Nr. 264 Zweiter Blatt M- Jahrgang
Erscheint täglich miX '.Ausnahme der Soanlags.
Die ^Siehener ZainUienblätler" rverden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das „Lreirdlatt skr den Kreis Siehe»" zweimal wöchentlich. Die „ra»r«irtichastlichen Sett- sragen" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
Seneral-Anzeiger für Gderhejjen
zreitag, 6. NovMber
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sche» Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriltleitung.Geschältsstclle ».Druckerei: Schul- straße?. Geschästsslelle u.Verlag:s-^51,Schriit- leitung: ^E112. Adresse lür Drahtnachrichten: Anzeiger Gieße».
Rriegrdriefe aur dem Osten.
Bo« nuferem zuiu Ostheere entsandte» Kriegsberichterstatter
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszLgswrisc, verboten.)
Fahrt in RußlanÄ. — Ein Nachtgesccht.
Armee-Oberkommando, den 1. Nov.
Wieder über die Grenze.
Die Straße, die eben noch eben und schön nach Mieruns- ken lief, wird wieder breit, voller Buckel und Löcher. Mein Auto hat die Grenze wieder überschritten. Das Schilderhaus sieht immer preußischer aus, die orangefarbene Einfassung der schwarz und weißen Streifen ist noch mehr verblaßt. Die hohen gußeisernen Meilenanzeiger huschen vorüber, die hügelige Landschaft in ihrem merkwürdigen verwahrlosten Reiz ist durchflogen, der breite Marktplatz von Filipowo ist wieder :rreicht. Der Schmutz und die vielen Pfützen, die den Mittel- qunkt bildeten, sind gefroren. Es wird zwei Grad Kälte sein. Der eisige Wind zerschneidet bei der Fahrt das Gesicht. Plan fühlt zunächst jede Muskel, um bald überhaupt nichts mehr zu fühlen. Mit großer Befriedigung stelle ich fest, daß die tvollenen Mützen, dw den ganzen Köpf bedecken, und nur einen Ausschnitt für das Gesicht haben, ausgezeichnete Dienste tun. Eine Kavalleriepatrouille, die eben auf den Markt von Filchowo einreitet, hat die gleiche Vermummung. Der Führer deutet auf die Kappe und sagt nur kurz: „Gut, was?" Ich nicke mit möglichster Lebhaftigkeit, denn der Wind nrurmt meine Worte fort.
Von Filipowo schlage ich den Landweg nach Przerosl ein. Vor 14 Tagen willr der echt russische Weg für ein Auto sicherlich nicht passierbar. Es ist kein Weg, sondern eine Strecke Land, das gerade nicht beackert ist. Twbei geht es steil die Hügelketten hinauf, der große See von Rospuda glänzt bald in ziemlicher Tiefe. Die deutschenPioniere und die Kälte haben die Straße fahrbar gemacht. Es ist erstaunlich, wie schnell die russischen Wege von unserer deutschen Heeresleitung verbessert werden. Ich bin im Lause dieses Tages noch manchen Kilometer russischen Landweg gefahren, überall hat die deutsche Verbesserungsarbeit mit bewunderungswürdigem Resuftat eingesetzt. Da sind Hunderte von jungen Erlen gefällt worden, und man hat an einer sumpfigen Stelle einen sauberen, festen Knüppeldamm hergerichtet, da sind kilometerlang frische Straßengräben gezogen worden, da sind die unzähligen Löcher mit Kres ausgefüllt, da sind die gefährlichen <Äellen durch lange Pfahlrcihen gesichert worden. Kurz aus einem russischen hat mau beinahe einen deutschen Landweg gemacht.
