Nr. 301 Zweites Blatt
Effcheini täglich mit Ausnahme des Sonntags,
Die „Sietzener LantilienblStter" werden dem
„Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die „randwirtschaftlichen Seit- sragen" erscheinen monatlich zweimal.
m. Jahrgang
Eichener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Mittwoch. 23. Dezember M4
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UniversilälS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schristleitung.GcschästSstelle ».Druckerei: Schulstrabe 7. Gesckästsstclle ».Vertag: ^SKöl.Schnst- Icilung: e=a*»112. Adresse für Trahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Var neutrale Liechtenstein.
Las Fürstentum Liechtenstein ist im großen Kriege, oer Europa durchlobt, neutral geblieben. Kein geringerer als Sir Edward Grep, der durchtriebene Regisseur des heimtückischen lieber fallet auf Deutschland, hat er seinerzeit im englischen Unterhause in aller Form feierlich konstatiert, und die Erklärung abgegeben, daß er vom Botschafter der Bereinigten Staaten unterrichtet worden sei, daß das so» veräne Fürstentum Liechtenstein sich im gegenwärtigen Kriege^ als neutral betrachte. Infolgedessen sind auch die Staatsangehörigen des kleinen deutschen Fürstentums angeblich von den Berfolgungen und Mißhandlungen verschont geblieben, die sonst Deutsche und Lesterreicher in England zu erdulden haben. Sehr charakteristisch ist die Wichtigkeit, die Sir Edward Grep der Tatsache der Liechtensteiner Neutralität im Weltkriege im englischen Parlament beimaß. In England und Frankreich glaubt man bekanntlich immer noch, daß Bagern und Sachsen nur widerwillig in den Feldzug gegen die Franzosen zogen, und daß diese Böller vielleicht doch eines schönen Tages von den verhaßten Preußen abfallen könnten! In ähnlich kindlichen Auschauungcu dürste die Genugtuung tvurzeln, die aus Sir Edward Gregs Bekanntgabe der neutralen Haltung des Fürstentums Liechtenstein so rührend naiv herausklingt.
Ein souveräner Staat ist das Fürstentum Liechtenstein allerdings, und es kann infolgedessen auch nach eigenem Gutdünken über Krieg und Frieden entscheiden. Aber diese Souveränität des etwa 10 000 Einwohner zählenden Grenz- ländchens ist in verschiedenen Dingen durch freiwilligen Bewicht der Liechtensteiner oder ihres Fürsten stark eingeschränkt. Oesterreich-Ungarn besorgt dem Fürstentum das Zollwesen, die Post und den Telegraphen; das i. k Apellationsgericht in Wien und das k. k. Oberlandesgericht in Innsbruck sind für die Liechtensteiner obere Instanzen für Zivil- und Strafsachen, und die habsburgische Monarchie liefert^ dem Fürstentum die Münzen, die Briefmarken, den t. l. Tabak und die k. k. Finanzen. Wirtschaftlich verkehrt dagegen Liechtenstein mehr mit der Schweiz als mit Oesterreich. Der Landesherr Johann II, Fürst von Liechte n st e i n, verzog von Trovvan und Jägerndorf, gehört $•1 den älteste» Feudalherren Oesterreichs: er besitzt in Bl ähren, Niederösterreich, Böhmen und Ungar» Liegenschaften von 187 000 Hektar init 46 Schlössern und 194 Meier- hösen, und er darf als einer der kapitalkräftigsten Herren Oesterreichs sein Fürstentum schon gratis regieren. Eine Armee besitzt Liechtenstein freilich nicht, nicht einmal eineir Landsturm, und es kann deshalb mich keine militärischen Blaßnahinen treffen, um seine Neutralität zu schützen. Sorgen brauchen sich die wackeren Liechtensteiner darüber aber nicht, denn ihre ltzrenznachbarn, die Oesterreicher und Schweizer denken nicht daran, ihre Hoheitsrechte in irgend einer Weise zu verletzen. Die hohe Politik und der Weltkrieg machen vor den Grenzen Liechtensteins halt. Wer es war nicht immer so. Fm Jahre 1866 wäre Liechtenstein beinahe in den Strudel europäischer Ereignisse hineingezogen worden. Liechtenstein hatte bis 1866 ein Kontingent von 50 Man», 2 Offizieren und 1 Tambour zur deutschen Bundesarinee zu stellen, mid als dann der Krieg zwischen Oesterreich und Preußen ausbrach, da wilrdc auch diese liechtensteinische „Armee" mobil gemacht, um zur Tiroler Landwehr zu stoßen und gegen die Preußen zu marschieren. Das Kon- riitgent rückte unter dem Hanptmann Rheinberger aus unü kam bis zum Erlberg, als die Kunde von Königgrätz eintraf. Die liechtensteinische „Arniee" fand, daß nun >oohl nichts mehr zu ändern sei; sic verzichtete freiwillig auf kriegerische Lorbeeren mrd zog wieder Heini. Seitdem besitzt Lrechten» stein keine Armee mehr.
