tk. 282
Zwetter Blatt
M- Jahrgang
Erscheint ti-tich mit Ausnahme der Sonntags.
Di« „Gieße«» Familiendiätirr" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Xreirblatt für den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seitsragen" erscheinen monatlich zweiinal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Dienstag. 1. Dezember 1914
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» » UnwersitätS - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleltung.GeschäitSstelle ^Druckerei: Schul- straß-7. Geschäftsstelle u.Berlag:«^«5l,Schrift- leitung: ««112. Adresse iür Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
petroleummaiigel und Lichlbedürsim.
Wir erhalten folgende Zuschrift:
Durch alle Tageszeitungen Deutschlands geht die Klage, daß daß von seilen des .Handels für die wichtigsten Lebens- und Be- darisniittcl zu hohe Preise abverlangt iverden. Ein ununterbrochener Streit entwickelte sich datier über die Frage. nne ani besten eine Eindämmung der ständig steigenden Preise auf ei» gerechtes und zulässiges Maß erfolgen könnte. Vorschläge der verschiedensten Art wurden gemacht. Diese fordern einerseits eine behördliche Festsetzung der Höchstpreise auf Grund der bekannten Bundesrais- oarschriften, andererseits die Monovolisierung der Lebens- und Be- darfsmittcl durrt> den Staat. Die Zweckmäßigkeit des cinzuschlagen- den Verfahrens niuß wohl dem einzelnen Falle überlassen bleiben. Ta jckwch die Kriegszeit zu den anormalen Zeiten zählt, so darf und muß man vom Staate erwarten, daß eine zunehmende Regelung des — für das Leben notwendigen — Warcnkonsums ein tritt, umsomehr für solche Waren des täglichen Bedarss, deren Bestand durch Zufuhren aus dem Ausland kerne Zunahme erfährt. Ist dagegen die Regelung des Warenkonfumü behördlicherseits mit Rücksicht auf eine große Erwerbsschicht, wie der des Kleinhandels, nicht möglich, dann blecht allerdings nur eine (von Zeit zu Zeit zu revidierende) Festsetzung von Handelshöchstvreiscn. Diese sind aber heute schon identisch nnt den in Wirklichkeit gezahlten Preisen. Erscheinen die Preise der Waren nicht den Verhältnissen entsprechend, so vermehren sich notwendigerweise die Stimmen nach der Forderung einer .Höchstpreisfestsetzung. Zurzeit find cS Mehl und Pe tcoleum, für die man Höchstpreise fordert. Bei letzterem liegen allcrdirrgs die Verhältnisse nicht so ungünstig wie bei den anderen Bedarfsartikeln, da vorerst die verkürzten Tage einen BcdarfSsturm nuslöse» intb die Nachfrage bei zunehmender Tagesstärke voraussichtlich fallen wird. Da, wie schon erwähnt, an eine Zufuhr von Außen rricht zu denken ist, so muß deshalb mit dem beschränkten Petroleumvorvate sehr haushälterisch verfahreir iverden. Tiefe Tatsache rechtterliqt .frdoch an und für sichtroch keine Steigerung des Klsmhandcklsvreftes, Da dieses trotzdem geschehen ist, so wird auch mit Recht dagegen angekämpft, zudem die Großhandclvrrisc in keinem Verhältnisse zu den Klernhondelsvreisen stehen und vielmehr im allgemeinen ein Mißverhältnis zwischen den Preisen der Lieserungs- 'grsellschasten und den Preisen des Kleinhandels herrscht.
Die Folge des sich immer inindcrnüen Vorrates und steigender Nachfrage ist, daß nur noch eine Lieferung des bisherigen Erdöl- quantums auf Vz dis V- erfolgt. Nach den Nachrichten in den maßgebenden Tageszeitungen haben die deutschen Einfuhrfirmen, trotz des verringerten Vorrates, bisher im allgemeinen fiir das Inland keine höheren Durchschnittspreise gefordert, als vor dem Kriege. Eine Preissteigerung für Petroleinn ist somit nicht am Platze.
