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Nr. 277

Der Stehener Anzeiger

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Erster vlaü

M- Jahrgang

Mttwach, 25. November I?Ik

General-Anzeiger für Oberhessen

8olatioirrr»ruck und Verlag der vrühl'schen Univ.-Vuch- und Lteindnickerei 8. Lange. Zchriftleitung, «eschäftrstelle n. Druckerei: Zchulftr. 7.

Neznqs» rei >: monatl. 75 'Bf., Viertel­jahr!. Mk. LN: durch Abhole- u. Zweigstellen inonall 65 -Vs.; durch diePost Mk.2. viertel- jährl. ausichl. Bestellg. Zeilenvrris- lokal 15 Pi., ausw N Ai. Haupt- schriitleiier: Aug. Goetz. Verantwortlich für de:' volit. Teil- Aiig. Koetz: für .Feuilleton'', .Ver­mischtes' und.GerichtS- faal": Karl Neurath: iür .Stadl und Land" : Otto Braun; iür den Aiizeigrnteil: H. Beck.

Gin englischer Aederdreadnought gesunken. Kleinere Verluste der veuischen zlotte.

Zum Geburtstag der Landerherrn!

In den stillen Wnkeln der Heimat pulsiert das Leben langsamer, seit die deutsche Völkerwanderung über die Gren­zen geflutet ist, und auch das Sinnen und Trachten ist über die enge Landesmark hinausgewachsen. Es folgt dem beute scheu Aar, der im Kriegssturm über Land und Meer die Fittiche schwingt. Biele Räder häuslichen Lebens stehen still, das öffentliche politische Getriebe ist in einen Kviegswinter- schlaf versunken. Dem hessischen Landtag, wenn er am 16.De- zember zu einigen Sitzungen zusammenkommt, bleiben nur die nötigsten laufenden Geschäfte zu erledigen. Es gibt keine Parteien, nur Deutsclzc.

Aber die gesegneten deutschen Länder tragen noch ihr eigenartiges geistiges Weben, und von draußen her kommen die Boten und bringen Kunde vom Wirken treuer Lands­mannschaften. Der Bayer freut sich des Lobes seiner derben Fäuste, und aus dem gestern veröffentlichten Briefe unseres Berichterstatters aus dem Westen erfahren wir, daß die Hügel der Champagne zu einer sächsischen Gegend nmgewan- delt worden seien. Einzelnen deutschen Stämmen sprach der oberste Kriegsherr seine besondere Zufriedenheit aus. Der deutsche Partikularismus im guten Sinne genommen hat seine unveräußerlichen Rechte behalten. Alles aber wirkt treu nebeneinander sür des Reiches Glück und Sieg. Wieder bewährt sich Bismarcks Gedanke, daß im Feuer der Not und Gefahr der deutsche Einheitsgedanke gestärkt und geläutert werden müsse.

Der unvergleichliche erste Kanzler des Reiches hat seiner Schöpfung keine öde Gleichmacherei gewünscht, und er war weit entfernt davon, die Eigentümlichkeiten der Stämme in einem großen Reichsticgel einschmelzen zu wollen. Wenn er aus uns herniederschaute, wie würde er sich freuen über diesen lebendigen deutschen Organismus, der die kühnsten Hoff- jnnngen erfüllte! Ein schon öfter genannter Fremder, der die Vergleichsmöglichkeit in höherem Grade besitzt als tvir selber, ein Engländer, der freilich in deutschein Geiste sein Lebenselement gesunden hat, Houston Stewart Chaniberlain, hat jüngst in einem AufsatzDeutschland als führenden Wclte staat" die Mannigfaltigkeit der deutschen Staatsgebilde ge­lobt; es sei nur darum eine wahre, organische Einheit, weil es aus Teilen bestehe. Mag, so rief er, der Historiker Deutsch­lands Zerrissenheit beklagen, fouric die unsäglichen von ihr in früheren Zeiten verursachten Leiden; das Geistesleben ge­wann daraus die unvergleichliche Mannigfaltigkeit der Le­bensbedingungen und daher auch die Verschiedenheit der rich­tenden Einflüsse innerhalb der durch die Sprache gegebenen Einheit des Erlebens und des Denkens. Vorbei ist es heute »ruch mit der Zerrissenheit im nationalen Ziele; ein hoher Vaterlandsgedanke faßt alle heimatlichen Klänge zu einer weltbewegenden Kraft zusammen. Die zunehmenden Schwä­chen des alten Kaisertums am Ausgang des Mittelalters sind durch ein politisches Erwachen und die Gebote vielfacher Erfahrungen abgeschüttelt worden. Die Willkür eigensüchtiger Kurfürsten und Landesherren ist einer Verschmelzung dyna- stischer und volkstümlicher Anhänglichkeit zu Kaiser und Reich gewichen.

