Rr. 300 Zweites Blatt
164. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gietzener Lamtllenblätler" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Krcisblatl fflt den Kttis Gießen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seil- ftagen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Cberhejsen
Dienstag. 22. Dezember M4
Rotationsdruck und Verlag der Brühlhche» Universitäls - Buch- und Sieindructerci.
R. Lange, Gießen.
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Der neue Pharao.
Ein ireuer Herrscher hat den sagenhaften Thron der Pharaonen in Aegypten bestiegen. Nach sangen Bemühungen ist es den Engländern gelungen, in der ägyptischen Königs- sanrilie einen Nachfolger jür den von ihnen aus dem Lande vertriebenen Khediven Abbas Hilmi zu finden. Prinz Hussein Ke mal heißt der neue Fürst, der allerdings nicht als Khedive, sondern als „Sultan" über das heilige Nilland herrschen soll. Er ist ein Sohn des Khediven Fsmael und der Onkel des vertriebenen Abbas II. Die Engländer folgen also ganz ihrer üblichen Taktil in der Beherrschung fremder Völker: sie ernennen ein Mitglied der alten Tynastte des Landes zum Schattenkönig, um durch ihn ihre Gewaltherrschaft über die Eingeborenen auszuüben. Dieses System hat sich in Indien bewährt, wo den eingeborenen Fürsten eine scheinbare Regierungsgewalt ebenfalls überlassen wor- den tst, während sie in Wirklichkeit natürlich nur die gekrönten Handlanger der englischen Regierung sind, die sie zum Dank für ihre Willfährigkeit mit Orden und Ehren, überhäuft. Der neue Schattensultan, der sich, offenbar erst nach einigem Widerstreben, bereitgesünden hat, den Thron seines vertriebenen Neffen zu besteigen, erscheint zum Werkzeug der englischen Machthaber besonders geeignet. Der sechzigjährige Mann wurde am Hofe Napoleons III. erzogen und gilt als ein europäisch.gebildeter Mann, der sich namentlich um die Entwickelung der ägyptischen Landwirtschaft verdient gemacht hat. Fm Volke freilich, das dem ver- hannten Khediven sehr anhängt, genießt er keine besondere Beliebtheit, und die Aegypter dürfte die Kunde von seiner Ausrufung zum Sultan ziemlich gleichgültig lassen.
Wie lange wird die Herrschaft des neuen Pharao über das Land der Pyramiden dauern? Es dürste noch- einige Zeit währen, bis wir die Antwort auf diese Frage erhalten. Er wird genau so lange herrschen, ime seine Beschützer die Engländer, und die Dauer dieser Herrschaft hängt von den Erfolgen ab, die die Türken in ihren Operationen gegen Aegypten erzielen. Ueber die Lage im Nillande hören wir sehr wenig. Die Engländer üben eine eiserne Zensur und unterdrücken alle ungünstigen Nachrichten. Eins ist gewiß: die britische Regierung macht die größten Anstrengungen, um den Sueztanal gegen den Angriff der Türken zu verteidigen. Aus England, aus Indien, aus Kanada unb 1 Australien sind Truppen nach Aegypten geworfen worden. Künstliche Ueberschiwenrmungen, die das zur Bewässerung dienende Kanalsystem ermöglichten, erschweren die Annäherung an das Kanalgebiet und verkürzen die Verteidigungslinie. Die türkischen Angriffe gegen den Kanal, die vor einiger Zeit gemeldet wurden, sind nur Vorposten ge fechte gewesen, an denen vor allem Beduinen teilnahmen. Die türkische Hauptmacht wird erst jetzt gegen den Nil in Bewegung gesetzt werden. Die Verpflegung und der Transport sind in dem straften- und wasserarmen Lande sehr schwierig, und das Vorbringen schwerer Artillerie wird längere Zeit in Anspruch nehmen. Die Aussichten eines Aufstandes in Aegypten selbst erscheinen