Nr. 2)2
Zweiter Blatt
Jahrgang
v>schci»l täglich mit Ausnahme des Sonntag;.
Tie ..«iehener Zamiliendlätter" werden dein «Anzeiger* viermal wöchentlich beigeicgl, das „ilreirdlatt für den Ureis Sietzen" zweimal ivochenllich. Die ..kandsirtschafüichen Set»-
fragen" erscheinen monatlich zweimal.
ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesjen
5amrtag. \ 2 . Dezember M4
Rotationsdruck und Verlag der Brühi'schcn Universität; - Buch- und Stcindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriltleitung.Geschäitsstelle ».Druckerei: Schul- straße7.Geschä!isstelle ».Verlag: s^51,Schrist- leitung: e=^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Uriegsbriese au§ dem Osten.
Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
In der Feurrlinic an der ostpreuszischen Grenze.
Divisionsslab. den !>. Dezember.
Die Russen haben sich bitterlich darüber beklagt, daß ganz Lst- vreußen eine „Seesestung" wäre und daß dir 8. Arniee ihnen die atlerschönsten Soldaten, die cindringen wollten, mit Scharfschüßen wegknallc Ein Teil von Ostpreußen ist ,a nun tatsächlich durch die masurische Srcnkette, deren Pcricrdigungsanlagen ich sa neulich, soweit es das militärische Interesse zuließ, schilderte, von Natur aus nach Art einer „Wassrrscstnng" gedeckt/ Inzwischen hat aber das einsetzende Tauwetter und täglicher Regen den Boden auch an anderen Stellen unserer Linie in einen zähen Sumpf verwandelt. Um die Verhältnisse, die an seder StcUe der Front ja verschieden sind, bei den wichtigen Stellungen ungefähr vorwärts von Gumbinnen kennen zu lernen, begab ich mich mit der liebenswürdigen Erlaubnis des Armee-Oberkommandos aus einige Zeit zu einer der Divisionen, die diesen Mschnilt verteidigen.
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Die Stadt Gumbinnen sah viel lebhafter aus als vor vierzehn Tagen. Viele Läden waren geöffnet, auf den Straßen sah man außer Militär eine Menge Zivil. „Sic kommni eben aus einen Tag, um nachzusehen, nachher fahren sic ivicder weg," sagte mir der Kaufmann, bei dem ich meine Vorräte für die kommenden Tage ergänzte, „.haben Sie denn dkn Kaiser gesehen?" Das war die Frage, die einem jeder in Gumbinnen stellte, mit dem man sprach. „Die Soldatchens haben sich ja ganz doll gefreut." Es ist richtig, die Ostpreußen lassen ihre Freude nicht so merken, aber auch später in der Front sah ich dies heimliche Brennen der Augen: Der Ikarier ist bei u n ü gewesen.
Ich ging zur Etappe und holte meinen Qnarlier-Zcttcl für einen Hauptmann und einen Burschen, bekain dann die Anweisung voin Magistrat und einein braven Londsturmmann mit einem Bund Dietrichen. „Tie Dietriche sind die Hauptsache," sagte der Polizeibeamte, denn die paar Wohnungen, die bewohnt sind, liegen alle voll und die paar, von denen wir Schlüssel haben, sind längst belegt. Der Landsturminann öffnete die als geeignet crkannteir Objekte wie ein gewiegter Einbrecher, aber die Betten, auf die es ankam, waren nie vorhanden, oder in einem Zustand, über den inan besser nicht spricht, Gelegenheit zum Schreiben schien es über- baupt nicht zu geben. Endlich, in einein alten, hübschen Haus, in der Wohnung eines alte» Fräuleins, hinter aufgebrochcncn und ivicder vernagelten Türen, fand sich ein „Chaiselongne", iociße Wäsche, glänzend heizbare Oefcn und Koks. Die Wohnung schien völlig unberührt, nur der Schreibtisch war ausgebrochen, die Kästen herausgcrisscn, alle Papiere und Dokumente dnrcheinmcker gewirbelt und beschädigt. Ich zeigte dem Londsturmmann den Schreibtisch. Es rührte ihn nicht sonderlich. „Aber das ist doch meistens so," sagte er ruhig. „Mso ich bringe Ihnen den Zettel."
