Ausgabe 
14.12.1914
 
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besonders Sutten zum Verkünder der deutschen Freiheit und Größe wird. Er beichivörl als höchste Verkörperung des Tcutschtmns die Heldengestalt Arminius herauf, die dann so ost den Deutschen in ihren Kämpfen vorangeteuchlet, und er spricht es aus, daß die Deutschen noch immer die unbezivinglichcn Krieger und rernen Naturen seien, wie die allen Germanen, aber zugleich Kultur­menschen, die das Pulver und die Buchdruckerkunst crsnndcn. Lelbst Eaesar und Cicero müßten ihre Taten und Reden beioundern, F r i s ch l i n hat diesen Gedanken in seinemJulius redivivus" dra- inatisch gestaltet. Meißner ihn überiwnimen, und so hat die,er Triunrph des Deutschtums über das Altertum noch aus Bismarck gewirkt. Wie Sutten den ruheichenDeutschen Aar" feiert: ^Ent schwingt er deur Boden sich kühn in die offenen Lütte. Wehe, wie breitet er dann Schrecken und Furcht um sich her!", so hat Luther gesagt:Deutschland ist wie ein schöner weiblicher Sengst, der Futter imi> alles genug hat, was er bedarf: es fehlet ihm aber an einem Reuter; es ist mächtig genug an Stärke und Leuten: eS mangelt ihm aber an einem guten Haupt." Wieder klingt hier etwas von Bismarck an, der gesagt hat:Sehen wir nur Deutsch' land in den Sattel; reiten wird es schon können."

Der 30jährige Krieg, der das größte Elend über Deutlchland bringt, läßt dafür die Prophezeiungen wie glänzende Sterne einer fernen besseren Zeit am dunkeln polittschen Horizont aufsteigen. In einen, prachtvollen uittcr leichten, Humor tiefen Ern,, bergenden Traumbild sc-inesSimplicissimus" läßt Grimmelshausen einenErzphantasten", der sich für den Gott Jupiter ausgibt, von einen, neuen deutschen Weltreich künden:Jch^ will einen deutschen Helden erwecken, der soll alles mit der Schärfe des Schwertes vollenden. Zulehl wird er den größten Polentaten in der Welt befehlen und die Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, daß beides, Götter und Menschen, ein Wohlgefallen darob haben sollen. Die Könige in England, Schweden und Dänemark werden, weil sie teutschen Geblüts und Herkommens, der in Hispa- nia, Frankreich und Portugal aber, weil die alten Teutschen iclbige Länder hiebevor auch eingenommen und regiert haben, ihre Kronen von der teutschen Nativ» aus freien Stücken zu Lehen enipsangen, und alsdann wird wie zu Augusti Zeiten ein ewiger beständiger Friede in der Welt sein." Ja, Deutschland wird sogar auch das Kulturerbe Alt-Griechenlands antrcten, und Jupiter selbst gelobt, ,,alsdann die griechische Sprache abzuschwören und nur teutsch zu reden". Mitten aus de», grausigsten Kriegseleud blüht in dem Roman dies Gemälde künftiger Herrlichkeit heraus, und die Deut­schen erscheinen nicht nur als das weltbeherrschende, sondern auch als das klassische Volk der Neuzeit, ivaS die Weimarer Olympier und die Frichro»,antiker mit größerem Recht ebenfalls predigten. Dem lustigen Phantasiegespinst des Dichters steht die viel tiefer gegründete Anschauung des Philosophen zur Seite. L e i b n i» hofft und Iivibkt für ein neues, von Deutschen geschaffenes heiliges, römisches Reich, dem alle Fürsten der Erde Achtung und Ehrfurcht daibringeu.