aber, wie vortreffliche Kenner des Landes versichern, vorläufig gering, denn die britischen Besatzungstruppen machen jede Auflehnung: der Eingeborenen unmöglich Erst wenn die Türken die ersten Erfolge errungen haben werden und im Lande festen Fuß gefaßt haben, wird die nationalistffche Bewegung gegen die Fremdherrschaft ausbrechen. Dann ällerdin^ mit elementarer Gewalt, die den Zusammenbruch der englischen Herrschaft unvermeidlich machen wird. Die Engländer geben sich über diese Gefahr keinen Täuschungen hin, und sie versuchen deshalb, alle Notablen und einflußreichen Kreise in Aegypten durch Versprechungen von liberalen Reformen zu gewinnen. Doch gerade der Umstand, daß die sonst so stolzen und selbstbewußten Herren jetzt mit einem Male so freundlich und entgegenkommend geworden sind, zeigt den Eingeborenen, wie ängstlich und unsicher sich die Engländer fühlen, und trägt dazu bei, die Hoffnungen der Patrioten auf die endgültige Befreiung zu beleben. Die ägyptische Bevölkerung ist ruhig, aber es ist die Ruhe vor dem Sturm,
und der erste türsische Sieg auf ägyptischem Boden wird die verborgenen und unterdrückten Leidenschaften wild und verheerend aufflammen lassen. Ohne schwere Kämpfe werden die Türken ihr Befteiungswerk nicht vollenden können; darüber ist man auch in Konstantinopel keinen Augenblick im Zweifel. Aber die Stimmung der maßgebenden osmanischcn Kreise ist dennoch durchaus zuversichtlich!. Und der Widerhall, den der Aufruf des Kalifen zum heiligen Krieg in. allen Teilen der islamitischen Welt findet, stärkt das Vertrauen auf den endlichen Erfolg. Dann wird Abbas Hilmi wieder unter der Fahne des Propheten den Thron seiner Väter besteigen, und von dem Schattenkönig Hussein wird es eines Tages heißen, wie in Tausend und einer Nacht: Es war einmal ein Sultan...
Kairo, 21. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reu- terschen Bureaus. Der neue Sultan von Aegypten hielt gestern seinen feierlichen Einzug, in den Abin-Palast. Auf dem Wege durch die Stadt wurde er durch die Volksmenge lebhaft begrüßt. Aga-Khan, der Führer der indischen Mohamtnedaner ist hier emgelrofsen, um an der Feierlichkeit der Thronbesteigung des Sultans teilzunehmen.
Aus dem Reiche.
Ein Aufruf deutscher Volkswirtschaftslehrcr!
Berlin, 20. Dez. Die Professoren der Nationalökonomie an der Universität Berlin, A. Wagner, G. V. Schmoller, M. Gering, H. Herkner, K. Vollöl erlassen im Verein mit den Physiologen M. Rubner und N. Z u n tz, dem Mitgliede des Reichsgesundheitsamtes Geh. Rat Prof. R o st, dem Rektor der Berliner Handelshochschule Prof. Eltzbacher und dem Herausgeber der „Sozialeir Praxis" Prof. E. Francke den folgenden Aufruf:
Die englische Regierung, die den Weltkrieg gegen uns an- stistete, führt ihn in der hinterhältigsten Weise. Entgegendem Völkerrecht unterbindet sie die Zufuhr von Lebensmitteln und Roh st offen, die für Deutschlands un- bewaffnete Bevölkerung bestimmt sind. Die englische Regierung wird, wie sie verkündete, den Krieg in die Länge ziehen, damit am Ende des Erntejahres Hunger und Not uns zu einem schimpstichen Frieden zwingen, die Siege zu Nichte werden, die unsere Tapferen in offener Feld- und Seeschlacht errangen.
Diese Pläne durchkreuzen zu Helsen^ ist jeder von uns daheinr- gebliebene, ob Mann, Weib oder Kind, berufen. Das deutsche Volk muß mit ausreichenden Vorräten in das nächste Erntejahr eintreten. Dies ist möglich, wenn jedermann, der Reiche wie der weniger Bemittelte, seine Lebensweise dem anpatzt, was unsere Landwirtschaft zu bieten hat.
