kr. 262 Drittes
Erscheint täglich mit Ausnahme deS 6»nntag§.
Die „Kietzen« La«iII«nbIAtter" werten dem
.Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Xreisdlatt für den Kreis Kietzen" zweimal wöchentlich. Die „L«ndioirt,chaftltchen Zeil- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Blatt l64. Jahrgang
ietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
§M5tag. r. November
Rotationsdruck und Verlag der B r ü hl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. L an g e, Gaeßen.
Schristlettung,GeschäItsstelleu.Druckerei: Schul straße7.Geschästsstelleu.V«lag:s-E5I,Schrttt- leitnng: «-M112. Adresse sür Drahtnachrichteil: Anzeiger Gießen.
Briese aus der Front.
Wir veröffentlichen irachstehend auch Auszüge ans den, nsang jener Feldpostbriefe eines jungen Artillerieoffiziers a seine Mutter in Gießen, vmt denen Mir bereits einige iteressante Stellen aus den Käinpfen an der Aisne-Linie igedruckt haben.
5. Aug. eine kl. Garnison.
Liebe Mutter!
Es ist mir völlig unerklärlich, daß Du noch immer keine Nach- cht von mir haben sollst. Ich habe in den letzten 5 Tagen 4 LcbenS- ichen an Dich abgrhen lasten, darunter ein dringendes Telegramm, ollte sich alles derartig verzögern!?
Also liebste Mama, es wird nun wirklich Ertstt, die ganze Jdt scheint sich vereinigt zu haben, um unser liebes Deutschland i vernichten. Die wildesten Gerüchte laufen um, und man erfährt icht, was eigentlich vorgeht, da die Zensur streng zu arbeiten »eint. Bon militärischen Dingen will ich Dir nicht allzuviel mit rlen, um die Sicherheit der Briefbesördernng nicht zu gefährden, kargen oder übermorgen werden wir wohl ausrücken, wohin, das isscn die Götter und vielleicht noch der Regimentskommandeur, oviel stcht fest, daß der Zug uns nach Westen führt, hoffentlich aninen nur aus diese Weise recht bald an den Feind heran. — orläufig hat man hier alle Hände voll zu tun, obgleich sich, die uize Mobilisierung hervorragend regelt. Gar keine llnruhe, alles' rit der größten Selbstverständlichkeit, wir sind tatsächlich in allen singen schon im Frieden hervorragend gerüstet.
Leute habe ich einen Burschen bekonimen, d. h. nur ausgesucht nü scheine einen sehr glücklichen Griss getan zu haben, er sorgt ihrrnd für mich! Packt, läuft in der Stadt herum, und macht die rsinnigsten Einkäufe. Es ist viel wert, wenn man im Ernstfall neu zuverlässtgen Menschen zur Seite hat! Ich habe mir selbst eine Pferde aussnchen dürfen, und habe in dieser Hinsicht gut »rgesorgt! Meine Kiste ist schon gepackt. .Hemden, Unterzeug aller rt, Wafsenvock, Stiesel, alles ist in rcichlick»er Menge vorhanden, an hat ja auch Geld gemig bekommen, irm sich ordentlich aus- istatten.
Morgen, unnrittelbar vor dem Ausrücken, lverde ich Dir noch neu kurzen Gruß zukommen lasten. Erwarte bitte nicht von mir, iß ich noch einen ausführlichen Brief in dem Sinne schreibe, der uns :idcn das Herz schwer machen würde und in dem ich alle Even- calitäten erwägen würde. Warum von Dingen reden, die. wenn : eben kommen müssen, unabwendbar sind. Mles, was jetzt kommt,
: Schicksal, und Du und ich können es nübt ändern! Schreiben ir uns also sieb« frische fröhliche Briese und behalten alle üben Gedanken sttll in uns verschlossen. Genügen mag cs Dir, rß ick» die »röttgen Schritte tue, um für alle Möglichkeiten, soweit ; tn meinen Kräften steht, vorgesorgt zu haben. -r- Nach dem brücken erreichen mich Deine Briefe .unter — — —, inorgcn hältst Du wieder Nachricht.