Der Prophet einer höhere» Haruwnie und Einheit, die in dem deutschen Gottesstaat ausgeprägt sein sollte, hat noch nichts von feiner Verwirklichung erlebt, es sei denn, daß er in den. Großen Kurfürsten, dem Lehen st ein seinen Roman Arminius ahnungs­voll als den,Hermann Deutschlands" widmete, den Vorläufer des Zukunstshelden erkennen wollte. Das 18. Jahrhundert sah bereit- in Friedrich d. Gr. einen solchen Fürste», der ganz Europa kühn und siegreich die Sttrne bot. Der nationale Gehalt, den der König in die deutsche Kultur brachte, äußerte sich in kühnen Hoffnungen, wie sie z. B. Klopstock und Justus Möser aussprache». Tie Dichter um Gleim und Rauiler verkündeten den Anbruch eines goldenen Zeitalters: selbst die Franzosen, die bis­herigen unbestrittenen Geistesführer, lernten die Teutschen endlich achten. Raynal sagte zu einem Teutschen:Ihre Literatur steigt, unsere sinkt," und Torat rief aus:O Deutschlatch, unsere guten Taae sind dahin, die deinigen brechen an!" Friedrich aber schaute in seiner merkwürdigen SchriftDe la littsrature allcmande" mit Scherblick in die Zukunft:Wir werden unsere klassische» Dichter haben, unsere Nachbarn werden deutsch lernen, die Höfe werden es mit Freuden wrechen, und unsere veredelte und vervollkomm­net« Sprache wird sich durch unsere guten Schriftsteller von einen, Ende Europas zum andern verbreiten." Rasch kam diese Zeit her­an., Die junge Generation, die der greise Herrscher nicht mehr verstand, wollte durch die deutsche Nation alle Nationen auf­klären und erziehen, und 30 Jahre nach seinem Tode bekannte! die geistvollste Französin, die erst« Schriftstellerin ihrer Zeit, F r a u v o n S ta « l, die bereits Weimars Größe ahnte:Deutsch­land muß durch seine Latze als das Herz Europas gelten, und die große Gemeinschaft die,es Kontinents würde ihre llnabhängig- keit nur durch dies Land wiedererlangen, denn nur die Unabhängig- keit der Seelen wird die der Staaten begründen."

ickeneue Jugend der Menschheit", die Frau von Stael in demVaterlaich des Denkens" fand, erfüllte in den Freiheits­krieges ihren Traum von der Befreiung Europas. Die ganze Epoche des Jahrhundeittanfan^s drängt in kühne» Prophezeiungen au, diese Fülnersckwst Teutichlands hin, von Jean Paul uich Hölderlin bis zu Friedrich, Schlegel uich Novalis. Tic deutsche Ro,»antik ist in der Dichtung, Philosophie und Musik eine einzige grobe Prophettn auf die Größe des Vaterlandes.Ob sich die

deutsche Welt ausricht zu», Außerordentlichen?" fragt Arnim 1805, ahnungsvoll, und Fichte predigt Teutschlauds Berat zur Schaffung der Wettkultnr, E. M. Arndt preist dasHerz Eu­ropas" und sielst als seineWeltmisswn":Als ein Bollwerk zwifchen Frankreich, und Rußland und als ein Schildhalter skan­dinavischer, hispanischer und ilalienifcher Freiheit wird es wohl­tätig in dxr Mitte liegen und als der eigentliche Mittelpunkt des europäischen Lebens das wütende und zerstörende Zusammeu- stürmen des Osten und Westen hindern". Auch später sind die Dichter die besten Propheten getoefcn: Herwegh sagte Tcutfch- lands Flottcnmachl voraus, Pfizer die Einigung nndcr Preu­ßens Führung, für die dann Treitschke so begeistert eintrat. Selbst Viktor Hugo hat einmal von der dentschen Seele erwartet, daß sieim gegebenen Augenblick die Menschheit erheben und retten werde": Carlyle im deutschen Staatden Präsidenten Europas" gesehen und Napoleon III. die Deutschen alsdle Rafse der Zukunft" gefürchtet. Es bewahrheitet sich eben das Wort Goethes aus dem Schlußchor vonEpimcnides Erwachen" seiner eigentlichen Freiheitsdichtung:

So waren wir und sind es auch,

Das edelste Geschlecht,

Von biederm Sinn und reinem Hauch Und in der Taten Recht.

Viichertisch.

Der Deutsche Kriegskalcnde r", ein rechtes Soldaten- und Volksbuch, ist soeben erschienen. Schon sein Aeußeres nimmt sür ihn ei». Alls de», Umschlag prangt eine sainole lllanen- zeichuung des bekannten Malers Proicssor Angela Jank und im Innern stillt die Fülle guter und interessanter Bilder ans, die, vom Kalendarnnn angesangen, überall in, Text verstreut sind. General der Jnianterie v. Janson beginnt mit der trefflich aulqebautei, Chronik der bisherigen WeltkriegSereignisse zu Lande u»ter dem TiielHeldenkämpke in Well und Ost". Kontreadiniral Schliever gibt die recht geschickt geschilderte Chronik der Ereignisse zu Wasser. Es solgen die Anstätze:Tie deutsche Lullflotte" von General v. Eckenbrecher,Wie das Rote Kreuz entstand" von H. G.,Jung- tkeutschlandS KriegShitte" von Richard Norvhausen,Deutschlands Fiiiaiizrllstnng" von Leo Zolles.Grundlagen des dentschen Aus­stieges" vo» Tr. Paul Rohrbach,Tie Deutschen Rußlands während des Krieges" von Generalsekretär 21. Geiser. Tan» kommt der unterhallend« Teil, beginnend mit einer vorzüglichc» Skizze Nanny Lambrecht»Die Notlrauung" (Szene ans den, lanatisierten Brüssel zu Kriegsbeninn). Auch eine Reihe Kriegsgesänae und einige humorvolle Beiträge in Wort und Bild bereichcru das kleine Buch, das bei sein»,,, mäßigen Preise von 60 Plg. <120 Seiten Umtang, Verlag von Gerhard Stelling in Oldenburg i. Gr.', hoffentlich Ein­gang in recht wette Kreise findet. Ter Kalender ist hauptiächlich al« Liebesgabe tllr liniere Feldgrauen und Matrosen gedacht. Er läßt sich leicht als Feldpost briet verschicken Ihne» kommt es auch in doppelter Weise zugute, weil sein Rcingemtnn iast ausnahmslos in dle Kassen der vom Verein lürs Tentjchtum in, Auslande ver­anstalteten und unter den, Protektorat der nra»Kronprinzessin stehen­de» »Volkssamnckung sür die känipsende» Söhne unseres Volkes" fließt.