Das Auto schraubt sich langsam die starken Steigungen hinan. Man sieht sehr wcft in der harten Luft. Ich habe zum erstenmal Zeit, den russischen Acker auf lange Strecken genau zu sehen. Es ist trostlos. Daß alle irgendwie schwieriger zu bebauenden Stellen überhaupt nicht angebaut sind, (nicht brachliegen, sondern niemals bebaut wurden, man sieht es an der festen kurzen Grasnarbe, den bewachsenen Felsblöcken, dem dünnen Strauchwerk), mag dahingehen, aber, wie die bestellten Felder anssehen. spottet jeder Beschreibung. Es ist das gleiche Land wie ein paar Meilen weiter jensefts der Grenze, aber die Aecker scheinen hier statt mit Getreide mit Steinen besät worden zu sein. Es sind nicht etwa Stücke, die des Krieges wegen nicht bestellt wurden, man erkennt deutlich die Bestellung, aber die Liederlichkeit, mit der sie gehandhabt wurde, ist ebenso deutlich zu sehen. Der dürftige und verwahrloste Eindruck dieser Aecker ist geradezu niederdrückend, gibt der Landschaft diesen merkwürdigen, fremden Ausdruck, den man ein paar Kilometer hinter der Grenze zunächst nicht ergründen kann. Dabei liegt die breite Straße wie ein unordentliches Band über den Hügelreihen; über den steinigen Boden fegt heulend der eisige Wind. Das ist das Rußland, wie es die primitive Phantasie sich nur immer vorstellen kann. Ich weiß, daß es ein anderes und großartiges Rußland gibt, ich weiß, daß man nicht leicht unter einem chpischen Bild das große Land sich vorstellen darf, trotzdem, diese arniselige, verwahrloste Landschaft mit dem Nordwind
Arrnst, Wissenschaft »rnd Leben.
— Ein Riesenapparat zum Photographieren dcrSterue. Das berühmte Observatorium auf dem Berg Wilson in Kalifornien hat einen eigenartigen und riesigen photographischen Apparat bauen lassen, dH: für die astronomischen Forschungen »nichtige Dienste leisten soll. Um di« Größe des Apparats zu zeigen, wird erwähnt, daß man zur .Heranschaffung seiner Teile eine 15 Kilometer lange Straße den Berg hinauf habe aulegen müssen und um den Transport der schwersten Stücke bis zum Gipfel zu ermöglichen, mußte ein Lastautomobil von 60 Pferdekräften verwandt werden. Einzelne Stücke wogen nicht weniger als je fünf Tonnen. Als alle Teile an Ort und Stelle waren, wurde der Apparat auf einer gewaltigen Basis von Beton montiert und eine große Stahlkuppel darüber errichtet, die ihn vor den heißen Sonnenstrahlen und den Temperaturschwankungen schützen sollte. Der „phowgraphische Apparat" ist aber auch als solcher von den üblichen in bemerkenswerter Weis« verschieden. Der .Ausdruck läßt an eine Linse denken, die das Büd des zu phowgraphierenden Gegenstandes auf eine phowgraphische Platte, die erheblich größer ist als die Linse, wirst. In diesem Riesenapvarat gibt es aber ein« solche Linse nicht. Sie ist durch einen großen.Spiegel ersetzt, dessen Durchnirsscr etwa anderthalb Meter beträgt und der so geschnitten ist, daß er tut Bild gibt, das dem von der gewöhnlichen Linse gegebenen ähnlich ist. Die empstndliche Platte, auf die das Bild geworfen wird, ist oerhälMismäßig Nein, gewöhnlich 10:13 Zentimeter. Die Ersetzung der Linse durch einen Spiegel bewirkt, daß der Apparat anders als die gewöhnlichen arbeitet. Der Spiegel, der die Form eines Paraboloiths hat, ist ein Meisterwerk der Kunst des Optikers. Damit er genau die erforderliche Krüm- inung erhielt, haben einige der geschicktesten Optiker viele Monate daran gearbeitet. In den letzten Wochen verwendeten sic nur mit Wachs überzogene Instrumente, und als ihre Arbeit sich dem Ende näherte, wurde sie glle paar MinMen unterbrochen, um die durch Reibung entstehende Erhitzung zu vermeiden. Das Ergebnis dieser Arbeit war, daß sich kein Punkt der Oberfläche mehr als ein Millionstel Zentimeter von der absoluten Präzision cntsernt. Um die Kraft der Zurückstrahlung der Obersläckie zu vermehren, ist eine sehr feine Silberschicht darauf gelegt worden. Da es nicht möglich war, diese mit einer Schutzschicht zu versehen, so ist die Versilberung der direkten Einwirkung der Lust ausgesetzt, und mst der Zeit verdunkelt sich das Metall, so daß der silberne Ueberzug zwei öder dreimal im Jahre erneuert werden muß.