6. A n g. Sv habe ich deirn, trotz Telegramm, vor den» Aus- icken keine Nachricht mehr von Dir erhalten, es ist das eben eine rsichcre Sache mtt der Beförderung von Briefen in der Mvbil- achungszeit. Die Deinigrn toerden mich nun wohl erst im Felde reichen.
Es ist anzunehmcn, daß nur eine ganze Zeit nickst werden briet ch mücinanüer verkehren können. So hoffe ich denn, daß Du Dich stund hältst und mit Energie die schwere Zeü erträgst, so wie ich >tt und mir auch »vünsche, daß die nächsten Nachrichten, die ich -Tt gebe, recht günstig lauten möchten.
Ich bin mtt allem oortrefffich airsgerüstct. fech Schokolade nd Zigarcttm sind die schwere Menge eingcpackt. Hoffentlich röpsen uns die Herren Feinde nicht eines schönen Tages die ganze cvßc Bagage mit meinen wohlqefüllten Kostern ab. Die wichtigsten -achen habe ich geschickt verteüt, so daß ich nicht mit einem Male rnz mittellos dasitzen kann. Hier in der Garnison wimmelt es och immer von Bekannten aus meiner Gnmnasial- und Studenten- :tt. Alles meldet sich und wird wegen Uebersüllnng l»cimgeschickt. - Heute habe ich mir ein Notizbuch zngelegt. Ich will doch einmal hen, ob ich nicht ein Kriegstagebuch führen kann.
Also liebste Mutter, Kopf boch! Ein kräftiges letztes Lebewohl nd ein frohes Hoffen ans baldiges und gesundes Wiedersehen in nem siegreichen Vaterland!
Haltern (Westfalen), 8 Aug., 7,30 vormtttags. Sett gestern ivrgen unterrvegs alles gen Südwesten. Wohin, noch nicht bekannt, ahrtdaucr noch bis heule abend 6 Uhr, Stimmung und Befinden orzüglich. Nachtruhe glänzend. Habe leider kein Lebenszeick»en ichr von Dir erhalten. Ich »verde Dir so oft als irgend möglich hreiben! Eben geht es weiter!
Aachen, 9. Ang. Jetzt wirst Du hoffentlich durch meine tag- iglichen Nachrichten auf dem Laufenden erhalten worden »ein! Seit :stern sitzen wir hier in Aachen und in aller Bälde wird es über e Grenze gehen! Wir sind hier tn so herrlichem Quartier, daß an es gar nicht fassen kann, daß wir im Kriegszustand leben. — eh wohne bei einer Professorenfamüie, reizenden Leuten. Sie sind lhrend zu mir, als loenn ich ihr Sohn wäre. Ein wundervolles aus mit schönen Räumen und herrlichen Badeemrichtnngen. .Heute rbe ich schon mein Versprechen geben müssen, daß ich, wenn mir gend etwas zustieße, nach hier telegraphieren solle, Herr Professor ürdc dann zu ucir kommen, um mich zunächst einmal nach achen in sein Haus zu holen, hm seine Frau mich pflegen würde eutc will mich das Ehepaar noch photographieren, die Bilder erden dir dann direkt zugehcn! — In Belgien herrscht ein »lostaler Betrieb, dos Volk ist verblendet in seinem Fanatismus, leine -Bengels schießen aus den Kellerlöchern ans durchmarschic- uide Truppen, «Speisen und Wasser werden vergfftet. So ist ritte der Befehl erfolgt, nichts jenseits der Grenz« zu essen, wovon ie Anwohner vorher nicht auch gegessen haben. Gott sei Dank rben »vir jetzt schon die ersten, wenn auch schwer erkämpfte» Er- »lge errungen. Nähere Einzelheiten kann ich Dir nicht sagen, in nicht di« Sicherheit des -Briefes zu gesährden. Die 30 Stun- en Bahnfahrt sind ivie im Fluge vergangen. In ganz Deutsch- rnd herrscht eine Begeisterung und eine Opferwilligkeit, die inem bis ins tieffte Herz rührt. So lange das dentsckzc Volk och so fühtt, so lange kommt keine rote Hose an den Rhein, sine alte Frau, die mir Milch gab, erzählte auf Befragen, daß e sechs Söhne beim Militär habe, von denen schon drei jenseits er Grenze seien, inst» aL ich meinte ob sic sich da nicht sehr rrge, meinte sie: Das stk schließlich gleichgültig, ob die Jnngens n Kampf« sür ihr Vaterland fallen oder nicht, wenn nnr Teutsch- rnd stolz aus dem Kriege hervorgeht. Diese Sttmuiirng herrscht bcrall. Die Mannschaften sind voll frohen Mutes! Köstliche Sprüche kann man au den Fenstern der schön geschmückten Eiicn- ahnzüge lesen, so z». B. „Russische Eier, franz. Sekt, preußisch« >iebe. ei wk das schmeckt" oder „Nikolaus, Nikolaus, wir hauen Tr «c Hosen aus!" —• Hoffenllich erreicht mich nun endlich inmal ein Brief von Dir, fchveibe mir recht oft!
