Rr. 28 1 Zweiter Blatt 164- Jahrgang
Grfdieml täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Tic „Sießener Zamiliendlätter" werden dein .Anzeiger" viermal wöchcnllich beigelczt, das „Kreirblatt ffir den Kreis Siehe»" zweimal wöchentlich. Die „landwirtschaftlichen öeil- sriqen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Gberhejfen
Montag. 7. Dezember
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchcu Univerntäls - Buch- und Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.
Schri!tlcilung,Gcsci>äitSsteIle ».Druckerei: Schm straße 7. Geschä!tsstelleu.DerIag:^^b1,Schrill leilung: ^4W l12. Adresse siir Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
An die im Heide stehenden Angehörigen der Landeruniversttät Gießen.
Ter Rektor der Universität Gießen Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Sommer versendet an alle im Felde stehenden Angehörigen der Hochicknlle nachstehendes herzliche Rundschreiben:
Liebe Kollegen und Kommilitonen!
Ter Krieg hat in den Organismus unserer Universität außerordentlich stark cingegrissen. Es ist nicht nur eine überraschend große Zahl Studenten in das .Heer cingclrelcn, son der» auch £on den Dozenten und Assistenten stehen nicht wenige im Felde, oder sind zurzeit Noch im Lande in mililä- scher Verwendung. Auch Beamte und Angestellte der Institute sind zahlreich in militärischem Tienst. Es erschien von vornherein als eine ehrenvolle Pflicht der Universität, diese Anteilnahme der UniversilätS Angehörigen am Krieg genauer zu erniitteln und für die Chronik der Universität während der tvellgeschichtlichen Geschehnisse dieses Krieges fest- zuhaltcn. Durch Fragebogen, die vom Rektorat an die Jnsti tute, die Familien der im Felde Stehenden, sowie an die sämtlichen studentischen Korvorationcn gesandt wurden, sowie durch Posttarten mit bestimmten Fragen, die an sämtliche hiesige Studenten des Sommeriemesters 1014 gesandt wur den, ist eS möglich geworden, einen ziemlich genauen Einblick in diese geradezu erstaunliche Beteiligung unserer Universi-- tätSangchörigen am Krieg und in ihre Zugehörigkeit zu den einzelnen Formationen des Heeres zu gewinnen. Nach Beschluß des Kriegsausschusses der Universität wird diese Ueber- stcht als Liste gedruckt und allen Beteiligten zugcsandt werden. Sie soll den im Felde Stehenden einen Gruß der Uni versität bringen, die an ihrcnt Schicksal wärmsten Anteil nimmt.
Im gleichen Sinne ist eine UinpcrsitätS--Feldvostkarte hergestellt ivordcn, die mit ihrem besonderen Kennzeichen den Geist der alma muter Uustcivieianu bei den Empsängern auch in den Schützengräben ^)der sonst im Feldzug wachrusen soll. Für Angehörige von Studenten unserer Universität liegen solche Karten zur Ausfüllung der genauen Adressen im Sekretariat der Universität, Bismarckstraße 22, bereit, diese können auch schriftlich, ivenn es noch nicht gefsttel-en ist, dem Rektorat mitgeteilt werden. Die angcbogenen Antwortkarten werden ljoftrittIidt die Kenntnis der Universität vom Ergehen ihrer Mitglieder weiter vermehren. Schon jetzt liegen mir besonders von den jungen Medizinern, denen ich als aka- dcmifchcr Lehrer nahe stehe, eine große Zahl solcher Mittei lungcn vor, in denen sich der Gang des Krieges als persönliches Erlebnis darstellt. Vor allein werden Nachrichten von den Regimentern, denen die Gicßener Studenten hauptsächlich angehören, nämlich vom 116. und vom „Bischweiler"» Regimeitt, einen interessanten Beitrag zur Geschichte unserer Studenlenschaft im Kriege bilden.
Die Universität hat ihr lebhaftes Interesse an diesen beiden Regimentern durch die Nischiedsseiern in der großen Aula in'Anwesenheit der Herren Obersten Schimmelfe n n i g und Rvtt ausgedrückt, nnd allen, die daran teil» genommen haben, werden die packenden und eindringlichen Worte meines Vorgängers, des Herrn Gehermrat Eck, immer in Erinnerung bleiben.