Vom Liechtenstein kursiert bekanntlich die heitere Legende, daß es sich seit 1866 völkerrechtlich immer noch mit Preußen im Kriegszustände besinde, da der Fürst es versäumt habe, sich im Prager Frieden vertreten zu lassen. Diese Geschichte ist aber nur ein kleiner Scherz, tatsächlich ist die Angelegenheit längst in korrekter Weise erledigt worden. Ms politisches Kuriosum aus einer großen Zeit kann
mau aber die Neutralität des lleinen deutschen Fürstentums im Weltkriege 1914 wohl gelten lassen. Mehr darin zu erblicken, muß mau schon dem diplomatischen Scharfblick eines Sir Edward Grey überlassen!
Au§ dem Reiche.
Die Reichspost-Penvaltung
hat bekanntlich, so heißt es in einer amtlichen Berösfentlichung, in der ersten Feit nach Beginn des Krieges zur Aufrechterhattung ihres Betriebes inil ganz außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämvien gehabt, da infolge der Mobilmachung mit einem Schlage 70 000 Kövse ihres eingeschulten unü bewährten Personals zu den Fahnen und zur Feldpost abgingen und sie als Ersatz dafür beschäftigungslose Personen, also Neulinge, einstellcn nnißtc. Auch das in der Heiinat verbliebene eigentlich« Beamten- und llnter- bcamtcnpersonal brauchte dabei eine gewisse Zeit, bis cs sich niit dem ihm durchaus ungcläufigen und dabei sehr schwierigen Feld- postsorttcrungsdienst, für den es in Friedenszeiten keine Möglichkeit zur Borschulung gibt, vertraut gemacht hatte. Der Reichs- Postvcrwaltting ist in Berösscntlichungen sowie mauuigiachen Zuschriften vorgehalten worden, daß sich jene Schwierigkeiten hätten vermeiden lasten, wenn sie rechtzeitig ihr gesamtes Personal der Heeresverwaltung gegenüber als unabkömmlich bezeichnet hätte. Die Verfechter dieses Gedankens sind sich offenbar nicht klar darüber, daß ein solcher Schritt, der darauf hinzielte, 70 000 wehrfähige deutsche Männer der Landesverteidigung zu entziehen,
den Interessen des Vaterlandes keineswegs entsprochen und daß er deshalb niemals die Zustimmung der Heeresverwaltung gefunden hätte. Bei Betriebsverwaltungen nrit einem so hohen Personalbestand«, wie ihn die Reichs-Postverwaltung hat, ist es ganz unmöglich, das gesamte wehrfähige Personal dem Kriegsdienste zu entziehen. Im Kriege bildet die größte Ausgabe des Staates die Erkämvsung des Sieges,
lim dieses Ziel zu erreichen, hat jedes staatliche Unternehme»
io viel Personal zur Stärkung der Wehrkraft des Landes zur Verfügung zu stellen, als nur irgend angängig ist. Die llnbeguem- lichkeiten, die sich daraus für die Verwaltung selbst sowie sür diejenigen ergehen, deren Interessen diese Verwaltung dient, mästen beide Teile opferwillig in Kauf nehmen, zumal in der ersten Zeit des Krieges, wo die Schwierigkeiten, unter völlig
veränderten Verhältnissen tveirer zu arbeiten, besonders groß sind. Kaum anders liegen die Verhällnisse in dieser Beziehung bei den privaten Unternehmungen, die in Friedens- zeiten zahlreiches Personal beschäftigen. Auch hier muß sich nicht zuletzt das Publikum darin schicken, daß. der Betrieb dieser Unternehmungen, zumal in den ersten Monaten des Krieges, eingeschränkt wird, daß die Geichästsstunden im Verkehr mit dem Publikum gekürzt werden, daß ini Transportgewerbr die Beförderungs- Möglichkeiten sich verringern und daß der einzelne Kunde nicht mehr so rasch bedient wird wie ehedem, Feder Einsichtige kann es deshalb nur als eine natürliche Folge des Krieges ansehen, tveim derartige Erscheinungen auch im Betriebe der Reichspostverwal- tung zutage getreten sind. Je mehr innerhalb ihrer vielseitigen Betriebszweig« das zunächst ungeschultc Aushilsspcrsonals allmählich mit den Tienstgeschäften vertrauter