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lk. 259 Zweiter Vlaü I 64 . Jahrgang

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-ietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Montag, t5. November

Rotationsdruck und Vertag der Brühl'sche» Unwersüäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schfttzlettung.Geschätzsstelle ».Truckerei: Schul- straßel.Geschätzsstelle u.Veftag:^gozöl,Schrckt- leilung: ^EllL. Adresse iür Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Unegrbnese aus dem Osten.

Bo» unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (llnbercchtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Arbeit für dir Zeit.

Flüchtliugsfürsorge. Hilfslazarette. Soldateuwäscherei.

....... den 11. November.

Das Landratsamt von Insterburg wird von Flücht­lingen belagert. Sie stehen ans dem Vorplatz, auf den Gän­gen, in den Zimmern. Sie haben tausend Fragen, ob ihre Pferdchen schon verkauft werden sollten, wann ein Bergungs­zug ginge, wie Entschädigungen gezahlt würden, ob Tante Emma wieder nach Hause fahren könnte, ob es nicht möglich n>äre, daß die Russen bis nach Smitfeit ober tzipönen kämen. Ihre Augen fragen dabei noch mehr als ihr Mund. Und der stummen Frage ihrer Augen kann niemand Antwort geben.

Ihre Reisenot wird gelindert, ihre Herzensnot müssen sie selbst bekämpfen. Sie tuen es auch meist mit der gleichen Tapferkeit, mit der ihre Brüder und Männer draußen im Schützengraben im Schrapnellseuer stehen.

Der Landrat hat in umfassender Weise eine Fürsorge­organisation ins Leben gerufen. Eine Sammelstelle für Lie­besgaben für die Vertriebenen. Der Saal sah aus wie ein mächtiger Trödelladen. Alte Stiefel und Fässer mit.Honig, warme Joppen und frisch geschossene Hasen, Büchsen mit Ka­kao und riesige Bauernbrote, alte Pelzmäntel und neue Klei­derstoffe, alles ist zusammengekommen und dabei ist dies, was ich sehe, nur der kleine Rest, der Hiauptteil ist in btn Tagen vorher schon vergeben worden. Hier werden auch aus der gelieferten Wolle Strümpfe gestrickt und Pulswärmer, die freilstch zawr größeren Teil für die Truppen bestimmt sind. Es greift eben alles ineinander.

Im Erdgeschoß an einem mächtigen Waschkessel steht eine freundliche weibliche Hilfskraft und rührt Kakao, der den ganzen Tag gekocht und dann in Flaschen gefüllt wird, er ist für die Ftüchtlingskinder bestimmt.Frau Regierungsrat t ., sagt der Landrat, als wir weitergehen,steht den ganzen Tag hier und hütet die Küche." Ich sehe dann die mächtigen Suppenküchen, aus denen 8000 Personen gespeist iverden können; dann fahre ich zur Turnhalle, die als Flüchtlings­asyl für die Ankommenden eingerichtet ist. Die Kinder spielen aus ein paar stchengebliebenen Turngeräten umher.Sind Todesfälle bei den kleinen Kindern vorgekommen," ftagc ich die Frau Landrat, die sich diesem Dell der amtlichen Für­sorge ihres Mannes besonders widmet.Nein, aber sechs Geburten in der letzten Woche allein." Die kleinen Blond­köpfe toben durch den Saal.