— Der Kinemarograph int Magen. Wie aus Kopenhagen berichtet wird, hat ein dänischer Ingenieur, Herr Schiern Friedericksen, einen Apparat ersitnden, der imstande sein soll, phowgraphische Ausnahmen im Magensacke hervorzubringen. Welchen Wert für die Diagnostik aller Magenkrank-
darüber, den Holzhütten, den Bewohnern, die ihre Kappe I auf die Brust halten, wenn das Auto vorübersaust, ist mir I Rußland. Der Kolonnenführer, den ich nach dem Weg frage, sieht meinen Blick in die Weite. „Schönes Land, was?" Ich kann's verstehen, daß der Bagage bei uns alles so märchenhaft schön vorkam!" Ich auch.
In Przerosl.
t unächst gehe ich zum Stab, der hier liegt, um mich nach tand des Gefechtes zu erkundigen. Hier ist augenblicklich nichts Bedeutendes zu erwarten, aber ich bekamme den Rat, ein paar Kilometer weiter zu fahren, dort ist lebhaftes Artillerieduell. Es ist möglich, daß ein paar Schrapnells über die Straße fliegen, aber es steht gut. „Sie werden gut Anschluß an Me Truppe finden können", sagt mir der sehr liebenswürdige Adjutant.
Am Auto ist eine kleine Panne in Ordnung zu bringen, ich benutze die Zeit und gehe in die Kirche von Przerosl. Ein katholisches Gotteshaus, — griechisch-katholische Kirchen gibt es hier in Polen natürlieh nur bei den Kasernen und offiziellen Stellen — das halb aus Backstein und halb aus Holz aufgebaut ist. In der Mitte des Kirchenraumes steht ein schwarzer Holzsarg, auf dem weiße Totenköpfe gemalt sind. Rechts und links vom Eingang ein paar tannene Bänke, der Boden: rote Sandsteinfliesen. Ein paar polnische Bäuerinnen in großen farbigen Umschlagtüchern beten vor einem der Nebenaltäre. Eine junge Frau liest das Gebet laut vor sich hin, ein alter Mann berührt mit der Stirn den Boden. Vorn am Altar beten still ein paar deutsche Soldaten. So oft die Tür aufgeht, hörte man deutlich den Kanonendonner. Die Frauen schrecken dann jedesmal zusammen und drehen noch schneller am Rosenkranz. Ein junger Mensch mit langsamen und schweren Bewegungen steckt nun Wachslichte aus den Altar.
Noch einmal mache ich draußen Halt und gehe in eines der niedrigen Holzhäuser, um genau nach dem Weg zu fragen. Durch einen winzig kleinen fensterlosen und deshalb dunklen Kramladen, in dem armselige Eisensachen zum Verkauf stehen, stolpere ich in Me große zweifensterige Stube. An der einen Längswand ist eine starke Lage Stroh gebreitet, als Lager für die deutsche Einquartierung. Im Hintergrund an der Ofenbank, vor der ein kleiner Tisch steht, sitzt die ganze Familie. Gin alter Manch, der während der ganzen Zeit, da ich im Zimmer weile, stumm an der kalten Pfeife raucht, ein jüngerer Mann, der Schwiegersohn, wie ich erfahre, eine Tochter und eine Schwiegertochter. Beide junge Frauen haben kleine Kinder auf dem Arm, die Tochter verläßt sofort den Raum, als ich eintrete. Auf dem Stroh schläft in zusammengekrümmter Lage ein baumlanger Kürassier, eilt anderer sitzt auf dem Sofa an der gegenüberliegenden Wand und schläft auch sehr fest, den Kopf auf die Hände gelegt, die wieder auf einem großen runden Tisch ruhen. Am Fenster steht ein Kamerad von ihnen und spricht mit der alten Frau, die das Regiment hier zu führen scheint. Ich frage, ob ruan eine Tasse Kaffee bekommen kann „Fili- zanke, kawy?" Sie erzählt eine große Geschichte darauf, die meine polnischen Kenntnisse in lluopduung bringt und sie schließlich zum Rückzug zwingt.
