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Nr. 288 Zweites Blatt 164- Jahrgang

G ijciieiul löglid) mit Austcahine des Sonntags.

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ietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhejjen

Dienstag, 8 . Dezember

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts»Buch- und Steindruckerei. R. Lauge. Gießen.

Schriitlcilung, Geschäftsstelle.Druckerei: Schul- straße?. Gesck>äitSstelleu.DerIag:^-^51,Schrist- leitungt Sldresse sür Drahtnachrichten:

Anzeiger Gießen.

Uohle und Eisen im Krieg.

W. Essen, 5. Dez.

Das industrielle Leben in Deutschland bat nur kurze Zeit wahrend der Mobilmachung. gestockt und zwar auch mir des- balb. toeil der Eisenbahnverkehr sür die Güterbeförderung vollständig eingestellt war. Produktion und Konsumtion haben sich sehr rasch auf die neuen Verhältnisse eingestellt, und heute geht mit der notwendigen Einschränkung der Be­triebe alles seinen gewohnten Gang. Das ist besonders hier im rheinisch-westfälischen Jtrdustriebczirk mit seiner halben Million Arbeitern und seinen großen Produktionsstätten für Kohle uird Eise» festznstellen

Obwohl hier der Landsturn: noch nicht allgemein wegen der Industrie zu den Massen gernsen wurde, haben die Zechen und die Hüttenwerke durchschnittlich ein Drittel viele sogar bis zur Hälfte ihrer Arbeiter durch den Krieg verloren und waren gezwungen, ihre Betriebe mit den zurückgebliebenen Arbeitern neu zu ordnen. Während die echen früher in drei Schichten und die Hütten in) zwei chichten arbeiteten, ist heute auf beiden der Nackübetrieb durchiveg eingestellt worden und man arbeitet nur in einer Tagesschicht undi läßt den Betrieb während der Nacht ruhen. Dadurch wird die Produktion natürlich auf etwa die Hälfte reduziert. Die Zechen können aber neben der geförderten Kohle auch noch von ihren Lägern versenden; fie kommen dadurch auf etwa 60 Prozent des früheren Versands. Der Versand an Kohlen beläuft sich auf etwa 23000 Doppel- waggons gegenüber etwa 32000 Doppelwaggons vor dem Kriege. Zur Deckung des allgemeinen Bedarfs, der ja im Winter bekanntlich größer ist als im Sommer, reichen die 22000 Waggnos knapp aus, zumal neben den stärkeren Liefe­rungen sür Heer und Marine auch neue Bersorgungsgebiete sür die Ruhrkohle hirizukommen, die früher englische Kohle verwandten. Es sind das in erster Linie die Küstengebiete, die wegen der unterbundenen englischen Einfuhr aus dem Ruhrkohlenbezirk beziehen müssen. Eine Kohlenknappheit hat sich aber bisher noch weniger bemerkbar genracht, weil der Bedarf für industrielle Zwecke geringer geworden ist und auf diese Weise ein Ausgleich geschaffen wird.

Dagegen dürste aber mit einer Preissteigerung zu rech­nen sein, über die das Kohleirspndikat in seiner Sitzung vom 11. ds. Mts. einen Beschluß fassen wird. Die sogenannten Richtpreise des Kohlensvndikats nach denen sich die Verkaufs­preise im Groß- und- -Kleinhandel richten, werden in nor- malen Zeiten für ein Jahr, das Abschlußjahr, festgesetzt, dgs ab' 1. Älprtl läuft. Die ccm; ll. d. Mts. neu zu bestimmenden Preise würden also ab 1. April 1915 gelten. Da sich wahrend der Kriegszeit die Verhältnisse aber leicht ändern können, so ist es nicht ausgeschlossen, daß man die neuen Preise für eine kürzere Zeitdauer diesmal festsetzt. Die Preiserhöhung selbst findet ihre Begründung in den gestiegenen Selbstkosten der Zechen. Die Unterhaltung der kostspieligen Anlagen ver­langen dieselben Aufwendungen wie früher, während die Förderung nach dem oben Gesagten auf die Hälfte der frü­heren Leistungen Kurückgeganjgen ist, die Einnahmen also stark vermindert sind. Man tmrb die Preiserhöhungen aber voraussichtlich entsprechend abstusen und die Hansbrand- sorten, die ja im Preise schon ziemlich hoch stehen, weniger steigern Auch wird mau die verschiedenen Kokssorteu ganz stei lassen, da der Absatz darin außerordentlich! stockt und ganz gewaltige Lagernrengen vorhcuckten sind. Es ist wahr­scheinlich, daß man siir Koks che Preise etwas ermäßigen wird, um seine Berbrauchsmöglichkeiten zu steigern Das Kohlensyndikat ist bestrebt, dem Koks siir Hausbrand Zwecke mehr Eingang zu verschaffen, dem der teuere Preis bisher im Wege stand. Tatsächlich würde Koks auch ein viel rein­licheres Brennen gewährleisten als die Kohle, da chese von