Man wartet jetzt regelmäßig, bis ein Zug gefüllt ist, mit dem Abtransport. Viele verlassen ihre Heimat zum zweiten Male. Wie so oft in der letzten Zeft kann ich den Ein­druck nicht los werden, daß dieses Hin- ünd Herschieben, dieser dabei nicht zu verhütende Verlust von Vieh und Energie hätte vermieden werden können. Dir märkischen Bauern haben sich, wie ich weiß, bereit erklärt, das ostpreußische Vieh auszunehmen oder zu kaufen; statt dessen hat man zum Beispiel Pferde, wertvolle Mutterstuten, an Insassen von ostpreußischen Kreisen gegeben, die nicht im Zentrum der Gefahr, aber in der Peripherie lagen und liegen. Es ist nicht angängig, daß man durch eine Politik, die nur mit dem ver­mutlich Angenehmen rechnet, nicht mit den auch unangeneh­men Möglichkeiten und Wechselfällen des Krieges, den ost- preußischen Viehstand und die Pferdezucht allmählich auf­reibt. Es ist für jeden Einsichtigen klar, daß eine Grenz- provinz für manche Lagen vorbereitet sein muß. Dadurch, daß man in Gebieten, die nicht vor allen Mäögftchkeften sicher sind und es nach der ganzen Lage gar nicht sein können, werv- vollc Bestände und gar neue Geldmittel hineinsteckt, wird man weder der Provinz noch dem Nationalvermögen nützen.

Es braucht nicht betont zu werden, daß diese Ausfüh­rungen mft den klugen uich wertvollen Maßregeln zur Hebung der augenblicklichen Flüchtlingsnot, die Landrat Overweg mit Energie in die Wege geleitet hat, nichts zu

tun haben. So oft ich aber in diesen Tagen ostpreußische Flüchtlinge sah, ihr Vieh, ihre Pferde prüfte, mit den Leuten sprach, drängte sich mir diese Gedankenreihe, die kauin einem der ernsthaften Leute fremd war, auf. Ich halte es für meine Pflicht, ihr Ausdruck zu geben.

Die Hilfslazarette, die das Rote Kreuz Insterburg Stadt und Land eingerichtet, sind luftig und gut. Die Leichtverwun­deten vom Gefecht bei Szittkehmen hatten schon gute Farbe und ordentlichen Humor. Das Hauptlazarell Insterburg hat weiter gearbeitet auch zu der Russenzeit, in der es mehr Wachmannschaften als Verwundete in den Räumen gab. Wie überall wird übrigens das russische Verbandzeug und die russischen Feldapotheken von den Schwestern, die unermüd lich seit einem Vierteljahr ihren schweren Dienst tun, sehr gelobt. Das Stopfen der Kissen für den Wagentransport, das Besorgen der notwendigen Decken übernimmt natürlich auch das Rote Kreuz Insterburg, dem übrigens Spenden sehr erwünscht wären. Man hat das Stricken der notwendigen Wollsachen zum Teil als eine Art von Notstandsarbeiten an Flüchtlingsfrauen vergeben, so daß auch Geldspenden beson­ders angenehm wären. Es ist sicher, daß die Arbeiten für Lazarett und Flüchtlingsfürsorge in großem und weitsichti­gem Maße geleistet sind, es wird viel auf diesem Gebiet von herzenswarmen Menschen gearbeitet; eine besondere Einrich­tung ist aber die Wäscherei für Soldaten, die mir viel Nach­ahmung zu verdienen scheint. Draußen ist oft keine Zeit, meist keine Zeit, da wurde viel fortgeworsen, namentlich auch Wollzeug. Jetzt schicken die Regimenter nach Insterburg, dort wird gewaschen, (wobei Flüchtlingsfrauen Unterstützung fin­den können) und die sauberen Päckchen gehen wieder an das Regiment zurück. Natürlich bekommt nicht jeder sein Hemd und seine Strümpfe, aber ein sauberes Hemd und saubere Socken bekommt jeder tvieder. Es wird natürlich nicht immer Gelegenheit sein, von dieser Einrichtung Gebrauch zu machen, aber doch oft. Sie sei nochmals zur Nachahmung empfohlen.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Zum M jährigen Jubiläum der UnwerMs-KrauenMmt zu Gießen.

Von Medizinalrat Professor vr. Walther.