„Da liegt der Knüppel beim Hunde," sagt der^Kürassier. „Hier ist nichts, alles was wir essen, bringen wir uns selbst mit. Die Russen haben alles mit sortgeschleppt, nicht wahr, Frauchen?" wendet er sich an Me Alte. Die lacht ganz drollig: „Ach, gehen Sie doch," sagte jie. Gs scheint eine Art Neckverhältnis zwischen dem mächtigen Kürassier und der Keinen klugen, alten Person zu bestehen. Er vermittelt mir denn auch in kurzer Zeit ein Glas ausgezeichneten Tee. Ich habe ein Fünsundzwauzigpfenuigstück und einen Zehnpfenniger in der Hand und will die größere Münze der Alten geben. Sie lacht wieder ihr: „Gehen Sie doch," und nimmt den kleineren Nickel; „deutsche Soldaten sollen nicht sagen, daß sie zu viel gezahlt haben." Ordentliche Leute in diesem Hans," sagt der Kürassier, „komische Leute, sie haben nicht mal Läuse." Die kleinen Schlafkammern sehen sehr sauber aus.
heiten cm solcher Apparat, falls er sich bewährt, haben würde, liegt auf der Hand. Der Ersirider hat einem Mitarbeiter von „Politiken" über den Apparat, der gegenwärtig zum Patente angemeldet ist, einige Mittellungen gemacht, die jedenfalls interessant genug sind, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Apparat soll durch den Mund und die Speiseröhre in den Magen eingesührt werden. Sein oberster Teil besteht ans einer nicht zu biegsamen Gummischlange, die 1t Mlllimeter dick ist und sich in einem Stahlrohre sortsetzt, in welchem der phowgraphische Apparat angebracht ist. Ein schwieriges Problem (war, eine Lichtanelle in Verbindung mit dem Apparate zu schaffen, die die nötige Beleuchwng im Magen erzeugt Der dänische Ingenieur glaubt nun dies Problem durch die Kvnstruftion einer lleinen Bogenlampe gelöst zu haben, die vor einem Hohlspiegel ausgehängt wird und ihr Licht durch eine Linse weitersendet Dies Licht ist stark genug, daß der Film ein Bild aufnehmen kamt. Der Apparat ist nämlich so gebaut, daß er nicht ein einzelnes Bild, sondern aine grrirAe Reihe von Widern auf entern' gewöhnlichen Film ausnimmt. Das ist nötig, weil, wie bekannt, der Magen in stetiger Bewegung sich befindet. Es nmssen daher Augeichlicksbilder ausgenommen werden, und dabei bildet die lebende rote Farbe, die der Magensack inwendig hat, eine große Schwierigkeit, well sie sich schwer photographieren läßt. Dem Erfinder soll es jedoch geglückt sein, auch diese SchwieriAeit zu über- windeir, und als Beweis hat er eine Äugenblicksphotographie eines Stückes Lunge hergestellt. Um zu zeigen, daß es sich wirllich hierbei um eine Augenblicksphowgraphie handelt, hat er vor dem Lunqenstücke ein Pendel ausgebängt, und man sieht aus dem Bilde, daß dieses schwingt. Frühere Erfinder, die sich um einen ähnlichen Apparat bemühten, haben als Lichtquelle Kohlensadenlampen benutzt, während die von Schiern Friedericksen wnstruierte Bogenlampe weißes Licht hervorbringt. Um sie zum Leuchten zu bringen, wird durck> die Gummischlange eine elektrische Leitung gelegt, und außerhalb des Mundes befindet sich ein Apparat, der die Filmaufnahme leitet. Es soll dem Erfinder gelungen sein, mit seinem Apparate kinematogravhische Ausnahmen in einem Schweinemagen herzustellen, die von Sachverständigen günstig beurteilt werden.