Siebener Aonzertverein.

Gießen, 8, Titz. Tein Ernste der Zeit entsprechend, ihrer wahrhaft würchg N«r der Beethoven-Abend zum Besten der Hinterbliebenen gefallener Gießener, den der Gießener Ko nz ert v erern> gestern veranstaltet hatte. Beethovens Genürs ist lebendig in dieser gewaltigen Zeit; wie geschaffen für chese Zeit erschien das ans Erz gehämmerte allegro con b-rio ed avvafsionato seiner letzten großen, ja größteir Sonate op. 111. Tie Auswahl der Sonateir war groß und bedeutend, sie konMe nicht besser sein; be­sonders dankenswert war es, daß die so selten gehörte Aj-dur op. 101 zu Gehör kam: lieblich und anmutig ihr Eingang, kräftig weckend das Bivace alla Atarcio, tief ans Innerste rührend das kurze Adagio und dann als curzig artige Krone des Ganzen der Fugato- Schluß. Und doch vp. 111 nrit den A.rietta-Bariatronen eine un­endliche Steigerung. Ueberhaupt: mich klug und wirkungsvoll sich steigernd war che Wahl von der povnlären Pathetigue, zur grandiosen Appassionata, über op. 101 zur letzten hin, zu op. 111. Was sagt dem Mnsiksteund und gar dem Kenner nicht allen: chese Wahl? Unsterblich unser Deutscher Beethoven! Welches Voll der Welt könnte ihm jenranden zur «eite stellen? Wie arm, >wie erbärmlich arin erscheint da nicht das große Krämervolk der Eug- J iander mit seiner Engherzigkeil, seinem ärmlichen, klernllchen! " Nützlichkeitssinn? Auch hier Deutschland, das verlästerte Barbaren- land, Deutschland, Deutschland über olles!

Gut Deutsch auch des Künstlers Art, die uns des Meisters Werke wiedergab! Ich wüßte kaum einen andern zu nennen, der so einfach und natürlich, so ohne jede theatralische Pose, dabei das Schwerste ivielcnd leicht, durchsichtig Nar zu geben vermöchte, wie Wilhelm Backhaus! Wir dürfen ihn hier in Gießen säst den Unser,, nennen: seit er in Konzerten spielt, ist er auch hier gewesen, wieder und wieder. Seiner wird man niemals müde iverden: denn Backhaus ist kein Künstler der Mode, immer bringt er erst das Werk, nsteder und wieder das Werk, dem er sich ganz hingibt, hinter dem er selbst, die Person, säst verschwindet. Ta ist nichts, was an Laune erinnert, aber auch nichts, was irgendwie nach Routine aussähe: alles ist ein last unglaubliches Können im Dienste der größten Meister und ihrer Werke. Bei keinem andern, glaube ich, iührt die Kunst des Spielers uns so ausschließlich zun: Werke selbst, das er uns bringt. Darum könMe man von ihm Abend sür Abend die gesamten Werke unserer Meister hören, ohne je zu ermüden: hier ist ein Künstler des Konzertsaales, bei dem es einen nur immer z» hören verlangt wer sehen will, kommt da wenig auf seine Kosten, cs sei denn, daß er dem wunder­baren Spiele der Hände aus dem Instrument solgt, diesem Können ohne jede Akrobatik, ohne allez Glänzen und Gleißen. Ta ist wahrbait diereine" Kunst! Tank sei ihm iiir die edle Gabe, die erns gestern wieder bot: zahlreich und dankbar >var die Zuhörer- id,au, dankbar werden die Hinterbliebenen sein, sür die Backhaus 'vielte. Künstler und Mensch stellten sich hier wahrhaft in den

den chemischen Beimischungen durch die Verkokung ge­reinigt ist.