15. November werden es 100 Jahre, daß die hiesige Uni­versitäts-Frauenklinik und Hebammenlehranstalt gegründet wurde. Es ist jetzt nicht die Zeft, rauschende Jubiläumsfeiev- lichkeiten zu veranstalten zudem ist der derzeitige Leiter der Anstalt, Herr Professor Ür. Opitz, durch Kriegsdienst außerhalb Gießens doch geziemt es sich in aller Stille eines Institutes zu gedenken, in welchem Generationen von Aerzten in dem so wichtigen Zweige der Geburtshilfe und Gynäkologie, ebenso Generationen von Hebammen und auch Wochenpflegerinnen theoretisch wie praktisch ausgebildet wur­den. Schwere Kriegszeiten waren es, welche den schon 1809 begonnenen Bau nicht zur Vollendung kommen ließen erst November 1814 konnte der endlich fertig gestellte Bau seinem eigentlichen Zwecke übergeben werden. Bis dahin hatte das Haus als Reservelazarett für Kranke und Verwundete, zu­nächst französischer, später preußischer und russischer Truppen gedient, bis endlich im Frühjahr 1814 das Lazarett geräumt und die Verwundeten nach Kloster Arnsburg verlegt wurden. Nur die Offiziere blieben noch für einige Monate zurück, bis gegen Herbst die vollständige Evakuierung endlich erreicht wurde.

Welch schwere Kriegsseuchen in dem neuerrichtetenEnt­bindungshaufe" (Accoucheurhause", wie es früher hieß, im Bollsmund auchEngagierhaus" genannt), dem alten Ge­bäude neben der Senckenbergstraße (jetzigen physiologischen Institut) herrschten, und welch schwere Opfer sie gefordert haben, davon legen die interessanten Aufzeichnungen des be­kannten Gießener Professors Nebel, welche Frl. P lo ch in der hessischen Chronik 1913, Heft 3, veröffentlichte und welche der Gießener Anzeiger im letzten Jahre wiedergegeben hatte, Zeugnis ab, ebenso das Streckerfche interessante Schau­spielDie Humboldtianei"', welches im letzten Wirrter hier über die Bretter ging und sehr interessante Reminiszenzen

aus jener Zeit brachte. Der jugendliche Professor H c g a r (ein Verwandter des großen, erst vor kurzem verstorbenen Gynäkologen Exzellenz Hegar-Freiburg), welcher als Lei­ter der neu errichteten Entbindungsanstalt ausersehen war, fiel als Opfer scineö Berufes. Er war als Chirurg Chefarzt der gesamten Reservelazarette gewesen und wurde, gleichwie einige seiner Assistenten und Schüler, von demLazarett­fieber" (vermutlich Typhus?) hingerafft. Es war ihm wie die wenigen Aufzeichnungen, die über ihn vorhanden sind, besagenhochbegabten und tüchtigen" Arzte nicht bcschieden gewesen, die neue Anstalt zu eröffnen. Er starb Februar 1814. Ihm folgte als erster Leiter der Anstalt der jugendliche Pro­fessor für Geburtshilfe und Chirurgie Ferdinand Aug. R i t g e n eine markante, vielleicht noch manchem alten Gießener bekannte, jedenfalls der Schilderung nach nicht unbekannte Persönlichkeit, die auch außerhalb seiner Univer- sitätsstellung entsprechend einer ganz außergewöhnlichen Vielseitigkeit eine ganz hervorragende Rolle spielle. Zwar ist Ritze n der erste Direktor der Anstalt, doch nicht der Gründer gewesen. Denn wie er selbst in seinen Jahrbüchern, die 1820 in Gießen bei C. C. Müller erschienen waren, und a. a. O. ausdrücklich hervorhebt, muß der damalige Professor Di-. Baiser als früherer Medizinalreferent bei der Pro­vinzialregierung dahier als solcher bezeichnet werden. Denn seinen Bemühungen erst ist es gelungen, fyier in erster Linie zur Ausbildung von Hebammen, zugleich aber auch für Studierende eine Entbindungsanstalt durchzusetzen, nach­dem bereits 1790 der damalige Erbprinz, spätere Groß­herzog Ludwig I., die ansehnliche Summe von 10 000 Gul­den dafür gestiftet hatte. Lange Verhandlungen hin und her führten endlich 1808 zur Genehmigung des von Professor Baiser, dessen Name gleichfalls hier noch in gutem An­gedenken steht, entworfenen Planes, zu welchem Ritgen, >vie er selbst in der Vorrede zu den Jahrbüchern sagt, nur einige wenige Veränderungen und Zusätze" gemacht hatte. Meroings geht oie Anregung zur Errichtung einer Anstaft noch etwa 30 Jahre zurück; hier war es wiederum Professor Nebel, der das Fach der theoretischen Geburtshilfe ver­trat, und als Schüler des großen Professor Fried in Straßburg im Jahre 1777 bei der Landesregierung die Gründung einer geburtshilflichen Anstalt als unbedingtes Erfordernis für die Ausbildung in der Geburtshilfe ge­fordert hafte.

