Ausgabe 
26.10.1914
 
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Nr. 2»1 Zweite; Statt

164- Jahrgang

Erschein! täglich mit?l»snahme de? Sonntags.

DieGietzener Zamiliendlöttee" werden dem

.Anzeiger' viermal wöchentlich bcigelegt, das Kreisblatt fBr den Krd; Sieben" zweimal wöchentlich. TieLandloirlschasilichen Seit- sragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger

für Gberhesjen

Montag. 26. Oüoöer

Rotationsdruck und Bcrlaq der Brühl'schen Unwersitäts - Buch- und Stcindruckerci. R. Lange, Gießen.

Redaktion, Expedition und Dnickerci: Schul» straße 7, Expedition und Verlag: 51.

Redaktion:e-AS1IL. T«l.-Adr.:Anzeig«Gießen>

Der Kartoffclpreis.

Tie Korrespondenz der Landwittschaftskommer für das Groß- herzvgtnm Hessen schreibt uns:

Tie Frage -bei den diesjährigen Kattosselpreis u-ird zurzeit allgemein bebmdel! von Beruienen und noch mehr von Unbe­rufenen. fflan verlangt von dem Landwirt ohne weiteres, daß er die Kartvsseln zu einem jo bikligcn Preis liefert, wie sie 1913 geliefert werden konnten.

Die häufigen (jeitungsmittrilungen, daß unsere Kartoffelernte vorzüglich ausfalle, hat in den itrcurn der Konsumenten die Be­leidigung zu dieser Forderung arülreten lassen. Die, welche der Landwirtichisl ferner stehen, urteilen daher einzig nur nach diesen Zeitungsmitteiiungen ohne zu bedenken, welche verschiedenen Ein­flüsse für die Bildung des Kartossrlpreises maßgebend find.

Vor allem ist die Kartonelcrntt 191 l ecb.biich geringer wie 1913. in welchem Jahr wir die größte Ernte in den letzten Jahr­zehnten hatten. Im Großherzogtum Hessen fällt die Ernte gerade in einigen wichtigen Kattoisclandaugcbieien erheblich unter dem Mittel aus. Fn den anderen Bezirken ist dir Ernte nicht um soviel großer, daß dieser Ausfall gedeckt werden kann. Die Landwirtschaft ist aber nicht nur Kartoffel- und Gettridelieserant, sondern heute vor allem oänti der einzige Fleischlicseranr für das deutsche Reich. In Beachtung dieser Tatsache lzat daher die ReichSregierting schwrr- wi-gendc Forderungen an die Landwirtschaft gestellt Tie Kälber unter einem Gewicht von 7b Kilogramm und weibliches Rindvieh unter 7 Jahren dürfen nicht zur Schlachtbank geführt werden. Dieses Verbot ist außerordentlich schwerwiegend. Es zwingt die Landwirte, ihre Rindvichbestände zu erhallen, in den meisten Füllen zu vergrößern.

Zur Ernährung des Jungviehes sind aber vottviegend Getreide oder Krastiuttcrmittel nötig, da di« Rauhsuttcrslossc und Rüben für eine vollkommene Ernährung des wachsenden Rindes nicht aus- reichen. Die Kraslfutterinitlel sind aber, da die Einfuhr fehlt, knavv und außerordentlich hoch im Preise. Will der Landwirt seinen Viehstand erholten, so ist er gezwungen, einmal Kraftfutter« mittel zu äußerst hohen Preisen zu kaufen und andererseits seine lonftiarn Erzeugnisse, darunter besonders die Kartoffeln, in er­höhtem Maße für die Ernährung des Piehes zu verwenden.

Um einen Uebrrblick zu erhalten, um weläze Mengen es sich dabei handelt, fei erwähnt, das» Deutschland in den letzten Jahren rund 3 Millionen Tonnen Gerste, 1,4 Millionen Tonnen Kleie, 0,9 Millionen Tonnen.Mais und 0,7 Millionen Tonnen Ocl- kuchen, Reisabfälle usw. eingeführt hat. Ein großer Teil dieser Einfuhr unterbleibt jetzt und wenn mich noch Vorräte vorhanden waren, so bleibt immer ein großer Ausfall an Kraftfntterinittel. Toibec ist noch zu beachten, baß in Friedcnszeiten große Mengen an Brotgetreide verfüttert werden, was die Landwirte jetzt im Jutcresse der B rot oersorgun g unserer Be­völkerung unterlassen. >

Wieviel höhere Preise der Landwirt heute besonders den Mühlen für Kleie, aber auch sonst für andere Futtermittel zahlen muß, ersieht man aus folgenden Preisen für 100 kg ver­

schiedener Früttrmittel ab Franksutt a. M.:

Vor demllttea. Heute. Heute mehr. Heute mehr

durehsclniittl.

