Ausgabe 
21.12.1914
 
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Nr. 299 Zweiter Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags,

TieSiehener Zamillenblätter" werden dem «Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Di-randwirlschaftlichen Seit- srageir" erscheinen monatlich zweimal.

Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhesjen

Montag. 2t. Dezember 1914

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäls - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriltleitung,Geschäftsstelle ».Druckerei: Schtll» straße7.Geschä!tsslclle u.Verlag:^Eö1,Schri!l- leitung: 112. Adresse für Trahtnachrichlew

Anzeiger Gießen.

VieNriegrtagung derhessischen Landstände.

rb. T a r m st a d t, 19. Dez.

Die am Donnerstagabend zu Ende geführte zwei­tägige Beratung der beiden Ständekammern hat in ihrem ganzen Verlauf bewiesen, daß gleich dem Beispiel des größten deutschen und verschiedener kleinerer Parlamente I auch die hessischen Landstände die Verhältnisse der gegen­wärtigen großen und schweren Zeit voll zu würdigen wissen. Es wurden dieser Kriegstagung von der Regierung natür­lich nur diejenigen Ofesetzenttvnrse vorgelegt, die der jetzigen Gesamtlage entsprechend sich als dringend notwendig er­wiesen hatten; .alle andern, noch so dringlichen Anforderun­gen oder Wünsche bleiben für eine spätere und hoffentlich nicht allzuferne Zeit zurückgestellt. Jetzt koimte es nur gelten, mit den zur Vorlage gebrachten Gesetzentwürfen/ der Staatsverwaltung ein festeres Rückgrat zu schaffen, oder, wie der Herr Staatsminister in seinem Schlußwort sagte, sie ordnungsmäßig fortzusühren und die Störungen des Wirtschaftslebens im Lande nach Möglichkeit sernzu- halten.

Hätten sich schon die parlamentarischen Ausschüsse bei ihren kurzen Vorberatungen über die verschiedenartigen staatlichen Anforderungen auf eine streng sachliche Beurtei­lung beschränkt und von jeder kleinlichen Erwägung oder Geltendmachung anderweiter Gesichtspunkte, als den natio­nalen, ferngehalten, so folgten diesem Geist der Einmütigkeit auch die beiden Ständekammern selber. Nachdem am ersten Tag der Zusammenkunft die feierliche Eröffnung und Kon­stituierung vollzogen worden war, begnügten sich beide -Kammern bei den Beratungen am zweiten Tage zumeist mit dem kurzen mündlichen oder schriftlichen Bericht des Ans-

I schußberichterstatters und nahmen die Vorlagen, deren Be­ratung in normalen Zeitläuften monatelang« lebhafte Aus- isprachen erfordert haben würde, ohne jede weitere Be» Handlung einstimmig an. Von den Ausschüssen waren über­haupt nur in zweien von den zum Teil ziemlich innfang- reichen und schwierigen Vorlagen einige kleine Slbänderun- gen praktischer Art vorgenommen worden, denen die Re­gierung gern zustimmtc: dem Gesetzentwurf über das Außer­krafttreten von Borschristen der Städte- und Landgemeinde- I ordnung und über ein vereinfachtes Enteignungsverfahren zur Beschaffung von Arbeitsgelegenheit und zur Beschäfti­gung von Kriegsgefangenen. Zu dem erstgenannten wurde auch noch ein Aillrag Leun genehmigt, wonach auch für Kontrolleure eine Stellvertretung erfolgen kann.

