von einer bei uns nnbekanntm Massenhastigkeit einen halben Tag lang Kundgebungm veranstaltet hatte, tvobri die Teilnehmer durck, Reden, die in orimtalischm Ländem immer ein uns ungewohntes Fmer atmm. und durch starke religiöse Einwirkmig beeinftüßit tvaren, sind beim russischen Konsulat und bei einigen Geschäfts- häusem Scheibm eingeworfm tvorden. Wer das Erfreuliche dabei ist, daß man die Täter nicht zu eillschuldigen versucht hat, sondmn sic im Gegenteil von sich abschüttelte, und wären die Uebeltäter gefaßt wordm, es wäre ihnm wohl nicht so glimpflich crgangm wie gleichm Verbrechern in England! Und darin liegt, die Gewähr für Ordnung in Krieg^ellm, daß man eine feste und starke Hand über dem Volke füUt!

Wer sich ein richtiges Bild vom heutigen Konstanttnopel machen will, der muß sich eine Stadt vorstellen, in der das Leben seinm ruhigen Gang geht, Tie Lebensmittelpreise sind allerdings anders in die Höhe gegangen als in Tcuffchland. Dardanellen und Bospo- rus sind geschlossen: mir ein dünner Bahnstrang durch die Balkan- balbiniel und die eigmm Erzmgnisse des Landes crnährm uns. Vom Kriege merken wir nicht viel. Er wird ja well von hier, im Kaukasus und am Suezkanal ausgefochten. Um unsere Stadt fürch­ten wir uns mchtp sie ist m sicheren Händen als zurzeit der eng­lischen Marinemission, als diese Herren Seeschlachten mll Holz- lanonen führen wollten. Nur hin und wieder zittern irm'ere Fenster­scheiben, wenn auf dem Marmarameer die Kriegsschiffe ihre Ge­schütze einsüiießen. Und dann ist allerdings auch mehr Militär um uns als früher. Ucberall wird marschiert und kommandiert, aucki auf Straßen und Plätzen hier herum. Und überall merkt man. daß deuffcher Soldatengeist hier wirkt. So gibt es außer der Wacht am Rhein, an der Nordsee und an der Memel nun auch eine Wacht am Bosporus!

Märkte.

FC. Wiesbaden. Diehhol-Marktbericht vom 23. Tez. Austrieb: Rinder 103 (Odilen 40, Bullen 4 , Kühe und Färsen 59),

Kälber 361, Schase 67, Schweine 232.

Bei langsamem Geschält und unvsränderten Preisen wurdi der Austrieb geräumt.

Meteo rologische Beobachtungen der Statio n Eiehen .

D-z.

1914

|o|

2 g & 8

Ö- u £ .o

1% e ~ o-Ö

2$ Z ds

§f

1

|

sjl*

Wetter

23

2*

741,7

0 6

4 3

90

NE

2

8

Sero. Himmel

23.

i>«

741,9

19

4,7

90

IN

2

10

Bed. Himmel

24.

745,1

20

4.5

85

NNW

2

10

* '

Höchste Temperatur am 22. bis 23. Dez. 191 i = + 2.1 *C. Niedrigste . . 22. . 23. . 1914 = - 2,9 ..

Niederschlag: 0,2 mm.

Terantworllich sürFeuilleton",Gerichtssaal" u.Vermischtes": I. V.: August G o e tz.