Es ist hier nicht der Ort, auf die weftere Entwicklunjg der Anstalt einzugehen, was später von berufener Seite a. a. O. geschehen wird. Jedoch dürste jedem Gießener oder demjenigen, der für die Entwicklung unserer Stadt so­wie der Universität sich interessiert, jenes alte Gebäude hin­ter der Zeughauskaserne bekannt sein, vielleicht auch noch die Frühere Gestaltung, ehe die Senckenbergsftaße durch- geführt wurde, welche zwar den Verkehr erheblich er­leichterte, aber zweifellos das ursprüngliche behagliche Ge­präge dem alten, abgeschiedenen Entknnduugshause etwas genommen hat. Seit 1890 wurde das Haus andern Univerfi- tätszwecken übergeben; Löhlein war es vergönnt, die jetzige neue Frauenklinik zu beziehen, welche durch die Opfer- Willigkeit der Regierung in den letzten Jahren noch wesentlich ausgebaut und modernisiert wurde. Demjenigen, welcher die Geschichte der Stadt kennt, wird jedoch stets die Erinnerung an jenes alte Gebäude wach bleiben, welches jetzt als physio­logisches Institut eingerichtet ist, welches aber als eines der ältesten Universitätsinstitute noch der Universität erhalten geblieben ist, man kann sagen ein Dokument bedeutsamer Ereignisse i» der Entwicklung unserer Heilkunde. Löhlein hat 1890 bei Eröffnung der neuen Frauenklinik dem Men ehrwürdigen Entbindungshause und seinem ersten Leiter v. R i t g.e n einen warm empfundenen Nachruf gewidmet. Hier in der alten Klinik hat unter Ri tgen die Entwicklung der wissenschaftlichen Geburtshilfe, zugleich aber auch eines geregelten klinischen Unterrichtes in Gießen eingesetzt seine vortrefflichen Vorschriften für den Unterricht, die er in den Jahrbüchern mitteift, sind noch heute mustergültig seine Nachfolger Kehrer und Ahlseld waren gleich ihm hervorragende For­scher auf dem Gebiete der Geburtshilfe, Kalten-

Gietzener Stadttheater.

Die Radenstrinerin.

Schauspiel von Ernst von Wildenbruch.

Wildrnbruchs Raubfttterdrama aus der Fuqgerzeit ist über alle deutschen Bühnen gegangen und hat ebenso oft die Begeisterung und die laute Anerkennung des großen Publikums geweckt. Aber es ist mit diesem Beifall ähnlich >vie bei einem schönen Feuerwerk: S4 löst manchesAh" undOh" aus, aber wenn man es nachher beschreiben soll, muß man sich daran! beschränken, zu sagen: Es war wundervoll, herrlich, prächtig und hat mächtig viel Geräusch gemacht. Wildenbruch hat die Zeit, aus der er seinen Stofs nahm, gut gekannt, zu gut vielleicht, als daß ihm die Neigung, das äußer­lich zu beweisen, nicht den einen oder anderen Streich aus Kotzen der inneren Wahrheit gespieft hätte. Von anderen, weniger wesent­lichen Mängeln abgesehen, loird dann der Hauptgrund liegen, wes­halb sichDie N a b c n st e i n e ri n" nicht der Gunst des Publi­kums erfreut, die einen Teil der Bedeutung jedes Bühnenwerkes ausmachi. Das will gerade in diesem Falle manches besagen, denn denc Wohlwollen des Zuschauers werden Konzessionen von einer Menge und Nachhaltigkeit gemacht, die im allgemeinen die Brücke icber etwaige Klüfte zwischen Sehen und Verstehen leichter schlagen.