Auch haben die Mitglieder nnd Freunde der Universität sich an der Sammlung von Liebesgaben siir die drei Regi- inentcr 116 lebhaft beteiligt, eingedenk, daß viele unserer Studenten zu den 1 lti ent gehören. Ferner hat die Universität dein Landsturmbataillon Gießen, in dem ebenfalls Angehörige der Universität stehen, eine Gabe von 100 Mk. durch Herrn
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Oberstleutn. v. Knobelsdorfs überwiesen. Schließlich ist neuerdings für das Bischweiler-Regiment, nftt de« sehr viele unserer Studenten als Kriegssieiwlltige hinauSgezogen sind, erst vom Rektorat in Universitätskreisen, sodann von diesem gemeinsam mit dem Komitee der Eltern in der Oeffentlich- t'cit, eine LiebeSgabensammlnng angeregt worden, die eine außerordentliche Wirkung gehabt hat. so daß am Dienstag, den 24. November, ein Eisenbahnivagen mit Kisten und Paketen, unter denen sich ungefähr ÖOO namenlose zur beliebigen Verteilung besinden, an daS Ersatzbataillon des Regiments 87 in Mainz geschickt werden konnte, welches die Beförderung zur Etavpe und iveiter zur Truppe verutittelt.
Diese Zeilen werden Euch vielleicht eher erreichen als die Sendung selbst und sollen Euch diese ankündigen! ES sind bei der Sammlung viele Zuge von persönlicher Anhänglichkeit „an unsere Studenten" hervorgctreten. Mögen die Gaben Euch zu Weihnachten in die Heimat versetzen und Euch den (tzeist nnd das Bild nuferer lieben Universitätsstadt sowie die Studentensrcundlichkeit ihrer Bewohner recht vor Augen stellen! >
Nun ein paar Worte noch über unS, die in der Heimat Zurückgcdliebeneii! Als Ihr in großen Scharen davonzoget, um praktische Weltgeschichte zu treiben, war es hier zuerst manchen, zweiseihast, wie es der Universität mit ihrem Unterrichtsbetrieb in dieseni Semester gehen würde. Wir Dozenten waren von vornlserein entschlossen, die Vorlesnngcii, so weit als möglich, wen» auch mit einigen Aenderuiigrir, durchzuführen, und dieser Vorsatz wird uns erleichtert, da tatsächlich trotz der Kriegszeit noch ungesühr 300 Studenten hier sind und sich dem Studium widmen. Trotz mancher Ausfälle wird der Lehrbetrieb doch im wesentlichen durchgeführt, getreu der allgemeinen Aufgabe, die wir im Lande Gebliebenen haben: Während des Krieges die Organisation der Friedensarbeit festzuhalten und die Berga n g e n h c i t in die Zukunft überznlciten.
Wir haben auch erkannt, daß, es unsere Pflicht ist, gewisse Ausgaben im allgemeinen Interesse der Studentcn- schast gerade jetzt nach Möglichkeit rasch zu fördern. Durch den Krieg ist die lörperliche Ausbildung der Studentenschaft, die schon lange von der hiesigen Universität angestrebt wurde, zu einer nationalen Notwendigkeit geworden. Daher ist der Plan eines akademische» Turn-, Spiel- urrd Sportplatzes eifrig gefördert ivorden, und, wenn die letzte Schwierigkeit überwunden sein wird, haben >vir dank dem Zusammenwirken staatlicher und städtischer Behörden die Aussicht, wenn Ihr ans dem Kriege znrückkehrt, Euch an einer ausgezeichnet geeigneten Stelle in der Nähe vom Trieb diese langersehnte akademische Einrichtung fertig hergestellt zeigen zu können.
Dieser Krieg hat uns die Lehre gegeben, daß ivir Deutsche nur durch völlige Einigkeit tmseren Platz im Leben der Völker behaupten können, und so wollen wir in der Heimat Gebliebenen durch einträchtiges Zusammenwirken versuchen, zum Heil unseres Volkes durch weitere Ausgestaltung des akademischen Lebens beizntragen!