Bei den Hütten fehlt es auch, nicht an Arbeit, da de* Krieg außerordentlich viel Material aus Eisen erfordert. Namentlich an Geschoßmaterial aller Art siegt reichlich Arbeit vor und es haben sich eine ganze Anzahl Werke erst darauf einrichten müssen. Es sollen etwa 250 Fabriken henke mit der Herstellung vvn Granaten, Schrapnells, Flieger- und Zeppelin-Bomben beschäftigt sein. Belveis genng, welch' un­geheure Mengen gebraucht werden. Für Geschützlieferungen kommen nur zwei Werke in Frage, Krupp und die Rhei­nische Metallwaren-Fabrik (Ehrhardt) in Düsseldorf. In welchem Umfang diese Fabriken beschäftigt sind, geht aus der Tatsache hervor, daß Krupp in Essen alle irr siir Kriegs­material heute etwa 5000 Arbeiter mehr beschäftigt als in normalen Zeiten. Ein welch wichtigen Faktor gerade Krupp für unsere Landesverteidigung darstellt, hat sich bei der Einnahme der großen Festungen Lüttich, Nanrur, Mdu- beuge, Antwerpen gezeigt. Ohm die schweren 42-Zenti- meter-Mörser wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, diese in wenigen Tagen zu erobern und den Krieg so rasch durch Belgien nach Frankreich zn tragen. Unsere großen Hüttenwerke, die weniger auf Kriegsmaterial eingerichtet sind, haben vornehmlich Aufträge auf Eisenbahn-Oberbau- inaterial vorliegen, das zurzeit ebenfalls stärker siir Kriegs­zwecke gebraucht wird. Die Ausbesserung von zerstörten Gleisen in Feindesland, die Nenanlage von Hllfsbahnen und dergleichen bringt vermehrte Ansprüche, so daß die Werke vollauf zu tun haben. Auch sür Marinezwecke wird Schiff­banmaterial -aller Art gebraucht, so daß für die Ausfälle in Friedensmaterial jetzt genügend Ersatz vorhanden ist. Tie Werke sind bis zn 60 Prozent ihrer früheren Leistungsfähig­keit beschäftigt und würden noch mehr leisten, wenn es eben nicht an Arbeitern fehlte. Die überseeische Ausfuhr ist natür­lich beschränkt, dafür aber sind Aufträge von den Festlands­staaten, soweit sie neutral sind, in genügender Menge vor­handen. öollanb, Dänemark, Schweden, Norwegen, die Schweiz, Italien sind unsere Kunden geblieben, so daß der Fortgang unseres Wirtschaftslebens für die nächste und fernere Zukunft sichergestellt ist. Die große englische Hoff­nung, die gerade nrit der Unterbindung unseres Handels rechnete, erweist sich« also als eine große Täuschung.

)m beschossenen Ypern.

Der lange hartnäckige Kamps, der nun schon seit Wochen um Ipern tobt, hat natürlich auch die schöne alte Stadt in Mitleidenschaft gezogen, und so mancher geschicht­lich und kunstgeschichtsich denkwürdige Bau ist zerstört. Die Schuld an diesen Verwüstungen möchten die Feinde uns zu­schieben, aber die einzige Veranlassung dazu haben sie ge­geben, indem sie gerade aus Ipern den starkbefestigten Mittelpunkt ihrer Stellung machten. Eine anschauliche, wenn auch wohl etwas schwarzfärbende Schilderung von dem heutigen Aussehen der allen Handelsstadt gibt Basll Clarke in derDolly Moll".Wie sieht der Grand Platz jetzt aus! Die Kathedrale, die berühmten Tuchhoüen, das Museum der Altertümer, das Theater sie haben alle schwer gelllten, sind von Kugeln durchlöchert und von Gra­naten getroffen. Die Statuen von Heiligen und Engeln, Ge­mälde und das alte Chorgestühl, Kerzen und Gebetbücher, die Steine von 1400 und die vergessenen Regenschirme von 1914, alles liegt in einem Haufen durcheinander. Die schöne Kathedrale, die hier beherrschend emporragt, hat noch nie­mals eine so höllische Musik gehört, wie sie die Granaten machen, und ihr hohes Dach hat darunter leiden müssen. Große Flecken des Himmels blicket: in die Kirchenschiffe her-