«n 7.

3Sdjtnf(eie

Mk. Mk. 10,7511,25 15,75-16,50

Mk,

5,10

46,36

Roqqenkleie

11,50-12,00 16,00-16,50

4,50

3V0

Biertreber

11,6011,75 16,00-17,00

4,30

35,25

Pa inkuchen

13,6014,10 17,5018,00

3,90

28,16

Erdnuhkuchcn

16,50-17,00 19,74- 20,50

3,35

20,00

Leinmchl

15.85-16,25 19,00 - 20,50

3,70

23,05

ReiSmehl

10,25-10,75 17,75-18,50

7,60

72.38

Daß die Landnättc auch höhere Prttsc sür Getreide bekommen.

käme den ihnen auserlegten Mehraufwand nicht ausgleichen. Auch erhalten die Landwirte in den tveitans meisten Fällen die Preise, für Getreide nicht, die besonders in den letzten Woche» deS öfteren in Zusammenstellungen von Tageszeitungen zu lesen waren und welche den Preisiwticrimgen an den großen Märkten entno.mmrn sind. Ter Landwirt erhält erheblich geringere Preise. Der Unter­schied zwischen dem Marklpittse und dem Preis, welchen der Larchwitt erhalt, ist, wie sestgestellt wurde, oft sehr erheblich.

Der Landioirt ist gezwungen, anstelle der zu teueren Krast- sutteeinittel seine eigenen Erzeugnisse, besonders Kartoffeln, in erhöhtem Maße als Futter zu verwenden. Verzichtet er aut diele Verwendung im Interesse der Lieferung von Kartoiseln iür den inensclilichen Konsum, dami inuß ihm ein entsprechend höherer Prcis gewähtt werden. Man kann von ihm nicht verlangen, daß er zur Erhaltung des Biehstondcs höhere Preise für Kraftfnttermittel zahle und niedere Preise für seine Kartvsseln, die er rmionell ver­füttern kann, nimmt.

Hieraus dürfte hervorgeben, wie unberechtigt die Fvrderuogen nach den febr billigen Kartosselpreifen sind. Unsere Landwirte sind alle bereit, die Vklksernährung sicher zu stellen. Die Deutsche Landwirtschaft ist hierzu auch jetzt in der Lage, man muß sie aber darin unterstützen, damit sie in wirtschaftlicher und betriebstechnischer Be­ziehung dieser Forderung gerecht werden kann.

Wenn setzt ferner noch des österen über den Mangel an Kar­

toffeln aui den Märklcn geklagt wird. dann ist doch zu beachten, daß den Landwirten jetzt in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres die Gespanne fast vollkommen fehlen.

Man fordert von der Landwirtschaft, daß sie di« Ernte der Hacksrüchtc einbringt. aber auch die Herbstbestellung mit .Brot­getreide durchführt. Diese Arbeiten können nicht au.-gcn,hll iver- dcn, ivenn Frost eingetreten ist., Die^Svrge des Landwirtes muß daher jetzt in erster Linie sei», sein.Feld zu bestellen. Tas Ver­bringen der Kartoffeln nacl» der Stadt kann auch noch später, ja muß später erfolgen. Aber auch dann wird es mit Schwierigkeiten verknüpft bleiben, da di- Gespanne fehlen. Der Landwirt ist ge­zwungen. Hilisgespanne ju verwenden, er hat erheblich höhere Transportkostc» wie in Friedenszeiten.

Taß auch die Preise, wie in hiesiger Gegend für die Kartoffeln von der Lmrdwirtschaft verlangt tverden, nicbt unberechtigt find, das zeigen Preise der Kartoffeln aus den wichtigsten Anbaugcbieren Deutschlands.

Tic Kartosselvreife waren nach Angabe der Karwssclbändler im Kartossclmarktbericht vom 19. Oktober: für 100 kg in Waggon- ladung:

Wcißlleilchige Gelbfleischige

Sorten llp to ä»to Sorte» Industrie

usiv. usw.