Ihr steht setzt im Felde vor den wilden Feinden unseres VolkStumes, unseres Landes und unseres Reiches! Wenn nach den Berichten der obersten .Heeresleitung junge Regimenter in Flandern mit dem Liede „Deutschland, Deutschland über alles" im Kugelregen vorgingen, und auch in den Strapazen des Ostens sich glänzend beivührten, so wissen wir, daß dies Aeußerungen des einheitlichen Geistes sind, der unsere ganze junge Mapnschaft und besonders auch Euch beseelt, wir wissen, daß Ihr in dein alten kampffrohen Geiste der Gießener Studentenschaft lebt und handelt:
Literis et armis ad utrumque parati!
von Sen Toten des Landsturm-Pioniers.
Vom Buchhändler zum Landiüirm-Pionicr — tS in ein gewaltiger Sprung, den der wackere Baureuther Buchhändler F. Seuffer da gemockn Int Daß er sich aber dem >ähen Beruss- ivvchset vollkommen gewadiscu gezeigt mW als Pionier trefflich lernen Mann gestanden hat. das bezeugt der wische Feldpostbrief, den er aus „Annvcrpcn rm Schnee, 15. November" an den Orts» vercin der Bovocuther Buäihändler gerichtet hat, und den dos Buchbandler-Böricubtatt >ctzt and, wetteren Kreisen zugänglich macht. „Hui, ist das ein Sauwetter — ,o beginnt unser Landsturm-Pionier —, der dem man keinen Hund vor die Türe jagen sollie, und doch haben wir beute früh sccl acht Uhr schon an unserem täglichen ArbcUswcrk bei siürinischcm Schneegestöber auf der Schelde gearbeitet: aber gerade diesem Wetter verdanken wir die Wohltat, daß wir zum ersten Aialc seit vier Wochen euren Mittag ,von >2 llhr alll frei haben. Sonntage kannten tvir nicht mehr, oft fragte .einer den anderen: was ist heute für ein Tag? Tag für Tag von früh >-6 Uhr bcs abends 6 Uhr mit V-— 5 ,stü»diger Pause, in der ivir auf einem Balken sitzend oder stehend unser Mittagsmahl cinnahmen: und daß dieses tmt einem Steil schwarzem Brot uns trefflich mundete, weiden Sie mir aufs Wort glauben. Zurzeit lauen wir bei Hoboken über die Schelde eine 365 Ateter längs Brücke für die schwersten Geschütze, ivenn and, nicht die längste, so doch wohl die stärkste der langen Brücke», die je von deutscben Pionieren gebaut wurden. Sic können sich annähernd einen Begriff machen, wenn ich nur das ungefähre Gewicht der verwendeten Balken angebe: zirka 13 000 Zentner. Und da wrrd^icder -Balken, bis er am und abgcladen, bearbeitet, in die großen Schiffe als Böcke geschafft oder an den Ufersweckcisi cingcranrmt ist, mehrere Mule von Pionieren gcüobcn. Bis Mittwoch hoffen wir uach 22 tägiger strenger Arbeit damit icrttg zu werden. Die Haupt- särwierigkeit an dieser Brücke bilden die täglich zweimal cintteten- den Höhenunterschiede von 4,50 'Meter bis 6 Meter von Ebbe und Flut. -Bis jetzt ging der Brückenbau glücklich ohne schwere Unsäljc vonstatten: nur ecmnal fielen des ^chwnmnens unknndlge Laiwswrmleutc in die hochgchcnden Fluten und wären wohl ertrunken, wenn nicht im selben Augenblick ein Belgier hineinge- sprungen wäre und ffc gerettet hätte. Dieser tapfere Mann erhätt auch die ivohlverdiente Lcbensrettungsmedackle.^'
Ter Erzähler hat sich bei der Stadt Lier au der Neekhc in den großen Tagen der Belagerung von Antwerven das Eiserne Kreuz geholt. Aus diesen ewig denkwürdigen Kämpfen zeickmei er einige anschcinliche Bilder, die von dem Heldenmutc unserer Pionier« iuhmrcidw Kunde geben: „Am 4. Oktober bat eine vor dem Fort liegende JnfaMciiekempagnie um zehn Pioniere zur Herstellung eines Steges über die Necthc in die Stadt Lier, die noch vom Feinde besetzt war. Schon den Tag vorher waren andere Pioniere, die einen Uebergang Herstellen ivollten, mit schweren Verlusten zurüclgcschlagcn worden. Mit zehn Mann schloß ich mich abends 5 Uhr der Infanterielompagnie an. Als ivir an der gesvrengtcn Brücke angelangt waren und eben mit dem Bau des Steges durch gefällte Telegraphcnstairgen und Haustüren beginnen wolttcn, erhielten wir aus einer Entfermmg von zirka 600 Metern unterhalb