wird und mehr uird mehr selbständig lzu arbeiten lernt, um so mehr bietet sich ine Möglichkeit, da, uw es der Verkehr erfordert, hie Einrichtungen wieder anzubahnen, die in Frieoenszeiten bestanden haben. Nicht anders haben sich die Verhältnisse im Bereiche der Eisenbahnverwaltung nach Ausbruch des Krieges gestaltet. Auch hier »rußten im Interesse der Landesverteidigung vorerst erhebliche Beschränkungen im Peffonen- und Güterverkehr Platz greifen, zumal auch im Bereiche dieser Verwaltung ein namhafter Teil des Personals durch den Krieg devi heimlichen Eisenbahnbetrieb entzogen wurde. Der der Rcichspostverwaltung in Ver- ösfentlichungen sowie in Zuschriften gemachte Borwurf, daß es ihr im Gegensatz« zur Eisenbahnverwaltung nicht gelungen ser, ihr gesamtes Personal der Heeresverwaltung gegenüber sür unabkömmlich zu erklären, ist daher ganz haltlos. Tatsächlich fehlen auch der Eisenbahnverwaltung nicht weniger als 77 000 Mann, die teils im Felde stehen, teils der Heeresverwaltung zum Betriebe der Eisenbahnen in Feindesland zur Verfügung gestellt worden sind.
Das Bekenntnis eines Verräters.
Paris, 22. Dez. (WTB. Nichtamtlich .) Die vom „Fi garo" veröffentlichte Erklärung Dr. Weills hat folgenden Wortlaut:
An meine Freund« in Elsaß-Lothringen! Seit Kriegsausbruch ließ ich, ohne zu protestieren und ohne zu dementieren, in der deritschen Presse die verschiedensten Nachrichten über mich verbreiten. Ich schuldete meinen in Straßburg gebliebenen alten Eltern dieses völlige Schweigen und zog es vor, sic selbst in Unkenntnis zu lasten,
als sic dem Groll Derer auszusetzen, wclcktc dort noch Herren sind. Fetzt, wo meine Eltern in Sicherheit sind, habe ich die Freiheit, zu sprechen, lviedergcwonncn, Ich bin am 5 . August in die französische Armee eingetrcten. Wir Elsaß-Lothringer haben während der harten Periode der^ Frenchherrschaft versucht, unser Recht und unsere .Hoffnung der Sorge um den Frieden untcrzuordncn. und haben nur gekämpft, um iui Frieden ein Regime zu erlangen, welches uns erlaubt hätte, unserem Lande seine Persönlichkeit und seinen Nalivnalcharafter zu bewahren. Diese gewollte, überlegte Rciignation bedauern wir nicht. Tank ihrer können wir ebenso >vio alle anderen Franzosen überzeugt sein, nichts verirachlässigt zu haben, damit cm Krieg verniieden werbe. Unsere moralische Kraft in der augenblicklichen Krisis ist darum nur größer. Aber der Feind hat uns selber von den Einschränkungen befreit, welche uns! die Sorge um den Frieden vorgeschriebe» hatte. Gestern noch, währeich wir seine ganze Macht fühlten, weigerte er sich, die bescheidensten Forderungen anzuerkenncn. In sturem stolzen, blinden Wahn ging er so weit, das Bestehen der Elsaß-Lothringer Frage zu bestreiten. Fetzt hat er sie in chrer ganzen Größe gestellt durch den Krieg, welchen er wollte, den er Eurova cuffgezwungcn hat. und er ha! uns gleichzeitig unsere ganze Gedankenfreiheit und Handlungssreihcft widergegeben. Es gibt leine Einschränkungen für unsere Hostwmgcn und sür unfern vatriotischen Willen mehr. Wir werden in den Rahmen der französischen Nation zurückkehren, welcher wir durch unsere Geschichte und unsere Traditionen ange- hören. Das Völkerrecht, welches vor 44 Jahren verletzt wurde, (!) wird völlig wiederhergestellt lverden. Indem ich in dic> Armee eingetretcn bin. und dadurch den Kamvh gegen das militarisierte vcrpreußischte Deutschland, den Unterdrücker der Freiheit aller Böller weitcrgeführt habe, bin ich überzeugt, meine Pslicht alS iozialistischer Abgeordneter und elsaß-lothringischer Abgeordneter wohl erfüllt zu haben,
Georges Weil! ehemaliger ReichstagSabgeordneter von Metz.