Berlin 5.60 -8,00 Mk.

Stettin 6,30 ,

Breslau 4,80

Magdeburg 6,90 , 5,90 Mk.

Salzwedel 6,20 6,40 ,

Slölii 7,20-7,80 . 7,407,80 .

Franklint 6,300,80 6.60 -7 ,>'!

Bedenkt man. daß die Fracht sür 200 Ztr ab Ma'beburg bis Frankfurt 68 9JH., ab Breslau 99 Mk. bclrägt. t:nd daß es sich bei den obengenannten Preisen nicht um bandverlesene Speiseware handelt, so ergibt sich, daß die Krrwffclprcise hiesiger Gegend nicht hoch sind.

Die Landwirte verlangen diesen Herbst, i in Kriegsjahr 1914 sür 100 kg ausgelesen« Speiseware frei Keller 77'/, Mk. Da cs Mode geworden ist, nur gelbsleischige Kartoffeln zu essen, müssen sür diese Ware die höheren Preise angelegt werden. Wie waren nun die Kartosselpreise z. B. in Darinstadt in den sür den Karlossclhandel wiclüigsten Monaten Oktober und November wah­rend der letzten Jahre:

Kartosfelpreis iür Dormstadt.

Oktober November

1904

8,25 Bit.

7,- Mk.

1905

-

6,50 ,

1916

6,- .

6.50 .

1907

6.- .

6.- .

1908

7- .,

7, .

1909

6.44 ,

7.- ,

1910

».50

8,50 .

1911

N.- .

11,- .

1912

6,- .

6.- ,

1913

4,75 ,

4.50 ,

Abgesehen von 1911

hcrtte das Jahr 1910 höher? Preise, wie

sie jetzt verlangt werden

Ge^errüber bcn anderen Friedensjahren

verläufst die Landwirtschaft dieses Jahr, wo ein jeder Berus, ganz besonders aber die Landwirtschaft, mrt hölzeren Produktionskosten im Gesamtbetricb zn rechnen hat. durchschnittlich 1,00 Mk. pro Doppelzentner mehr. Ist dieser Mehrpreis ungerechtfertigt? Man verlangt von seiten der Konsumenten Höchstpreise, »ich nur für Getreide, sondern auch sür Kartoffel. Die Landwirtschaft ist nicht nur damit einverstanden, sondern hat die Höchstpreise gewünscht, allerdings nicht nur für ihre Erzeugnisse, son­dern auch für die Produkte, welche aus landwirt­schaftlichen Erzeugnissen gewonnen werden, wie Brot, Fleisch und für wichtige in der Landwirt­schaft unbedingt nötige Hilfsstoffc, vor allem die Kraftfuttcrmittel, Dungmittel und andere. Die einseitige Festsetzung von Höchstpreisen für landwittschastliche Erzeugnisse müßte daher die Landwittschaft auf das schwerste säzädi- gcn und ihr die Erfüllung der übernommenen Ausgaben unmög­lich machen.

Es geht daher an die Bevölkerung, besonders i» der Stadt die Bitte, Maß zu halten in den Forderungen, die man an die Landwirtschaft stellt und jetzt in Kriegszeiten von dieser iricht das­selbe zu verlangen, >oie in Fttüunszcitcn. Die Landwirtschaft ist bestrebt, ihrer Ausgabe unser Volk mit den von ihr erzeugten wich­tigsten Lebensbedürfnissen zu versorgen, voll und ganz nachzukom­men. Man unterlasse daher scharfe Zeitungsttngesandte und son­stige Aeußerungen, die mttst von Unberufenen kommen und auch nicht berechtigt sind Solche Mitteilungen dienen nicht dazu, das Verhältnis von Stadt und Land so zu gestalten, wie es die Zeft erfordert und wie es der Wunsch der Landwirtschaft ist.

Au» Cklfen.

bin Antrag des Abg. Grünewald zur Städteordnung.