Die Hanptregeln sind:
1. Geht ehrerbietig und haushälterisch um mit allen nutzbaren Stoffen, verwendet sorgsam jeden noch irgendwie brauchbar«! Abfall.
2. Eßt Kriegsbrot lK-Drvt) und fordert solches von Euren Bäckern. Es ist nahrhaft und schmackhaft wie ungemischtes Roggcn- oder Weizenbrot. Kartoffeln sind reichlich vorhariden. Das Brotgetreide aber reicht nur aus, wenn 10—20 Potent Kartoffeln! eingebacken, oder wenn weniger Brot und mehr Kartoffeln genossen werden.
3. Laßt das Weizenbrot (Brötchen, Knüppel, Schrippen, Senr- melnl in der Hauptsache den Kranken und Schwachen, schränkt vor allem den Verbrauch von Kuchen, Swllen und anderem feinen Gebäck miss äußerste ein, denn an Weizen und Weizenmehl fehlt uns ein Drittel des bisherigen Bedarfs.
4. Spart an Fleisch, an Fett und Butter. Jetzt besteht zwar ein reichliches Angebot an Schlachttieren, weil vielen Landwirten die ausländischen Futtermittel fehlen. Daraus folgt aber nicht, daß man nun um so mehr Fleisch verzehren dürfte. Geschieht dies, so wird das Angebot bald sehr knapp iverden. Vielmehr ist der Fleisch-, Fett- und Butterverbranch schon jetzt einzuschränken, damit unser Volk später keinen Mangel leide. Wer es kann, sammle sür seinen Hausbedarf einen . Vorrat an Dauerware (geräuchertem Schinken und Speck, Dauerwurst) und Schmalz und zwar bedächtig und ohne Ueberstürzung.
5. Die Grundlage der Ernährung müssen einheimische Pflanzenstoffe bilden: Karwffeln, Roggen, Weizen, Hafer, Buchweizen, Gemüse, frisches und eingemachtes Obst. In ausgiebiger Weise kann Zucker verwendet werden. Zucker, fast überreichlich vor
handen, ist ein vorzügliches Nahrnngs- und Ersatzmfttel für Fett und Butter.
Dazu genieße man Milch und Käse, namentlich auch Magermilch und Magerkäse, die durch ihren Eiweißgehalt ein vortrefflicher Fleischersatz sind.
Es lassen sich aus den in genügendem Maße verfügbaren Stoffen sehr mannigsaltige und nahrhafte Speisen beretten. Nicht die Not, sondern die Vorsorge gebietet die planmäßig« und veränderte Lebensführung, die wir empfehlen. Die fleinen llnbeguemlichkellen, welche sie mit sich bringen mag, wird jeder gern auf sich nehmen, in dem Gedanken, damit das Werk derer zu fördern, die im Felde und aus der Sec ihr Leben uich ihre Gesundheit freudig sür unser teures Vaterland einsetzen.
Minister v. Breitenbach hat den sämtlichen preußisch- hessischen Eisenbahndirektionen ein „Merkblatt" über den sparsamen Verbrauch von Nahrungsmitteln für die Dauer des Krieges mit dem Aufträge zugehen lassen, das Blatt in allen Warte- und Spcisesälen, in den Kanttnen, Ucbernach- tungs- und Ausenthaltsräumen des Personals, sowie bei sämtlichen Dienststellen aushängen zu lassen. Sluch allen Amtsblättern ist das „Merkblatt" als Beilage mitzugeben.
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Zurückstellung von der Einberufung.