Im Vordergrund der Verhandlungen über die durch den Krieg notwendig geivordenen Maßnahmen stand die Abänderung des Wahlgesetzes vom 3. Juni 1911, soweit es sich auf die gesetzlich festgelegte Erneuerung der Zweiten Kammer bezieht. Wie schon früher erwähnt, hatte man in weilen Kreisen geglaubt, am einfachsten über hie schwierige Lage hinwegkommen zu können, wenn sich auf dem Wege sog. kampfloser Wahlen unter Wahrung des fetzigen Besitzstandes der Parteien die halbe Erneuerung der Zweiten Kammer vollziehen würde. Dazu war aber eine absolute Einmütigkeit der Parteien erforderlich, und da eine solche infolge einer Sonderforderung der äußersten Linken nicht erreicht werden konnte, so blieb der Regierung nichts weiter übrig, als einen Gesetzentwurf vorzulegen, durch den bestimmt wird, daß die nach dein Wahlgesetz im Jahwe 1914 vorgesehenen oder in der ersten Halste 1915 notwendig werdsrden Wahlen zur Zweiten Kammer auf die zweite Hälfte des Jahres 1915 verschoben werden. Der zuständige Ausschuß hatte bei seiner Beratung schon einen Antrag Dr, Fulda, wonach für diese Wahlen die Bestim- ' mutigen über die Steuerrückständigkeit des Wählers usw keine Anwendung finden sollten, abgelehnt und bei der Be- ratung im Plenum kam dann auch der Gesetzentwurf ohne jede Abänderung einstimmig und ohne Aussprache zur Annahme. Me einstimmige Annahme auch dieses Gesetz­entwurfs scheint der Regierung, die zuerst sich dem Ge­danken kampfloser Landtagswahlen sympathisch gegenüber- gestellt hatte, besonders wertvoll und erfreulich gewesen zu ,ein, denn in seinem Dank an die Zweite Kammer für die einmütige Zustimmung zu den Regierungsvorlagen be­

grüßte der Staatsministerganz besonders den einhelligen Entschluß, daß der politische Friede im Land durch Wahl­kämpfe in dieser ernsten Zeit nicht getrübt werden darf."

Wie nach den Schlußworten des Staatsministers, in denen er den festen Willen aller Deutschen betonte,in Einigkeit zusammenzuhalten, bis der Friede erkämpft ist, den kein Feind mehr zu stören wagt", so brach das Haus auch während der tief empfundenen vaterländischen Rede des Kammerpräsidenten .in wiederholte stürmische Bravorufe ans, als dieser in eindringlichster Weise au die Daheim­gebliebenen die ernste Mahnung richtete, in dieser gewal­tigen Zeit stets groß und allezeit opferbereit zu bleiben und sich derer würdig zu zeigen, die draußen vor dem Feinde fechten. Die Volksvertreter bekräftigten dieses Gelöbnis mit einem dreimaligen begeisterten Hoch aus das deutsche Vater­land und die hessische Heimat. Zu Beginn der Rede hatten sich die Mitglieder aller Parteien von den Plätzen erhoben und sie stimmten auch alle in dieses Hoch mit ein.

In den Schlußsitzungen beider Kammern herrschte über­haupt eine kaum je dagewvsene Freudenstimmung. Kürz vor Beginn der Sitzung war das amtliche Telegramm aus dem Großen Hauptquartier bekannt geworden, das den neuen großen Erfolg der deutschen Waffen über die Russen meldete. Entfachte schon das Bekanntwerden dieses Sieges eine helle Freuoc, so stieg diese zur höchsten Begeisterung, durch die von der Obersten Heeresleitung in der ganAen Welt verbreitete öffentliche Feststellung, daß bet den Kämpfen in Russisch-Polen die Tapferkeit westpreußischer u. hessischer Regimenter die Entscheidung gebracht habe. Wer mit einiger Auf­merksamkeit die tächichen knappen und ungeschminkten Mel­dungen unserer obersten Heeresleitung verfolgt hat, der wird ermessen, welch ungeheure Auszeichnung in diesen wenigen Worten liegt. Höchst selten einmal ist den Bayern oder Württembergern bei ganz besonderen Anlässen eine öffentliche Erwähnung von oberster Stelle aus zuteil ge­worden, und nur einmal bisher wurde auch dem ostpreußi­schen Landsturm und der schlesischen Landwehr diese Ehre zuteil. Und wenn jetzt in dem kurzen Siegestelegramm neben den westpreußischen auch der hessischen Regi­menter gedacht wird, deren Tapserkeit in den Kämp­fen in Nordpolen die Entscheidung brachte, so ist das in der Tat ein Zeugnis, das alle Herzen in Hessen höher) schlagen läßt. Tue Wtrkung dieser Meldung war denn auch die, daß in beiden Ständekammern sofort stürmische Hoch­rufe auf Hindenburg und seine tapferen Truppen erklangen. Die kurze Kriegstagung der hessischen Lcmdstände fand damit einen Abschluß, wie er schöner und erhebender kaum gedacht werden kamt. In der vaterländischen Geschichte Hessens aber werden die jüngst verflossenen Tage dauernd als leuch­tende Rtthmestage genannt werden!