Ich wollte den aufgebrochenen Schreibtisch noch von dem einzigen Nachbar bestätigen lassen, der zuckte nur die Achseln. Ich stöpsle die Läden, so gut es ging, hinein. Alle Briefe mit der seinen, gleichmäßigen Kielsederschrist des 18. Jahrhunderts. Reisepässe aus der Zeit Friedrich Wilhelms III., Stanrmbücher, Silhouetten. Am Abend, als der'Kerzenhalter mit drei Kerzen besteckt war und das Zimmer in dem gelben, schönen Licht heimlich erschien, fand ich aus dem Boden noch zwei Briese, die ich nachmittags überseheii^ hatte: „Gumbinnen, 1l. November 1777." „hertzlich geliebter Sohn!" ivar die Ucberschrift des Schreibens, in dem ein alter Mann seinem Sohn zur Verlobung gratulierte und bedauerte, daß er bei diesem „fcyerlichen Feste" nicht dabei sein könne, da die Reise nach Königsberg allzu weit und beschwerlich sei. „Deiner Mademoiselle Braut und Ihren Hochwettesten Eltern bitte mein gehorsamstes Eoinpl. zu vermelden, in spezie auch von der Frau Mutter u. ältesten Schwester Johanna" war die Nachschrift des rührenden Briefes, den freche Kosakenhände halb zerrissen hatten. Das zweite Schreiben ivar datiert: „Amiens, 12. Dezember 1870." „Meine geliebten Eltern! . . ." Es ist von dem verwundeten Sohn im Lazarett geschrieben. „ . . . Ich iah eine Schwester Vorbeigehen, die einige» Kameraden etwas Schokolade in den Mund steckte, ich bat sie auch darum und sie schüttete mir ihren ganzen Nest von Zuckerkant in die Hand . . . Ich begreife jetzt nicht, warum ich in Berlin nicht alle Ersten zum Kranzler gegangen bin, und dort seinen ganzen Laden mit 25 Talern aufgekaust habe ..."
Ter heftige Ostwind blies so scharf gegen die Fenster, daß die Lichter in der Stube zu flackern anfiugen. Nur deslurlb nahmen
die Schatten an den Wänden so greifbare Gestalten an. Draußen ratterte eine Munitionskolonne vorbei.
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Am nächsten Tage erklärte mir der Gencralstabsossizicr vom TivisionSstabe in freundlicher Bereitwilligkeit die Lage und riet mir, zu einem bestimmten Punkt der Stellung zu fahre». Mein einer Gaul lahmte, so reauirierte mein braver Ticke einen kleinen Klapperwageii mit zwei Kosakenpserdchcn in der Größe von tüchtigen Hofhunden davor, und ivir fuhren los. Tic Kanonade, die den ganzen Vormittag über zu hören gewesen war, halle dann eine Zeitlang geschwiegen. Jetzt setzte sic wieder stärker ein. Ter blei- graue Himmel wurde ein wenig heller, man konnte wieder Ziele beobachten. Die schwarzen meterhohen Granatcngarbcn stiegen bald rechts und links von den Feldern auf. Gerade als nur in das Hvsgebäude, wo der Regimentsstab lag, einbiegen wollten, schien sich das Feuer der russischen Artillerie ein paar hundert Meter vorwärts konzentriert zu haben. Als wir über daS lehmige Feld durch Tanncnheckcn gegen Sicht gedeckt, Schritt für Schritt vorwärts fuhren, schoben schwarze Wolkensetzen über daS Helle Grau, eine heftige Regendusche setzte ein.
Der Oberstleutnant riet mir sofort, die Pferde bis zum nächsten Gehöft zurückzuschicken. „Gestern sind wir hier heftig beschossen worden. Da haben ivir die Pferde des Stabes auch rückwärts verlegt. Der ganze Hof ist voller Granatlöchcr, aber kommste übern Hund, so kommste übern Schwanz, es wird schon gehen. Wir bleiben hier. Sic auch. Das Mttag reicht doch. Wie?"