In diesen Stunden darf das hessische Volk seines Groß­herzogs Ernst Ludwig, der heute sein 46. Lebensjahr voll­endet, mit den herzlichsten Wünschen gedenken. Er ist mit seinen hessischen Truppen hinausgezogen aufs Feld der Ge­fahr und hat in seinen Abschiedsworten die Zurückgeblie­benen an die Pflichten erinnert, die nicht minder ernst und wichtig seien wie die der draußen Kämpfenden. Mancher wehe Gedanke im Hinblick auf Familienbande, die ins Zarenhaus führen, mag dem Landesherrn die Stunde noch schwerer ge­macht haben als gewöhnlichen Sterblichen; sein letzter Erlaß aber zeigte uns, daß sein .Herz mit Begeisterung den deute scheu Waffen folgt und den Fahnen seines Hessenvolkes. Wenn die gewohnte Feier heute unterbleibt und vor der Majestät des Krieges lauter Jubel verstummen msiiß, so drängen sich die Empfindungen aller treuen Hessenkinder umso inniger hervor: alle Heimatklänge, an denen unser Land so reich ist, lochen um uns her und verschmelzen sich mit der Sieges­zuversicht, die wir angesichts der neuesten Ereignisse freudig in uns hegen dürfen, zu einem stolz hallenden Jubelgeläute, llnsere Streiter sind nicht die geringsten Hüter des Rhein­stromes, und wir hüten nicht nur äußerlichen Besitz, sondern auch das Singen und Sagen, das zu Deutschlands Stolz von früh her daraus erwachsen ist. Heil dem treuen Fürsten, der uns Rheingolds Schätze schirmt und der Niebelungentreue tapferen Sinn bewährt hat!

* * *

(WTB.) Großes Hauptqu artier, 24. Nov. vorm. (Amtlich.) Englische Schiffe erschienen auch gestern an der flandrisä>en Küste und beschossen Lombartzhde und Zeebrügge. Bei unseren Truppen wurde nur geringer Schaden ungerichtet, eine Anzahl belgischer Landbewohner wurde aber getötet und verletzt.

Im Westen sind keine wesentlichen Verände­rungen cingetreteu.

Aus dem östlichen Kriegsschauplatz ist die Lage noch nicht geklärt. In Ostpreußen Italien unsere Truppen ihre Stellungen an und nordöstlich der Seenplatte.

Im nördliche» Polen sind die dort im Gange besnrd- lichen schweren Kämpse noch nicht entschieden.

Im südlichen Polen steht der Kampf in Gegend Czen-

stochau.

Auch auf dem Südslügel nördlich Krakau schreitet der An­griff fort.

Dir amtliche russische Meldung, daß die Generale von Lie­ber und von Pannewitz in Ostpreußen gefangen ge­nommen seien, ist glatt erfunden. Der erste befindet sich in Berlin, der zweite an der Spitze seiner Truppe. Beide sind seit längerer Zeit nicht in Ostpreußen gewesen.

Oberste Heeresleitung.

Der englische UeberdreadnoughtAudacious" gesunken.

R o t t e r d a ni, 24. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Nach Meldungen aus sicherer Quelle ist der englische Ueber­dreadnoughtA u i> a c i o u §" am 28. oder 29. Oktober an der Nordküste Irlands auf eine Mine gelaufen und gesunken. Die Admiralität hält das Ereignis streng geheim, um eine Aufregung des Landes zu vermeiden.

(Notiz:Audacious" hatte ein Deplacement von 27 000 Ton­nen und eine Maschinenstärke von 28 000 PS., eine Geschwindig­keit von 23 Seemeilen und eine Bestückung von zehn 34,4-Zenti- meter- und sechzehn 10,2-Zentimeter-Kanonen. Die Besatzung betrug zirka 1100 Mann.)

Berlin, 24. Nov. Verschiedene Berliner Abendblätter melden aus Kopenhagen 23. November:National Didende" in Stockholm schreibt: Ein schwedischer Dampfer, der am 21. Oktober mit derOlympic" New Jork verließ, sichtete am 25. Oktober an der irischen Küste ein großes eng­lisches Kriegs schiff, das still lag und augenscheinlich in N o t war. 'Auf Verlangen des Kriegsschiffes nahm die Olympic" 250 Mann der gesamten Besatzung von 800 bis 900 Mann an Bord. Der Rest wurde von einigen Kriegs­schiffen aufgenonrmen, welche zu Hilfe kamen. Wie verlautet, war das große englische Kriegsschiff morgens stark be­schädigt worden, doch war es ungewiß, ob durch eine Mine oder durch ein Torpedo von einem deutscher! Tauch­boot. Uebrigens wurde denOlympic"-Passagieren durch Anschlag verboten, in England etwas von dem Gesehenen zu berichten. DieOlympic" ver­suchte, das Kriegsschiff, das eine starke Schlagseite bekommen hatte, ins Schlepptau zu nehiiren, was sich aber als unmög­lich erwies. Nach dem, was 'die Passagiere später erfuhren, ging das Kriegsschiff kurz darauf unter. 250 Matrosen wurden nach Belfast auf ein anderes telegraphisch herbeigerufenes Fahrzeug übergeführt.