Belgien, 13. Aug. Also die erste Nachricht aus Feindes- rnd. Meineri Brief aus Aachen hast Du hoffentlich erhalten. — Bir liegen hier in Lüttich um ein reizendes Schloß herum, seit ejtern rm Biwak. Gott sei Dank stt das Wetter herrlich, so daß lim nachts prachtvoll schläft! Im Jener sind wir nock» nicht gewesen, nur heute verirrte sich eine feindliche Granate in unser riedtiches Lager, krepierte aber nicht. Möglicherweise bleiben >ir auch noch morgei» hier liegen. r>ehr stug sind >vir alle nicht ud bedauern vor allen Dingen, daß uns so gar keine Zeitungen rrcicheu. Amt» von Dir erwarte ich voll Sehnsucht Nachricht.
Tie Belgier haben sich scheußlich betragen. Die Bevölkerung hat Vernundete massakriert und Leute vergiftet, man ist daher sehr vorsirtrtig! Jede Nacht erhebt sich das Gesckiiehe zwischen Frank- lireurs und deutschen Soldaten. Verluste hatten wir noch nicht zu verzeichnen! Tie Marschstraßc sieht infolge der Ausschreittingen der Bevölkerung wüst aus. Mes ist abgebrannt und von den Bewohnern verlassen, wenigstens bei Tage. Das Viel» verkommt, die ungemolkenen Kühe brüllen zum Gotterbarmen. Unsere Leute suchen in ihrer Gutmütigkeit noch Hilfe zu sck»ajsen, wo es gehl! Die Verpflegung unserer Truppen ist sehr gut! Bei mir l»at der ständige Aufenthalt im Freien eine kräftige Müdigkett zur Folge, so daß ich andauernd schlafe und selbst das Krachen der schweren Geschütze in unmittelbarer Nähe vermag mich nicht zu stören. Ebtn ivird nach der Feldpost geschricn, also Schluß! Fm nächsten Brief hasse ich von den ersten KriegStaten berichten zu können.
16. Aüg. Heute nur wenig Worte! Mittlerweile sind wir schm, tüchtig vorangekommen. Lüttich liegt schon weit hinter uns! Die Bevölkerung im Innern des Landes ist sehr zuvorkommend, nicht mit den Grenzbewohnern zu vergleichen. Ich hofse jetzt endlich aus «Briefe vml Dir. da, wie es heißt, vom 13. Mobil- machnngstag an Feldpost befördert wird. Schreibe nur recht estrig! .Heute biwakieren wir zuin erstenmal bei Regen, was die Freude des Lagerlebens sehr verringert. Gesundheitlich geht's glänzend! Was macht das liebe Gießen? Was berichtet die Zettung?
19. »feg. Gestern dir erste Schlacht gesckstagen — ans den Zeitungen ncnßt Du es erfahren haben, fei der ganzen Linie siegreich Zum Teil hatten wir recht gefährliche Stellungen, doch schoß der Feind erheblich daneben, immerhin einige Verluste in der Batterie. Heitte wurde ein energischer Verfolgungsmarsch in das Herz des Landes angeschlossen. Die nächste Nachricht hofse ich aus Brüssel zu senden. Ich schreibe diese Zeilen während einer »Marschpause. Entschuldige die Kürze, aber ich habe in den letzten 60 Stunden mir etwa 8 Stunden geschlafen und sehne mich nach jeder Minute Ruhe. Hast Du meinen gestrigen Gruß erhalten?