des Flusses her ein heftiges Gewehr-, Aiaschmengewehr- und Gra- natsener, das uns für den ersten Augenblick die Arbeit einzustellen zwang. Da schock» das Resultat nur zersprungene Fensterscheiben und herabfallende Dachziegel waren, so nahmen wir sofort unsere 'Arbeit ivieder auf und kümmerten uns weiter um das feindliche Feuer. Bereits »ach einer halben stunde konnte die in Deckung liegende Infanterie in die -Stadt über den Steg ern- dringcn. Zu gleicher Zeit kamen andere (Kölner- Pioniere mit tragbaren Flösum aus Pettolenmfästern, Mit denen sie in Zeit von einer Viertelstunde noch zwei Laufftege über den.Fluß herstellten. Nachts marschierten ivir cmveriehrt unter heftigem Feuer von beiden Soften ttl unser Fort zurück. Noch in der gleichen Nacht mußte unserem dritten Zug. der rn einem dreiviertcl Stunde entfernten Fort lag, das Nack,testen hinübergefahren werden, wozu vier Freiwillige als Sicberheirsbeglertung notwendig waren. Nur schwer war zu so später Stunde ein Mann zu haben; erst als ich mich- als Freiwilliger meldete, gingen noch drei mit. Schaurig schön war diese Nachisa.hr t im feindlichen Feuer, zur Seite die brennende Stadt Lier ..." ,
Amcrttanische Erinnerungen an Ludwig Anaus.
In deni neuesten Hefte der ...Kunstschau", dem Beiblcllte der bei E. A. «ermann in Leipzig erscheinenden „Meister der Farbe", werden anziehende Erinnerungen an Ludwig Knaus, den großen Meister der Genremalerei, veröffentlicht. Sie rühren von einem Amerikaner, E. T. Andrews her, der im Jahre 1853 durch eine Ausstellung von Düsseldorfer Bildern, die er in New Bork sah, zu dem Enffchlusse veranlaßt wurde, sich der Malerei zuzuwenden und sie bei den Düffeldorier Malern zu studieren. In Düsseldorf machte dann di« „goldene Hochzeit" von Knaus einen so tiesen Eindruck aus ihn, daß die persönliche Bekanntschaft des Meisters ein Ziel seiner dringenden Sehnsucht wurde. Im .Herbste' 1869 fand er aus Anlaß einer Studienreise die günstige Gelegenheit, sich mit einem guten Empfehlungsbriefe bei .Knaus, der damals seine Werkstatt in Wiesbaden hatte, einzusühren. „Mit llopsendem Herzen verlleß ich ihn an jenem Tage, die Herzlichkeit seines Empfanges, die Wärme seines Interesses für mein« schwachen Versuche, die Erlaubnis, ich möchte sagen: die Aufforderung, nach Wiesbaden zu kommen und bei ihm zu studieren — alles das hatte mich tief erregt." Als dann Andrews nach Ablauf seiner Düsseldorfer Vervslichtungen sich wirklich bei Knaus einstellte, versuchte er mit dem Künstler wegen der Gegenleistung für seine Anleitung zu verhandeln „Erst begegnete er meinem Vorschläge mit so viel Zorn, wie seine liebenswürdige Natur gestattete — darauf folgte schnell ein Umschlag der Stimmung — ein herzlicher Schlag auf meinen Rücken und das Verbot, von da ab ein Wort Wer das Thema einer Bezahlung zu verlieren. Wir sollten gute .Kameraden sein. Freunde, Arbeitsgesellen! Und der Amerikaner hebt mit dankbarer und gerührter Erinnerung hervor, daß Knaus dieselbe edle Denkungsart gegenüber allen, die mit ihm in Berührung kamen, tauseiidtältig an deii Tag gelegt habe. Viele kamen zu ihm, um seine Kritik zu hören, und >cder fand Knaus bcsett, seine eigene Arbeit an jeder Stelle, zu jeder Zeit wegzulegen und seine ganze Aufmerksamkeit
So nehmet während des großen Kampfes, der das Schicksal unseres ganzen Volkes entscheidet, den herzlichsten Gruß der alma water Ludoviciana!