Ter Adjutant versicherte, daß mehr als genug da sei, und plötzlich kamen die ungeahtesten Dinge zum Vorschein. Tischtücher ans lapanischeni Papier — ich hoffe, daß meine Frau mir auch solche besorgt — , Mundtücher aus demselben Stoff: drei Tassen, zwei Gläser, für jeden einen Teller. Suppe und ein sehr falscher Hase bildeten eine unerhört üppige Speisenfolge. „Ja, ich wäre heute gern nach Gumbinnen geritten, zur Kirche," sagte ein Major. Ich sah auf. Richtig, heute war Sonntag. Man sprach von der Lage, von Polen natürlich. „Ter Kaiser sah sehr gut aus," sagte jemand. „Ich hätte Majestät so gern gesehen, aber Krieg ist Krieg und Dienst ist Dienst und Schützengraben ist Schützengraben."
Alle Augenblicke klingelte das Telephon. „Tie Artillerie hatte die beiden Räume im Gehöft N. mit Beschlag belegt, ich kann keine Krankenstube einrichtcn. Sie erklärt, sie mache nur Platz auf Befehl der Division," meldete ein Unterarzt. Der Adjutant verschwand. „Sckwn erledigt, sie bekommen einen größeren Raum und wir zwei kleinere. Das geht doch, Herr Stabsarzt?" „Ausgezeichnet." „Na also, kommste übern Hund, so kommste übern Schwanz," sagte der Oberstleutnant. Ein Bataillon hat Wünsche über da^ Anfahren der Küchenwagen, die Artillerie fragt, ob Gehöft S. noch, von Feldioachc beesht sei, der Adjutant geht mit einer gleichbleibenden Ruhe hinaus und Meldet: „J>n Ordnung, Herr Oberstleutnant."
Als es ansängt schuinnrrig zu werden, meldet eine Ordonnanz: „Sechs Wagen, zwei vom Regiment und vier andere werden in zehn Minuten mit 1500 Weihnachtspaketen hier sein."
„Das sind ia mindestens drei solcher Stuben voll", sagt der Kommandeur in komischer Verzweiflung. Man hält geradezu Kricgsrat, >oie inan die Geschenke verstauen könne. In der Scheune gehts nicht. Da Äiießen sie das ganze Zeug womöglich zusammen. Schließlich ioird beschlosie», die ganzen Pakete in den großen Reserveunterständen bei Laternenlicht bätaillonsweise zu ordnen. Je ein Osfiziersdiensttuer beanssichtigt zwei Wagen. „Die viele Mühe und Liebe in diesen 1500 Paketen", sagt der Oberst- leritnant. „Sie glauben nicht, wie die Armen und Allerärmsten sich mühen, den Truppen zu schicken." Arme harte Hände stricken die feinsten weichen Schals, müde, sorgenvolle Finger binden so sorgfältige und hübsche Bündel zusammen und binden ihre Gedanken und ihre ganze große Fraucntapserkeit mit hinein. Sie haben aber auch jetzt alle das Gefühl vorne in der Front, daß man um sie sorgt, und daß man für sie sorgt. Ein Grog' ist gut wärmend: aber jede Liebe wärmt hier im Felde, wo nicht nur der Körper in Dreck und Nässe und Entbehrung friert. Es ist so. Die Frauen schlagen diesmal unsere Schlachten mit.
Ein Artilleriemajor fuhr mich, da die Dunkelheit von Minute zu Minute schwarz heraufwächst, zu den ausgedehnten Ar- tilleriepositionen. Kanonen und Hanbitzenbatterien stehen zusammen, die schivere Artillerie ist selbstverständlich weiter nach hinten. Eine von den Granaten, die wir vor ein paar Stunden auf- schlagen sahen, hatte genau in einen Unterstand cingeschlagen, Zlvei Tote liegen neben der Erdhütte, Sie sind mit Zeltbahn bedeckt. Die Gruppe aß gerade ihr Kommißbrot mit Speck, als die „schwarze San", so nennen die Leute die 22 Zentimeter-Grana
ten der Russen, iir die Ecke hincinbiß. Der Ilnteroffizier siel betäubt um, der junge Ossizierdiensttuer, der Sohn des Batterie- sührers. chensalls. Jetzt ist das Loch schon wieder mit Erde ver- pichl und der »nterosfizier ißt sein Brot und Speck.