... bei Waterloo, 21. Ang. Endlich, endlich gestern hat mich Dein lieber erster Brief aus der Mobilmachmigszeit erreicht — nach fast drei Wochen. Sehr, sehr freut es mich, daß Du das Geschick, was jetzt Deutschland und damit ieb-nt einzelnen ergreift, so richtig verstehst, und daß Du nnr das Geleitwort „sei tapfer" mit ans den Weg gibst und Dich nicht in Erwägungen von Eventualitäten ergehst, die nrit derarttgen Weltereignissen verbunden sind!
— Ich hoffe. Du hast immer regelmäßig Nachrickst von Mir erhalten, ich schreibe jede!» zrveiten Tag durchschnittlich. Was ick» melden kann, ist alles nur hoch erfreulich! — Es geht vorwärts, unaufhaltsam! Wie ich Dir noch am Tage nach dem Kampfe mitteilte, haben wir mittlerweile die Feuerprobe bestanden, und sie war rühmlich für Regiment wie sür die Batterie. Es war am Dienstag, als wft morgens ahmingslos ans rückten, und schon am Mittag ivar die Batterie im Feuer, llnjere Schüsse müssen glänzend gesessen haben, denn bald war vor uns alles vom Feinde frei, ohne daß uns überhaupt jemals ein Schuß erreicht hatte. Doch es sollte noch anders 'kommen! Aus unserem linken Flügel wurde die Infanterie stark bedrängt, hier sollte unsere Batterie in Stellung gehen! Bis in die vordersten Schützenlinien, wenige hundert Meter an den Feind heran, holte uns der General im Kugelregen selber herbei. Dann ging's als .schwierigstes Stück im ieindliäien Feuer eine 1,50—2 Meder hohe Böschung herauf, Pserdc wurden verwundet und sieten, die Kugeln sausten »rns um die Ohren, doch wir kamen herauf, wie, das wisten 'wir heute selbst nicht mehr! Ein Aufatmen ging durch die Infanterie': In 20 Mr- nnren war der Feind nicht mehr zu sehen, die Schützengräben verlassen. Im ganzen dauerte das Gefecht von 1>/» mittags bis 8% abends, fei Abend biwakierten wir ans dem Schlachtfeld! Es ist ein wahres Wunder, daß unsere Verluste so gering waren. Unendlich daiierten mich die armen Pserdc, die zum Teil tot- geschossen wurden, um sie von ihren Schmerzen zu erlösen. — Die Belgier waren derartig fanatisch, daß die Verwundeten hinter uns noch aus den Kornfeldern ans uns schossen.- — Der Horizont rings im Umkreis stand in Flammen, es war eine schaurig schöne Nacht. Aw nächsten Tage ging es dann Wetter und wir durchlebten den .ganzen Greuel des' Schlachtfeldes. Gott gebe, daß unser Vaterland vor derartigem bewahrt bleibt. Vom Feinde haben wir bis heute keine Spur mehr gesehen. — Ungehindert sind unsere Truppen in -Brüssel eingezogen. Leider führte man uns, die nur den Weg dazu geebnet hatten, um die .Hauptstadt herum.
24. feg., südlich M. 'Diese Zetten während einer Gefechts- pause. Fn zweitägiger, noch anhaltender schwerer Schlacht haben nir die englische Expeditionsarmee geschlagen! Es geht immer vorwärts bis zur Tollkühnheit, dabei sind unsere Verluste verhältnismäßig gering. Nur ellig wenig Ruhe bekommt man, und wenn man gerade abgekocht hat und denkt, inan bekommt etwas in Pen leeren Magen, dann heißt's, vorwärts in den Sieg 7— und das Essen stießt in den Graben. — Da wir ganz nahe der französischen Grenze sind, hoffe ich, daß bald das erste Zusammentreffen mtt unserem Erbfeind stattsinden wird! Unsere Mamr- schasten schlagen sich glänzend!