Bremen, 4. Nov. (Privattelsgr.) Im Bremer Schauspielhaus erzielte Halle die Uraufführung von Wilhelm Scharrel- manns .Marken!oh" einen großen künstlerischen und lite- rarischen Erfolg. Das Werk, ein Problemdrama, in Niedersachsen spielend, weist prächtige Typen aus und paßt mit sauer verklärenden, hinreißenden Schilderung der Menschenliebe für unsere Kriegstage wie kaum ein anderes Stück. Kustermann als Oberrcgisseur und zugleich ein trefflicher Sophus Barkenloh, schuf wundervolle Bühnenbilder. Mice D a g n n , ein junges stackes - Talent, war von tieser Wirkung, Auch die übrige Darstellung war ausgezeichnet. Das Haus war ausveckaust und der Beifall groß.
Die Schwiegertochter nestelt ruhig ihren Brustlatz auf und gibt ihrem Säugling zu trinken. Mau hört das schmatzende Saugen des Kindes; der Kürassier blickt plötzlich angestrengt zum Fenster hinaus. Tann fragt er mich, ob ich wüßte, wo die Reserve-Ulanen ständen. „Es ist nur, mein Rittmeister von früher ist da iviedcr eingetrctcn. Göttchen, und das eine Bein l)at doch schon damals nicht gewollt. Aber was der Mann will, das will er." Ich kann deni Kürassst'- nur sagen, daß sein Rittmeister vor allst Tagen mit v«ir Suppe aus der Goulasch-Kanvnc aß und über die Russen gottsjämmerlich schimpfte, well sie ihm sein bestes Pferd entzweigeschossen hatten, als der Bursche zur Feldschvriede ritt.
Draußen geht der Chauffeur trotz des Pelzes arrj und ab und schlägt die Arme übereinander. Ich gehe zunz Mto zurück.
Gefecht.
Wir fahren. Bei einem kleinen Dörfchen lasse ich das Auto halten. Ein paar hundert Meter auf den .Hügeln v»r uns geht ein Feuerwerk von Schrapnellkugeln nieder. Unsere Batterien zur Rechten und zur Linken der Straße gaben schnell hintereinander Salvenfeuer. Es dröhnt, daß mau meint, der Hügel müßte zittern, Seitwärts, dann wieder vorwärts, zur Rechten, einmal zur Linken platzen die russischen Schrapnells. Das Funkengeprassel gegen den sternen- losen, dunklen Nachthimmel ist grandios.
Es mögen vier dis fünf Grad Kälte sein. Der Wind ist messerscharf. Der Generat empfiehlt sich nach einiger Zeit, hier ist nicht viel zu erwarten. Ich bin hinweggesahreu, well in dem Städtchen, in dem ich Quartier hatte, wieder einmal die Furcht umging. Jeder sah den andern mit ängstlichen Augen an, jeder packte heimliche und es war wieder das seltsame Huschen und Flüstern auf der Straße: Die Russen sind durchgebrochen. Unsere Truppen gingen vor überstarkem russischen Anprall zurück und stehen jetzt in vorzüglicherer Stellung als vorher, stelle ich fest. Die Russen scheinen auch schon wieder den kurzen Angrisfsmut verloren zu haben. Ihr Geschützfeuer wird schwächer, aber ununterbrochen feuern zur Rechten unsere schweren Batterien. Ter Horizont wird hellrot, bald dunkelrot, neun russische Dörfer flammen auf.
Eine Patrouille fragt mich nach deni Weg. Beim Licht der Taschenlaterne suche ich auf der Karte die Strecke. Gerade als ich sie gefunden habe, erscheinen wieder russische Schrapnells, die den Weg, den der Manu weiter muß, förmlich bestreuen. „Da entlang," zeige ich. Der Manu trabt an. Man hört den scharfen Hufschlag auf dem harten Weg. Die Nacht verschlingt den Reiter.