Der Abgeordnete Justizrat Grünewald zu Gießen hat in der Zweiten Kammer folgenden eilenden An­trag eingebracht, der, wie uns mitgeteilt wird, aus dem Ein­

vernehmen mit den zuständigen Ausschüssen der Stadtver­waltung Gießen entstanden ist:

Hoher Zivritcr Kammer der Landstände unterbrcftc ich den dringlichen Antrag:

an Grvßhcrzogliche Staatsrcgicriuig das Ersuchen zn richten, ehestens einen GcsctzentN-utt vvrzuiegen des Inhalts: daß die Ar­tikel 44, 45/ mib 104 der Städteordming für dir Dauer eines Kttcges. an dem das Deutsche Reich beteiligt ist, außer Kraft treten.

Die Begründung laruct:

Ordentliche und außerordentliche Wahlen zur Stadt­verordnete n versam mlung können Nwhrend eines Krieges nur mit Schwierigkeiten well eine große Anzahl der städtisctien Beamten, die bei der Wahlhandlung tätig sein müssen, im Felde sieben stattfinden, sie erscheinen aber auch nicht znieckmäßig, weil ein Gleiches bei vielen WahlberräUigten »utttfft und dies« ihr Wahlrecht nicht ausüben können. Es ttitt hinzu die Erwägung, daß es nicht erwünscht ist, den inneren Fttedcn zwischen Parteien, Personen und Jntcresseiiteiigrnppen durch die Vorbereitungen sür eine größere konnnunale Wahl zu gefährden.

Es erscheint dcslmlb angemessen, die Vttpflichtung der Be­hörden, die vrdenüichen Ergänzungswahlen vorzinrehmen, sür die Dauer des Krieges auszuheben.

Ebenso ist die Vorschrift, daß unter den Voraussetzung«»! des .Artikels 45 l und 2 anßervrdeittliclg: ErgänzrmgSwählen vor- zunehinen sind, gegenwärtig imztveckinäsiig Es sclzadet niäits. trenn die Zahl der Stadtverordneten eine Zeftlcutg unter % des gesetzlichen Bestandes bettägt und die Gründe, die sür den Kreisrat, den Bürgermeister oder die Stadtverordnetenversamm­lung unter normalen Umständen bewegend jrin mögen, Ergän- »imgsnm Illen zu veranlassen, sind sicherlich nrcht so gewichtig, daß ihnen gerade während cims Krieges genügt werden müßte.

Die Deichlustnniäl.igkeit der Stadtverordnetenversammlung im Sinne des klltiktts 10 t tritt während eine? Krieges sehr laicht em, cs erscheint aber, damit die Vcrwaltungsgeschäfte utdrt notleidcn, die dlnshebung der Vorschrift des '.TM. 1 des Artikels 104 geboten.

In der Stadt Gießen bettägt die Hälfte der gesetzlichen: Zahl der Stadtverordnettn 18. es sind gegenwärtig nur 23 Stadl- vcrordnett inr Amt 17 Ergänzungswohken hätten statlzufinden, eine Erregung der Bürgerschaft durch die Vornahme einer so um- faiigra(f;ai Wahl zurzeit untunlich. Aber auch wenn man sre Letverkstclligtt, so würde im Falle einer etwaigen Anfechtung durch welche die im vorigen Jahre erfolgte Wahl wttkimgslos gewcwden ist unter Umständen ein längerer Zeitrmrm bis zur Einführung der neuen Stadtverordneten verstreichen und während deslelbc» würde voraussichtlich fast stets B eschlußun fähig seit vor- liegeu, zumal ein Stadtverordneter einherusen, em anderer dimh 11 mverütätSan gelegen beiten säst stets in Anspruch genommen ist. Der in Gießen bestehende Zustand lelwt somit, daß iväheend des Ktteges erleichternde Bestimmungen getroffen werden Müssen.

Aus dem Reiche.

Des Kaisers Geschenk an die Kaiserin. Der Kaiser hat dem Wunsch der Kaiserin entsprechend von ernenk Geschenk #u ihrem diesjährigen Geburtstage abgesehen, da- ftir aber seiner Gemahlin einen größeren Geldbetrag für kriegswohktätige Zwecke aus der kaiserlichen Schatulle zur Verfügung gestellt.

Berlin, 24. Okt. (Priv-Del.) Wie das ^Sestk. Tagvll" erfahrt, befindet sich der frühere Abgeordnete Professor! G o e r ck e nach der Mitteilung des Roten Kreuzes bei Nancy. Sern Befinden ist verhältnismäßig gut, und er hofft, tu vier Wochen ivieder hergestellt zu sein.