Dienst der vaterländischen Sache daran wollen wir auch später gerne denken. -o-

Aus dem Feldpost briefe eines deutschen Mo­le r s. Max Beckmann, das bekannte Mitglied der Berliner Sezession, ist als freiwilliger Krankenpsteger aus dem östlichen Kriegsschauplätze tätig, wobei er, wie begreiflich, auch nicht unter­läßt, die gewaltigen Eindrücke der Zeit mit seinem Stifte sest- zu hätten. Davon legen die Studien Zeugnis ab, die tm ilmgstcn Hefte der bei Bruno Cassirer in Berlin erscheinenden Monats­schriftKunst und Künstler" veröffentlicht werden. Sie begleiten einige Feldpostbriefe des .Künstlers, die manchen packenden Zug aus seinen Erlebnissen schiloern. So berichtet er in einem Brtese vom 18. September aus Mlenstein:Allenstein ist unversehrt. Hat zwei sehr schöm alte Gebäude, meiner Schätzung nach aus dem 15. Jahrhundert. Mir gegenüber essen zirka 40 AspiraMen und Oftizicre Mittag. Als üb vorhin hereinkam, war die lange Tafel besetzt mit Offizieren- Di« meisten mft den roten General- stabsstreisen. Eine typisch vornehme, riesenlange Exzellenz be­mühte sich in liebenswürdiger Werse um einen merkwürdigen Mann, dem der Pom le merite aus dem Halsloch hing. Es war Druden bürg und sein ganzer Generalstab.! Nach zehn Mimrten verließen sie in acht bis zehn Kriegsantos die Stadt. Ich selbst habe mit Hurra gebrüllt vor diesem merkwürdigen starken, grimmr- gen Gesicht den schärfen Augen . . . Schade, daß ich Dich nicht hier habe. Wir könnten nns zusammen sreun, daß dieses Deutsch­land noch immer solche Menschen hervorbringt, wie Hindenburg, Die Phrase ist ja abgeleiert, aber sie paßt hier. Er hat wirklich etwas von unseren Eichen. .Ganz kiwrrrge, dromasisch zurück­gehaltene Kraft." Etwa einen Monat später führte Beckmann sein Weg in hie Schlachtsront selbst. Er schildert:Unsere Autofahrt ging durch die langen, abrasierten Chausseen an callothaften ein­gestürzten Ziegeleien vorbei, die schwer und düster wie riesen­große Fühler am Horizont der Chausseen austauchten. Durch Feldlager mit fleißig koclieudem Militär zwischen toten, grotesk gewundenen Ochsen Und Pferden vorbei, die uns hämisch lächelnd die Zähne zeigten. Ueber neu geschlagene Brücken und gesprengte Eisenbahnübergänge und durch die zerstörten Städte. Schließlich kamen wir nach G. Das Oberkommando, das Gehirn der Schlacht! Tie ganze Stadt ein Soldatengoartier! . . . Draußen das wun­derbar grasartige Geräusch der Schlacht. Ich ging hinaus durch Scharen verwüsteter und maroder Soldaten, die vom Schlachtfeld lomen und hörte diese eigenartige schaurig großartige Musisi Wie wenn die Tore zur Ewigkeit ausgerissen werden, ist es, wenn so eine gtiofee Salve herüberklingt. Alles suggeriert einem den Raum, die Ferne, die Unendlichkeit. Ich möchte, ich könnte dieses Geräusch malen. Ah, diese tvcite und unheimlich schöne Tiefe! Scharen von MenscltenSoldaten" z-ogen fortwährend nackt dein Zentrum dieser Melodie, der Entscheidung ihres Lebens entgegen."