Auch Holland rüstet.

Alle Länder Europas werden von den Folgen des ge­waltigen Weltkrieges betroffen, auch die kleinsten, deren einziger Wunsch es ist, neutral zu bleiben und friedlich weilerzuleben. Die Schweiz hält ihre Grenzen militärisch besetzt, um jeder möglichen Gefahr vorzubeugen, und leidet kaum weniger schwer wirtschaftlich, als die kriegführenden Völler. Auch Holland, das durch den Weltkrieg, allerdings hauptsächlich durch die Rücksichtslosigkeit Englands, hart be­troffen ist, trifft andauernd weitgehende militäri­sche Maßnahmen, um seine Nentralität zu schützen. Ms der deutsche Vormarsch durch Belgien erfolgte, bemäch­tigte sich der sonst so phlegmatischen Holländer eine begreif­liche Nervosität. Diese Erregung ist jetzt sehr geschwunden. Mau hat in Holland eingesehen, daß die Furcht vor einer Neutralitätsverletzung vpn seiten der Deutschen völlig un­begründet war. Wenn das Keine Königreich trotzdem schwere finanzielle Opfer bringt, um Heer und. Flotte in Bereitschaft zu setzen, so geschieht dies nur, um -gegen Gefahren gerüstet zu sein, die den Niederlanden vielleicht vvn änderet. Seite im Laufe des europäischen Krieges drohen könnten. Die Ereignisse haben gezeigt, daß nicht alle Länder es mit den Geboten der Loyalität und des Völkerrechts so genau

nehmen wie Deutschland, das von seinen Feinden als Ver- tragsbrecher verschrien wird.

In der letzten Zeit hat die niederländische Regierung eine Reihe wichtiger militärischer Vorkehrungen getroffen, die keinen Zweifel an ihrem festen Willen lassen, für alle Möglichkeiten vorbereitet zu sein. Eine Kriegsanleihe von 250 Millionen Gulden soll in der allernächsten Zeit in Hol­land ausgenommen werden. Diese Kriegsanleihe wird zum- Teil den Charakter einer Zwangsanleihe tragen. Die Pro­vinz Seeland, die die Scheldemündung umfaßt, wird in starken Verteidigungszustand gesetzt. Besonders die Forts von Blissingen, die bekanntlich dazu bestimmt sind, die Ein­fahrt in die Schelde und nach Antwerpen zu verloehren, wer­den mit gewaltigen Geschützen versehen. Alle die kriege­rischen Vorbereitungen und'Rüstungen bekunden natürlich keineswegs die Absicht Hollands, in die gegenwärbigcht Kriegsereignisse einzugreifen. Sie sind nur Vorsichtsmaß­regeln. Tie Beruhigung, die in der holländischen öffentlichen Meinung über die militärischen Maßnahmen Deutschlands erfreulicherweise