Verlustliste.

Jnfimterie Regiment Nr. 116. Gießen.

II. Bataillon.

Gefechte im Westen vom 5. bis 10. und 17. bis 20. 9. 14, Orte nicht angegeben.

5. Kompagnie: Musk. Josef 'Leter Hof, Kanenburg, Kr. Sttaßburg. vw. Unteross. d R. Friedrich Ludwig Levi, Mshld, tot. Musk. Jost Meyer, Meschede, vw. Res SBarl Ortstadt, Bernnüsbain, vw. Res. Fttckttch Wilhelm Koob, Obermörlen, wo. Res. Otto Geiß, Ruppetten, vm. Musk. Theodor Sengel, Molsheim. vw.

6. Kompagnie. Fahnenj. Unteroff. Otto Fisch«, Lorsch, Kr Bensheim, vw. Unteroff. Valentin Bert, Langen, Kreis Osfenbach, tot. Musk Johann Uhrig, Lütcel-Wiebelsbach, Kr. Erbach, tot Res Karl Goßmann, Erda, Kr. Wetzlar, tot Res. Adam Grein, Kirtorf, Kr Alsfeld, tot lvdnsk, Heinrich Pfeifer II., Aulhansen, Kr. Rheingau, vw. Res. Heinrich Spach, Guntcrsdorf, DEkreis, vw. Musk. Loos, vw. Musk. Karl Philips, Watzenborn, Kr. Gießen, wo. Vdu.sk. Wilhckm Luh I., Grvßen-Linden, ktt. Gießen, vm. Adusk. Fttedttch Hagn«, Oberbiel, Kr. Wetzlar, tot. Vizefeldw. Hch. Gcmmcr, Lehnheim. Kr. Msfild, vw. Uirterofi. Hermann Dörr, Erda, Kr. Wetzlar, tot. Atusk. Johann Dompvobst, Kaistrslaulern, tot. Musk. Heinrich Ostlwlt, Höfen bei Ergsw,

Die Zuavöqel und der Uriea.

Nicht nur im Leben der Menscheit hinterläßt der Krieg seine fiesen Spuren und stört die rulfigen Dalmen der Ent­wicklung, sondern auch die Welt der freien Tiere, die in Wald und Feld und Lust ihr ungebundenes Wesen treiben, Ivird von dem Lärm und Schrecken der Sckllachten in Mit­leidenschaft gezogen, lieber diese Einwirkung des zkrieges ans die Tierwelt und besonders die Vogelwelt macht ein eng­lischer Natursorsclwr urtd Bogcbkenner Horace Hutchinson interessante Mitteilmrgen. Er weist auf die Tatsache hin, daß das Wildschwern, das aus seinen Verstecken in den Ardennen und anderwärts aufgeschreckt wurde, sich in ver­schiedenen Teilen Frankreichs und Belgiens hat sehen lassen, wo es parlier nie erblickt worden n>ar. Ebenso wird aus Frankreül, gemeldet daß Bären hie und da^in der Nähe der französischen Dörfer, die im Bereich der Schlachfielder liegen, ausgetaucht fink Die Bären sind ja nr Frankreich nock> viel zahlreicher und weiter verbreitet, als man an- ninimt. Selbst in der Nähe des Kanals, zwischen Boulogne und Le Tongnet richten sie bisweilen Schaden an, und man vcranstalttt im Winter direkt Bäreitjggden. Aber nicht nur diese Einsiedler der dichten Wälder, die Eber und Bären, teerbeu ebenso wie ihre zahlreicheren Gefährten, die Hirsche, Rehe, Hasen ustv., beunruhigt und artsgetrieben durch die Trtippemnärsche und das Schießen, sondern noch größere Dcuuruhiguwg herrscht sicherlich unter den gefiederten Be­wohnern der Lust, die ja so feinfühlig sind, so leicht bo- einflnßt in jeder ihrer gewohnten Bewegungen.