Der preußische Minister für Handel und Gewerbe und der Mi- uister des Innern Hecken daher mit Rücksicht auf diese Tatsachen nitttenn 26. November an die Regierungspräsidenten, den Oberpräsidenten von Berlin und an die Handelsvertretungen einen Erlaß gerichlet, der beMeckt, den ungerechtfertigten Erhöhungen der iPetroleumprcise entgegenzutreten. In diesem wird gesagt, das; nach einer Mittestung der Deutsch-Amerikanischen Petrolcnmgescllichast iÄamburg die Erdölpreise derzest betragen für Bremen, Kiel, Breslau 18 Pfennig, Berlin, Erfurt, Gotha 17 1 /. Pfennig, Stettin, «Hamburg. Hannover, Frankfurt a. M., München. Nürnberg 18 1 /, Pfennig, der Höchstpreis auf >>em Lande in Deutschland an einzelnen Stellen 20Vs Pfennig; hierbei verstehen sich die Preise frei Laden sdes Kleinhändlers. Weiter heißt es in dem Erlässe: „Bon allen 'Preisen ist l /* Pfennig Rabatt abzuziehen. ES ist anzunehmen, Laß auch die anderen in Betracht kommenden Einfuhrgesellschasten, die Deutsche Petroleumverkaufsgesellschaft in Berlin und die„Olex"- Petiwieum G. m. b. H. in Berlin-Wilmersdorf im Durchschnitt Lenselben Preisstand innchalten. Sonach besteht für alle Bezirke Deutschlands bereits ein bestimmter Großhandelspreis, der den durchschnittlichen Preisstand vor dem Kriege im allgemeinen nicht überschritten hat. Bei dieser Sachlage ist cs ohne formelle Preis- sestietzung iür den Großhandel möglich, unangemessenen Prcisstei- aerungen fiir den Kleinhandel enlgcqenzutretcn. Sollten sich diese Voraussetzungen ändern, so wird im Bundesrat die Festsetzung eines Höchstpreises für den Großlnindel in Petroleum beantragt iverden. Wir ersuchen daher diejenigen Behörden, denen nach 8 3 des Höchst - vreisgeseyes imd Ziffer l der dazu ergangenen Aussührungsbestim- mungen vom -1. August 1914 die Festsetzung von 9 lein Handelspreisen libertragen ist, darauf hinzuweisen, daß sie auf der Grundlage des für ihren Bezirk geltenden Großhandelspreises, über den sic un- schwcr bei einer der obengenannten Einsuhrsirmen Auskunft erhalten
ver deutsche Krieg IM in der Dichtung.
Aus^Dresden wirr» uns geschrieben: Das Königliche Sckianspielhans ließ seinen beiden Vaterländisch enlAb en oe n, die den Kriegen 1813 und 1870'71 gewidmet waren, nun einen dritten folgen, der dem „Deutschen Kriege 1914" galt Deutsche imd österreichische Dichtung und Musik, die dieses erste .Kriegsviertels ahr her - vongebracht hat, waren wirksam zusammengcstcllt. Leider be einträchtigte sich das zu umfangreiche Prograrmn durch eine Reihe Darbietungen, die nicht hineingehörten, und die leider gerade den Dresdner Verfassern wenig Ehre machten. Unter den Dichtungen stand Gerhart -Hauptmanns „D mein Vaterland", „Das große Händesalten" von W i l d- gans, das echt vvl^Mäßige „Oesterreichischc Reiterlied" Znckermanns, Burtes Hymne mif die Tat des „U 9" «„Neuer Tag") voran. Die stärkste WrrDmg hatte wiederum Theodor Becker mit llnrnhs „Bajonette zur .Hand", Kerns „Es geht eine «chlacht" und Liss au ers „Haß gcsang gegen England". IN diesen Versen erlebte man wirkliche Dichtung aus der Zeit. Der musikalische Teil war viel ivcnigcr eindrucksvoll. Wenn rnan das „Deutsche Fahne»- lied" Dehnrels nennt, das Bachmann einfach und lied- müßig komponiert hat, blieb außer Nie ödes' „Deutschem (hebet" nach Siegfried Wagners „Fahnenschwur" nichts Gutes übrig, wenn nicht die herrliche Stiinme der Frau Plafchke v. d. Osten für alles entschädigt hätte.