allmählich eingetreten.ist, ersülll unsere Feinde aber naturgemäß mit Sorge. Deshalb versuchen sie wieder, im Trüben zu fischen und neues Mißtrauen zu säen. Ihr letztes Manöver in dieser Richtung ist der Versuch, Besorgnis in Holland wegen der Wirkung des von der Türkei verkündeten heiligen Krieges auf die eingeborene Bevöl­kerung der niederländischen Kolonien in Ostindien zu erregen. Es ist allerdings eine Tatsache, daß Königin Wil­helmine über viele Millionen Mohammedaner herrscht. Mus der schönen und siuchtbaren Insel 'Java allein wohnen 36 Millionen Mohammedaner, deren Religion allerdings mit hinduistischen Vorstellungen verquickt ist. Das Christentum! hat auf Java, trotz der laugen Besetzung durch Europäer, sehr geringe Fortschritte gemacht; die ganze Insel zählt heute höchstens 20 000 eingeborene Christen. Ans Sumatra) ist die etwa dreieinhalb Millionen Köpfe zählende malaiische Bevölkerung gänzlich mohammedanisch und zum Dell vvrk großem religiösem Fanatismus beseelt Die erbllterteir Kämpfe, die seit vielen Jahren zwischen den holländischen: Kolonialtruppen und den Atch,ncsen stattfinden, sind dafür ein Beweis. Wer der Gedanke, daß der hellige Krieg, den Sultan Mohammed V. in Koitstantinopel verkündet hat, einen Aufstand in Niederländisch-Judien Hervorrufen könnte, der die Herrschaft der Holländer bedrohen würde, muß als^ ganz phantastisch bezeichnet werden. Ganz dieselben Be­fürchtungen haben unsere Feinde bekanntlich in Italien wegen Tripolis zu erregen versucht, bis die feierliche Erklä­rung der türkischen Regierung, daß das Gebot des helligerr Krieges nur für die Fernde der Türkei gelte, ihnen ihr ver­logenes Handwerk legte. Aehnlich verhält es sich mit einem Einfluß des heiligen Krieges auf die Moharmneixrner in Java und Sumatra, die außerdem viel weller entfernt stnbu Kolonialkänipfe hat es dort immer gegeben, sie werdet? auch jetzt nicht aufhörcn, aber ihre Entfachung zu einem all­gemeinen Aufstand durch die Berkündung des Helligen Krie­ges in Konstantinopel gehört ins Reich der Fabelt Die hob« kindische Regierung wrrd diese grob eingefädelte Jntrigue wohl auch bald durchschaut haben, und wenn ihre Rüstungen zum Tell durch die Sorge um ihre Kolonien veranlaßt sind, so dürsten es viel eher Japans Gelüste aus ihren pstindi- schen Besitz sein, die sie nrllitärische Vorkehrungen treffeir lassen.