DerLahrer Hinkende Bote" tritt zum 11b. Male seine Wanderung an. Er wirst einen Blick ans die Wtrrsale der Zelt, und sein Nachwort j» den,Weltbegebe,iheilen" (das nur »och einen, Teil der Kalender beige'ügt werden konnte, ans Wunsch aber kostenlos nachgelicsert wird) saßt die Ereignisse der jüngsten Zeit bis z» den neuesten Siegen unseres Hinde,iburg, de» v»b,»reichen Erkolge» im Westen und der Erhebung des Islam in eine volks­tümliche Kriegsbetrachtung zusanimen. TerHinkende" ist kein Sauerseher, das iiihlt man auch dieser Darstellung an, die bei aller Schalkheit aut einen der großen Paterlandssachc würdigen zu­versichtlichen Toi, gestimmt ist. Ten übrigen Inhalt des beliebten Kalenders, der in Text und Bild bewährten, Herkommen tre» bleibt, bilden sttininungs- und fvannnngsvolle Erzählungen anerkannter VolkSschrillsteller, vielerlei Unterhaltendes, aber auch Belehrendes, wie des Hinkenden Standrede über den Panamakanal.

Diamanträtsel.

In die Felder nebenstehender Figur sind die Buchstaben aaaabbdee efikkllmnrrrss au derart einzntragen, daß die wagerechten

I Reihen tolgendes bedeuten:

I. Einen Buchstaben.

2. Teil des menschlichen Körpers.

3. Mathematische Figur.

4. Deutsche Stadt.

5. Einen Raubvogel.

6. Biblischen Rainen.

7. Einen Buchstabe».

Die senkrechte und wagrechte Mittelreihe ergeben das Gleiche« Auslösung in nächster Nummer.

Auslösung des Rätsels in voriger Nummer l Alster, Laster, Aster, Aller.

Kchrtstleitnng: Ang. Goetz. - Rolalionsdruck und Verlag der Brühlffche» ll»iv»rsitäls-Dnch- und Slelndrnckerei, N. Lange, Gieße».

An drn Akern der Drins.

bioniM, aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

8. Kapitel.

Von Vitkovici her jagte ein Dragoner in gestrecktem Galopp ans Racovac los. Spät an, Abend wär's, und die beiden Ossiziere rauchten gerade ihre Nachtmahlszigarren, als der Soldat vor ihr Hans sprengte. Sie stürzten beide hinaus, als sie ihn von drinnen hörten.

Ter Mann war atemlos. Und die vorgeschriebene Form seiner Meldung vergaß er auch in seiner Aufregung.

Herr Oberleutnant," stieß er hervor,nicht weit von Vitkovici jsl eine Bande von ungefähr dreißig bis vierzig Mann davei, über die Drina zu gehen."

. Durch das schlafende Dorf gellte das Alarmsignal. Fünf Minuten später standen die Strafnni marschbereit da, und die Dragoner trabten herbei.

Franz saß ans. Er und Desider hatten sich schnell geeinigt.

Jili reite ans Vitkovici zu", sagte Franz,werde dir schon rechtzeitig Meldung schicke». Teufel was ist denn das?"

Um die Dorfstraße bog ein ztveiter Dragoner herum. Er kam augenscheinlich von Süden her.

Bor den Offizieren parierte er sein dainpjendes Pferd, daß es sich ans >dcn .Hinterfüßen aufbänmte, und über­reichte Desider eine geschriebene Meldung.