Ten Abend leitete eine i^ene Carl Hauptmanns ein: „Der Wächter auf den Bergen", der hier seine Uraufführung fand. Das Publikum bereitete der kleinen Dichtung rauschenden Beifall. Sie stellt sich als eine echte Gabe Earl HanptmannS dar. Ans gut geschauten realistischen Bildern, Spaziergänger steigen zur Petersbaude im Riesengebirge empor, geht Äe «Szene ohne Uebergang ins Visionäre, Symbolische, ins Traumbild über. Der junge Wächter auf den Bergen, eine etwas nnllare Verkörperung der deutschen Jugend oder des dentscheit Geistes begegnet dem gepanzerten Erzengel, dem Krieg. Wäs die beiden reden, ist leider so nicht zu der Klarheit gestaltet, die gerade solche Symbolik braucht, um Leben zti vermitteln. Es prägt nur das schöne Lied ein, wenn der Erzengel aus der Felsspitze steht unterrn Licht der Sterne und der junge Wächter seinen Ruf hinausruft in die Täler: „Das Vaterland ist in Gefahr!" Während „Deutschland über alles" von den jungen zu Tal ziehenden Menschen gesungen verklingt, schließt sich
iverden, einen KleinhandelsverkausspreiS festfetzcn können, sobald sich
ein Bedürfnis dafür geltend macht. Taftir wird ein Prcisauischlag von 1 Pfennig für das Liter auch während des Krieges für den Kleinhandel ini allgemeinen ausreichend sein. Nach Lage der Sache' nnrd es sich empfehlen, den Kleinhandelspreis überall so sestzn setzen, daß er den Großhandelspreis des Bezirks nicht um mehr als 4 Pfennig für das Liier übersteigt, wobei daran! zn achten sei» nnirde, daß von den Behörden der »leinhandclspreiS für Erdöl nirgends über 25 Pfennig hinaus festgesetzt wird . . ."
An dieser Stelle Halle ich es für angebracht, auf die Ersatzmittel des Petroleumlichtes aufmerksam zu machen. Im allgemeinen verfügen Stadt unb Land über genügenden Petroleum- ersah in Form von Gas und Elektrizität. Wo dieses nicht der Fall sein sollte, verweise ich aus die Anwendung des Spiritnsglüh- lichtes und der Aeetvlcnbeleuchtung. Durch die weitgehendste Benutzung dieser Petroleirmcrsatzmittcl erweist man zudem der heimischen Volkswirtschaft einen großen Dienst, indem bei zunehmender Nachfrage eine zunehmende Prvdukpon sowie die neue Einstellung von Arbeitskräften erfolgt und notwendig wird. Es würden die Lamvenfabriken. die Metalldrückereien, galvanischen Anstalten, die elektrische Industrie, das Handwerl der Schlosser und Installateure uff. eine erhöhte Betätigung erfahren können. Eine vermehrte Konsumtion bedinglc eine Beschäftigung unserer Arbeitslosen und die 'Abnahme einer erböhien Fürsorge der Gemeinde oder des Staates. England selbst weist uns den Weg, indem es mit allen Mitteln versucht, sich vom ieindlickien Anslande unabhängig zu mochen. Tun wir dasselbe, indem ivir, einmal durch die Not gezwungen, der deutschen Volkswirtschaft weiter Helsen.
Mit als eine Ausgabe der Städte ist es daher, zu betrachten, auch ihrerseits die geeigneten Mittel zu ergreifen, dem eiuge tretcncu Bedürfnisse Rechnung zu tragen, indem den minderbemittelten Bevölkeiungsschichten die Gelegenheit gegeben ivird, sich in den Besitz des elektrischen oder Gaslichtes zn setzen. Gerade jetzt wäre die Zeit iür jene städtischen und staatlichen Werke gekommen, unrentable Werke durch eine geeignete Politik rentabler zu ge- stalteit. So wird ein Elektrizitätswerk mit einer Belastung, die einer normalcn Maschinenbeanspruchung immer mehr gleichkomml — da die Produktionskosten pro Kilowattstunde wesentlich geringer werden — den Vorteil haben, eine günstigere Bilanz zu erhalten. Dieses Ziel zu erreichen, kann nun in mancherlei liegen.