Gießen, den 5. Dez. 1914.
Ter Rektor: Somme r.
Die parlamentarische tage in Hessen
Unser Tarmstädter Mitarbeiter schreibt uns:
Es hat in weiteren Kreisen unseres Landes nicht geringes Befremden erregt, daß der seit mehr als Monatsfrist lebhast besprochene Vorschlag, die jetzt fälligen Erneuerung: ivallen zur Zweiten Kammer nach dem Beispiel anderer Bundesstaaten auf dem Wege einer gemeinsamen Verständi gung aller Parteien des Hauses auf der Grundlage des seil- lierigen Besitzstandes .zu erledigen, trotz aller langen Ver Handlungen und Bemüh-ungen infolge des Verhallens d. r soz. Partei, endgültig gescheitert ist. Deren langjähriger Führer und Fraktion Sv or sitzender Ulrich hatte zuerst den Gedanken der sog. kampflosen Wahlen angeregt, der sowohl bei der Regierung wie bei den Vertretern aller übrigen Parteien eine sehr siinipathische 'Aufnahme fand. Um jede-:- Mißverständnis ansznschließen, hatte bei der erste» Lerhandlnng Abg. Ulrich aus ausdrückliches Besragen des Abg. Tr. Osann in bestinnn- ter Weise erklärt, daß natürlich die Wahrung des gegenwärtigen Be s i tz st a n d eS der Parteien die Basis für das ganze Abkommen bilden müsse. Ilm so eigentümlicher mußte eS daher berühren, daß bei der jüngsten gemeinsamen Beratung der Parteivorstände gerade von sozialdcmolratijchen Vertretern ein schroffer Widerspruch gegen den Ulrichschen Vorschlag erhoben wurde nnd sie plötzlich mit einer Forderung hcrvortraten, durch die der ganze Plan einfach über den Haufe» geworfen werden »iiißle. Sie verlangten, wie schon berichtet, daß ihnen von den drei Land- tagsmandatcn, die bei der Erneuern,igswahl in Mainz zu vergeben sind, und die zurzeit von den Abgg. Dr. Schmitt (Zentr.), Bach (natl.) nnd Herdt (fr. Vp.) ansgeübt werden, ihnen ein Mandat kampflos überlassen werden sollte, und zwar erhoben sie Anspruch ans den Sitz des Abg. .Herdt, der vor drei Jahren aus Grund des neuen Wahlgesetzes geincin- sam von den bürgerlichen Parteien gerpählt worden ivar. Sie begründeten ihre Forderung damit, daß sie aussührtcn, „die Mainzer Landtagsmandale seien 24 Fahre lang in sozialdemokratischem Besitz." (Vergl. „BolkSsrcund" vom 1. Dezember.)
Zunächst ist diese Behauptung völlig unzntresfend, denn wenn auch Herr Ulrich und einige andere Fraktionsgenosscü früher mehr oder minder lange die beiden Mainzer Mandate inne hatten, so steht dock) fest, daß sie beide seit dem! Jahre 1908 durch je einen n-ationalliberalen nnd einen Zcn- trnmSabgeordncten vertreten sind. Wie sollte man da der Mainzer Wählerscktztft zninute», jetzt an Stelle des 1911 durch direktes Wahlrecht gewählten freisinnigen Vertreters sich einen Sozialdemokraten aufoktroyieren zu lasse»? Mit genau demselben Recht könnten doch dann crnchi die anderen Par - teien kominen und sagen: Wir sind bis vor so und so-wicl Jahren die Mleinherrfcher im Wahlkreis gewesen, wenil ihr den uns jetzt nicht freiwillig und kampflos überläßt, donit machen wir nicht mit.