Berlin, 19. Dez. (Nichtamtlich.) Zur Aufklärung: der beteiligten Kreise weist die „Nordd. Allg. Ztgc" darauf hin, daß die stellvertretenden Generalkommandos ermächtigt: sind, nach Wochen berechnete Zurückstellungen von Mannschaften der Landwehr, der Ersatzreserve und des Landsturms ohne Rücksicht auf d-ie Berufszugehörigkeit dann zu verfügen, wenn ein staatliches Interesse vorliegt oder Rücksichten ans das Allgemeinwohl dies erheischen. Den! Betrieben soll hierdurch Gelegenheit geboten werden, sür geeigneten, nicht dienstpflichtigen Ersatz und seine Einarbeitung zu sorgen. Gelingt dies in einzelnen Fällen trotz nachweislich ernstlicher Bemühungen nicht, so können und werden die stellvertretenden Generalkommandos Wiederholungen der befristeten Zurückstellungen eintreten lassen. Unvereinbar mit dem Grundgedanken der allgemeinen Wehrpflicht aber wäre es, die Angehörigen ganzer Berufsklassen, z. B. die Leiter landwirtschaftlicher Nebenbetriebe, Borschnitter, Müller usw., wenn ihre Vertretung durch nicht- dienstpflichtige Personen möglich ist, dauernd von der Einberufung zu befreien. Eine Entlassung bereits eingestellter Leute hars nur im äußersten Notfall erfolgen.
Der Kaiser empfing vor seiner Abreise zur Frrmt den Professor Lucas von C r a n a ch, unseren bekannten Schmuck- künstler, zur Ueberreichung eines Kriegsringes. Der Kaiser sprach dem Künstler, wie uns mitgeteilt wird, seine Befriedigung über die künstlerische Arbeit aus.
Durch Verordnung des Bundesrates vom!,' 19. Dezember ist die bisher bestehende 68 Kilogrammgrenze bei G e r st e gestrichen worden, so daß vom 24. Dezember cur ein einheitlicher Höchstpreis für Gerste aller Gewichte bestehch Dieser Gerste-Höchstpreis ist überall dem Roggen-Höchstpreis gleichgesetzt worden, so daß er z. B. in Berlin 220, in Leipzig 225 und in München 237 Mark beträgt.
Aus Ostpreußen. Die für Ostpreußen sehr bedeutsame Frage, wieviel von den Geflüchteten nach dem Kriege in die verwüsteten Landesteile zurückkehren werden, beantwortete bei der Beratung der Kriegshllfskommission für Ostpreußen Oberpräsident von Batockt dahin: man werde mit dem Verlust von zweihunderttausend bis dreihunderttausend Menschen rechnen müssen. Da Ostpreußen schon vor dem Kriege keinen Ueberschuß an Arbeitskräften besaß, würde ein solcher Vorgang erst recht die Notwendigkeit einer scharfen inneren Kolonisation ergeben.
Der Weihnachtsgruß des bayerischen Kö- nigspaares an seine Truppen im Felde. Das Königspaar von Bayern hat den bayerischen Truppen im Feld nachstehenden Weihnachtsgruß gesandt: „Zum Weihnachtsfest gedenke ich gaitz besonders herzlich aller meiner! lieben Landeskinder, die fern von der Heimat vor dem
wa§ Zrankreichs Heerführer lesen.
Was Frankreichs Heerführer lesen, wenn sie während des Krieges dazu Muße haben, darüber macht das Pariser „Journal" etwa folgende Mittellungen: der Generalissimus Jossre, der wie Napoleon mll 5 Stunden Schlafes auskonrmt, liest vor dem Einschlafen täglich, und zwar die Bibel, dieses große Soldatew- buch: er soll in der Exegese wohl bewandert sein. Uebrigens liest er die Bibel in lateinischer Sprache und hat eine schöne alte Ausgabe. Gallieni, der Oberbefehlshaber in Paris, der, wie schon der Name verrät, italienischer Abkunft ist, zeigt dies mich in seiner Lektüre: er liest Manzonis „promessi