27. feg. Dienstag inittag bei -rusgezeichnetem Befinden die französische Grenze überschritten! Diese Zetten schreibe ich aus C. am Donnerstag, den 27. Aug. Die Engländer und Franzosen laufen vor uns, daß es eine wahre Freude ist. Seit .Montag abend sind wir uicht mehr zum Schuß gekommen. Körperlick»« große Anstrengungen und häufig nachts gar keine Ruhe, nur Marsch. Viel Regen. Letzte Karte schrieb ich am Montag während der Schlacht. Man stumpft allmählich ab gegen die entsetzlichen Eindrücke, aber etwas Furchtbares ist solcher Kmeg doch, furchtbar sür das Sianb, in dem er gefüyrr wird.
6. Sept. Diese Zeilen an einem Ruhetag weit südlich C. T.
— Gestern hat uns aus unserem rapiden Vormarsch die Post endlich wieder einmal erreicht. — Es stt heute seit 3 Wochen der erste Ruhetag und auch an ihm donnern schon die Geschütze benachbarter Armeekorps, so daß man nie sicher ist, ob es nicht sofort wieder los- zichen heißt. — Trotzdem will ich aus diese Gefahr hin eine ausführliche Schilderung der letzten Ereignisse versuchen. Gesundheitlich geht es nach wie vor vorttesslich. Nicht zum mindesten wird das gute Wetter hierzu das seine tun, nur haben bisher nur 2 Regentage im ganzen Feldzug gehabt, sonst immer herrlichen Sonnenschein, allerdings manchmal blödsimiig heiß. — fe Kriegsererg- inssen folgendes: In 2tägiger Schlacht haben wir bei... die Engländer derarttg geschlagen, daß wir bisher überhaupt keine mehr zu Gesicht bekommen haben. Es folgte dann eine Zeit außerordentlicher Gewaltmärsche, 40 Kilometer den Tag, die uns in das Herz Frankreichs führten. Heute stehen bereits Truppen unserer ersten Armee vor Paris. — Sett 3 Tagen leisten die Franzosen unserem Vvrdrängcn Widerstand, allerdings mit negativem Erfolg. Ernster war für uns nur der zwette Tag — Donnerstag — an dem nur vom Morgen bis Abend im Gefecht standen und schlieUich noch von feindlicher Jnsantcrir überfallen wurden, in deren Verfolgung wtt allzu leichtsinnig vorgegangen waren. Wtt waren in dichtgedrängter Bereitstellung äusgrsahren^ d. h. das ganz« Regiment, und mit einem Male kam der Feind über uns. Leute fielen, Verde gingen durch, alles ging drunter und drüber. Neben uns waren die 1. und 3. Batterie cmsgcsahren gewesen, und bildete sozusagen den Kiigelsang für uns. -Schließlich gelang es einer einzigen feßen- batleric abzuvrotzen und zu feuern. Mir war es hinten gelungen, ein Geschütz frei zu bekommen, im Nu hatte ich 10 Leute um mich gesammelt, abgepootzt und ünrch alles, hinduich schccken wir die
Haubitze vor, in den linken Flügel unserer feuernden Batterie und gaben 6 Schuß aus den Feind ab. Dir Leute haben prächttg gearbeitet und ich war hocherfreut darüber, daß es mir als Einzigem der ganzen Abteilung geglückt war, in Stellung zu kommen. — Bim» glaubt gar istcht, was man körperlich alles kästen kann, und wie wenig SMat man brMrcht. Wie oft nruh doch nnsmeiner nachts, wenn die Mannschaften schlafen kötmen. Patrvuilleretten, Bagage hcranholen, oder ähnliche Aufträge erfüllen. Und dazu kommt die immer wechselnde Ernährung! stkeukich habe ich 3 Tage mir von Brot, mit und auch ohne Butter bcziehnugsweste Marmelade, gelebt! — Sehr angenehm stt es, daß man momentan die Zett des frischen Obstes ausnützen kann. — Traurig allerdings sind hier in Nordsraiikrcich die Wasserverhältnisse. Gutes Tränkwasser stk nnr wenig vorhanden, zunial an den Straßen, wo wir hinter den fliehenden Franzosen herjagen. — Eben geht ein Radsahr« zur Feldpost ab, er soll schnell den Brief zur Beförderung erhocktcn. Wer >veiß, wann sich dazu wieder Gelegenheit bietet!