Einigermaßen bezeichnend für diese absonderliche Forderung ist übrigens der Umstand, daß ihre Urheber deir anderen Parteien die Sache durch den Vorschlag mimdgerecht zu machen versuchten, die forffchrittlickse Volkspactci durch Zuschanzung eines atrderen Mandats für den Verlust in Mainz schadlos halten zu wollen. Sie schlugen nämlich vor, den jetzt von einem Parteilosen vertretenen Wahlkreis Nauheim-Butzbach der fortschrittlichen Volksparlei zuznführen,
der angeregten Frage zuzuwenden. Dabei kam ihm allerdings seine geistige Organisation vortrefflich zustatten. Er konnlc jederzeit seine eigene Arbeit zurückstellen, die Palette weglegen, den Gang seiner Gedairken unterbrechen, seine ganze Aufmerksamkeit aus einen srcmdcn (Gegenstand lenken, denn leine geistige Regsamkeit und sein Gedächtnis waren so außerordentlich, daß er seffie Arbeit jederzeit genau, wo er ausgehött hatte, wieder ausnehmcn konnte. .Köstliche Tage verlebte der „kleine Amerikaner" dann im Sommer, als er mit .Ktiaus eine Studienreise nach dessen Lieb lingsziel, Willingshausen in Hessen, nnternahm^ wo auch zwei Berliner Freunde des Künstlers, die Maler Louis Svangenberg und Wisniewsky, einttaftn. Ktraus studierte damals zu seinem Bilde „Der Taschenspieler in der Scheune" hauptsächlich in einer dazu geeigneten Scheune, wo fleißig skizziert wurde Für den Fußboden machte er später noch eine besondere Studie: oer Boden war Lehm und etwas Pslastrr und war reichlich bestreut mit Erde und Mist. Da kam SpangeWerä eines Tages herein, die Pseise im Mund, die Palette in der Hand, blieb hinter Knaus stehen, nickte und sagte dann schmunzelnd: „Ja, ja — schreibt sein' Nam' darunter und sagt: Fünfzig Friedrichsdor." .Knaus erwiderte, ohne aufzuschen: „Willst du's geben? Kannst's haben."
— Vor Belgrad 1789. Belgrad, das schon oft im Besitz der Oesterreichcr geweseil^ist, wurde bekanntlich im Jahre 1789 von Laudon, dem Gegner Friedrichs des Großen, eingenommen. In seinem Heere diente der vielfach talentierte Fürst von Ligne, dessen Memoiren eine Fundgrube für die Kenntnis des galanlcn Zeitalters sind, als General. Der Fürst war ein Freund Katharinas II. und Casanovas: er sah das Leben nicht sehr ernsthaft an und bettachtete auch diesen Feldzug gegen die Türken, denn diesen grhörtt damals Belgrad, mehr als ein amüsantes Abenteuer. denn als eine ernsthaste Tat. In seinen Briefen, die Frau von Stael herausgegeben hat. erzählt er solgende Episode van. der Einnahme Belgrads. Sein Unteffeldherr Tarnal crklättc ihm in seiner närrischen Gascogncr Mundart: „Ich werde eine Bat- tette Granaten spielen lassen, nnd sie werden die BertcidigungS- werke zerstören." Der Fürst antwortete ihm mit seinem Svatl: „Zerstören Sic lieber die Verteidiger." Eine Batterie von Mörsern, welche der Fürst von Ligne aufsahren ließ, um die Werke von der Seite zu tteffen. taten die gewünschte Mttlüng Tie Festung ergab sich und der Fürst sagte dem Oberst Tarnal, der etwas taub war: „Belgrad ist unser!" Daraus ries dieser begei- stert: „Morgen nur noch ein« Ladung Granaten." „Wer sie ist ja nicht mehr nötig. Belgrad ist um'er!" — „Ach Gott, was sagen Sie da." ries Darnal ganz verzweifelt, „ivelch ein schönes Stück Arbeit würden heute meine Granaten gemacht baden." Nach der Einnahme ließ der Fürst von Ligne seine Musikiapelle vor seinem herrlichen türkischen Zelt am Tonaunscr sviclen und gewann sich dadurch schnell die Herzen der Zivilbevölkerung.
Berlin, 5. Dez (WTB. Nichtamllidttz Im Königlichen Opernbause fand heute Leo Blechs k o m i s ch e O p c r „Versiegelt", unter der Leivmg des Komponisten neu cinswdiert, eine vorttcfflichc Wiedergabe und außer»rde,Ulich beifällige Aus- ncihme, »