Ein deutsches Unterseeboot gesunken.

Berlin, 24. Nov. (WTB. Amtlich.) Nach amtlicher Bekanntgabe der englischen Admiralität vom 23. November ist das d e u t s ch e U n t e r s e e b o o tII 18" durch ein eng­lisches Patronillenfahrzeug an der Nordküste Schottlands zum Sinken gebracht worden. Nach einer Meldung des Reuterschen Bureaus sind durch den englischen Torpedoboot­zerstörerGarry" drei Offiziere und 23 Mann der Besatzung gerettet worden, ein Mann ist ertrunken.

Der stellvertretende Chef des Admiralstabs: Behncke.

Zusammenstoß eines deutschen Torp<-dobooteS mit einem dänischen Dampfer.

(WTB.) Kopenhagen, 24. Nov. (Nichtamtlich.) Der DampferDan" hatte in der letzten Nacht außerhalb Fal- sterbo einen Zusammen st mit einem deutschen Torpedoboot, das schwer beschädigt wurde. Zwei schwer verletzte Matrosen des Torpedobootes wurden an Bord des Dampfers gebracht. Der eine starb auf dem Wege nach Ko­penhagen, der andere kurz nach der Ankunft hier. Einzelheiten fehlen noch.

Notiz des Wagner-Bureaus: Von zuständiger Stelle erfahren wir, daß bei dem Zusammenstoß der Heizer Birnbaum, Obcrheizer Plaschke und Oberanwärter Stange schwer verletzt und mit dem Dampfer nach Kopenhagen ge­bracht wurden. Obermaschinistenmaat Reimer erhielt eine leichte Verletzung. Der Oberheizer Schlegiauz und Heizer Biermeister wurde« leicht verwundet.

Die Schlacht in Russisch-Polen.

Wien, 24. Nov. (W. B. Nichtamtlich.) Amtlich wird vcrlant- bart: 24. November mittags: Die Schlacht in Russisch- Polen wird bei strenger Kälte von beiden Seilen ener­gisch sortgesührt. Unsere Trnvven eroberten mehrere Stütz­punkte, gewannen insbesondere gegen Wolbrvm und beiderseits des Ortes Pilica Raum und machten wieder zahlreiche Gefangene. Ansonsten ist die Lage unverändert.

Im Inneren der Monarchie befinden sich 140000 Kriegsge­fangene, darunter 1000 Offiziere.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstnbs: v. Höfcr, Generatmaior.

Der russische Bericht.

Petersburg, 24. Nov. (W. B. Nichtamtlich.) Dom Stab des Generalissimus wird mitgeteilt: Der Kampf zwischen Weich­sel und Warthe, der nördlich Lodz den Charakter äußerster Hartnäckigkeit angenommen hat, dauert an. Am 22. November wiesen wir überall die heftigen Angriffe der Deutschen zurück. Von der Seite von Weljun ttaten neue feindliche Streitkräftq mit dem Ziel, den linken russischen.Flügel zu umgehen, auf. In der Kampflinic Czen stoch an Krakau ist keine wesent­liche Veränderung eingetretm. In den Kämpfen am 24. November nahmen wir über 5000 Oesterreichcr (?) gefangen.

Ein russischer Großsürst schwer verwundet.

Basel, 24. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) DieBasler Nachrichten" melden aus Mailand: Der russische Großfürst Demetrius ist in den Kämpfen mit der deutschen Kavallern an der Warthe schwer verioundet worden.

Großfürst Demetrius (Dimitrij), geb. 1891, ist der Sohn aus erster Ehe des Großfürsten Paul Alexandrowitsch und der Prinzessin Alexandra von Griechenland. Großfürst Paul Alcxandrowitsch ist ein Sohn Kaiser Alexanders II. und der Prinzessin Marie von Hessen-Darmstadt. Der Großfürst Demetrius ist somit ein Urenkel des Großhcrzogs Ludwig II. von Hessen, genau wie die Zarin und die Groß­fürstin Elisabeth.