An den Usern der vzura.

Das noch vor wenigen Wochen fast unbekannte Flüßchen Btzura hat jetzt weltgeschichtliche Bedeutung erlangt; an seinen Ufern ist die Entscheidung»>ü;lachl des gewaltigen Völkerringens in Polen ge­schlagen worden. In weitem, nach Südosten geöffnetem Bogen fließt die in den Wäldern nördlich von Lodz entspringende Bzura nach Osten, um sich, nachdem! sie hinter Lowitsch die von Süden kommende Rawka ausgenommen hat, wieder nach Norden zu wende» und an Sochaczew vorbei der Weichsel zuzufließen. Sie durchsttöiNt ein vielfach sumpfiges, noch meilenweit mit dichter» Wäldern bedecktes Gebiet, und ihre Ufer sind viel weniger fruchtbar, als etwa die weiten Strecken des Gouvernements Radom.

t mmerhin ist im letzten Jahrzehnt durch das Wstrocknen einzelner umvfgebiete und die Anwendung landwirtschaftlicher Maschinen brauchbarer Ackerboden gewonnen worden. Auch die Schafzucht an der Bzura befindet sich nicht in so gutem! Zustand, wie in an-

Beethoven vor Gericht.

Einen wertvollen neuen Beitrag zu Beethovens Lebrnsgeschichtr hat Dr. Max R e i n i tz in Wien entdeckt, indem er eine Reche bisher gänzlich unbekannter, auf den Meister bezüglicher Prozeßakten aus- stndig machte, die jetzt im Austrage der Schriftleitung derDeut­schen Rundschau" Gustav Ernest im Januarhefte dieser Zeitschrist bearbeitet und in ihrer Bedeutung für Beethovens Biographie ge­würdigt hat. Es handelte sich dabei vor allem um bisher zum Teil ganz unbekannte Prozesse, die der Tondichter gegen seine Schwägerin JohannavanBeeihovcn.die Gattin seines um vier Jahre jüngeren Bruders Karl geführt hat, und deren Bedeutung nur unter Berücksichtigung der Persönlichkeit dieser Frau zu verstehen ist Johanna van Beethoven ist nämlich nicht allein eine Ver­schwenderin, sondern auch eine sittlich ties heruntergekommene Pev4 sönlichkeit gewesen, die den übelsten Ruf genoß. Ganz natürlich ist es, daß Beethoven mit seinem strengen sittlichen Empsinden eine bcstige Wneigung gegen die Schwägerin cmpsand, durch deren Schuld obendrein auch noch sein Verhältnis zum Bruder gespannt iwurde Trotzdem ließ er nicht darin nach, dem Bruder gefällig zu sein und ihn zu unterstützen; selbst so törichte Wünsche, wie den nach ein Paar Pfauen, war er bestrebt, dem Bruder, als dieser krank lag, zur Erfüllung zu bringen. Während seiner Krankheit bat Karl den Mcilster um ein istnlehen von 1500 Gulden, die dieser, obschon selbst gerade damals in schwer bedrängter Lage, ihm ge­währte, nachrem die Schwägerin die Bürgschaft dafür übernommen und unter dem 12. Aprll 1813 eine Schuldurkunde darüber ausge­stellt hatte. Einige Monate später verlangte dann Beethoven die Zurückziehung der Gelder von ihr. Dieses Vorgehen erllärt sich sehr natürlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dag im selben Sommer Frau Streicher ihn hinsichtlich seiner körperlichen und häuslichen Bedürfnisse ind?olatem Zustande' gesunden hat:Er hatte nickt nur keinen guten Rock, auch kein ganzes Hemd!" Und aus derielben Zeit erzählt Spohr, Beethoven habe einmal ein paar Tage^ nicht ins Svcischaus kommen können, weil sein einziges Paar Stiefel ausgebessert werden mußte. Er brauchte also das Geld, für das die Schwägerin gebürgt hatte, nöttgst. Wie ans den von Dr. Reinitz entdeckten Akten hervorging, trat er die Schuld an den Verleger Sleiner ab, der sic einklagte und sich vor Gericht dann mit Johanna Beethoven dahin einigte, daß sie die Summe in besttmmten Raten abzuzahlen sich vervslichtetc. Schließlich blieb aber Beethoven dem Verleger doch haftbar, und da die Schwägerin ihre Verpflichtung

wieder nicht erfüllte, so hat Beethoven Steiner als Entschädigung für seine Forderungen nicht weniger als 4 Sonaten, ein Trio, ein Quartett, die 7. und 8. Sinfonie und noch anderes mehr un­entgeltlich überlassen. Was das für ihn bedeuten wollte, kann man ganz erst ermessen, wenn man sich vergegenwärtigt, wie eigenttich Beethovens materielle Lage in dieser Zeit seines Lebens war. Dick Berechnungen, die Ernest darüber angestellt hat, haben ihn zu dem Ergebnis geführt, daß des Meisters Durchschnittseinkommen von 1816 bis zu seinem Tode 1827 im ganzen nicht mehr als 4500 Mark jährlich betragen haben kann, eine -Summte, die für seine und des von ihm miterhaltenen Neffen Bedürfnisse nur mit Npt ausrcichte und ihn nicht vor steten Geldbedrängnissen bewahren konnte.