Einmal sorgt man durch die llebernahme der Erstellungskosten — verursacht durch die Hausanschlüfse, Installation, Bereitstellung von Lainpen, Kochavvaraicn usw. — auf das Konto der Stadt, im Wege des Kredits der Verzinsung oder der Miete der Erstellungen, für die Einführung «und daher vermehrte Konsumtion) von elektrischem Strom oder Gas. So hat nach einer Zeitungsnotiz die Stadt Kassel 1 ">0 000 Mark bcreitgestellt, um den Minderbemittelten den Gebrauch von Gas- und Elektrizität «auf dem Wege des Versuchs) zugängig zu machen. Nicht allein die Hausanschlüsse werden von den elektrischen und Gaswerken angelegt, sondern selbst Lampen und Herde gegen eine geringe Leihgebühr geliefert. Nach zehnsähriger Zahlung der Leihgebühr gehen die Gegenstände in den Besitz der Benützer über Ferner könnte eine erhöhte Konsumtion an Licht, durch eine Herabsetzung des Strompreises, erreicht werden, ,oder durch den Wegfall der durch nichts gereäitsertiglen Zählermiete.
Die Anssührung eines oder die Kombination dieser 3 Vorschläge eröffnen für manchen städtischen oder staatlichen Betrieb günstigere 'Aussichten. Eine bestehcknoe Unterbilanz könnte wesentlich herabgedrückt werden. Um eine merkliche Konkurrenz zwischen Gas- und Elektrizitätswerk einer Stadt nicht herbeizusühren, könnte durch die 'Aufftcllung neuer Rabattsätze sin Gas und Strom vorgcbeugt werden, derart, daß bei einem Verbrauch an Strom von einer bestimmten K.-W.-Zahl an eine 'Abnahme des Gaspreises, und umgekehrt, erfolge.
Wenn je eine Gelegenheit für ein Lichtwerk bestand, die Produktion gewinnbringend zu erhüben, so ist dieses jetzt der Fall, und keine Betriebsleitung sollte sich den gegebenen Möglichkeiten im gemeinsamen Interesse verschließen.
Dipl.-Ing. Tr. Stöckle.
von der Goltz in der Türkei.
Freiherr Kalmar van der Goltz hat, wie berichtet wurde, seinen Pasten in Brüssel mit dem eines Beraters des Sultans vertauscht. Zum dritten Male geht von der Goltz nach Stambiil, zum dritten Male sitcht er das Reich deck Padischah zu spitzen, sucht durch fetite »Strategie de» Fahnen des osmanischeil Heeres zuin Siege zu verhelfe».
der Vorhang. Walter Jltz und Emil Lin d u er taten sich als nteistcrlichc Sprecher lxervor. Dieser schöne Ausllang war zu einem Bühnenbild gesteigert, wie. man es in solcher Schönheit wohl noch niemals gesehen hat. Wie die weißen Wolken nach schweren! Wetter am Wendhimmel hinziehen, wie die Dämmerung sich als Nebelslreisen festhängt zwischen den Bergluppen fern und serner, der Hitmirel dunkelt, die ersten sternr ausleuchten, bis die Nacht in feserlichein Licht sich wölbt, — das war ein Meisterwert der Regie, die das allerhöchste Lob verdient. Es war nur schade, daß dieses Szencnbild keiner tiefer tragenden Dichtung: dienen durste.
Alfred Gü n th e r.
was sollen unsere Kitiöcr jetzt lesen?
Mit dieser Frage werden sie selber schnell fertig sein. Selbstverständlich wollen sie von dem lesen, was setzt aller Gedanken beschäftigt, aller Herzen bewegt: voni Kriege. Es wäre unnatürlich, wollten Eltern und Erzieher darin etlvas zuwider haben. Aber ein bißchen der Ueberlegung bedarf die Frage fiir sie doch. Es gibt jetzt schon recht viel über den Krieg zu lesen, was unsere Kinder nicht lesen sollten. Denn auch die Schundliteraten sind schon eifrig cm der Arbeit, den „aktuellen" Stoff fftr ihre Zwecke ansznschlachten. Schund aber sollen unsere Kinder nicht lesen, auch wenn er vom Kriege handelt. Bon dieser Art Lesestoff gibt es bekanntlich zwei Sorten, die man als groben und feinen Schund bezeichnen kann. Zum erskeren rechnen die Schriften, bereit Verfasser vor allem darauf ausgehen, die Einbildungskraft durch Hänsnug und Ausmalung von Greuelszenen crufzu- pettschen, Mord und Brand mehr oder weniger unverblümt als Heldentaten erscheinen zn lassen, und die so bas sittliche Urteil der jugendlichen Leser verwirren. Die Taten der Franktireurs, der Hyänen des »Schlachtfeldes, der Angehörigen wilder Volksstämme in den feindlichen Heeren bieten ihnen dankbare Stoffe, deren grausige Wirklichkeit sie aber noch zu überbieten trachten. Diese Art Schund ist verhältnismäßig leicht zn erkennen. Sie kennzeichnet sich schon äußerlich durch das grobe Papier, den schlechten Druck, die grellbunten Bilder ans dem Umschlag, und der seit Jahren geführte Kamps gegen die Schundschriften hat doch schon den Erfolg gehabt, dass Eltern, die sich überhaupt um ihre Kinder kümmern, ihnen diese Art Lesestoff unter allen Umständen fernhalte».'