Und so etwas ivar einmal deutscher ReichstagSabgeord neter! Wir erkennen jetzt die „gewollte, überlegte Resignation", mit der dieser Feind Deutschlands an unserem eigenen Herd sich breit machte! Gott sei Dank, daß dieser dreiste, traurige Geselle endlich da ist, wo er hingehört!
Der B u n de s r a t hat in seiner Sitzung am Dienstag beschlossen, die Höchstpreise für Rohwolle und Woll-- waren, die für den Bedarf des Heeres und der Marine erforderlich sind, festzusetzen. Ter Höchstpreis sür ein Kilo- ramm Rohwolle reingewaschen ohne Waschlohn jeder Hcr- unft bei aa'a bis aaa Feinheit wurde auf 8,85 Mk. festgesetzt, die übrigen sieben unterschiedenen Fcinheitsgrade stufen sich darunter bis ä.70 Mt. für gewaschene Wolle ad, 'einschließlich Waschlohn sind die Höchstpreise in fünf Feinheitsstufen von Mi. 6.20 bis Ml. 9 30 festgelegt. Für Kammzug siird acht Feinheitsstuscn von Ml 6.30 bis Ml. 9.75 vorgesehen. Für Kammgarn 2/26 a
bis b ist der Höchstpreis, wenn es gefärbt ist, auf 11,65 Mk., wenn es rohweiß ist, auf 10,90 Mt. bestimmte Bei MannschaftStnchen ist der Höchstpreis für l Meter Militärtuch auf 10,75 Ml., für l Meter Mariuetuch aus 11,75 Mark, für 1 Meter Kammgarnstoff auf 12,25 Mk. festgesetzt worden. Die Höchstpreise treten am 24. Dezember 1914 in Kraft. Ter Bundesrat hat durch Verordnung die Der-- Wendung von Kartoffelmehl und anderen Erzeugnissen aus Kartoffeln zur Herstellung von S e i.fe »erboten. Das Verbot war erforderlich, um die bislang zur Füllung von Seife verwendeten erheblichen Mengen von Kartoffelmehl künftig der Brotbereitung zu erhalten.
vermischte».
* Die Jagd mit Kanonen. An dem KonservatoriiunI von Neovel spielte einmal, so erzählt L'Arte Piauistica, eine Kandidatin bei der Prüfung Liszts „Wilde Jagd", und sie spielte sie mit solcher Kraft, daß der Saal nur so dröhnte. Als sie zu! Ende war, wandte sich der Vorsitzende der Prüfungskommission, der wegen seiner icharien Zunge berüchtigte alte Serrao, an einen Kollegen und fragte lächelnd: „Was ist das doch für ein Stück?" „Liszts .Wilde Jagd"', wurde geantwortet. Worauf Serrao ganz verwundert sagte: „Ach, das wußte ich noch gar nicht, daß Liszt mit Kanonen auf die Jagd ging!"
Tie Ziehung der sür den 19. und 21. Dezember angesetzten Ziehung der 5. Ei senach er Geldlotterie mußte verschoben werden, da die Kriegslage den Losabsatz zu stark beeinträchtigte. Tie Ziehung wird jedoch denmächst unwiderruflich stattsinüen und der neue Termin in Kürze an dieser Stelle bekannt gegeben werden. "Vi-b
Das Weihnachtsfest des Uriegsgefangenen.