Bon der Artillericbeobachtungsstclle aus sehen ivir beim letzten Licht die Schützengräben. Morgeir um die gleiche Zeit werde ich mit der Ablösung dorthin gehen. Für heute habe ich ifichts Warmes mit. „Was gegebenen Falls verdammt nötig ist", wie man mir versichert.
Mein Bursche lnrt einen kleinen Selbstfahrer besorgt, so daß ich den Braunen, der in seinen, Winterpelz wie ein Bär aussieht, einsvannen kau,,. Gegen 4 Ubr habe ich das Stabsgebäude wieder erreicht und fahre langsam über das Feld, indem ich mir alle Mühe gebe, den GranatlöcMrn auszuweickm». Ter drainierte Hv - den ist von einen, Sumpf fetzt nicht mehr zu unterscheiden. Der Braune zieht tapfer, aber angenehm, ist ihm die Sache nicht. Im Gutsgartcn ereilt uns das Schicksal. Ich biege rechts einem Trichter aus, da sitzt das Vorderrad links in einem andern, den ich nicht bemerkt habe, drin. Ich fliege in die klebrige Masse, die jeden Stoß absängt, mich aber gleichmäßig mit grau-braunem Kleister überzieht. „Sie hätten eine Stunde später doch so aus- gesehen", tröstet mich der Stabsarzt, der meinen Einzug mit ansieht. Der Braune sieht mich vorwurfsvoll an »ich schüttelt den Kopf über die komischen Wege, die Menschen fahren wollen. Ich gebe ihm völlig recht.
Mein Schlasiack uiid ein paar Lebensmittel werden auf dem Krümpcrwagen verstaut, der bis nach vorn fahren soll. In einer balben Stunde wird die ablösende Kompagnie mit ihreui Häuptling abmarschieren. Ter Oberleutnant, der sic führt, ist im Zimmer. ES ist ein aller, lieber Kollege, den ich da iviederiindc. Es ist ganz anders, wenn man sich im Kriege trifft. Bei Schiffsbegegnungen aus hohem Meer ist's das gleiche Gefühl.
Jetzt ist nicht viel Zeit zuni Reden. Er muß Anordnungen! geben. Ich verabschiede mich von dem Oberstleutnant, bekomme ein Stück von dem Kuchen, den die Artillerie zum Barbara-Fest gespendet hatte, und aus dem Hof, dessen jenseitige Gebäude man nicht mehr erkennen kann, sammelt sich die Kompagnie zum Abmarsch, Reitpferde lverden vorgesührt. Man kann keine zwei Schritte mehr sehen. Ein rieselnd«: Regen stäubt herab. Die graue Masse zieht vorbei, man hört das Quatschen des Wassers, wie sie marschieren. Eine Taschenlaterne blinkt für einen Augenblick aus. „Licht aus, zum Donnerwetter!" schreit mein Freund. Die Spitze der Kompagnie hat die Straße erreicht. Im Schritt setzen sich die Gäule in Bewegung. Die Hclmspitze meines Begleiters hebt sich selbst in der Dunkelheit scharf gegen die nachtschwarzen Tannen ab. Es ist, als ritte man mitten in die Ungewißheit hineiir. Alles ist wie unwirklich, fremd und ohne Form.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Die vermögensrechtliche Lage der Frau im Uriege.