Der alte Rabenstciner, der aus Haß gegen die reichen Krämer zuui Schnapvhahn wurde, und die Augsburger Patftzier messen sich auf Tod und Verderben. Zwischen ihnen steht der leidende Genius einer Jungfrau, des Rabensteiners Tochter Bersabe. Die Raben- stcinerin rettet dem jungen Patrizier Wester, der im Kamps mit dem von ihm erschlagenen Vater seiner Retteftn ebenfalls schwere Wunden erlitt, das Leben und gelobt sich dem Fiebernden, dev unter ihren Händen aus Augenblicke erwacht, als Braut. Ein, Geschmeide, das der alle Raubritter dem Wester entriß, fühft die getrennten Liebeslcut« nach mancherlei Umwegen in Augsburg zusammen; aber der innge Welser und des Raubritters Tocktzer können zusammen nicht kommen, weil es sich der Junge in den Kops gesetzt hat, jenseits des großen Wassers imindianischen Land" Heldentaten zu verrichten und, um des Vaters Erlaubnis zu erhalten, zuerst den Rabenstein brechen muß. So werden aus den Liebenden Feinde. Das ists, was man Wildenbruch verübelt: denn in Wahrheit ist kein ernsthafter Grund ersichtlich, warum Wels« nicht hübsch daheim bleibt und die Raubrftierstochter schon im zweftcn Alt zur Welserin macht. So aber bleiben die Gchwierig- keitr», dir sich im drftien und vierten Mt der Heirat, die man ja doch kommen sieht, entgegen türme n, zu ausgeklügelt and Eoujtnom,

als daß man ihnen ein psychologisches Interesse entgegenbringen könnte: Die Rabensteinenn zieht sich ans ihre Burg zur Bei- teidignng gegen den Gelitten zurück, erschießt vom Fenster ihre Nebftcbuhlerin, wird vom Welser gefangen und endlich vom Hoch­gericht herunter als Braut reklamieft. Man ftagi sich: Warum der Umweg über das Schafott? Das konnte er doch beguemer haben. Nichtsdestowenig r ist dies Stück von crner Eiudfttckssähg- sähigkeft, die das Unbehigen oft vergessen macht. Wie sollten auch die Hexenliftnwmantik, die Henker- und Kerkerstimornng, das Kartenspiel mit Tod und Teufel nicht bühnenwirksam sein! Es gibt kcfti Register tiesmittelalterlichen weiblichen und männlichen Heldentums, dieses als Charaktereigenschaft und als Anlaß zu allerlei großen Geberden und noch kühneren Szeuenkunststücken genommen, das Wildenbruch nicht gezogen hätte, und so wftd die Rabensteinerin am Ende immer unter rauschendem Beifall das Schafott verlassen.

Unter der Regie Tircllor Hermann S t e i n g v etter s hatten sich unsere .Künstler des anipruchsoollen Werkes mit viel Liebe angenommen. Man sah Bühnenbilder von ersveiilichster Plastik: namenttich der zweite Wt atmete sicher gesehenes dramatisches Leben und die ganze buwe, verwegene Bewegtheit der Zeit des sterbenden Rittertums, und die Erstürmung des Raubritterschlosses scheute sich nicht vor kräftiger, realistischer Pinselsührung. Me- jelben .Eigenschaften wären allerdings in reicherem Maße auch dem letzten Akte zu wünschen gewesen, der mit der Befreiung der Rabensteinerin vom Blutgerüst endigt. Wenn man das Hoch­gericht aus Fundusgründen auf einen Butzenscheibenmarktvlatz verlegen miußte, so paßt dieses immer noch besser zu einem solchen Schauspiel als die Haltung derVolksmenge", deren schöner Gleich­mut und toenig imponierende Zahl glauben machen konwen, eine Hinrichtung habe Küher nur beschränktes Interesse gehabt. Und das war schade, denn von diesem Punkte abgesehn hätte man gut und gerne von einer künstlerischen Geschlosseuheft der Aufführung spre­chen können.