11. Sept. Nur wenige Worte. Wir baden setth« ständig Kämpfe gehabt -- bis gestern — und große Marschleistungen »verien uns in Frankreich hin und h«! — Mles siegreich bestanden, Verluste verhältnismäßig gering.
15. Sept. ?lnch dieser Gruß wied« <mS der Feuerstellung. Seit 3 Tagen liegen sich die .Heere in heftigem Artillericfcu« an den Ufern der Aisne gegennb«. Tag und Nacht in den Stellungen, häufig bei strömendem Regen. Waschen und Zähncputzen und unbekannte Begrisfe geworden. Um einem herum zischm.Granaten und Schravnells. Trotzden» sind die Verluste relattv gering.
Vorgestern hat mich ein weiter« Briet von Dir, vom 20, feg., c«eichl! — Du glaubst gar nicht, nrtt welch« Sehnsucht ich dum« Post erwarte. Ob Dich meine letzten Lebenszeichen erreicht haben, weiß ich nicht, da meistens die Pvstabgabe vom Feind gestört wurde — An Z ei dingen «halten wir hier jetzt dock, all«hcmd, allerdings nicht grade das Neueste, zuletzt vom 28. August. Tolle Marschleistungen haben wir hinter uns, so daß die momentane. Ruhe uns nichts schadet. Die Witterung ist ab« andauernd wr günstig — hosicntlich bringt sie uns keine Kranyetten! »Mtt geht es immer noch gut, nur soll ich sehr, sehr dünn geworden fein! Kein Wunder! Zum Fettansetzen ist unsere Ernährung nicht geeignet. Die Verluste des Regiments sind, w-ic schon gesagt, v«- hältnismäßig gering! Unt« den Toten allerdings 4 Offiziere.
X a. d. Aisne, 18. Sept. Habe jetzt bis znm 28. feg. alle Post von Dir «halten! »Wir liegen sett Sonnabend noch imm« in derselben Stellung und beschießen uns hefttg. V«luste an Offizieren groß, sonst gering. »Man deckt sich eben zu wenig. Riesige Trupvenmassen scheinen hier zusainmenzuströnien. Man spricht von 12 feindlichen Armeekorps. — Befinden nach wie vor vorzüglich.
B. an d. Aisne, 23. Sept. Schon 17s Wochen hier in d«selben Stellung! »Wir haben uns inzwischen etwas häuslich eingerichtet, d. h. nns«e Lehinlöch«, in denen wtt Hausen, imm« tief« gegraben. Bis gestern hatten wir zu allem and«en Ungemach auch noch furchtbares Wett«, so daß es kerne leichte Aufgabe war, allnächtlich im Freien zu kampieren! Trockene Füße kenncu wtt überhaupt nicht mehr. Trotz alledem geht es mir, einige kleine Schmerzen und Beschw«den .abg«echnet, noch gesundheitlich gut. Am Sonntagmorgen hat nns«e Jnfaitterie einen Sturmangriff unternommen, d« uns etwa 2 Kilomet« vorwärts gebracht hat.
— Wenn nur endlich in diesen Mcsenschlachten, die sich hi« vor- znbcrciteii scheinen, einmal eine Entscheidnilg fallen wollte! Die Verluste sind zum Test sehr groß und das ganze Kriegselcnd, das man hi« vor fegen hat, sürcht«lich. fe« die eiserne Erkenntnis, daß wir siegen müssen und nwrden, hält alles auffecht. Zu den vielen Offiziersverlusten, die wir haben, ist jetzt noch der Tod des Fähnrichs £. gekommen, mit dem ich seinerzeit znsaminen im Regiment cingetreten bin. Die V«luste hatten für mich immittelbar zur Folge eine Versetzung in Batterie N!c...., was ich bei meiner ?ldresse zu bcrücksichttgen bitte.
In meiner neuen »Batterie fühle sch mich ebenfalls sehr wohl, allerdings stehen wir in recht exponiert« Sttllung. Um ernig«- maßen Schutz vor den feindlichen Granaten zu haben, sitzen wir 2—3 Meter unter der Erdvb«släche, ab« auch so gibt es noch genügend Verwundete, gegei» Vollttesf« hilft so leicht nichts.