Der Allgemeine deutsche Frauenverein, Ortsgruppe Gießen, schreibt uns:
„Zu dem vielen Schweren, das der Krieg mit sich bringt, gehört auch der wirtschaftliche Schaden, den viele erleiden, und der bei manchem sich zum völligen Ruin steigern kann. Zu dieser Not möchten ivir eine mahnende und bittende Stimme erheben: sind es doch sehr viele Frauen, die plötzlich sich Sorgen und Notständen gegenübersehen, deren Möglichkeit ihnen früher nie vor Augen trat, und es sind besonders die erwerbstätigen Frauen des Mittelstandes, die schwer darunter leiden, daß ihnen das Gesetz nur ungenügenden wirtschaftlichen Schutz geivährt, wenn sie in Gütergemeinschaft leben. Ter Mann ist im Felde, die Frau bisher iinmer in geordneten Verhältnissen, sieht plötzlich Ansorderungen aller Art aus sich cinstürmen und kommt in Zahtungsschwierigkeitcu. Nun kann sie ia Forderungen gegenüber beantragen, daß Liese ruhen, bis der Mann aus dem! Felde zurück ist. Wie aber, lvenn der Mann sein Vermögen und verfügbares Geld in einem Bankfacki — (Safe) — niedergelegt: hat, für das sic ivcder Schlüssel noch ein Verfügungsrecht hat, da der Mann allein bei der Bank zur Erheb,mg berechtigt ist? Zum mindesten bedarf cs langwieriger Schreibereien und Voll» machtscrteilungen, bis die Sache erledigt werden kann. Oder: der Mann hat sur einen guten Freund, der jetzt im Krieg ünd unerreichbar ist, vor Zeiten einmal Bürgschast geleistet oder Gefälligkeitswechsel unterschrieben, (eine Sache, die man sich immer vorher sehr überlegen sollte), deren Zahlung bei ihm, dein Bürgen, angcfordert ioird. Aus'ihn findet die Verordnung wegen Rühens der Forderung keine Anivendung, lvenn er nicht anck>
Gicfzcner Stadtthenter.
Hasemdnns Töchter.
Volksstück von Adolph L'Arronge.
Hasemanns Töchterkleeblatt nebst Anhang bereitete gestern abend den Besuchern des Stadttheaters einen jener heiteren, leichtbeschwingten Abcnoe. die in dieser Spielzeit unserer Bühne einem nushciterungsbedürstiqen Publikum zu Tank so recht zu gelingen pflegen. Vater L'Arronge kennt seine Leute. Er macht ihnen die Spazierfahrt ins Reich des .Humors nicht schwer, indem er zu viel des kostbaren Feuerwerks vcrschivcndet uich, wie inan zu sagen pflegt, die Pferde scheu macht. Nein, sein Gespann läuft einen gemächlichen, ruhigen Trab, ist nicht mit dem anspruchsvollen Gepäck von Spitzfindigkeiten und großen Gesten beladen und inacht gern bei einer schönen Aussicht auch einmal .Halt —_ wenn, es nämlich dem lenkenden Dichter gefällt, die Fahrgäste einen Blick tun zu lassen in Gegenden, >vo sich ein schwermütiger Untertan in die heitere Landschaft mischt. Mit einem Worte: L'Arronges tVolksstücke tteffen auch den Volks ton, und drum gehören Hase- liuaiuis Töchter schon längst zum eisernen Bestände großer undkleiner Theater Die Art. ivie der Dichter aui der heiklen Grenze zwischen Sche ä »ich Ernst wandelt, wie er erste:em trotz dem hochpädagogiscke, Zic>, das er ansttebt, stets Gelegenheit gibt, seine Lichter funkeln zu lassen, ist vielleicht die stärkste Seite des Stückes. Die feinsinnige Delikatesse, mit der jedes Herabzicheu der im Grunde keineswegs als Lustspielidec gedachten Handlung ins Banale vermieden wird, wirkt ungemein sympathisch, und ivenn dazu noch die geschickte, den Fachmann verratende Drapierung des Ganzen mit dem bunten Flitter aNerhand goldener, treuherziger und unbedingt wirksamer Späße komnit, daun ist der Erfolg gegeben: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge — der Miene übrigens, in der sich der 'Deutsche am liebsten sieht — sitzt man da stich freut sich, daß das Leben in Wirklichkeit^ trotz aller Schikanen und Mißverständnisie doch eine ganz ergötzliche «Sache ist.