Zugführer Ragst meldete, daß von dem am rechten User der Drina, etwa 1000 Meter oberhalb Slubovizja gelegenen Orte Bulövica, eine Bände von ungefähr zwan­zig Mann sich den, Flusse nähere, augenscheinlich in der .Absicht, ihn z» überschreiten.

Was ist denn los?" fragten sich die Offiziere ver- tvundert.

Am (Silbe ist der Krieg erklärt," meinte Franz,und die wissen das früher als wir."

Was kümmert uns das," rief Desider,Sic kommen und sie sollen uns bereit finden. Kinder," wandte er sich an seine Leute,wir haben da von zwei Seiten Meldung erhalten, daß die Serbe» im Anmarsch sind. Jetzt geht's Gott sei Dank, endlich los!"

Die Strafnni und die Dragoner brachen in nicht enden- wollendes Hurra aus. Efghi Hassan schrie nicht mit, aber in seinen schwarzen Auge» begann cs zu snnketn.

Er blieb im Ort zurück mit seine» ,süns Gendarmen lull, mit fünfzehn Strafuni, jsvährend Franz mit seinem Zug »ach. links davonjagte und Desider mit -seinen Leuten im Laufschritt nach der anderen Seite hin abbog. Vorsichtig stellte der alte Soldat rings um den Ort Wachen aus, um von allen Seiten sicher zu sein. Er selbst ernannte sich

um Wachtposten am Eingang des Torfes, von Ivo aus er as gegenüberliegende Ufer überblicken konnte. Gelassen hüllte er sich in seinen Mantel, setzte sich auf einen Meilen­stein und legte das Gewehr ans die Knie. Und wartete.

Schweigend standen oben am lichten Nachthinimel die Sterne; kein Laut war ringsum hörbar. Es war, als schlvebe der Frieden über das schlafende Land und hielt seine seg­nende Hand darüber, daß kein Lärmen es störe. Efghi Hassan, der in seiner Art ein Philosoph war, dachte an den Gegensatz zwischen der friedlichen Stille jetzt und dem freu­digen Jubel, mit dem vor wenigen Minuten die Soldaten in den Kampf gezogen waren. Hinaus in die dunkle Nacht, in die Gefahr. Esghi. Hassan zuckte als Philosoph die Ach­seln und gedachte des Kismets, des Schicksals, das unab­änderlich jedem Menschen vorherbestimmt ist.

Drüben, ini feindlichen Orte, kein Laut. Kein Licht an den Fenstern. Waren den» alle Bewohner mit den Kvmi- datschis mitgezogen? Und er lauschte, ob er nicht aus der Ferne etwa einen Schuß vernahm. Aber nichts nichts. Hätte Esghi Hassan nur einen Schimmer von Poesie be­sessen, so hätte er die Atemzüge der schlascndeix Erde hören müssen. s

So verrann eine Stunde eine zweite. Noch immer saß Esghi Hassan ans seinem Meilenstein und wartete. Plötzlich snhr er auf:

Aus Slubovizja kam langsan, und schwerfällig ein Wagen durch den Schnee gerollt, hielt aus den Fluß zu und fuhr ohne Zögern über das Eis. Kein Zweifel, er kam auf Racovac zu. . toic ein Falk spähte der alte Gendarm dem Geführt entgegen. Und als es näher kani, erkannte er, daß zwei Menschen'darauf saßen, ein Mann und eine Frau, armselige, in Lumpen gehüllte Bauern.

Halt!"

Mit zitternder Hand hielt der Bauer die kleinen, zotti­gen Pferde an.

Wer seid Ihr?"

Und das Geivehr schußbereit im Arm, trat der Gen­darm an den.Wagen heran. Seine Pfeife schrillte durch die Nacht, und gleich (darauf standen die Gendarmen und di« Strafnni im Kreis um die Fremden. Die waren zwei alte Leute, die sich vor Angst und Kälte ganz znsammeiv- krümmten.

O, Gospodin," antwortete der Bauer in flehendem Tone,tvir sind arme, unglückliche Leute. Ich bin Mirko Mirkovich ans Orovica drüben in den Bergen. Und das ist die Marja, meine Frau. Wir wollen nach Kraljevopolje, wo meines Vaters Brndersohn ein kleines Anwesen hat. Diese schrecklichen Komidatschis haben gar so schrecklich gehaust bet unL. Alles haben sie uns weg'genomtnen, alles. Und gcstent . . ." Ter Schmerz verschlug ihm die Stimme.

Ra, was. war gestern?' fragte Efghi Häfsan gleich­mütig.

Gestern haben sie uns unsere Traga, unser Kind, un­seren Sonnenschein . . . erlaßt mir das, Gospodin. Sie