Bor ein paar Tagen sind die ersten Kriegsffeiwilligen angekommen: Studenten. Lehrer, Res«endave, Privatdozenten, die nun mit der Schaufel jn d« Hand dastehen und ErdarLestteNl machen, aber sich »«dämmt ungeschickt dabei anstellen. D« letzte Brief, den ich von Dir «halten habe, dattert von.Ende fegu.st, bis dahin ist augenscheinlich alles, was' Di geschrieben hast, angelangt. Seitdem aber bin ich wieder ohne Nachricht und da,httr scffin Briese vom 9. 9. angekonmien sind, fürchte ich, daß Zetten von Dir verloren gegangen sind.
Meinen schmutzigen Briefbogen mußt Du cnsichuldigen, reinlich geht es bei uns nicht her. Sett 10 Tagen sind wir ungewaschen, man wird zum Urmenschen.
25. Sevt. Noch immer in d« gleichen Stellung und rm Kampfe mit feindlich« Artülerie. — Gestern abend «hielt ich zu mein«
großen Freude wred« einen Brief von Dtt.Nr----von Anfang
September. — Gesundheitlich geht es mir noch imm« gut! Bei sehr, sehr vielen andern macht sich das lange Liegen in den nassen Löch«n schon unangenehm bemerkbar. Lt. H„ d« mit mtt zusammen in d« Batterie ist — sett» Bat« stand früh« einmal in Gießen — ist heute erkrankt, desgleichen ist d« Offizi«stellver- ttet« d« Batterie krank, so daß aus mtt selbst sehr viel liegt, wenig« an Tättgkeit, als an V«antwortung! — Die Stellung ist furchtbar exponiert und d« Feind bedenkt uns reichlich mit seinem Segen. Meine frühere Batterie hat gestern unt« feindlichem Feu« stark gelitten und wie ich höre, ist ein mir besvud«s lieb« Mann meines früheren Zuges gefallen. — Ich will heute abend an sem Grab gehen, um einige Blumen niederznffV«n.
Immer mehr Truppen ziehen sich hi« znsanrmen. d« einzelne vcrlimt ganz den Ueberblick, alles drängt nach ein« Ensicheidnng. Es ist schrecklich, 14 Tage immer in derselben Stellung zu liegen. Wenn man auch gegen all das Elerck ringsum abstnmpst, da man es täglich vor Augen hat, in manchen Momenten geht es doch wieder stark über alle Nervenffast, besonders, wenn man, wie ich jetzt häufig, wenn ich zu unserer »Beobachtungsstelle wandere, über ein unausgeränmtes Schlachtffkd gehen muß.
Die »Berpslegnng ist momentan recht gut, allerdings läßt die Sanb«keit arg zu wünschen übrig, trotzdem ißt man mü gutem fepettt, und täglich wird in d« Vorstellung gächwrlgt, daß man wieder' einmal am häuslichen Tsich „bei Muttern" sitzen körinte.
— Grüße wie immer alle Angehörigen und Bekannte . . . man denkt hier doch öfter an vreles, was einem früh« fern« lag.
26. Sept. I» all« EAe die Mtttettuug. daß wir kMtte twr«
aus-sichtlich nuffre Stellung wechseln werden! Briesind hörst Du alles Nähere — Neu« und Interessante. -^..Gest ern «rei cküen mick» Wied« Nachrichten und Sendungen von Dir. Ii-werre«n v« sorgst Du mich mit .Leibes Notdurft und NalmE! Dansend Dank! Alles bish« Abgesandt,- ist angekommeii. rch HE es mtt Dein« Liste verglichen! — Ich r"*e tragen», ^stichst «uff
kleine »Packungen M beschrmikcn, da tnocCbcn mrmtr am rauhesten »Md sichersten ankamen, — Die in Dunem Briefe enlhllkrnrn Todesnachrichten mein« ln-iden fervsbrnd« baden muh kies er- schlittert — Die Postalombc drangt zum Schluß! Der nachstr Brief wirb bosfentlick'- imed« ninsangi-eich«! ,»nr Im nur noch „gute Nacht!".
(Anmerkung der Redaktion: An Vorstehendes an- schließend folgten die Schttdernnaen. ivelchc wtt b«eits SamStc^,
der» 31. Oktob«, in Nr. 256 Mffres Waches brachdot-j