In diesem Sinne faßten unsere Künstler gestern abend ihre Ausgabe an und fanden denn auch die fröhliche Zußiininuiig des Publikums zu der Art, wie sie die ehelichen Schwierigkeiten der Hasemannschen zwei Aeltesteai ausdeutctcn und versöhnten. Rudolf Goll, Spiellefter und selbstredend auch Vater vase- manii, sorgte für einen gesälligen Rahmen und ein slotte-s Tenrpo und machte die kritische Wandlung von der „Wurschtigkeitsphllo- iophie" des als guuntitö negligeable — man verzeihe das bo>e Fremdwort — behandelten Familienvaters zum energischen Ver- jechter inner sich ans Tageslicht drängenden Lebensweisheit mit lener Mischung von Ernst und Humor durch, die als Geilt des ganzen Stückes sich noch einmal in der Person des all>ni Hase- mann spiegelt. Auguste Frcnzcl wußte als Frau Alhettine den versöhnenden Schrill der mit gemischten Gefühlen gesehenen Schwie
germutter zur Anerkennung der Rechte von Schwiegersöhnen und Gatten mit Glaubwürdigkeit zu tun, während Hansi Martini und HanS Grosser-Braun als verliebtes und ewig streitbares Ehepaar Knorr mit erfrischender Ursprünglichkeit den Lust- spiclton des Stückes heraussttichen, wacker unterstützt von dem Provisor Ludwig Klein, dessen „T-sungenschler" Ludwig G r 3 s - s c r dankbare Möglichkeiten gab, sich der Freude seiner Zuhörer zu versichern. Kilty Sonntag-Blume und Clemens von R o g g e n h a u s e n fanden für das Körnersche Ehepaar, dessen Ehe kurz vor der Scheidung von Vater Hasemawl repariert wird, die ansprechenden Hcrzenstöne, an die L'Arronge bei der Bezeichnung seines Werkes als Volksstück gedacht hat, und Philiuc Wengerdt endlich sorgte als naseweiser Backfisch dafür, daß die Wage zwischen den beiden entgegengesetzten Bestandteilen des Werkes sich nie zu lies zum einen, zum Ernste, neigte. - -a-.
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Dickens als vritenspiegel.
Die geschichtliche Erfahrung lehrt, daß noch jeder große nationale Zusammenbruch durch die Warnrufe eines Tacitus angekün- digt worden ist. Und England hat es ivahrlich nicht an ernsten Mahnern ttn eigenen Lande gefehlt: es braucht nur an Carlyle erinnert zu werden und an John Ruskin, der England das Schicksal von Schon und Tyrus gcweissagt hat, an Shaw, der die britische Heuchelei unbarmherzig gegeißelt, und an Galsworthy, der das selbstzufriedene, jeder freieren Leberisregung feindliche englische Krämertum mit scharsekl Strichen gezeichnet hat. Neben diese Männer aber tritt auch der Dichter, auf den die britische Welt — und zwar mit Recht — besonders stolz ist, tritt Charles Dickens, Einer seiner weniger bekannten Romane ist „Unser gemeinsamer Freund (Our mutual friend); es ist auch einer seiner ioeniger gelungenen Romane, aber er kann sich doch einer Prachtgestalt rühmen, die der vollen Meisterschaft Dickensscher Menschcnschil- derung entstammt. Das ist Mr. Podsnap — und daß Dickens selbst diesen Mr. Podsnap als einen englischen Nationaltypus hat auf- gesaßt wissen wollen, das beweist der Umstand, daß er ilm als den Vertteter einer ganzen „Schule" und eines „Giaubens" vorstellt, welchen er nach seinem Manne den „Podsnapisin" nennt.