Die Weihnachtskerzen bremien, >md die alten Weihnachts- kveisen erklingen. Erinnerimgcn umsckiwcben den Christbaum, Erinnerungen air die Toten. Erinnerungen an die Fernen. Und ganz besonders an die, die ein bitteres Schicksal zwingt, das schönste unserer Feste auf fremdem Boden, in der Hast der Fremden zu verleben. Das war auch das Schicksal des h e s s i > ch e n Leutnants Pevpler, der im Jahre 1812 als blutjunger Leutnant unter Führung seines Prinzen Emft von Hessen mit der großen Armee des ersten Napoleon nach Osten, nach Rußland gezogen war. Er halle den gewaltigen schnellen Vormarsch mit- gemacht, den Rückzug mft seinen unendlichen Leiden, die Katastrophe an der Bercsina und war endlich bei Smorgonic in die Gefangenschaft der Russen geraten. Man schleppte ihn landeinwärts, er wie seine Gefährten wurden vollkommen ausgeraubt und unter mannigfachen Leiden wurden die Gefangenen schließlich nacki Minsk gebracht. Das Schicksal wollte, daß sie am Heiligen Abend, ani 24. Dezember, dort ankamrn. Am Fest der Liebe, so hofften sic, würden sie von den Leiden, in denen sie durch die rohen Begleitmannschasten ausgesetzt waren, erlöst sein, ein warmrs Obdacki hauen und, fern von den Ihren, ini Herzen ihre Weihnacht seiern können. Allein es kam anders; das Schicksal fügte es, daß gerade in den Weihnachtstagen die Leiden der Kriegsgefangenen chren Höhepunkt erreichten: in Minsk setzte man sie den Schlägen und Stößen des Straßenpöbels aus, unter Steinwürsen mußten sie über den Marktplatz gehen, wo man sie wie Wundertiere angasslc, und das Wohlwollen des Trwlsvortkommandauten, das während des Zuges nach Minsk einigen der Gefangenen gegolten hatte, schien plötzlich wie weggeblascn; niemand schritt gegen den Pöbel ein, die Ausseher standen vielmehr gleichgüllig dabei. Das war, wie sich herausstellte, wohl berechnet, denn gerade den Wcihnachtstag benutzten die Russen, den Gefangenen einen Vorschlag zu machen: es erschien vormittags, wie Pevvler in seinen Erinnerungen an die russische Kriegsgefangenschaft erzählt, ein Adjutant des Gouverneurs, der die gefangenen Offiziere in „feierlicher Anrede auftorderte, in di« Dienste seiner Ma- lestät des Kaisers von Rußland zu treten, wobei einem jedem GradcSerhühung mft erhöhtem Solde und freier Eguipicrung verivrochcu würde". Die gefangenei, deutschen Offiziere, Oester- reicher, Batzern, Württcmbergcr, Westfalen, Hannoveraner, Badenser, balen sich Bedenkzeit aus, und als nach verlangter Frist
der Adjutant des Gouverneurs wieder erschien, erhielt er die Antwort, die von deutschen Offizieren zu erwarten war. Die Oifiziere erklärten, „daß wft, >vas auch das Schicksal über uns verhängen würde, nie von der Pflicht abzuwcichen gesonnen seien, welch« Fürst, Baterland und eigene Ehre uns auferlegten, wir daher von dem Tienstanerbieten keinen Gebrauch machen könnten und entschlossen seien, eher im Elende unterzugehen, als zu Verrätern an unserer Pflicht zu werden". Die Folgen dieser Erllärung waren schlimm: die Russen ließen es nicht mit furchtbaren Drohungen bewenden, sondern legten chren Gefangenen schliimne Entbehrungen ans: sie ließen sie hungern, und als die paar Bohnen, die Pevvler und sein Freund Braun sich während des Gefangenentransportes aufbewahrt hatten, aufgezehrt waren, hätten sie hungern müssen, wenn sich ihnen nicht Gelegenheit geboten hätte, das Gefängnis unbeachtet zu verlassen und — betteln zu gehen. Pevvler und einer seiner Leidensgenossen überwanden chren Stolz und nahmen die Mild« der Einwohner in Anspruch. Ans einem Gute erhietten sie ein Stück Brot; sie teilten sich brüderlich darein, ergatterten dann noch ein paar Stücke Brot und konnten nun froher heimkehrcn. Dieses künrmerliche Stückchen Brot, das sie ihren zurückgebliebenen Lcidensgesährten brachten, war deren Weihnachrsbescherung: so verlies vor rirnd 100 Jahren das Weihnachtsfest in russischer Kriegsgefangenschaft.