Die deutschen Schauspieler in Kriegszeitcn. Erst Ivb Bühnen Deutschlands haben seit Ausbruch des Krieges

rricber durch die wellen Löcher. Ueber herabgestürzte Steine und Schutthaufen bahnt man sich mühsam den Weg. Das Grabmal des berühmten Bischofs von Ipern, jenes Jan- senins, von dem eine Reformbeivegnng itt der Christenheit ansging, ist in seiner mannornen Majestät völlig unver­sehrt. Rundherum aber herrscht die Zerstörung, denn eine Granate hat das Holzdach in Flammen gesetzt; Brandgeruch erfüllt den Raum, und ant Eingang des Wcstportals ist vieles dem Feuer zum Opfer gefallen. Bon dem schöner? Belfried, dem hochragenden Turm, steht mir noch etwa die Halste. Eine belgische Fahne flattert auf dem höchsten Punkt, dessen Spitze in den Hiinmel ragt wie ein abge brochener Riesenzahn. In einem der Haufen stoße ich aus eine große messingc Tronimel mit seltsameit Glockeit und Rädern. Es ist ein Teil des berühmten Glockenspiels von Ipern, dessen melodische Töne so lange den Bürgern die Stunden verkündeten, dessen Klänge schon zu Zellen Phi­lipps des Schönen das Leben der Männer von Ipern be gleiteten. Daitebcn liegen Teile der prachtvollen alten Glas fenster, wie ungeheure Spinngewebe aus Blei, ausgestellt: mit leuchtcndein bunten Glas. Ich hebe ein Stück auf und halte es gegen die Sonne. Das Fragment zeigt die zierlich gespreizten Finger und das Handgelenk einer Frau, viel­leicht eines Engels oder einer Heiligen, und die anmutigen Linien heben sich leuchtend ab von dem Hintergrund eines tiefen schweren Blau. Wenn man durch die Straßen von Ipern wandert, so ist fast kein Haus mehr unversehrt; alle zeigen die Spuren der Beschießung; manche sind ohne Dach, und bei andern schaut der Himmel durch die großen Löcher. .

Zm Lager der kanadischen hiifstruppen.

Auf der Ebene von Salisbtirv erhebt sich ein großes Zeltlager, in dem 30000 kanadische Hüfstrnvven aus den Befehl zum Ab­marsch nach dem französischen Kriegsschauplatz warten. Eigentlich wollten sie sofort in die Schlacht, aber Kitchener hat es sür nötig befunden, ihre Ausbildung erst zu verbessern, denn wie die Times" schreibtihre in Valcartier genossene Ausbildung war sehr gering." Eitrige englische Journalisten haben das Lager be­sucht und erzählen von dessen Leben und Treiben. Am Morgen, schätzt man einen langen Schlaf und ein kräftiges Frühstück. Vor ! neun Uhr nsird selten mit dem Exerzieren begonnen, das bis gegen 2 Uhr nachmittags dauert. Tann wird ein Nciner Imbiß ge­nommen, um vor Einbruch der Dunkelheü noch eine Stunde denn Fußballspiel ividmen zu können. Tie übrige Zeit kann jeder nacht Belieben verbringen. Freilich muß er nrft den wenigen Bergnü- gungen des Lagers vorlicb nehmen, denn Urlaub wird nur selten:, gewährt, Ter Kanadier liebt einen guten Tropfen Whisky: die Milftärverwaltung hat daher vorsorgcnderweisc das Lager 20 Klm. von Salisbury entfernt auigeschlagen, daiuit seine Insassen nickt zu oft das Bedürfnis sühten, in den Wirtschaften. der Stadt die verschiedenen englischen Whiskymarken zn vrobieren. Im Lager selbst ist der Verkauf alkoholischer Gettänle aber streng geregelt. Zudem wollen sich die meisten nur schwer an eine straffere Diszi-' plin, als die bisher im Heimatland geübte, gewöhnen. Bei Ndenr Bataillon, das 1200 Mann zahlt, befinden sich höchstens 2v0 ge­diente Soldaten, die den Burenkrieg in Südafrika schon mttgrmacht haben cstter derImperial Army" in Kanada angehörten. Alle- übrigen sind Freiwillige, die nur ivenige Wochen von kanadffcheu Offizieren auSgebildet wurden und dann eine Fahrt über den großen i Teich und einen Spaziergang nach Berlin unternehmen wollten, j vielleicht auch auf dem Rückmarsch dem lustigen Paris noch eiiwn. Besuch abzustatten gedachten. Unter ihnen sindet man Rechts- - anwälte, Studenten, Farmer, Kausleutc, Bankbeamte, und sie kön­nen nicht verstehen, daß sie dann, wenn ihr Urlaubsschein bis abends 10 Uhr lautet, auch tatsächlich um diese Zctt im Lager von Salisbury zurück sein nrüssen und nicht erst am andern Mor­gen eintteifen dürfen. Daher vergnügt sich alles, so gut cs eben geht, sin Lager, Vier große Hallen sind errichtet, in denen oft