Wer und was ist nun Mi. Podftrap? Mr. Podsnap, so erzählt Dickens, war ein wohlhabender Mann und stand sehr hoch in Mr. Podsnaps Meinmig. Er hatte mit einer guten Erbschaft an- gesangen, eine gute Erbschaft dazu geheiratet, bedeutenden Gewinn in der Schisssvecsicherung gemacht und war ganz zufrieden. Es war ihm unbegreislich, daß nicht jedermann A,frieden war, und er hegte das Bewußtsein, der menschlichen Gcscllschait ein glänzendes Beispiel dadurch zu geben, daß er mit fast allem zufrieden war, und vor allem mit sich selbst. Mr. Podsnaps Welt ivar moralisch keine sehr große Welt nick nicht einmal geographisch.
denn obgleich er sah, daß sein Geschäft aut dem Handel mit anderen Ländern beruhte, so betrachtete, er diese doch nur mit dem wichtigen Vorbehalte eines Irrtums und pflegte von ihren Sitten und Gebräuchen mir zu sagen: „Nicht englisch!" worauf er sie, im Gesicht erglühend, kurzweg mit einer für ihn charakteristischen Armbewegung fortfegte.
Nachdem Dickens so die insulare Borniertheit des Engländers in Mr. Podsnap gekennzeichnet hat, fügt er noch den Zug naiver religiös-sittlicher Heuchelei binzn. Denn „da Mr. Podsnap ein io außerordentlich achtbarer Mann tvar, so fühlte er, daß es seine Pflicht sei, die Vorsehung uuter seinen Schutz zu nehmen. Aus diesem Grunde wußte er stets, was die Vorsehung meinte. Leute von niedrigerem Stande und weniger achtbar komitcn in dieser Beziehung irren, allein Mr. Podsnap traf immer das Richtige: und merkivürdig war cs dabei (ivie auch zugleich sehr beauein daß das, was die Vorsehung meinte, jedesmal auch Mr. Podsnaps Meinung war". Ja, er kannte seine Landsleute, dieser anftechte Mann und Dichter: er kannte jenes England, das immer für die Vorsehung, fiir die Moral, die Freiheit und die Ehre streitet, wenn es sich um — seinen Vorteil handelt.
Von köstlichem, eckt Dickensschem Humor ist die Schilderung einer Unterhaltung, die Podsnap mit einem Fremden, offenbar einem Franzosen, hat, den er — nicht ohne Bedenken und nur nach langem Uebcrlegen! — zu einer in seinem Hanse stattsinden- den Gesellschaft eingeladen hat. Er spricht voii diesem Gaste, der die unverzeihliche Eigenschaft hat, kein Engländer zu sein, „so, wie wenn er einem tauben Küche ein Pulver oder eine sonstige Arznei eingäbe": er korrigiert: ihn nachsichtig, ivobei er die sranzöfische Sprache, ihre Existenz und ihre Mängel nach Kräften zu entschuldigen sucht. Er fragt ihn taktvoll, ob er London „London, Londres", ivie er erklärend binzufügt) nickt Sehr Groß und Sehr Reich finde und ob er nicht in dieser Weltstadt Londolu, Londres viele ausfallende Zeichen vmr „unserer britischen Konstitution" bemerke. Der künmierliche Frenide hat vffenbar ittchts davon entdecken können, weshalb Mr. Podsnap ihm herablaffend erklärt: „Wir Engländer sind sehr stolz auf unsere Konstitution. Sie wurde uns von der Vorsehung verlicyen. Kein anderes Land ist so begünstigt wie dieses."
So der bescheidene Mr. Podsnap: der zudringliche Fremde aber erlaubt sich die Frage: „Und andere Länder — wie machen sie?" „Sic machen", erwidert Mr. Podsnap, sehr ernstvait den Kopf schüttelnd, „sic machen cs — ich bedauere es sagen zu nuissen — so, wie sie es machen." „Das ist etwas sonderbar voir der Vorsehung," bemerkte der fremde Herr, „denn die Grenze ist nicht sein iveit." „Unzweifelhaft", stimmte Mr. Podsnap bei. „Aber so ist es. Es war der Freibrics des Laiün's. Die Insel ist gesegnet mit völligem Ausschluß aller anderen Länder - die es noch geben mag. Und wenn! wir hier sämtlich Engländer n«,n^