Die Lage in Flandern.

Amsterdam, 24. Nov. (WTB. Nichtamtlich.)Telegraof" meldet ans Sluis vom 23. November: Den ganzen Sonntag über wurde Geschützfeuer gehört, sowohl von Peer als auch von Dvern und Dixmuiden her. Der Eindruck, daß die Kämpse immer heftiger werden, wird durch die fortwährenden Truvvenbcwegungen verstärkt. Frische Truvven marschierten in großer Zahl nach Ypern. Unter ihnen sah man bisher ganz unbekannte Uniformen aus oirier Art grauen Sanetes.

Die Bedarfsmittel in Frankreich.

Basel, 24. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) DieNational- Zeitung" bringt einen Bericht über die Bedarfsmittel in Frankreich. Das einheimische Korn ist zurzeit sehr rar. Die Bevölkerung fürchtet ein teilweises Zurückhalten des Getrei­des und fordert Gegenmaßregeln dagegen, von denen die Re­quisition die mildeste sein würde. Der offizielle Preis des Alkohols ist 6065 Franken, was einem Aufschlag von ungefähr 2,50 Fr. in den letzten Tagen gleichkommt. Die Brennereien kämpfen sortwährend mit großen Schwierig­keiten. Sie ziehen es vor, ab Versandbahnhof zu verkaufen, statt lieferbar Paris. Der Zucker ist sehr rar. Die Schwie­rigkeit rührt daher, daß die Requisition alle Zufuhren be­droht, wodurch auch die Händler das Risiko laufen, für ihre Waren weniger bezahlt zu erhalten, als der Einkaufspreis betrug. Bezüglich der Weine wird aus vielen Gegenden eine starke Enttäuschung gemeldet, sowohl was die Güte wie die Menge anbetrifft. Das Ergebnis bleibt weit hinter der wirk­lichen Ernte zurück. Trotz aller Anstrengungen, die Fluß­schiff a h r t no'ch im Gange zu halten, ist der Verkehr stockend. Darunter leidet besonders die Ko h l e n z u f u h r., In Paris sind sämtliche Vorräte für öffentliche Zwecke re- auiriert worden, so daß großer Mangel herrscht. Die Preise sind ganz beträchtlich gestiegen, so daß sie viel­fach unerschwinglich geworden sind. Die Regierung will crb- helfen und Eisenbahnwagen für Kohlentransporte ab Rouen zur Verfügung stellen.

Die tapfere» Schwaben.

Stuttgart, 24. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) DerStrats- anzeiger" meldet: S. M. der König hat folgende von S. M. dem Kaiser eigenhändig geschriebene Feldvostkarte erhalten: Einen Gruß aus dem Hüttenlager Deines Regiments; habe mich sehr erfrnck, auch das Meine in vorzüglicher Haltung gesehen unb Abordnungen anderer Reginienter sowie die ausgezeichneten Pioniere begrübt zu haben. Deine Schwaben sind ebenso stramm wie sie zähe und tapser sind.

20. November 1914. Wilhelm.

Staatssekretär von Fagow in Berlin.

Berlin, 24. Nov. (WTB. Nichtamllich.) Der Staats­sekretär des Auswärtigen Amtes, v. I a g o w, ist heute für einige Tage in Berlin eingetrosfen.

Aus der französischen Schweiz.

Basel, 24. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) In Genf ist es zu einer Kundgebung der Studenten gegen den dortigen Professor Claparede gekommen, der erklärte, wenn belgische Städte von den Deutschen zerstört worden seien, so sei dieses ge­schehen, weil die Bevölkerung sich außerhalb des Gesetzes gestellt bobe, indem sie auf die deutschen Trnvven schoß. Bei der nächsten Vorlesung verlos, als der Professor erschien, ein Student einen Protest, in welchem der Rücktritt des Professors gefordert wird. Die Angelegenheit kam vor den Großen Rat. Es wurde einstweilen die Vernehmung des Professors beschlossen/ In der Märzsitzung des Großen Rats soll dann die Antwort erteilt werden. 'Die Studenten boykottierten inzwischen das Kolleg des Professors.

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Das Ergebnis der österreichischen Kriegsanleihe.

Wien, 24. Nov. (Ctr. Frkft ) Das Ergebnis der öster­reichischen Kriegsanleihe, deren Subffriptionsfrist heute um 12 Uhr mittags abgelausen ist, beträgt bis 12 Uhr mittags 144 1 Mil­lionen Kronen. Da die formale Durchführung zahlreicher Zcichmingen durch den Krieg erschwert ist, dürfen die Zcichnungs- stellen auch weiterhin Anmeldungen entgegcimchmcn. (Frks. Ztg.)