Das war der eine Prozeß, den Beethoven mit seiner bedenk­lichen Frau Schwägerin zu führen hatte. Der andere bezog sich auf seinen N e f s e n , jenen Sohn Karls und Johannas van Beetho­ven, der in des Meisters Leben eine so unheilvolle Rolle gespielt hat, Ueber ihn hatte der Bruder bei seinem Tode im Jahre 1815 ihn testamentarisch zum Vormunde ciitgrsetzt, und Beethoven war entschlossen, seine Pslichtm gegen den Neffen im höchsten und edel- Sinne zu erfüllen, Dazu aber erschien ihm vor allem durchaus notwendig, daß er dem Einflüsse der zur Mitvormünderin ernannten Mutter entzogen werde, und das konnte nur auf gerichtlichem Wege, geschehen. Fünf Jahre lang schleppte der Prozeß sich mit wechseln­dem Glück hin, bis endlich im Jahre 1820 die auch vom Kaiser als letzte Instanz bestätigte Entscheidung siel, daß die Mutter gänz­lich von der Vormundschaft auszuschlicßen sei Es eröfsnet einen tiefen Blick in die unerschöpfliche Güte dieses gewaltigen Menschen, daß er trotz aller Bitterkeiten, die ihm die Schwägerin bereitete, doch immer noch mit Nachsicht und Liebe ihrer zu gedenken ver­mochte. Findet sich doch ln seinem Tagebuche einmal ein erschüt­terndes Gebet zu Gott für seinenteuren Karl", den Neffen, worin es heißt:Segne mein Werk; segne die Witwe, warum kann ich nicht ganz meinem Herzen folgen und sie die Wittve fftrder" hier bricht das Manuskript ab. Und als der Knabe der strengen Schule eittlies und zu der nachsichttgen Mutter flüchtete, schrill, Beethoven:Karl hat gefehlt, aber Mutter Mutter selbst eine schlechte, bleibt doch immer Mutter."

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Ein neues Händel-Porträt, Ein bisher unbe- kamttes Bildnis Hältdels, das ftüheste Porträt des Meisters, das

wir besitzen, wird im neuesten Heit des Century Magazine zum erstenmal veröjsentlicht. Weymer Mills bietet hier eine Würdigung der historischen Miniaturen aus der großarttgen Miniaturensanun- lung des Engländers Francis Wellesley, von der man bisher nur dnnlle Kunde gehabt hatte. Diese Miniaturensammlung, die eine der wichttgsten Kollektionen ihrer Art ist, war bisher nämlich noch nie beschrieben oder photographiert worden. Mills erzählt nun von den kostbaren Schätzen dieser anmuttgcn Kunst, die hier vereinigt sind, und bildet einige Proben ab, darunter auch das Porträt Han­dels. Die Welleslcy-Sammlung ist reich an Werken der berühmten englischen Miniaturmaler Richard Cosway, George Engleheart, Thomas Lawrence, des Wieners Friedrich Füger und vieler ande­rer. Sie besitzt auch Werke von weniger bekannten Meistern, unter denen neben John Faber Bernard Lens der Interessanteste ist, Bon Lens stammt auch das Händcl-Porttät, und es gilt als sein Meisterwerk. Lens, der Zeichenlehrer am Chrisps Hospital war und auch den jungen Horace Walpole in der Kunst des Zeichnens unterrichtete, soll eine neue Art der Miniaturmalerei, nämlich die auf Elienbein, eingeführt haben. Das Händel-Bild, das um das Jahr 1710 entstanden sein muß, gehört zu den seltenen Stücken dieses Meisters auf Elfenbein, während seine meisten Werke auf Pergament gemalt sind. Im Jahre 1710 kam der junge damals 25jährigr Händel, bereits ein berühmter Maestro, znm erstenmal nach London, das von nun an die Hauptstätte seiner Trüimphe werden sollte. Er war Leiter der Hofkapclle in Hannover und führte sich zunächst am englischen Köuigshofe als Klaoiervirtuose glänzend ein. Nicht lange daraus fand seine OperRinaldo" beim Londoner Publikum einen beispiellosen Erfolg. In diesem Glanz seiner ersten Triumphe ist Händel aus dem Bilde von Bernard Lens dargestlllt. Er sitzt in einer Baumlaitdsckutft, anmutig hingelagert und den einen Arm, der llnc Flöte hält, in einer echten Rokokopose kokett auf die Hüfte gestützt, Bon der Baumsilhouette hebt sich scharf der von einer langen Perücke umnxtllte Kopf ab mit bcn lebhaft glänzenden Augen und dem sprechenden zu einem leichten Lächlln geschürzten Mund. Neben ihm liegt ein ausgcschlagcne» Nolenbuch. Die elegante Kleidung, die malerische Drapierung eines dunllcn Ucberwurfs über dein langen Schößerock, das zierliche Jabot und die Spitzenvorstöße an den Aermeln künden von dem vor­nehmen Auftreten des Meisters, der damals in seiner jugendlichen Anmut und Genialität die Welt bezauberte.