sposi", selbstverständlich nicht in Ueberseyung, sondern in italienischer Sprache. „Eine Stunde Lektüre täglich," so soll er sich geäußert haben, bringt mll mehr Erholung, als ein ganzer Monat Ruhe. Man muß aber große Bücher lesen. Dieser wunderbare Roman ist die „Bibel des Herzens"!" General Castelnau. der sehr volkstümlich ist, und dessen Name, seit er lln Kriege einen Sohn eiw- gebüßt hat, besoirders viel genannt wurde, ist ein Mystiker. Er liebt es, religiöse Bücher und Heiligengeschichten zu lesen. Es ist nicht lange her, daß ein ftanzösischer Schriftsteller, Joseph Fahre, dem diese Neigung des Generals bekannt war, ihm eins seiner Werke schickte, nämlich das Mysterium „Die Befteiung von Orleans" in zweller Auflage. Casieliuru soll dem Schriftsteller dafür in etwa folgenden Worten gedankt haben: „Lieber Herr und teurer Patriot! Zwischen zwei Ritten zur Front beelle ich mich, Ihnen für Ihre schöne Smdung zu danken. Indem Sie dafür kämpften, den Kult unserer heiligen Jungfrau von Orleans zu verbrellen, haben Sie an unserer Seite für die Unabhängigkeit unseres Landes, die Ehre und die Reinheit unserer Rasse gekämpft: indem Sie unsere Heldin von einst erhoben, haben Sie mächtig dazu beigetragcn, die Helden von heute zu schaffen, die, das können Sie mir glauben, im Volke unseres Frankreich, zahlreich sind. Seien Sie bedankt und gesegnet. Gott erhalte Sie, und die hellige Johanna von Arc stehe Ihnen bei!" — General Pan liest in den kmzen Augenblicken sicher Ruhe mll Vorliebe die Werke von Möllere und die Gedanken von Waise Pascal.
;— Neues von der Dresdner Galerie. Wie die „Kunstchronik" berichtet, hat Dr. Posse, der Leiter der Dresdner Galerie, bevor er ins Feld rückte, noch eine wichttge neue Anord- nuno ln der Sammlung vorbereitet: die neue Aufftellung von vier
der sechs alttllederländischen Teppiche, die vorher mll den raffael- schen Tepvichcn gemeinsam in dem runden Oberlichffaale der Galerie hingen. Dort hatten sie seit dem Jahre 1853 ihren Platz, nachdem sie (aus den Vorräten des König!. Schlosses in die Galerie überführt worden waren, und sie waren hier in fast senkrechtem Lichte so ungemein unglücklich aufgestellt, daß sie nicht allein ganz um ihre Wirkung kamen, sondern auch in ihrem hohen künstlerischen Werte völlig unbeachtet blieben, obgleich sie ihre wundervolle Farbenpracht und ihre seltene Erhaltung zu einem Schatze ersten Ranges stempeln. So konnte es geschehen, daß erst im vorigen Jahre der Dresdner Kunstgelehrte Ernst Kumsch den Zusammenhang zwischen einigen dieser Teppiche und bekannten Dürrrschen Sttchen entdeckte. Durch Passes neue Aufstellung sind nun diese Teppiche in all dem Glanze ihrer Zeichnung, ihrer Farben und des Goldes geradezu neu gewonnen worden und bilden nun Prachtstücke der Dresdner Galerie. Sie wurden in der Mitte der langen Niederländer-Galerie ausgestellt, wo sie durch Seitenlicht von Norden in ihrer ganzen Schönheit zur Geltung kommen. Einige Kabinette sind hier in einen einzigen, in zurückhaltenden Farbentönen ausgestatteten Raum verwandelt worden; auf vier Scherwänden hängen einige wenige Gemälde von Rnhsdael, Hobbcma und Metsu. sowie Vermeers köstliche Briefleserin zwischen den zwei kleinen Bildnissen von Frans Hals, so daß hier eine Art Tribuna von Meisterwerken der holländischen Kunst enfftanden ist.