In der Titelrolle konnte Anno Stettner ihre darstelle­rischen Fähigkeiten foftreißend entsaften. Der körperschüttelnde Schmerz und der kühne Todesmut des von Gott und den Menschen verlassenen Weibes gelangen ihr überzeugend. Ferdinand Stein- Hofer gab als der junge Äartolme Welser eine »ollgülttge Probe seines tüchttgen, sicheren schauspielerischen Vermögens und ließ die vom Dichter mit besonderem Glück behändeste Gestalt des jungen Helden in sonnigein Licht erstehen, ine ohne Scheu den Antsthwung zum Pathos wagen d u rfte Als der Nuuucuwachcr

bewährte sich Walter Dworkowski, der mft kräftigen Mitteln der Figur des hinkenden Einäugigen mit den nur von der Liebe zu den Rabensterirern geregelten Wolfsinstinkten zu Leibe ging. Auch die anderen zahlreichen Rollen befanden sich durchweg in guten Händen, so daß im ganzen eine frische, stilbewußte Leistung, die des reichlichen Beifalls wohl wert war, herauskam. Nur der Henker erschien uns seine Schuld ist cs nicht kaum am rechten Platz. Gemeinhin stellt man sich den mittelalterlichen Scharfrichter furchterreacuder vor als ooten, plaudernden Do­mino.

«onzert llnote-Riemann.

Gießen, 18. Rov.

Aus der Erstarrung, in die der .Kriegssturm unser sonst so frisch blühendes Musilleben versenkt hat, erwuchs uns heute erst­mals wieder ein kraftvolles, hoffuungsgrünes Reis. Der Orts- gruppe Gießen des Alldeutschen Berbandes gebührt das Verdienst, zwei der hervorragendsten Mitglieder der Münchener Musikwelt: Kammersänger Knote und Hofpianist Riemaun für einen Konzeft­abend gewonnen zu haben, der den Hörern eine reine und wahrhaft erhebende Kunstfreude gewähfte, verbunden mit dem Bewußtsein, ein vaterländisches Werk: die Unterstützung der Hinterbliebenen gefallener Gießener mttsördern zu Helsen. Die Ortsgruppe hatte uns scho.n vor einigen Jahren die Bekanntschaft der herr­lichen Tenorstiinme Knote's vermittelt, wie wenige von den damaligen Hörern waren wohl davauf gefaßt, daß die Zweck­bestimmung jenes Konzerts (Beschaffung von Mitteln zur theo- rettschen Aufklärung über den Ernst der Lage) so bald ihre Recht­fertigung sowie ihre prallischc Weiterführuug durch die heutige Wohltättgkeits-Beranstaltung finden würde!

Me Vorftagsordnung war für den heutigen Anlaß besonders glücklich gewählt und bot eine Fülle meist

gediegener, ernster und kraftvoller Musik. Kammer­

sänger Knote sang mit seiner wahrhast groklNtgen Summe und hinreißendem Boftrag K. M. v. Webers ..Gebet vor der Schlacht", sowie eine Reihe dankbarer Einzclgesäuge aus Rich. Wagners Opern (Lohcugrin, Meistersinger, Fliegender Holländer, Walküre, Siegsftcd): wir möchten darunter besonders das wuch­tige Schwcrtlied aus Siegfried hertwrheben, eine der glänzendsten und nrusikalssch wertvollsten Stellen des ganzen vHbdinwot