Dicht vor mir stehen die schwarzen Gestalten der Kanoniere. Ununterbrochen richten sie, arbeiten sie, feuern sie. Der Wind kann ihnen nichts anhaben und es ist, als ob sie von dem russischen Feuer bei ihrer ruhigen Arbeit überhaupt nichts wüßten. Schuß auf Schuß rollt. Beim Stufblitzen sieht man die geschwärten Gesichter und das Weiß der Augen. In den Feldzugsbürten blitzen Eisperleu.
Das russische Feuer schweigt jetzt ganz. Unsere Maschinengewehre, die vorhin noch hämmerten, scheinen weiter nach rechts vorn zu arbeiten. Man hört nur den Nachtwrnd, der an den Mänteln zerrt,
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter,
Aur Hessen.
Aus der Zweiten Kammer.
rb, D a r m st a d t, 5, Nov, Die nationalliberale Fraktion der Zweiten Kammer hielt heute nachmittag mit dem gcschäftsführcnden Ausschuß der Partei im Saale des Hotel Germania eine gemeinschaftliche Sitzung unter Vorsitz des Abg. Dr, Osann ab. Den Hauptgegcnstand der Beratung bildete die gelegentlich der gemeinsamen Bo- sprcchung mit der Regierung gegebene Anregung, die für den lNonat November geplant gewesenen Erneuerungswahlen zur Zweiten Kammer aus Grund des bisherigen Besitzstandes der Parteien ohne Wahlkampf stattfinden zu lassen. Die Regierung hat sich dieser Anregung gegenüber sympathisch gestellt und auch die heutige Versammlung begrüßt den Gedanken einstimmig mit Sympathie, natürlich unter der Voraussetzung, daß alle Fraktionen der Kammer in dieser Frage einig gehen und der gegenwärtige, Besitzstand der Parteien erhallen bleibt. Bevor jedoch eine weitere Entschließung darüber erfolgt, soll die Stellungnahme der Parteiführer und der Organisalionen abgewartet werden. Im Falle eine Verständigung unter den sämtlichen Fraktionen der Kammer erzielt wird, ist geplant, zunächst die Landstände in ihrer bisherigen Zusammensetzung in der ersten Hälfte des Monat Dezember zu einer mehrtägigen Notstandstagung zusammenzuberufen, in welcher besonders die Frage der Kredite für die Regierung eine Regelung erfahren würde. Alsdann würden etwa im kommenden Februar die Landtags-Erneuerungswahlen anberaumt werden, worauf sich darnach die neue Kammer noch rechtzeitig vor Ablauf des laufende« Etatsjahres mit der Beratung des neuen Staatshaushalts-- Plans und eventuell sonstiger wichtiger Gesetzesausgaben beschäftigen könnte. Für die kurze Tagung imDezember handelt es sich vor allem um die bereits im Vorjahr und in früheren Jahren gegebenen Bewilligungen von Staatsmitteln im Gesamtbeträge von rund 38 Millionen Mark. Da in der gegenwärtigen Zeit die Aufbringung dieser Mittel durch Anleihe nicht angängig erscheint, besteht die^Absicht, die für die Bedürfnisse des Staates erforderlichen Summen auf dem Wege der Schatzanweisungen zu beschaffen. _
Handel.
§ Deutsche Konkurse. Tie Zahl der Kotikursc in Teulscy- land bewegt sich seit Ausbruch des Krieges m lanqlam steigender Linie. Im Oktober sind nach einer Zusamntenstellnng der Finanz- »eitfehnft .Die Bank" 595 neue Konkurse eröffnet worden, gegen 473 im September und 415 im August. Troy der Steigerung erreicht die Skloberziff'er bei weite,» nicht d,c yoh« Ziffer der Monate vor Kriegsausbruch (I. Juli 720). Das ist daraus znruckzu'nhren, daß seil dem Kriege in viele» Fasten die Geichaslsawsicht an die Stelle des Konkurses tritt, sowie daraus, daß zugunsten des im Felde stehenden Schuld ners Schntzmaßnahmen getroeen sind.
Verantwortlich für „Feuilleton", ..Gerichtssaal" u. „Vermischtes", I. B: August Goetz.