Während des deufich-fianzöfischen Krieges von 1870 stellten die Vogel forscher in EnglLld fest, daß große Mengen von Raubvögeln, besonders viele Bussarde, in Großbritan­nien austraten, und zwar lxruwtfächhich tti Kent und den südöstlichen Gebieten, die dem Kreggsschanplatz am nächsten

lagen. Zweisellos waren diese Vogelscharen durch den Lärm und die Unruhe der Schlachten vom Kontinent verttieben worden und hatten durch einen Flug über den Kanäl Ruhe und Frieden gesucht irnd gefunden. Unter diesen Flücht­lingen überwogen die Raubvögel, doch waren auch andere Arten dabei, und man dafiett z. B. von dieser Zeit her das Anwachsen der Kernbeißer auf den großbritanmischen Inseln, eine Tatsache, die in der Vogelkunde viel beachtet worden ist. Während des gegenwärtigen Krieges konnte der eng­lische Naturforscher vorläufig nur einen eiitzigen neuen G a st in der Tierwell Britanniens seststellen, ein sehr schönes Exemplar des Trauermantels, eines Schmetterlings, der in England außerordentlich feiten ist Da im vereinigten König­reich überhaript nur die Gattung mit weißumränderten Flü­geln hie und da vorkommt, der neue Trauermantel aber die gelbumränderten Flügel der Arten hat, die nur aus dem Kontinent leben, so muß. der Schmetterling ein aus Frank­reich vertriebener Flüäitling sein. Solche Einzelerscheinun­gen aber bedeuten nichts gegen die Revolution, die in der Bogellvelt erregt wird, denn die großen Schlachten werden gerade zu einer Zeit geschlagen, da der alljährliche Zug der Wandervögel im Herbst im vollen Gange ist. In drei großen Wändersttaßen fliegen die Vögel den wärmeren Landern zu An der Ostfiiste Englands entlang über Nord- und Süd­europa nach Afrika, dann an der Westkiiste entlang in der­selben Richtung und drittens mehr »der weniger direkt von Westen nach Osten über d-ie Nordsee. Die Benutzer dieses letzten WeMts kommen in erster Linie mit dem Kttegsschau- platz in Berührung, mit den zischenden Kugeln, den Rauch­wolken und den zahlreichen Flugzeugen. Es ist haupfiächlich die lange Reihe von Vogelatten, die aus Mitteleuropa nach England kommt Ein^hende Beobachtungen haben gezeigt, daß diese Vogekscharen die Wasserwege der Maas, der Scheide

und des Rhein entlang ziehen. Was werden sie nun dort nicht allc4 sehen und hören müssen? Die Beantwortung dieser Frage hängt eng zusammen mit einem noch nicht ganz gelösten Problem der Vogelsorschumg.

Jittoieweit die Vögel von, Kriege beeinflußt werden, lfingt zu einem guten Teil davon ab, in welcher Lifithöh« sie ihre Wanderungen ausfiihren und welckfer Mittel sie sich bedienen, um mit so unsehlbarcr Sicherheit die Richtung zu erkennen. Die Reise über das Meer legen die Vogel augen­scheinlich bei Nacht zurück, weil sie den Tag über' Nahrung suchen müssen, d-ie sie aus demunwirtlichen Ozean" nicht finden. Einige Gelehrte behaupten, daß sie aus dem Lande in einer ungeheuren Höhe fliegen, etwa 20000 Fuß über dem Boden; andere wieder meinen, daß sie sehr nahe über der Erdoberfläche dahinziehen und als Wegweiser G-ebirgs^ züge und Flußläufe benutzen. Die Verteidiger des Höhen­fluges schreiben den Vögeln einensechsten Sinn", den Orienfierungssinn, zn. Von der einen oder andern Erklä­rung hängt aber sehr wesentlich das Schicksal' ab, das man den Wanderzügen der Vogel in diesem Kriegsjahr vorcrits- sagen kann. Bedarf der Vogel sichtbarer Wegweiser, so wird er durch den Rauch und Staub der Schlachten, dirrch den ungewohnten Lärm von seiner Bahn abgelenkt werden und seinen Weg verfehlen. Die Bogelscharen müssen sich dann verirren und in großen Mengen zugrunde gehen. Folgt der Vogel einem besonderen Sftm als Führer, so wird er von dem Krieg weniger beeinflußt werden. Selbstverständlich können auch datrn die Lustwcrnderer sich verirren und abge­trieben werden, beim ihr Orientierungssinn ist ebenso wenig wie ein anderer Sinn unfehlbar. Kommt also ein Verirren der Vögel schon in normalen Zeiten vor, so wird es jeden» falls diesmal in weit umfangreicherem Matze auf treten.