— Wiener Kunstleben im Krieg«. Der Krieg hat im Wiener Kunstleben schwerwiegende Spuren hmterlassen. Wie wll einer Mitteilung der Knnstchvonik entnehmen, sind die beiden kunsthistorischen Museen seit Mitte August geschlossen und werden vor- läusig auch nicht wieder eröffnet werden, da eine große Anzahl von Beamten und Dienern zum Milllärdienst einberufen ist. Auch in der Hasbibliothek konnte der normale Betrieb ebensowenig wie in der Erzherzaglichen Kunstsammlung Alberttna aufrecht erhalten werden. Die hier beschäftigten Herren stehen zürn größeren Tell lln Felde, oder sind sonst in Milllärdiensten beschäftigt. Die Benutzung der beiden letzteren Sammlungen wird daher nur ausnahmsweise zu besonderen wissenschaftlichen Zwecken gestattet. Ebenso hat das Museum der Stadt Wien seine Pforten geschlossen. Die Staatssammlungen aber vertreten den trefflichen Gesichtspunkt, gerade während des Krieges dem Publikum ihre Schätze nach Möglichkeit zugänglich zu machen und so weiteren Kreisen die Gelegenheit zu künstlerischer und wissenschaftlicher Anregung nicht gänzlich zu nehmen. Die Slaatsgalerie, deren Aufsichspersonal aus Invaliden besteht, blieb im ganzen Umfange zu den gewohnten Stunden
geöffnet: das Oesterreichische Museum für Kunst und Industrie ermöglicht den Besuch und di« Benutzung i>n Bibliothek in einer herabgesetzten Zahl von Sunden. Der Besuch dieser Staatssanrm- lungen ist sehr gut. Im übrigen wurde durch den Krieg das Wiener Kunstleben völlig brachgclegt; das Gebäude der Sezession und der größte Teil des Künstlerhauses wurden zu Spitälern des Roten Kreuzes eingerichtet.
— Deutsche Frauen. Aus Kassel schreibt uns ein Mit- arbeller: Mit Bedauern las ich dieser Tage, daß einer meiner Bekannten, ein blutjunger, hoffnungsvoller Leutnant, den Heldentod gelunden hatte. Diese Nachricht ging mir sehr nahe. Ich mußte an die alte Mutter deS fröhlichen Jungen denken; wie sie wohl den Verlust ihres Einzigen auffaffen würde? Ich traf sie aus der Strohe und sprach sie an, um ihr mein Beileid auszudrücken. Sie sah überrascht aus; ,Ja, ich habe ihn hingebe» müssen: aber sagen Sie, ist er nicht eines herrlichen Todes gestorben? Sein Bursche Ichrieb mir und das Bataillon bestäligle es, dreißig Schrille vor der Front bei einem Sturm ist er geiallen! Denken Sie, dreißig Schritte vor der Front I Ist das nicht ein schöner Tod? Mein Junae, nein, ich kann nicht trauern, das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse schmückte seine Brust; kaum 18 Jahre alt, hat er, wie mir geschrieben wurde. Hervorragendes geleistet. Als Leutnant hatte er Aulgabcn auszusühren, wie sie andere nicht so leicht erhalten. Noch am Tage vor seinem Tode brachte er von einem Patrouillengang eine äußerst wichtige Meldung mit, dt- am nächsten Tage der Anlaß z» einer siegreichen Schlacht wurde. Beglückt schrieb er mir, daß sein Oberst und sein General ihn gelobt hätten. Sie sollten seine Briete lesen! Keine Zagheit, keine Klage, nur dar Glücksgetühl, seinem Kaiser und seinem Vaterlande dienen und sür sie sterben zu können, ersüllte ihn. Sein Kaiser ging ihm über alles. Schon als kleiner Junge sang er stolz: »O Aegtr, Herr der Fluten.' Das wußten selbst meine Lieferanten, denen er das Lied des Kaisers ost Vorsingen mußte Einmal bat man ihn auch in einem Drün- warentaden darum. Was glauben Sie, mein Junge blickt sich um, schüttelt den Kops und sagt: ,Für diesen Raum ist mir das Lied meines Kaisers zu schade I' Und dar mit fünt Jahren! Nun tst er sür seinen geliebten Kaiser gestorben. Er hat den Tod nicht ge- türchtet. Wenn doch sein Vater noch dar alles erlebt yätie I Ich kann über den Tod meines großen, heldenhatten Jungen ,ncht trauern. Nach dem, was ich Ihnen gesagt bade, werden Sie mich, verstehen!' Nach dem Geständnis dieser großen Seele schien mir' jedes Wort banal. Ich zog meinen Hut vor dieser deutsche» Fra» lteser, als ich es sonst zu tun pflegte.