Uebcr 30 Jahre ist es her, seit Goltz zunr ersten Male in türkische Dienste trat. Im Jahre 1883 war's, damals noch in untergeordneter Stellung, erwarb er bald das Vertrauen seines türkischen Herrn, und als Sous-Chef des Generalstabes hat er der Türkei nicht unwesentliche Dienste geleistet. Er hat, so lesen wir in der R. W. Z., als inan ihm im Einschluß an den Balkan krieg die schwersten Vorwürfe machte iriid die Anslandspresse ihm die Schuld an dem Zusammen - brnch der türkische» Llrinee 1912 in die Schuhe sckwb, diese Episode seines Levens in einem ausführlicheir Artikel in der „Deutschen Rundschau." behandelt und seine damalige Stell Inng in der Türkei des näheren beleuchtet. Er meintz seine Stellung als Sous-Ehef des Generalstabes sei keine unabhängige gewesen. „Zugleich erhielt ich den Auftrag, gemeinsam nrit dein General Muzaffa Pascha, einem ausgezeichneten Kenner der türkischen Armeeverhältnisse und hochgebildeten Offizier, einen Eittwnrs für eine Reforin zn bearbeiten." «Ein neues Rekrnticrnngsgesetz, das die allgemeine Wehrpfticht regelte, ein Reserve-, Landwehr und Landsturm-Gesetz, ein Mobilmachung-Reglement nebst an deren Vorschriften wurde» ausgearbeitet. Dazu kam eine das ganze Reich umfassende neue Einteilung in 364 Bataillonsbezirke. die schwierige topographische Aufnahmen erforderte. Tie gesetzliche Grundlage für das Aufgebot der Moslim war geschaffen; eine moderne Ausbildung der Truppen unterblieb. Dazu behielt sich Sultan Abdul Hamid in jedem Falle die besondere Genehmigung vor, und diese erfolgte nie. Auch der Versuch, den Generalstab für seine praktische Tätigkeit zu gewinnen, scheiterte. In welch lächerlicher Weise der Absolutismus das Reformwerk in der Armee hinderte, erhellt aus folgendem Beispiel: „Es sollte ein strategisches Kriegsspiel stattfinden, das einen bnlgarijch-lllrki scheu Krieg zur Unterlage hatte und bei dem der erschossene Generalissimus 'Nasim Pascha und Ider General Abdullah Pascha die Führung übernahm. Bevor jedoch die Studie auf dem Gelände ansgeführt werden konnte, kam es zu einer hochnotpeinlichen Untersuchung, und nur dem deutschen General gelang es, den Großherrn davon zu überzeugen, daß es sich um keine Verschwörung, sondern eine sogar durch ältere türkische Vorschriste» verlangte Arbeit gehandelt habe."