— Klassisches Kinderjoielzeug. Weihnachten hat die Jugend des griechisch-römischen Ajterinms nicht gekannt, überhanvt kein Fest, an dem sich allgemein eine laiche Flut von Spielzeug über die Kinderwelt ergoß. Aber Svielzeug haben der kleine Grieche und Römer auch gebabt, und darunter solcher, das lebhait an das jetzt gebräuchliche erinnert. Tie kleinen Jungen vor zwei Jahrtausenden fpielte» sehr gern mit kleinen Wagen und zwar zweiräderigen; wer dies nicht hatte, begnügte sich anch mit einer runden Scheibe, die in einer Gabel Ile! und an einer Deichsel gezogen würbe. Beliebt war auch der Batl, der in allen möglichen norme» oorkam, allerüin.s meid von mehreren Kindern zulammen bcnützt wurde. Griechisch« Kinder^ svielten lehr gern mit einem Reisen trochos), der n it einem Stabe (elaters geschlagen werde. In Rom ivar dieses Spiel weniger beliebt und galt als nicht vasseno lür einen ordentliche» Jungen, Steckenolerd reiten war lehr beliebt, wir wißen das aber nur ans der Literatur, während eine bildliche Darstellung nicht vorhanden ist. Genau daslelbe ist mit dem Kreiset der Fall. In Schriften des Altertums wird das
Kreiletlviel bänstg erivähnt. bildlich dargfftellt ist es aber nirgends. Für Mädchen, aber auch lür Jungen nahmen die Pnopen (korai) die Hauptrolle ei». Man fertigte sie aus Wachs oder Ton und die Vupvenmacherci choraplasttüel war ein lehr ivichtiger, iveit ver- breneier Erwerbszweiq. Viele von den sogenannten Tanagra- stgürchen sind sicher nichts anderes als Kinderioielzeug gewesen. Es gab sogar beiverliche Gliedervuvve», genau wie bei »ns. llnd wen» die Vuvvenmachcr in Sonneberg stolz sein wollte», so können sie daraus Hinweisen, daß ihr herzersreuendes Gewerbe einer der ältesten Fabrikationszweige ist.
— Tie Verdeutschung der Heercssprache, In der gefälligen Einlleidmig der Zukunftsschllderung einer Berliner Herbstvarade des Jahres 1920 entwirft Hans Werner Tannhcim im neuen Hefte der „Grenzboten" ein Bild von der Verdeutschung der Heeresivrachc, die er zu diesem Zeitpunkte als vollkommen dnrchgeführt voraussetzt, Tannheim gehört zu den radikalen Bcr- dcutschcrn, wie etwa aus folgendenr Latze feiner Schilderung der Aufstellung der Truvven in Parade zu erkennen ist: „Der Stückheerschar folgen die Kampfscharen der gesamten Leib-Rcftheermachl. nämlich die ersten unb zweiten Leib-Harnischreiter, die drei Leib- Lanzenreiterkamvfscharen. die Leib-Kleinreiter, sowie die beiden Lcib-Leichtreftcrtainpfichareu." Die wenigsten Leser werden ivohl in der „Ltückheerschar" die Artlllerie und in den vier angefühtte» „Lcib-Reftertampfscharen" die Gardekürassier-, Gardeulanen-, Gardehusaren- imd Gardedragoner-Regimenter erkennen. Die Infanterie wird bei Tannheim zum Schießvolke, der Ostizier zum Ritter, der Generalleutnant zum Heerstlhrcr, die Kolonne zur Zelle. Selbst die „Truvven" finden vor Tannhcims Auge keine Gnade, sic werden zum .„Heervolk" und der „Marsch" zum „Schritt". Es ist nicht zu verkemten, daß sich in seinen Vorschlägen manches Br achtenswerte ftndet, wie z. B. der Ersatz des Kommandos „Präsan - tiert das Gewehr!" durch den Befehl „Gewehr zum Gruß!" 'Aber Tannheim übersieht, daß eine Sprache ein geschichllichcr Organismus ist, und daß slc nicht bereickrert wird, sondern vielmehr ver- arint. wenn nnui ihr die geschichtllchen Beziehungen und Anklättge nimmt, die z. Bi in den überlieferten Namen unserer Truppengattungen erkennbar werven. Ueberdics dürste, man schon aus ivrachlich-musikalischen Rücksichten Bedenken trage», den „Kommandierenden General" des GardetorpS durch den „Bcseblendei« Obcrheersührcr der Leib--Oberl>eermacht" zu ersetzen.