ihr Spiel wieder ausgenommen, bei vier Bühnen ist die Wieder­aufnahme noch unbestimmt und 107 haben ihre Verträge mit den Künstlern inzwischen gelöst, wolle:: also ihre Pforten in der Kriegs­zeit nicht öffnen. Auch 11 deutsche Theater im Ausland müsse:: notgedrungen feiern. Aus dieser von derSozialen Praxis" j veröffentlichten Zusammenstellung geht hervor, daß das sonst schon! vielfach sprichwörtliche Schauspielerclend sich in diesen letzten Mo - naten noch gewaltig verschärft hat, 7200 Schauspieler sind brotlos! geworden. Für 3000 von ihnen bedeutete die Einberufung zur) Jahne oder die Stellung als Kriegsfteiwilliger die Rettung aus: der Not. Weitere 1000 haben vor allen in den Großstädten i Ilnterschlupt in anderen Bernsen gestuckten, sieht man doch in: Berlin jetzt so manchen Tragöden als Zeitungsverkäufer seür Brot verdienen, 3000 BühncnmitgliSer müssen aber durch die, Unterstützung ihrer Mitmenschen, dessen Seele sie früher in Freude und Schmerz llingen ließen, wegen völliger Berdienstlosigkeit über Wasser gehalten werden,

David Friedrich Strauß über den Krieg, Einer unserer Leser schreibt uns: Daß der Krieg trotz aller' Schattenseften auch seine sittliche Berrchttgung hat, das bestätigt uns ein älter Kämpfer, DavidFriedrichStrauß, in seinem Buch:Der alte und der neue Glaube." Was er dort im 78. Ab­schnittKrieg und Friedenslage" ausfllhrt, hat aktuellen Wert.

In unseni Zeiten, so sagt er, hat sich der humane Eifer geradezu gegen den Krieg gewendet. Man erllärt ihn für schlecht­hin verwerstich, bildet Vereine, hält Veffammlungen, mn auf seine völlige Abschaffung hinzuwirken. Warum rezittert man nicht auch für Abschaffung der Gewitter? muß ick hier immer wieder fragen. Das nun ist nicht bloß so wenig möglich, sondern, wie die Dinge nun einmal liegen, auch so wenig wünschenswert, wie das andere. Wie sich in den Wolken immer toieder Elck- trizttät ansammeln wird, so wird sich in den Völkern imnier wieder von Zeit zu Zell Kriegsstosf ansammcln. stttemals werden die Nationen und Staaten der Erde ganz so gegeneinander ab­gegrenzt und abgewogen sein, wie es ihren Bedürfnissen und Ansprüchen sür immer gemäß ist; :md ebenso werden im In­nern der einzelnen Staaten bisweilen Verschiebungen, Hemmun­gen, Stockungen eintreten, die in die Länge nncrträglick sind. Beim Parteicnkampf innerhalb desselben Volks läßt sich in den meisten Fällen durch freundliche Verstündigting Helten: zwischen zwei Völker:: mögen sich untergeordnete Punkte durch ftcigentählte Schiedsgerichte schlichten lassen: im Streit über Lebens- und Machffragen dagegen werdet: sie sich vielleicht eine Z e i t l a n g zu vertragen suchen, in der Regel jedoch wird der Vcr trag nur ein Waffenstillstand sein, bis der eine für sich oder dmck, Bundesgenossen sich so stark glaubt, um losbreckten zu kön neu. Tic ultima rntio cbas letzte Mittel: der Völker Ivic sonst der Fürsten werden auch ferner die Kanonen sein."

Diese Ausfiidrungcn bedürsm keines Kommentars. Sic sin- den ihre volle Bestättgung durch die Entstehung und den bisberrgen Verlaus des gegenwärtigen Weltkriegs. 8. W.