Wegen dieser schwierigen Derhältnisse gab Goltz seinen Posten in Stambnl auf, den er fast zwölf Jahre innegehabt hatte. Er hat sich eine warnie Liebe für das türkische Reich bewahrt und ist nicht müde geworden, seilten türkischen Freunden Ratschläge zu geben. Der bedeutendste dieser Ratschläge ist doch ocr des Jahres 1897, als er der Türket ausführlich darlegte, worin ihre Schwäche bestehe. Auch dieser Artikel ist in der „Deutschen Rundschau" von 1897 erschienen. Goltz kommt da auf die Geschichte des türkische«! Reiches ausführlich zn sprechen. Er legt dar, daß die europäischen! Eroberungen der Türkei niemals in dem Sinne türkisch gewesen sei, >vie ellva Kleinasien und Aväbien. Die europäische Türkei hat niemals mehr als den Wert einer Militärkolonie besessen. »Seine Auffassung wurde Goltz später bestätigt, als nämlich bei der Schlacht bei Kirkiliffe der tüchtige General Mahmud Mnkhtar Pascha an den Großwesir depeschierte: „Wir befanden uns aus unserem eigenen Boden in Feindesland." Aus dieser Erwägung heraus kam Goltz zu folgendem Schluß:
Die Türkei habe als ein sich bildendes und zugleich
eroberndes Land die richtige Grenze ihrer Kraft bis zum Ende des 17. Jahrhunderts überschritten, wie ein ßtrom, der aus den Usern getreten ist und die benachbarten Wiesen überschwemmt, aber nicht dauernd in einen tiefen »See verwandeln tarn. Sie weckte damit die nationalen Kräfte ihrer Nachbarn. Tic Schwäche der Türkei besteht nicht darin, daß ihr Gebiet zu llein geworden ist, sondern umgekehrt darin« daß das Gebiet im Vergleich zn den fiir seine Behauptung verfügbaren .Kräfte viel zu ausgedehnt ist. Der Aushebung steht in Wahrheit nur eine Bevölkerurrgsmasse zn Gebot,
Nicht ganz so einfach ist die Sache mit dem feinen Schund. Die Bücher, die dazu gehören, stellen sich äußerlich recht achtbar dar — kosten übrigens auch meist ein hübsches Stück »Geld — und geben sich inhaltlich so, daß sie direkt un sittliche Anreize vernieiden. Was sie aber mit dem groben Schund gemeinsam haben, ist, daß sie ebenso wie dieser der inneren Wahrhaftigkeit entbehren. «Gewöhnlich tritt da ein junger Held ans, je näher dem Knaben, desto besser, der die wunderbarsten Heldentaten vollbringt, die unglaublichsten (pcfahren übersieht und eigentlich ganz allein schuld daran ist, daß unser Heer diese oder jene Schlacht gewann« diese oder jene Festung eroberte. Wie gesagt, ganz so schlimm wie der grobe Schund mag dieser feine nicht sein. Aber auch er richtet Schaden <ni, indem er den gesunden Wirllichkeitssinn unserer Jugend auf Abwege führtz ihr ein falsches Bild vom Wesen des Krieges und seinen Erfordernissen vorsührt und sie dadurch gegen wirkliches Heldentum stumpf und unempfindlich macht Man sollte gegen alle „Dichtungen" aus dem letzten Kriege mißtrauisch sein und sich sageit. daß die Zeit noch viel zu kurz ist, als daß wirkliche Kunstwerke schon hätten reifen können.
Verlangt die Jugend nach Dichtungen, in denen Kriegsstimmung weht, so braucht der «Stofs doch nicht den jetzigen Kriegsbegebenheiten entnommen zu sein. Sie möge dann ruhig Bücher lesen, in denen echte Dichter Heldenkämpfe früherer Zeiten dargestellt haben. Ueber den jetzigen Krieg aber soll sie Berichte lese», die der Wirllichkeil entsprechen: die knappen sachlichen Kriegsberichte unserer Heeresleitung, die ausführlicheren Darstellungen militärischer Fachleute, nicht zuletzt aber die Feldpostbriefe unserer wackeren Krieger, die erst das rechte 'Bild geben von dem, was der einzelne Mann in diesem Kriege zu leisten hat, nicht sowohl in kühnem Dranjgehen — obwohl es daran wahrlich nicht fehlt — als in standhaftem Ertragen von Hunger und Kälte, im Ueberwinden von Müdigkeit und Trübsinn, im geduldigen Aiisharren, bis endlich der Befehl zum Vorgehen kommt. Bücher, in denen sich dergleichen findet, gibt's natürlich jetzt noch kaum. Darun^. ihr Eltern, laßt cs eure Kinder ruhig aus der Zeitung oder <ru»S einer lllustrierten Zeitschrift lesen. Wenn ihr sie gut erzogen babt, werde» sie sich be gnngen, das zn lesen, was ibr als für sie passend ansgewühlt iiabt. Und dann: die Berichte über Skandalprozcsse uitb äh» lichcs. weswegen man sonst eine Zeilling Kindern oft nicht in die Hand geben durfte, hast der eiserne KriogSbcsen ja zum Glück daraus hinweggesegt.


